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# Akademischer Boykott ist ein Streik gegen Israels Kriegsverbrechen
- URL: https://jacobin.de/bds-israel-palaestina-akademischer-boykott/
- Published: 2026-09-06T05:42:36.000Z
- Updated: 2026-09-06T05:42:36.000Z
- Description: Deutsche Hochschulen pflegen zig Kooperationen mit israelischen Institutionen, aus denen Kriegstechnologie hervorgeht. Akademischer Boykott ist deshalb keine symbolische Geste, sondern der wirksamste Hebel gegen diesen akademisch-militärischen Komplex.
- Author: Luis Cortés
- Tags: Gesellschaft, Israel, Wissenschaft, #Feature1

Drei Jahre nach der Eskalation des Genozids in Gaza hat sich unter dem Dach der Academic Boycott Campaign Deutschland (ABC DE) ein starkes Netzwerk aus Solidaritätskollektiven an deutschen Universitäten entwickelt. Sie eint eine einzige Forderung: die Verbindungen zur israelischen Wissenschaft zu kappen.

Diese Forderung wurde von deutschen Medien heftig attackiert. Dennoch erklärten selbst israelfreundliche Medien, dass der Boykottaufruf den Richtlinien der Palästinensische Kampagne für den akademischen und kulturellen Boykott Israels (PACBI) folgt, die klar zwischen israelischen Individuen und Institutionen unterscheiden. Journalistischer Integrität war das wohl kaum geschuldet, eher schlichter Unwissenheit: Nach Jahren der Stigmatisierung der BDS-Bewegung, zu der auch PACBI gehört, wissen weder Journalistinnen noch Akademiker, und erst Recht nicht die durchschnittlicher Person in Deutschland, wofür BDS eigentlich steht. Ausgerechnet die feindselige Presse hat in diesem Fall also unbewusst aufklärerisch gewirkt.

Der Boykottaufruf reiht sich, wie Robin Celikates und Yves Winter in der wohl [ersten öffentlichen Verteidigung](https://jacobin.de/artikel/akademischer-boykott-bds-pacbi-israel-palaestina-wissenschaftsfreiheit) zeigen, in eine lange Tradition von Solidaritätsforderungen aus vergangenen politischen Kämpfen ein. Zu Recht wirft der Text deshalb die Frage auf: »Warum löst ausgerechnet der Boykott – eine etablierte und historisch legitime Form gewaltfreien, prinzipiengeleiteten Widerstands – in diesem speziellen Fall eine solch außerordentliche Feindseligkeit aus, die auch vor Eingriffen in grundlegende Rechte und die Autonomie von Hochschulen keinen Halt macht?«

Die Antwort auf diese Frage versteckt sich hinter der Selbstdarstellung der deutschen Wissenschaft als Gemeinschaft von Intellektuellen und Forschenden, die über Institutionen miteinander verbunden sind und sich einzig der Erkenntnis verpflichtet fühlen. So wird verschleiert, was das wahre Wesen von Wissenschaft im Kapitalismus ist: ein Arbeitsprozess, der Kapital organisiert. Das verweist auch auf die Bedeutung eines akademischen Boykotts als politische Antwort auf den technifizierten Völkermord Israels an den Palästinenserinnen und Palästinensern. 

## Forschung und Entwicklung als Arbeitsprozess

Die laufende technologische Entwicklung ist eine Grundbedingung des Kapitalismus – sie sorgt dafür, dass »alles Ständische und Stehende verdampft«. Aus diesem Grund hat der Kapitalismus die Art und Weise, wie Wissen genutzt und produziert wird, im Vergleich zu vorangegangenen Produktionsweisen radikal verändert.

In dem Prozess, den Marx »die Produktion des relativen Mehrwerts« nannte, führen einzelne Kapitale Innovationen in den Produktionsprozess ein, um andere zu überholen und den Mehrwert zu steigern, den sie sich aneignen. Technische Innovationen bedeuten: weniger Beschäftigte und weniger oder billigere Rohstoffe. Technologische Entwicklung und wissenschaftliche Forschung sind ein wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses, da sie die Produktivität der Arbeit steigern.

> »Das Humboldtsche Bildungsideal des 19\. Jahrhunderts der akademischen Freiheit ist die rechtliche und ideologische Erscheinung, damit Wissenschaft im Rahmen eines Lohnarbeitssystems ausgeübt werden kann.«

Anfangs fand technologische Entwicklung innerhalb des Produktionsprozesses selbst statt. Wie Eric Hobsbawm in *Europäische Revolutionen* darlegt, waren die meisten Innovationen der industriellen Revolution das Ergebnis der Arbeit von Handwerkern, Tischlern, Mühlenbauern und Schlossern, die praktische Lösungen ausprobierten. Die Theoretisierung der Dampfmaschine erfolgte fast 50 Jahre nach ihrer Erfindung durch James Watt. In einigen Sektoren, etwa der Chemischen Industrie, war der Bezug zur Wissenschaft schon früh weitaus unmittelbarer. Mit der Zeit nahmen Forschung und Entwicklung schließlich in deutlich getrennten Institutionen ihre eigene, autonome Gestalt an – als ein Zweig der gesellschaftlichen Arbeitsteilung.

In ihren Anfängen wurde wissenschaftliche Forschung überwiegend durch Mäzene oder unabhängige Adlige ermöglicht. Daraus entwickelten sich staatliche, national verankerte Forschungsinfrastrukturen mit angestellten Forschenden und Lehrenden, die sich über internationale wissenschaftliche Organisationen global miteinander vernetzten.

Das Humboldtsche Bildungsideal des 19\. Jahrhunderts der akademischen Freiheit ist die rechtliche und ideologische Erscheinung, damit Wissenschaft im Rahmen eines Lohnarbeitssystems ausgeübt werden kann.

Im Anschluss an [Luis Arboledas-Lérida](https://doi.org/10.1080/03017605.2020.1850631?ref=jacobin.de) lassen sich drei unterschiedliche Elemente der Wissenschaft im Kapitalismus identifizieren: erstens die Erforschung allgemeiner wissenschaftlicher Gesetze, die in einem Teil der Literatur als »upstream«-Wissenschaft bezeichnet wird; zweitens die Anwendung dieser allgemeinen Gesetze auf konkrete Produktionsprozesse, der »downstream«-Kreislauf; und schließlich die Hervorbringung einer wissenschaftlich geschulten Arbeiterklasse, die diese Prozesse leiten und verwalten kann – also die Lehre.

Diese drei Elemente nehmen je nach Zeit und nationalem Kontext unterschiedliche institutionelle Formen an. Mal liegen Kreisläufe der »upstream«-Wissenschaft und die ihrer »downstream«-Anwendung in der Praxis weiter auseinander – wie im Beispiel der industriellen Revolution –, mal rücken sie eng zusammen, etwa in Kriegszeiten.

Unsere derzeitige institutionelle Ordnung von Forschung und Entwicklung begann sich nach den 1980er Jahren herauszubilden. Zuvor lag in den USA über mehrere Jahrzehnte hinweg ein starker Fokus auf interner »upstream«-Unternehmensforschung – zunächst gefördert durch die US-Finanzierung im Zweiten Weltkrieg. Doch profitable Erfindungen wurden für individuelle Kapitale immer seltener. Das Hauptproblem bestand darin, dass die kommerzielle Anwendung einer Technologie oft weit von ihrer ursprünglichen Entwicklung entfernt lag oder gar nicht beabsichtigt war.

![](https://storage.ghost.io/c/1b/9d/1b9d5475-fc8b-4167-bce4-6d6bd12ae6ab/content/images/2026/09/data-src-image-977beb7d-7367-4eae-bf48-99310563fff3.png)

Veröffentlichungen, Patentierung und Forschung: US-amerikanische Unternehmen, 1980–2006\. Legende: **Annual Patent* (Jährliche Patente); **Annual Publication* (Jährliche Veröffentlichungen); **R&D Intensity (right axis)* (FuE-Intensität (rechte Achse)). Quelle: Arora, A., Belenzon, S., & Patacconi, A. (2018). "The decline of science in corporate R&D". **Strategic Management Journal*, 39(1), S. 14.

Wie [die Grafik](https://doi.org/10.1002/smj.2693?ref=jacobin.de) zeigt, steigt die Zahl der jährlichen Patente unter US-Unternehmen seit den 1980er Jahren stetig, während die Zahl der Publikationen von Unternehmenswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern kontinuierlich sinkt. Die Kurve R&D Intensity (Intensität von Forschung und Entwicklung) macht sichtbar, wie Unternehmen zunehmend mehr Ertrag aus dem investierten Forschungsdollar herausholen. Großkapitale in den USA bauen ihre internen wissenschaftlichen Abteilungen gezielt ab und verlagern die »upstream«-Forschung an Universitäten und Forschungszentren. Ein reduzierter Kern an Unternehmenswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern wird bewusst gehalten: Ihre Aufgabe ist es, in den Forschungskreisläufen zu bleiben, um vielversprechende Innovationen zu identifizieren — und in patentierbare, privatisierbare Anwendungen zu überführen. Das ist der Grund für die »Großzügigkeit« von *cutting-edge* Kapitalen, wenn sie universitäre Infrastruktur und Forschung finanzieren, ganz besonders Wissenschaftsparks.

Als Ganzes betrachtet haben sich die Kapitale neu organisiert, um die Kosten der Grundlagenforschung kollektiv zu teilen, während sie zugleich um deren Privatisierung im »downstream«-Teil der technologischen Entwicklung ringen. 

## Die »Start-up-Nation« Israel 

Ein Beispiel für die Rolle von Universitäten und Forschungszentren in Produktionsprozessen, die »downstream« Verarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Bildung einer wissenschaftlichen Arbeiterklasse, ist die Zusammenarbeit der deutschen und israelischen Wissenschaft bei der Entwicklung eines KI-Systems, das zur Zielerfassung von Palästinenserinnen und Palästinensern in Gaza eingesetzt wird. [Diese Verbindung wurde im Juli 2024 von der Journalistin Hebh Jamal in einer aufschlussreichen Recherche dargelegt](https://www.newarab.com/investigations/how-german-academia-contributes-surveillance-palestinians?ref=jacobin.de): 

Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) gründete 1985 gemeinsam mit dem Technologischen Institut Israels (Technion) und mit Finanzierung durch das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung ein Minerva-Zentrum in Israel: das Franz Ollendorff Minerva Zentrum für Bild- und Sehwissenschaften. Dessen Gründer, Yehoshua Zeevi, nutzte das Zentrum nicht nur zur Erforschung der visuellen Wahrnehmung, sondern auch als Basis und Rekrutierungsstätte für sein Start-up Cortica Ltd. Aus dieser Investition ging Corsight hervor, die von Israel eingesetzte KI zur Gesichtserkennung. Das Patent für Corsight zitiert gemeinsam verfasste Arbeiten, die in wissenschaftlichen Zeitschriften frei zugänglich sind. 

Dieses Beispiel ist kein Einzelfall, sondern die Norm. Dass Israel das Land mit dem weltweit höchsten Anteil von Forschung und Entwicklung am BIP ist (6,96 Prozent im Jahr 2023, laut Schätzungen der OECD) wird häufig erwähnt. Weniger Aufmerksamkeit erlangt der Umstand, dass der Großteil davon von Unternehmen durchgeführt wird – auch hierin ist das Land mit 93,39 Prozent ein Ausreißer. Diese Investitionen werden durch eine robuste Forschungs-und-Entwicklungs-Infrastruktur ergänzt, in der der Staat den *cutting-edge* Kapitalen kommerzielle und institutionelle Erleichterungen gewährt. So wurde die »Start-up-Nation« geboren. Hinzu kommt, dass [es in der israelischen Armee zudem eine Position gibt, deren einzige Aufgabe darin besteht, die Militarisierung der Forschung zu ermöglichen, an der israelische Institutionen beteiligt sind](https://ats.org/our-impact/the-nagel-committee-report/?ref=jacobin.de). Dass sich die israelischen Kapitale auf Militärtechnologie spezialisieren, ist also keine spontane Entwicklung.

> »Israel ist auf die Teilnahme an gemeinsamen Projekten und wissenschaftlichen Kreisläufen angewiesen, um seine Hightech-Kapitale aufrechtzuerhalten.«

Deutschland dagegen steckt derzeit in einer industriellen Depression – und ausgerechnet die[ schwergewichtigen Rüstungsindustrie gerät durch neuere Entwicklungen im Drohnenkrieg](https://www.theatlantic.com/national-security/2026/03/who-needs-tanks-age-drones/686540/?ref=jacobin.de) ins Wanken. Vor diesem Hintergrund wirkt die Verbindung zum israelischen Wissenschaftsnetzwerk von weitaus banaleren Interessen motiviert als von einem Gefühl historischer Verantwortung. Während Deutschland den Zugang zu »upstream«-Forschungskreisen über das Programm Horizon Europe eröffnet – die einem kleinen Land aufgrund ihres Umfangs verschlossen bleiben –, liefert Israel eine Blaupause für die »downstream«-Entwicklung. So ist es auch nicht verwunderlich, mit wieviel Einsatz diese Verbindung in Deutschland geschützt wird – [selbst](https://taz.de/Academic-Boycott-Conference/!6148521&s=Academic%2BBoycott/?ref=jacobin.de) [von ](https://jacobin.de/artikel/akademischer-boykott-israel-gaza-universitaet)[deutschen](https://www.bundestag.de/webarchiv/presse/hib/2019%5F05/643060-643060?ref=jacobin.de) [Linken](https://www.newarab.com/news/rls-palestine-and-jordan-staff-slam-silence-gaza?ref=jacobin.de).

Israel braucht im Gegenzug die Verbindung mit Deutschland und internationalen wissenschaftlichen Kreisen, weil das Land keine finanzielle Dimension hat, um aktuelle Forschungsinitiativen (wie etwa KI oder Quantum Computing) selbst zu finanzieren. Israel ist auf die Teilnahme an gemeinsamen Projekten und wissenschaftlichen Kreisläufen angewiesen, um seine Hightech-Kapitale aufrechtzuerhalten. 

Die [Academic-Complicity-Karte](https://academiccomplicity.eu/?ref=jacobin.de) zeigt die große Zahl an Partnerschaften zwischen deutschen und israelischen Institutionen und bestätigt diesen Blick. Zudem werden 225 laufende gemeinsame Projekte unterhalten. Deutschland verfügt über 470 bestehende Verbindungen, darunter von deutschen Stiftungen und Forschungsfonds (wie der DFG) finanzierte Projekte sowie verschiedene Formen von Hochschulpartnerschaften, die gemeinsame Lehrveranstaltungen und Austausche ermöglichen.

Deswegen ist der akademische Boykott eine Maßnahme mit großer politischer Schlagkraft. Israel von den internationalen Kreisläufen der Wissensproduktion abzuschneiden, ist der wirksamste politische Hebel, über den Studierende, sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit verfügen. 

## Die Struktur deutscher Hochschulen

Während international und etwa an britischen Universitäten Boykott und Desinvestition gefordert wird, liegt bei der Akademischen Boykott-Kampagne Deutschland der Schwerpunkt auf dem Boykott israelischer Institutionen. Dieser Unterschied ist der spezifischen ökonomischen Struktur der Hochschullandschaft in Deutschland geschuldet.

![](https://storage.ghost.io/c/1b/9d/1b9d5475-fc8b-4167-bce4-6d6bd12ae6ab/content/images/2026/09/data-src-image-80534c9f-8499-4bee-b9fa-bc7601107e91.png "Gráfico")

![](https://storage.ghost.io/c/1b/9d/1b9d5475-fc8b-4167-bce4-6d6bd12ae6ab/content/images/2026/09/data-src-image-4363fbe1-12b4-47dd-b073-d24a4460be1e.png "Gráfico")

Die strukturellen Unterschiede werden sichtbar, wenn man die jährlichen Einnahmen der Freien Universität Berlin mit denen der London School of Economics (LSE) vergleicht. Da private Institutionen oft zugleich als Investmentfonds operieren und aus ihren eigenen Erfindungen Kapital schlagen, stammt an der britischen Universität ein kleiner Teil der Einnahmen aus Investitionen. 

> »Der deutsche Staat als Geldgeber beansprucht die Macht, die ihm aus seinem Geld erwächst. Die Akademiker, die diese Maßnahmen rechtfertigen, verteidigen oft nur die Interessen des Kapitals, das sie beschäftigt.«

Die FU Berlin operiert nicht als Investmentfonds, was der Hauptgrund dafür ist, dass sich die BDS-Kampagne hier auf den Boykott konzentriert. Das ist keine Besonderheit dieser Universität, sondern spiegelt die deutsche und kontinentaleuropäische Hochschullandschaft wider. Die Forderung an deutsche und europäische Universitäten, israelische Wissenschaft zu boykottieren, ist nicht prinzipieller Natur, sondern ergibt sich aus dieser konkreten Struktur.

Der Vergleich der Einnahmen deutscher und britischer Universitäten erklärt auch ein weiteres Phänomen. Während an einer privaten Universität Studiengebühren einen Großteil der Einnahmen ausmachen, stammt das Budget deutscher Universitäten mehrheitlich direkt vom Staat. Aus dieser staatlichen Abhängigkeit heraus lässt sich erklären, warum die deutschen Landes- und Bundesregierungen auf groteske Weise in die institutionelle Autonomie der Universitäten eingreifen können. Beispiele dafür sind die Absage von Veranstaltungen [wie des Vortrags von Francesca Albanese an der Freien Universität 2024](https://astafu.de/node/619?ref=jacobin.de) oder die [Räumung der Studierenden in der friedlichen Besetzung der Humboldt-Universität gegen den Willen der Hochschulleitung](https://www.nd-aktuell.de/artikel/1182587.repression-hu-besetzung-polizei-gegen-rechtsstaat.html?ref=jacobin.de). Der deutsche Staat als Geldgeber beansprucht die Macht, die ihm aus seinem Geld erwächst. Die Akademiker, die diese Maßnahmen rechtfertigen, verteidigen oft nur die Interessen des Kapitals, das sie beschäftigt.

## Boykott schadet dem israelischen Kapital

In *Zur Kritik der Gewalt* beobachtet Walter Benjamin scharfsinnig, dass der Streik im Grunde ein Unterlassen, ein Nicht-Handeln ist, das nur dann als Gewalt beschrieben werden kann, wenn es unter der Bedingung erfolgt, die ausgesetzte Tätigkeit unter bestimmten Umständen wieder aufzunehmen. Überträgt man diese Beobachtung auf den Fall eines akademischen Boykotts, so liegt die Antwort auf die verwunderte Frage von Celikates und Winter nicht im Wesen des Boykotts selbst, sondern in den Bedingungen, die für seine Aufhebung verlangt werden – und die laut den PACBI-Richtlinien folgende sind:

- Die unveräußerlichen Rechte des palästinensischen Volkes anzuerkennen, wie sie im Völkerrecht verankert sind.
- Jede Form der Mittäterschaft an der Verletzung palästinensischer Rechte, wie sie im Völkerrecht festgelegt sind, zu beenden.

Der Verstoß gegen diese Bedingungen ist die Ursache für die Ausgrenzung Israels durch den Boykott, nicht die Anknüpfung an Nationalität oder eine Haltung, die sich gegen bestimmte Staaten richtet. Die Mittäterschaft an der Verletzung palästinensischer Rechte ist jedoch fundamental für Israels militärische und polizeiliche Forschung und Entwicklung: Es ist ein akademisch-militärisch-industrieller Komplex. Aus diesem Grund lässt sich die Forderung nicht nur auf Wissenschaftsstandorte, die in illegalen Siedlungen liegen, beschränkt werden – [so wie von manchen Parteien gefordert](https://www.instagram.com/reel/Da0T--QoMqh/?ref=jacobin.de). 

> »Der Ohnmacht der deutschen ›kritischen‹ Wissenschaft ist in einem Antifaschismus-Schein ohne Palästina-Solidarität begründet.«

Ginge es um ein beliebiges Unternehmen oder eine Institution, die systematisch die Rechte einer Bevölkerung untergräbt, wäre es völlig unhaltbar, sich einem Boykott zu widersetzen, nur weil ihr »kritische« Personen angehören oder weil diese von Arbeitslosigkeit bedroht wären. Von kritischen Personen würden wir vielmehr erwarten, dass sie diese aktiv sabotieren. Wer, [wie etwa Mario Keßler](https://jacobin.de/artikel/akademischer-boykott-israel-gaza-universitaet), eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit »kritischen« Israelis in der Akademie fordert, fordert letztlich keine Solidarität mit israelischen Arbeiterinnen und Arbeitern, sondern mit israelischem Kapital. 

Umgekehrt erfolgt die Militarisierung und autoritäre Disziplinierung der deutschen Wissenschaft gerade durch die Beziehung zu Israel. Auch wenn es Mittelkürzungen, Absagen und politische Repressionen nicht erst seit 2023 gibt, eskalierte das Aufkommen von derartigen Interventionen seit dem 7\. Oktober – unter dem »*What about Hamas?*«-Vorwand. Doch für viele »kritische« Akademikerinnen und Akademiker, sowie Studierende bleibt die ökonomische Verbindung trotzdem unsichtbar. 

Der Ohnmacht der deutschen »kritischen« Wissenschaft ist in einem Antifaschismus-Schein ohne Palästina-Solidarität begründet. Repression wird lediglich als »spontaner« Prozess dargestellt – und so zugleich politisch resigniert. Der Aufruf zum Boykott dagegen ist die Weigerung, politisch zu resignieren. Der Boykott israelischer Wissenschaft ist ein akademischer Streik. Seine Form ergibt sich aus der spezifischen Dynamik der akademischen Arbeit: Ein Gebäude zu blockieren unterbricht den Fluss des Arbeitsprozesses nicht, ein ganzes Land zu blockieren aber hat enorme Auswirkungen auf die Struktur der Forschungslandschaft. Das ist, wie wir hier handeln können, gegen den aktuellen — und potenzielle zukünftigen — Einsatz der entwickelten Produktivkräfte zur Genozid Bevölkerungen.

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*Übersetzung von Miriam Süttmann.*