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# Joe Saccos »Requiem for Gaza« ist eine Anklage an den Westen
- URL: https://jacobin.de/joe-sacco-requiem-for-gaza/
- Published: 2026-09-17T07:34:02.000Z
- Updated: 2026-09-17T08:16:07.000Z
- Description: Seit über 30 Jahren dokumentiert der Comicjournalist Joe Sacco das Leben in Gaza. Sein neues Buch Requiem for Gaza erzählt von Geflüchteten nach dem Völkermord. Im Interview erklärt er, warum er palästinensischen Stimmen mehr traut als der »Objektivität« westlicher Redaktionen.
- Author: Joe Sacco
- Tags: Politik, Palästina, Gaza, #Feature1

Joe Sacco gilt als einer der Pioniere des Comicjournalismus. Bekannt wurde er durch sein umfangreiches Werk *Palestine* (erstmals in neun einzelnen Ausgaben von 1993 bis 1995 erschienen), das eindringlich vom palästinensischen Leben unter israelischer Besatzung erzählt. 2009 veröffentlichte er ein weiteres Buch über Palästina, *Footnotes in Gaza*, in welchem er die Massaker im Gazastreifen von 1956 untersuchte. Vor zwei Jahren kehrte er mit *War on Gaza*, einer Comicsammlung, in der er die israelische Zerstörung des Gazastreifens und deren verheerende Folgen für die Palästinenserinnen und Palästinenser kommentiert, zu dem Thema zurück. Die Straßen, die der Journalist und Zeichner einst mit akribischer Detailgenauigkeit dargestellt hatte, existieren jedoch nicht mehr.

Nun, mehr als drei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung seines ersten Werks über Palästina, richtet Sacco seine Aufmerksamkeit erneut auf Gaza. Gemeinsam mit seinem Kollegen Chris Hedges reiste er im vergangenen Jahr nach Kairo, um Geflüchtete zu interviewen, die den Völkermord überlebt hatten. Ihr *Requiem for Gaza* verbindet Saccos Zeichnungen und Reportage mit Hedges’ Prosa und Interviews, um die Erfahrungen der Menschen aus Gaza zu dokumentieren. 

Sacco sprach mit *Jacobin* über *Requiem for Gaza*. Er reflektiert über die Rolle von Journalistinnen und Journalisten und über das, was er als Versagen großer Teile der westlichen Medien sieht, ihren palästinensischen Kollegen beizustehen – von denen viele getötet wurden, während sie über den Völkermord berichteten. Er spricht auch über die Rolle des historischen Gedächtnisses, seine jahrzehntelange Beschäftigung mit Palästina und darüber, warum ihn die Zerstörung Gazas dazu veranlasst hat, zum Journalismus zurückzukehren.

### **Sie und Chris Hedges widmen dieses Buch ausdrücklich palästinensischen Journalisten, einer Gruppe, die im Krieg gegen Gaza in einem nie dagewesenen Ausmaß ins Visier genommen und getötet wurde. Wenn wir ein »Requiem« als Totenklage verstehen: Ist dieses Buch auch Ihr persönliches Requiem für Ihre getöteten Kolleginnen, die zum Schweigen gebracht wurden?**

Das Buch ist ein Requiem für ganz Gaza und für die Gesellschaft Gazas. Aber ja, ich betrachte diese Journalistinnen als meine Kollegen, und deshalb ist ihnen das Werk gewidmet. Sie haben enorme Integrität bewiesen, selbst furchtbar gelitten, wurden in großer Zahl getötet und mussten auch mitansehen, wie ihre Familien getötet wurden.

> »Als ich in den 1970er- und 1980er-Jahren in den Vereinigten Staaten aufwuchs, hörte ich nur israelische Stimmen und Stimmen, die Israel unterstützten. So sehr, dass ich Palästinenser früher schlicht als Terroristen betrachtete.«

Wir sprechen oft darüber, dass ausländische Medienschaffende nicht nach Gaza gelangen können. Als ausländischer Journalist möchte ich selbst dorthin gehen und die Dinge mit eigenen Augen sehen. Aber das sollte die großartige Arbeit dieser Journalisten unter Umständen, die meines Erachtens beispiellos waren, in keiner Weise schmälern. Ich habe große Bewunderung für sie. Sie leisteten unglaubliche Arbeit, während sie als Hamas-Unterstützer dargestellt und allen möglichen Verleumdungen ausgesetzt wurden. Die Widmung ist zum Teil auch eine Art Anklage gegen viele westliche Reporter, die ihren Kolleginnen nicht beistanden und bei diesen Verleumdungen mitmachten – einschließlich einiger jener Organisationen, die diese palästinensischen Journalisten beschäftigten oder beschäftigt hatten.

### **Chris macht einen sehr interessanten Punkt zum israelischen Verbot ausländischer Medien. Er sagt: »Die Annahme, dass die Berichterstattung besser wäre, wenn westliche Reporter in Gaza wären, ist lächerlich. Glauben Sie mir: Das wäre sie nicht.« Das stellt eine tief verwurzelte, fast koloniale Voreingenommenheit im Westen direkt infrage, die impliziert, westliche Berichterstattung sei den Arbeiten lokaler palästinensischer Journalistinnen von Natur aus überlegen oder »objektiver«.** 

### **Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen? Wurden Sie von Redakteuren etablierter Medien oder Lesenden kritisiert oder mit Skepsis konfrontiert, die die Glaubwürdigkeit Ihrer Arbeit allein deshalb infrage stellten, weil Sie die rohen Zeugnisse palästinensischer Quellen ins Zentrum stellen?**

Ich schätze, das ist ein typischer Vorwurf: »Warum konzentrierst du dich auf palästinensische Quellen, und was ist mit der anderen Seite?« Meine Antwort lautet, dass ich mit der anderen Seite aufgewachsen bin und alles durch einen israelischen Filter gesehen habe.

Als ich in den 1970er- und 1980er-Jahren in den Vereinigten Staaten aufwuchs, hörte ich nur israelische Stimmen und Stimmen, die Israel unterstützten. So sehr, dass ich Palästinenser früher schlicht als Terroristen betrachtete. Schließlich musste ich diese Vorstellung hinterfragen. Und das tat ich, nachdem ich bereits einen Abschluss in Journalismus hatte. Ich musste den ganzen Begriff von Journalismus hinterfragen: Journalismus im amerikanischen, »objektiven« Stil.

> »Ich denke, die meisten westlichen Reporter identifizieren sich mit westlichen Interessen. Letztlich wird man von der Kultur geprägt, in der man aufwächst.«

Meine ersten Versuche, über die palästinensische Situation zu sprechen, zielten darauf ab, palästinensische Stimmen hörbar zu machen, weil ich damals schlicht keine sah. Und ich werde mich niemals dafür entschuldigen, dass ich so vorgegangen bin. Das bedeutete: Schauen wir, was Palästinenserinnen und Palästinenser zu sagen haben. Ich werde sie nicht als Engel darstellen, aber ich möchte hören, was sie zu sagen haben. Und ich denke, das gilt weiterhin. 

Interessant ist, dass wir inzwischen in vielerlei Hinsicht etwas über die palästinensische Erfahrung lernen – trotz der westlichen Medien. Viele palästinensische Stimmen sind ungefiltert über Plattformen wie TikTok und andere soziale Medien durchgedrungen, was vielleicht der Grund ist, warum sie von Menschen wie Larry Ellison aufgekauft werden, um genau diese Art von Dinge zum Schweigen zu bringen.

### **Was ist Ihrer Meinung nach der grundlegende Unterschied zwischen der etablierten westlichen Berichterstattung und Ihren eigenen Erfahrungen vor Ort? Und warum unterscheidet sich das Bild, das der Öffentlichkeit vermittelt wird, so stark von der Realität, der Sie begegnen? Liegt es einfach daran, dass palästinensische Perspektiven nicht gezeigt werden sollen, oder gibt es noch einen anderen Grund?**

Ich denke, die meisten westlichen Reporter identifizieren sich mit westlichen Interessen. Letztlich wird man von der Kultur geprägt, in der man aufwächst. Das gilt für jeden Menschen, überall. Ich glaube, westlichen Reporterinnen fällt es oft sehr schwer, aus diesem Rahmen herauszutreten.

Sie betrachten die US-Regierung und die amerikanische Art, Dinge zu tun, als Teil eines umfassenderen Projekts der Aufklärung: als etwas, woran sie glauben und dem sie sich verbunden fühlen. Und letztlich sehen sie den amerikanischen Weg als den richtigen Weg. Das ist eine etwas grundlegende, ja vereinfachende Art, es auszudrücken, aber ich glaube, im Allgemeinen ist es das, was geschieht. Die Falle für Journalistinnen und Journalisten besteht darin, dass sie sich selbst als objektiv ansehen. Sie gehen an einen Ort im Nahen Osten und glauben, objektiv sein zu können. Der Unterschied in meinem Fall ist, dass ich erkenne, dass ich nicht objektiv sein kann. Ich bin das Produkt meiner Bildung.

Es gibt Dinge, die ich gelernt habe, Dinge, die ich wieder verlernen muss, und Dinge, die ich gelernt habe und die hinterfragt werden müssen. Deshalb versuche ich, so weit wie möglich zu verstehen, was das sogenannte »Andere« durchmacht, und einfach zuzuhören, was sie zu sagen haben. Für mich geht es nicht einmal darum, »ihnen eine Stimme zu geben«. Ich fand diese Vorstellung schon immer nicht wirklich hilfreich. Ich glaube, sie haben bereits eine Stimme. Die Frage ist, ob wir die Ohren haben zuzuhören. Das habe ich versucht: zuzuhören und dann aufzuschreiben, was ich gehört habe.

### **Im Buch unterscheidet Chris zwischen zwei Arten von Kriegsreportern: Es gibt eine kleine Minderheit, die wirkliche Risiken eingeht, um die unverfälschte Realität vor Ort zu dokumentieren, die den offiziellen Erzählungen fast immer widerspricht.** 

### **Er beschreibt aber auch eine Masse von Medienschaffenden, die bereitwillig inszenierte Militärpropaganda als Nachrichten verkauft. Verweist diese zweite Gruppe auf die gewaltigen strukturellen Hindernisse des etablierten Journalismus?**

Ich denke, wahrscheinlich schon. Chris hat dafür einen besseren Blick als ich, weil er Nahost-Büroleiter der *New York Times* war und auch in anderen Teilen der Welt Büroleiter gewesen ist. Er war also sehr stark Teil dieses Milieus und hat es aus nächster Nähe erlebt.

Ich habe ziemlich viele Journalistinnen und Journalisten kennengelernt, aber wegen dem, was ich mache und wie ich an meine Arbeit herangehe, habe ich nie auf dieselbe Weise Zeit mit dieser Gruppe verbracht. Wenn ich Journalisten getroffen habe, selbst solche, die für etablierte Publikationen arbeiten, habe ich oft den Eindruck, dass sie wissen, was vor sich geht. Sie sind intelligente Menschen. 

> »Ich verbringe lieber Zeit mit ganz gewöhnlichen Menschen, weil ich letztlich erkannt habe, dass mich interessiert, wie die Entscheidungen, die in den Hauptstädten der Welt getroffen werden, Menschen beeinflussen.«

Aber ich denke, letztlich müssen sie ihren Redakteurinnen gegenüber Antworten geben – den Menschen, die in London und Washington die Fäden ziehen, wenn es darum geht, worüber berichtet wird. Und die Redakteure ebenso wie jene, denen die Verlage gehören, denen wiederum die Zeitungen gehören, vertreten eine bestimmte Linie und Perspektive. Ich denke, Journalistinnen wissen, wie weit sie gehen können, wenn sie den Menschen erzählen, was wirklich geschieht.

Sie wissen oft, dass sie auch die andere Seite einbeziehen müssen, teilweise um die Sache ein wenig zu verwässern. Aber ich habe nicht das Gefühl, dieses Spiel mitspielen zu müssen, und ich weiß, dass Chris es auch nicht tut.

### **Als unabhängiger Comicjournalist arbeiten Sie außerhalb dieses Systems. Glauben Sie, dass Ihnen dies den entscheidenden Vorteil verschafft: die Freiheit, diese institutionellen Fesseln zu umgehen, ohne auf die bequemen Wahrnehmungen anderer Rücksicht nehmen zu müssen?**

Ja. Aber als ich anfing, hatte ich mir das nicht so durchdacht. Ich hatte einfach kein Geld. Und wenn man kein Geld hat, muss man alternative Wege für seine Recherche finden. Oft muss man bei Menschen wohnen, die dort leben. Man wird nicht in einem Hotel bleiben, wenn das Geld nach fünf oder sechs Tagen aufgebraucht sein wird. Also muss man andere Möglichkeiten finden, einfach vor Ort zu sein. Und das bringt einen stärker in Kontakt mit Menschen auf der Straße. In gewisser Weise prägte die Art, wie ich anfing – ohne dass ich das wirklich durchdacht hatte – ganz natürlich meine Art zu berichten, weil das schlicht war, was ich wahrnahm.

Es lag nicht an meinem Ansehen oder auch nur an meinen Fähigkeiten, denn niemand hätte mit mir gesprochen, wenn ich nur als Comiczeichner angefangen hätte. Ich konnte nicht mit Politikerinnen oder Generälen sprechen. Als ich anfing, bestand alles aus Cafés, Bars, bei jemandem wohnen oder ein Zimmer von jemandem mieten. Man bekommt eine andere Perspektive, wenn man nicht in diesem elitären, komfortableren journalistischen Raum ist.

### **Entwickelten Sie später ein Interesse daran, Menschen aus der Politik oder Militärpersonen zu interviewen?**

Später in meiner Karriere, als ich mehr Selbstvertrauen in das entwickelte, was ich tat, begann ich tatsächlich, Generäle, Oberste und einige Politiker zu interviewen. Aber ich habe nie wirklich Gefallen daran gefunden.

Ich verbringe lieber Zeit mit ganz gewöhnlichen Menschen, weil ich letztlich erkannt habe, dass mich interessiert, wie die Entscheidungen, die in den Hauptstädten der Welt getroffen werden, Menschen beeinflussen. Denn selbst die Entscheidungen, die hier im Inland getroffen werden, betreffen mich persönlich. Wir sind die Menschen, die von diesen Entscheidungstragenden, ihren großen Plänen und ihrem Wunsch, Macht zu bewahren, überrollt werden. Dafür habe ich ebenfalls eine Affinität. Ich glaube, darin liegt meine Stärke.

> »Viele der Menschen, mit denen wir sprachen, hatten noch Familienmitglieder in Gaza. Ihre Handys lagen auf dem Tisch, weil sie Anrufe von Verwandten bekommen könnten – und warteten dabei auf Nachrichten. Immer erwartend und besorgt um ihre Angehörigen.«

Ich muss nicht mit den Mächtigen verkehren. Ich würde mich damit inzwischen einfach nicht wohlfühlen. Hätte man mich in meinen frühen Zwanzigern erwischt und mir viel Zugang verschafft, würden wir dieses Gespräch vielleicht nicht führen. Ich kann nicht behaupten, dass ich bei alledem moralisch überlegen wäre. Ich denke, es hat sich einfach organisch so ergeben, wie es sich ergeben hat.

### **Für Ihr jüngstes Buch haben Chris und Sie Palästinenserinnen und Palästinenser interviewt, denen die Flucht aus Gaza nach Ägypten gelang. Sie beide kennen die Region gut und besuchten Gaza schon vor Jahren: Chris damals als *NYT-*Korrespondent, fest verwurzelt im traditionellen etablierten Journalismus, während Sie durch das Zeichnen von Comics Ihren eigenen Weg in den Journalismus entwickelten. Wie haben diese beiden gegensätzlichen Welten die Zusammenarbeit an diesem Buch geprägt, und wo fanden Sie die stärkste gemeinsame Grundlage?**

Chris und ich lernten uns in Bosnien kennen, hinten in einem gepanzerten Jeep. Ich war ein Comiczeichner und machte eben, was ich so tat, und er war damals, gegen Ende des Bosnienkriegs, *NYT*\-Büroleiter in Sarajevo. Auf einer gewissen Ebene ist das ein ziemlich großer Unterschied, aber wir verstanden uns sofort gut, weil wir während dieser sehr, sehr langen Fahrt in eine ostbosnische Stadt namens Goražde im Grunde über Bücher sprachen. Von diesem Zeitpunkt an waren wir Freunde. Und dann begannen wir zusammenzuarbeiten. Er hatte viel Zeit im Nahen Osten und in Gaza verbracht.

Irgendwann machten wir einen Artikel für *Harper’s Magazine*, für den er den gesamten Prosatext schrieb und ich die Illustrationen anfertigte. Später machten wir ein Buch mit dem Titel *Days of Destruction, Days of Revolt*. Auch das war gewissermaßen eine Verbindung unserer unterschiedlichen Arbeitsweisen, und wir führen die Interviews gemeinsam. In den meisten Fällen übernimmt er die Führung bei den Interviews, und dann hake ich ein oder frage nach Dingen, von denen ich glaube, dass sie ihm entgangen sein könnten – was nicht oft vorkommt.

Er hat großen Respekt vor dem, was ich mache, und umgekehrt ist das ebenso. Wenn es also eine Geschichte gibt, die besonders gut zu meiner Arbeitsweise zu passen scheint, sagt er: »Das solltest du übernehmen. Das hat wirklich starke Bilder.« Bei dem Gaza-Buch gab es eine Geschichte, bei der ich dachte: »Darauf muss ich mich konzentrieren.« Und er sagte mir sofort, ich solle fortfahren: Wir treten einander nicht auf die Füße. Auch bei der Zusammenstellung des Buches schrieb er zum Beispiel das Ende eines Kapitels, um zu meinem Abschnitt hinzuführen. Wir hantieren auch nicht an den Sachen des jeweils anderen herum. Es funktioniert einfach sehr organisch.

### **Chris kritisiert die *NYT* im Buch scharf für ihre Gaza-Berichterstattung. Sehen Sie und Chris angesichts dessen, dass es sich um seinen früheren Arbeitgeber handelt, irgendeine wirkliche Verbesserung oder einen strukturellen Wandel darin, wie etablierte Institutionen wie die *NYT* heute über Gaza berichten? Oder sind die grundlegenden Voreingenommenheiten und redaktionellen Einschränkungen gleichgeblieben?**

Ich denke, beides stimmt irgendwie. Die grundlegenden Voreingenommenheiten sind gleichgeblieben, aber ich glaube, der Völkermord ist so offensichtlich, und so viele Menschen sehen ihn, dass die Zeitung ihn nicht ignorieren kann oder sich zumindest auf irgendeiner Ebene damit befassen muss.

Das bedeutet nicht, dass sich die strukturelle Situation verändert hat. Sie erkennen einen Teil des Leids an, das Palästinenser durchmachen. Das ist meine Interpretation. Chris könnte das anders interpretieren.

### **Im gegenwärtigen politischen und medialen Diskurs über Israel und Palästina gibt es eine heftige Debatte über den historischen Kontext und darüber, wann dieser Konflikt tatsächlich begann. Etablierte Narrative konzentrieren sich häufig übermäßig auf unmittelbare Ereignisse und behandeln die vergangenen Jahrzehnte, als seien sie abgelaufen.** 

### **Im Buch gibt es eine eindringliche Passage darüber, wie Lewis Lapham, der Herausgeber von *Harper’s Magazine*, Ihre Interviews mit Überlebenden der Massaker von 1956 kürzte, weil er sie als »irrelevante Geschichte« abtat. Sie waren wütend, kehrten nach Khan Younis und Rafah zurück, und dies mündete in Ihr Buch *Footnotes in Gaza*. Wie hat diese redaktionelle Zurückweisung rückblickend Ihr Verständnis davon geprägt, wie der Mainstream die Waffe der »Irrelevanz« nutzt, um die zeitliche Einordnung eines Konflikts zu kontrollieren?**

Wenn man die Geschichte nicht versteht, versteht man nicht, warum Dinge geschehen. Historisch entsteht sehr wenig einfach aus einem Vakuum. Es gibt eine Kontinuität von Ereignissen.

Manchmal kann eine ganze Generation übersprungen werden, und dann wird ein Strang wieder aufgenommen. Im Fall Palästinas ist das sehr deutlich. Man könnte zum Beispiel in die 2000er-Jahre gehen. Zwei- oder dreimal zog Israel hindurch und »mähte den Rasen«, wie sie es euphemistisch nennen, und tötete bei wochenlangen Bombardierungskampagnen Hunderte, sogar Tausende Menschen. Es ist klar, dass die Menschen in Gaza auf jede erdenkliche Weise eingesperrt, frustriert, unterdrückt und kontrolliert worden sind.

> »Es bräuchte einen großen politischen Wandel – in der US-Politik und der israelischen Politik –, damit der Wiederaufbau Gazas möglich wird. Ich weiß nicht, was mit den Menschen dort geschehen wird.«

Interessanterweise konnte sich dort trotz all dessen eine lebendige Gesellschaft entwickeln. In diesem Fall wollte ich mich auf das konzentrieren, was 1956 in den Städten Khan Yunis und Rafah geschah. Ich betrachte Geschichte nicht als etwas Irrelevantes. Ich sehe sie als einen grundlegenden Baustein dafür, wo wir heute stehen. Um die Wut, die Frustration, den Zorn – all das – zu verstehen, muss man verstehen, was einem Volk widerfahren ist. Das soll natürlich nichts von dem wegnehmen, was am 7\. Oktober geschah. Das tue ich nicht. Aber man muss bestimmte Dinge betrachten.

Während des *Great March of Return* 2018–19 zum Beispiel, als Palästinenserinnen und Palästinenser friedlich an die sogenannte Sicherheitsmauer herantraten und niedergeschossen wurden. Über Monate hinweg wurden ein paar Hundert Menschen getötet. Viele wurden schwer verletzt. Israelische Scharfschützen schossen Menschen in die Beine und Knie, sodass zahlreiche Amputationen notwendig waren. Diese Art von Dingen fand in den etablierten Medien kaum Beachtung. Es macht mich wahnsinnig, wenn Leute wie Thomas Friedman von der *NYT* fragen: »Wo ist der palästinensische Gandhi?«

Man sieht Menschen, die auf friedliche Weise versuchen, die Aufmerksamkeit der Welt zu gewinnen, die sagen: »Diese Einkesselung von uns als Volk kann nicht weitergehen. Diese Unterdrückung kann nicht weitergehen«, aber die westliche Welt zuckt mit den Schultern. Also muss man all diese Dinge verstehen.

Ich gebe Ihnen noch ein weiteres Beispiel für etwas, das meiner Meinung nach sehr wichtig war und aus dem *Harper’s*\-Artikel gestrichen wurde. Wir interviewten \[Abdel Aziz\] Al-Rantisi, einen der Gründer der Hamas. Das war 2000 oder 2001 in Gaza-Stadt. Er erzählte uns von dem Massaker von 1956 in Khan Yunis und davon, wie sein Onkel getötet worden war, als er selbst acht oder neun Jahre alt war. Er erzählte uns, wie er sich an das Wehklagen erinnerte. Allein beim Gedanken an das Geschehene hatte er das Gefühl, weinen zu müssen, und er sagte: »In diesem Moment pflanzten sie Hass in unsere Herzen.« Man muss verstehen, wie eines auf dem anderen aufbaut. Man kann historische Ereignisse nicht einfach herauslösen.

### **Für *Requiem for Gaza* interviewten Chris und Sie in Kairo 29 Familien, die gerade aus Gaza geflohen waren. Wie beeinflussten die Unmittelbarkeit und Frische ihres Traumas Ihren Interviewprozess im Vergleich zu Ihren historischen Recherchen für Footnotes in Gaza? Und wie wählten Sie Ihre Interviewpartner aus?**

Ein paar Wochen bevor wir für unser aktuelles Buch losfuhren, überlegten wir: Wen werden wir interviewen? Wie werden wir das machen? Wir hatten eine Übersetzerin namens Ruba, und sie half uns dabei, zu organisieren, wen wir interviewen würden. Man stellt einen Kontakt her, und die Person spricht mit einem. Dann sagt diese Person einem, dass es noch jemand anderen gibt. Wieder organisierte es sich ganz organisch.

Manche Menschen haben Angst zu sprechen, aber viele wollen sprechen. Der Unterschied ist: Wenn man über etwas spricht, das vor fünfzig Jahren passiert ist, beginnen Erinnerungen natürlich zu verblassen. An bestimmte sehr eindrückliche Dinge erinnern sich Menschen trotzdem noch gut. Es gab dieses Element, sich mit vielen verschiedenen historischen Episoden auseinanderzusetzen, die in den Köpfen der Menschen miteinander konkurrierten. Als ich an dem Buch über 1956 arbeitete und Menschen in Gaza interviewte, wurde ich manchmal auch gefragt: »Warum sprechen Sie nicht über das, was jetzt gerade geschieht?«

> »Ich habe andere Konflikte, Massaker und Völkermorde betrachtet, aber selten habe ich eine Situation gesehen, in der der Westen so direkt in das Geschehen verwickelt ist.«

Bei dem aktuellen Buch dagegen sind die Erinnerungen unserer Interviewpartnerinnen sehr frisch. Viele der Menschen, mit denen wir sprachen, hatten noch Familienmitglieder in Gaza. Ihre Handys lagen auf dem Tisch, weil sie Anrufe von Verwandten bekommen könnten – und warteten dabei auf Nachrichten. Immer erwartend und besorgt um ihre Angehörigen. Man konnte erkennen, dass sie wirklich darunter litten, dass andere zurückgelassen worden waren.

### **Im westlichen politischen Diskurs ist das Argument weit verbreitet, die arabischen Nachbarstaaten sollten die Bevölkerung Gazas einfach aufnehmen, um die humanitäre Krise zu lösen. Ihr Buch widerlegt diese Fehlannahme vollständig. Die Familien, denen die Flucht nach Ägypten gelang, haben keinen rechtlichen Status, kein Recht zu arbeiten, keine Krankenversicherung, und ihre Kinder werden von Schulen ausgeschlossen: Ihnen wird überhaupt keine Zukunft gegeben. Haben Sie, als Sie in Kairo waren, mit den Geflüchteten auch über ihre Sicht auf diese sogenannten »Lösungen« gesprochen?**

Ich erinnere mich nicht daran, diese konkrete Frage gestellt zu haben, aber Sie haben völlig recht. Die Menschen befanden sich in Ägypten in einem großen Schwebezustand. Es war äußerst unangenehm. Sie wurden nicht bombardiert. Sie hungerten nicht auf diese Weise. Aber vielen Menschen ging das Geld aus. Und wenn einem das Geld ausgeht, neigt man dazu, Dinge zu tun, die man sonst normalerweise nicht tun würde.

Ich bin sicher, dass wir in Zukunft viel mehr über diesen Diskurs der Aufnahme von Palästinenserinnen hören werden, denn an diesem Punkt bin ich nicht sicher, ob ich sehe, dass Gaza wiederaufgebaut wird. Es bräuchte einen großen politischen Wandel – in der US-Politik und der israelischen Politik –, damit der Wiederaufbau Gazas möglich wird. Ich weiß nicht, was mit den Menschen dort geschehen wird.

Viele Menschen in Gaza würden wahrscheinlich sagen: »Bringt mich einfach hier raus.« Nach dem Völkermord, nachdem man in Zelten gelebt hat, mit Schlangen und Krankheiten, unter Hunger oder Bedingungen nahe dem Verhungern so lange gelebt hat, möchte man einfach seine Kinder in Sicherheit bringen. Ich denke, es könnte genauso gut der Plan sein, die Menschen dazu zu bringen, Gaza »freiwillig« zu verlassen. Mit anderen Worten: Das wäre ganz sicher ethnische Säuberung.

> »Wir haben im Wesentlichen viele der Prinzipien und Institutionen aufgegeben, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben, um dies weiter geschehen zu lassen.«

Ich weiß, dass Ägypten sich sehr dagegen sträubt, Palästinenser aufzunehmen. Aus ihrer Sicht haben sie bereits sehr viele aufgenommen. Aber man kann sich vorstellen, dass irgendeine Vereinbarung getroffen wird, so wie Trump Länder wie El Salvador dazu gebracht hat, ICE-Häftlinge aus anderen Ländern aufzunehmen, oder Liberia dazu bringt, Menschen aufzunehmen. Man könnte sich ähnliche Vereinbarungen mit anderen Staaten vorstellen. Wer weiß, was sie versuchen könnten auszuhandeln?

### **Ihre Karriere und Ihre Identität als Pionier des Comicjournalismus sind eng mit Palästina verwoben. Vor Jahrzehnten gingen Sie für Ihre Bücher durch die Straßen Gazas, und nun existiert das Gaza, das Sie einst kannten, ebenso wie viele der Orte und vielleicht sogar einige der Menschen, die Sie zeichneten, buchstäblich nicht mehr. Wie tief hat Palästina Sie rückblickend geprägt – nicht nur als Journalist, sondern als Mensch? Und was bedeutet es Ihnen emotional zu wissen, dass Ihre Bücher sich inzwischen von zeitgenössischer Reportage in ein wichtiges, tragisches Archiv einer Welt verwandelt haben, die physisch ausgelöscht wurde?**

Palästina hat mich von Anfang an verändert. Ich wäre gerne von dem Thema weggegangen, wenn sich zum Beispiel die Oslo Accords zu einer Zweistaatenlösung entwickelt hätten, die, auch wenn sie vielleicht nicht besonders gerecht gewesen wäre, zumindest praktikabel und für die beteiligten Menschen akzeptabel gewesen wäre. In diesem Fall wäre ich wahrscheinlich weitergezogen.

Aber für mich bleibt das Thema bedeutsam, weil der Westen tief darin verstrickt ist. Ich habe andere Konflikte, Massaker und Völkermorde betrachtet, aber selten habe ich eine Situation gesehen, in der der Westen so direkt in das Geschehen verwickelt ist. Im Fall Palästinas haben die Vereinigten Staaten die israelische Politik jahrzehntelang unterstützt, nach dem Sechstagekrieg, als die USA Israel im Wesentlichen als Teil eines größeren imperialen Projekts zu betrachten begannen. Die Situation hat sich im Laufe der Zeit verschlechtert, insbesondere durch den Völkermord. 

Unsere Beteiligung geht weit über die bloße Bereitstellung von Waffen und diplomatischer Rückendeckung hinaus. Wir haben im Wesentlichen viele der Prinzipien und Institutionen aufgegeben, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben, um dies weiter geschehen zu lassen. Die internationalen Strafgerichte, die Vereinten Nationen und all diese Institutionen wurden geschaffen, um so etwas zu verhindern oder zumindest in irgendeiner Weise abzumildern. Es war sehr schwer mitanzusehen, wie sie so vollständig versagen. Für mich ist es auch eine grundlegende moralische Frage. Wenn man nicht anerkennen kann, dass ein Völkermord stattfindet, weiß ich ehrlich gesagt nicht, was ich sagen soll.

> »Meine Arbeit ist in gewissem Sinn in den Bereich des Archivs eingetreten. Und darin liegt eine große Traurigkeit, weil man erkennt, dass die Straßen, durch die ich gegangen bin, die Menschen, die ich getroffen habe, eine ganze Gesellschaft und eine ganze Lebensweise vor unseren Augen ausgelöscht werden.«

Aber Sie haben recht: Meine Arbeit ist in gewissem Sinn in den Bereich des Archivs eingetreten. Und darin liegt eine große Traurigkeit, weil man erkennt, dass die Straßen, durch die ich gegangen bin, die Menschen, die ich getroffen habe, eine ganze Gesellschaft und eine ganze Lebensweise vor unseren Augen ausgelöscht werden. Das sollte für jeden zivilisierten Menschen – oder für jeden, der sich für zivilisiert hält – etwas Tiefgreifendes sein, über das man nachdenken muss. Also ja, es hat mich beeinflusst. Offensichtlich bin ich mit diesem Thema tiefer verbunden als die meisten Menschen. Ich habe einen großen Teil meiner Karriere damit verbracht, darüber nachzudenken und es zu zeichnen. Aus dieser Perspektive ist es nicht leicht, mitanzusehen, was geschieht.

Ich wollte mich schon seit einiger Zeit vom Journalismus entfernen. Ich wollte andere kreative Arbeiten verfolgen. Ich hatte das Gefühl, dass ich in gewisser Weise genuggetan habe. Aber dann geschah Gaza, und man muss wieder die journalistische Hose anziehen und sich wieder an die Arbeit machen, weil es sich um eine tiefgreifende moralische Frage handelt. Ich fühle mich verpflichtet, darüber nachzudenken und darüber zu berichten. Vielleicht kann ich das bis zu einem gewissen Grad besser als andere Menschen im Westen, einfach weil ich die Erfahrung habe, genauso wie Chris. Ich bin sicher, dass er genauso empfindet. Es ist nicht so, dass ich begierig darauf wäre, dorthin zurückzukehren. Es ist vielmehr so, dass ich mich dazu verpflichtet fühle. Es ist eine Pflicht.

### **Arbeiten Sie derzeit an einem weiteren Projekt in diese Richtung?**

Ich arbeite an etwas, das auf einige meiner alten Underground-Comics-Tage zurückgeht. Es befasst sich immer noch mit einigen derselben Fragen, die mich mein ganzes Leben lang interessiert haben, aber ich gehe sie auf eine völlig andere Weise an, nicht als Journalismus. Im Grunde nehme ich einige der Dinge auf, über die ich während meiner journalistischen Arbeit nachgedacht habe, die ich aber durch Journalismus nicht wirklich ausdrücken konnte, weil sie eher eine Frage des Bauchgefühls sind. 

Wenn man Journalismus macht, konzentriert man sich auf die Fakten, darauf, die Geschichte richtig zu erzählen, und auf all diese Dinge. Aber man denkt auch intensiv über die menschliche Natur und andere Dinge nach, die nicht unbedingt in einen journalistischen Rahmen passen. Jetzt wende ich mich einigen dieser Ideen zu, über die ich nicht direkt berichten konnte. Es ist eher wie ein Essay, mit Elementen von schwarzem Humor und Satire.