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# Wie die koloniale Herrschaft sich bis heute fortsetzt
- URL: https://jacobin.de/kolonialismus-kapitalismus-ausbeutung-imperialismus-nkrumah-jaspert-afrika/
- Published: 2026-08-26T07:26:25.000Z
- Updated: 2026-08-26T08:35:33.000Z
- Description: Der Kolonialismus prägt auch heute noch die globale Wirtschaftsordnung. Im Gespräch über sein neues Buch »Neokolonialer Kapitalismus« erklärt Robin Jaspert, wie durch Verschuldung koloniale Beziehungen fortgeführt werden.
- Author: Robin  Jaspert
- Tags: Geschichte, Kolonialismus, Wirtschaft, #Feature1

Der Kolonialismus ist keine abgeschlossene historische Epoche, sondern wirkt als Fundament des gegenwärtigen Kapitalismus fort, meint Robin Jaspert in seinem neuen Buch [*Neokolonialer Kapitalismus*](https://brumaireverlag.de/Robin-Jaspert-Neokolonialer-Kapitalismus?ref=jacobin.de), erschienen beim Brumaire Verlag. Laut Jaspert ist der Neokolonialismus ein Verhältnis zwischen den entwickelten kapitalistischen Staaten und den ehemaligen Kolonien in den Ländern des sogenannten globalen Südens. Dieses Verhältnis wird institutionell durch internationale Schuldensysteme abgesichert. 

Auf dem take back the future-Kongress des SDS Anfang des Sommers sprach er mit *Jacobin*\-Redakteurin Bafta Sarbo darüber wie ökonomische Abhängigkeiten vertieft und stabilisiert werden, sowie die Notwendigkeit eines Internationalismus, der die globalen Machtverhältnisse anerkennt.

**In den vergangenen Jahren wird wieder deutlich häufiger über Kolonialismus gesprochen. In diesem Zusammenhang taucht auch der Begriff des Neokolonialismus immer häufiger auf. Wie nimmst Du diese Debatte derzeit wahr? Und was war Deine Motivation, dieses Buch zu schreiben?**

In Deutschland und allgemein in Europa wurde in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren deutlich mehr über Kolonialismus gesprochen. Das ist zunächst einmal eine positive Entwicklung. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die AfD versucht, solche Debatten zunehmend zu unterbinden und aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Die Art und Weise, wie diese Debatte geführt wurde, weist einige Probleme auf. Genau das hat mich letztlich dazu motiviert, dieses Buch als eine Intervention in diese Debatte zu schreiben.

Es gibt vor allem zwei Punkte. Der erste ist, dass ein Teil der Debatte Kolonialismus vor allem als historische Episode versteht: als etwas, das zwar damals ein Problem war, heute aber für die globalen Verhältnisse keine entscheidende Rolle mehr spielt, weder für das Wirtschaftssystem noch für die Art und Weise, wie unsere Gesellschaften organisiert sind. Ich halte das für falsch.

Zum einen existieren bis heute direkte koloniale Verhältnisse. Man kann etwa auf die Westsahara, Palästina oder den Chagos-Archipel verweisen, der erst im Mai 2025 aus britischer Fremdherrschaft entlassen wurde. Zum anderen gibt es eine Vielzahl von Kontinuitäten aus der Kolonialzeit, über die wir dringend sprechen müssen.

> »Der Kolonialismus ist nicht Vergangenheit – er bildet das Fundament des heutigen Kapitalismus.«

Viele Autorinnen und Autoren tun das bereits, insbesondere aus postkolonialen und dekolonialen Theorieansätzen. Dort wird vor allem darauf hingewiesen, dass es starke Kontinuitäten auf der Ebene von Wissensordnungen und Ideologien gibt. Der systematische Rassismus, der während des transatlantischen Sklavenhandels und des Kolonialismus entwickelt und institutionalisiert wurde, prägt unsere Gesellschaften bis heute. Dem stimme ich ausdrücklich zu.

In dieser Debatte kommt allerdings ein wichtiger Aspekt oft zu kurz: Es wird viel über ideologische Kontinuitäten gesprochen, aber deutlich weniger über ökonomische. Dabei existiert dazu bereits eine Vielzahl hervorragender Einzelstudien – insbesondere aus der Wirtschafts- und Kolonialgeschichte. Was mir fehlte, war eine Perspektive, die diese Erkenntnisse zusammenführt und zeigt, dass der Kolonialismus nicht nur auf ideologischer Ebene fortwirkt, sondern ebenso auf materieller und ökonomischer Ebene.

Die zentrale These dieses Buchs lautet: Der Kolonialismus ist nicht Vergangenheit – er bildet das Fundament des heutigen Kapitalismus. Im Buch versuche ich deshalb vor allem ein ökonomisches Argument zu entwickeln. Ich behaupte nicht, dass Ideologien oder Wissenssysteme unwichtig wären. Vielmehr frage ich: Welche Wirtschaftspolitiken kennzeichneten den Kolonialismus? Wie waren koloniale Produktionssysteme organisiert? Welche ökonomischen Logiken standen dahinter? Und welche Kontinuitäten lassen sich bis in den heutigen globalen Kapitalismus verfolgen? Diese Zusammenhänge wollte ich in einem Buch systematisch darstellen.

**Kannst Du einmal erklären, was Du unter Neokolonialismus verstehst – auch in Abgrenzung zum klassischen Kolonialismus?**

Es gibt unterschiedliche Begriffsverständnisse von Neokolonialismus. Ich beziehe mich auf Kwame Nkrumah, den ersten Präsidenten des unabhängigen Ghana, Panafrikanist und Marxist. Die Theorie des Neokolonialismus ist eine Imperialismustheorie. Sie steht nicht im Widerspruch zu Imperialismustheorien und ersetzt sie auch nicht.Nkrumah beschreibt den Neokolonialismus als eine Stufe des Imperialismus.

Nkrumah selbst hat den Begriff übrigens nicht erfunden. Bereits zuvor verwendete beispielsweise der marokkanische Sozialist Mehdi Ben Barka den Begriff. Nkrumah greift ihn auf, entwickelt ihn weiter und macht ihn zu einem zentralen Bestandteil seiner Imperialismusanalyse.

Historisch betrachtet gab es zunächst den Kolonialismus – also territoriale Fremdherrschaft über große Teile dessen, was wir heute als Globalen Süden bezeichnen. Gleichzeitig entwickelte sich der Kapitalismus weiter. Er profitierte unter anderem von der Aneignung von Ressourcen und Mehrwert aus den Kolonien. Dadurch entstanden jene Entwicklungen, die Lenin und andere später als Imperialismus beschrieben haben: eine hohe Konzentration der Produktion, die Entstehung von Monopolen, die wachsende Bedeutung des Finanzkapitals und schließlich eine Überakkumulation von Kapital in den imperialistischen Zentren.

Aus dieser Überakkumulation entstehen Rivalitäten zwischen den imperialistischen Mächten, die nach außen drängen. Das geschieht zunächst territorial – etwa in der Aufteilung Afrikas während des Hochimperialismus. Es gab selbstverständlich schon früher Kolonialismus, etwa in Süd- und Mittelamerika. Dieser lässt sich nicht ohne Weiteres unter den kapitalistischen Imperialismus fassen.

Entscheidend ist dann die Phase der formalen Unabhängigkeit. Die Staaten des Globalen Südens befreien sich von der direkten territorialen Herrschaft Großbritanniens, Frankreichs und anderer Kolonialmächte.

Mit der politischen Unabhängigkeit verschwindet jedoch der Imperialismus nicht, er verändert lediglich seine Form. An die Stelle direkter territorialer Kontrolle treten ökonomische Mechanismen. Genau hier setzt Nkrumahs Begriff des Neokolonialismus an. Er argumentiert, dass die Produktions- und Wirtschaftssysteme während der Kolonialzeit so gestaltet wurden, dass sie auch nach der Unabhängigkeit bestimmte Abhängigkeiten fortschreiben. Man kann diese Abhängigkeiten in drei zentrale Bereiche unterteilen.

Die erste ist die Exportabhängigkeit. Während der Kolonialzeit wurden die Produktionssysteme fast ausschließlich darauf ausgerichtet, möglichst viele Rohstoffe für die Kolonialmächte bereitzustellen. Das Ziel bestand nicht darin, lokale Wirtschaftskreisläufe aufzubauen, sondern die industrielle Produktion in Europa aufrechtzuerhalten. Dadurch wurde die Produktion für den heimischen Markt systematisch verdrängt. Wenn nahezu die gesamte Landwirtschaft oder Rohstoffproduktion auf den Export ausgerichtet ist, fehlen zwangsläufig Nahrungsmittelproduktion und andere Güter für die Versorgung der eigenen Bevölkerung.

> »Neokolonialismus ist kein einzelnes Projekt, sondern ein systemisches Verhältnis. Nicht eine bestimmte Maßnahme ist neokolonial, sondern die Art und Weise, wie viele Staaten des Globalen Südens insgesamt in den globalen Kapitalismus integriert sind.«

Deshalb entstand gleichzeitig eine zweite Abhängigkeit: die Importabhängigkeit. Viele Staaten des Globalen Südens wurden darauf angewiesen, Lebensmittel und andere grundlegende Güter einzuführen, obwohl sie zuvor häufig in der Lage gewesen waren, sich selbst zu versorgen.

Die dritte Ebene betrifft die Abhängigkeit von internationalen Finanz- und Kapitalmärkten. 

Mein zentrales Argument lautet, dass diese drei Formen der Abhängigkeit – Exportabhängigkeit, Importabhängigkeit und Finanzabhängigkeit – historisch gewachsen sind. Der Kolonialismus spielt eine entscheidende Rolle dabei, warum diese Strukturen bis heute bestehen. Deshalb halte ich den Begriff Neokolonialismus für sinnvoll: Er macht deutlich, dass die koloniale Herrschaft mit der politischen Unabhängigkeit nicht einfach verschwunden ist, sondern sich in veränderter Form fortsetzt.

**Oft wird gesagt, während des Kolonialismus sei schließlich auch Infrastruktur aufgebaut worden – Eisenbahnen, Straßen oder Häfen –, der Kolonialismus hätte die Kolonien also auch entwickelt. Aber genau diese Infrastruktur war überwiegend darauf ausgerichtet, Rohstoffe möglichst effizient aus den Kolonien abzutransportieren. Man baute beispielsweise eine Mine, anschließend eine Eisenbahnstrecke oder Straße direkt zum nächsten Hafen.**

**Diese Infrastruktur diente kaum der wirtschaftlichen Entwicklung innerhalb der Länder selbst oder dem Handel zwischen afrikanischen Staaten, sondern fast ausschließlich dem Export in die kapitalistischen Zentren. Die während des Kolonialismus geschaffenen Strukturen konnten deshalb im Neokolonialismus von den kapitalistischen Zentren nahezu bruchlos weiter genutzt werden.**

Gerade die Infrastrukturfrage zeigt diese Kontinuitäten sehr deutlich. Wenn man sich beispielsweise die ersten fünfzehn Jahre der Kreditvergabe der Weltbank ansieht – also ungefähr den Zeitraum zwischen 1944 und 1958 –, dann wurden nahezu sämtliche Kredite für exportorientierte Infrastruktur vergeben.

Ein erheblicher Teil dieser Kredite ging sogar direkt an Kolonialverwaltungen oder Kolonialmächte. Finanziert wurden vor allem Straßen, Häfen und Eisenbahnlinien, die ausschließlich dazu dienten, Rohstoffe schneller aus den Ländern des Globalen Südens herauszutransportieren. Die Weltbank hat damit genau jene Wirtschaftsstruktur weiter ausgebaut, die bereits während des Kolonialismus entstanden war. Anstatt wirtschaftliche Eigenständigkeit zu fördern, wurden bestehende Abhängigkeiten stabilisiert und vertieft.

**Wo lässt sich Neokolonialismus heute beobachten?**

Man muss zunächst eine begriffliche Unterscheidung treffen. Oft wird gesagt: Das ist ein neokoloniales Projekt. Neokolonialismus ist kein einzelnes Projekt, sondern ein systemisches Verhältnis. Nicht eine bestimmte Maßnahme ist neokolonial, sondern die Art und Weise, wie viele Staaten des Globalen Südens insgesamt in den globalen Kapitalismus integriert sind.

Ein konkretes Beispiel macht das trotzdem anschaulicher. Nehmen wir den afrikanischen Kontinent. Dann kann man zunächst fragen: Wem gehören eigentlich die Unternehmen? Viele der Unternehmen, die bereits während der Kolonialzeit wirtschaftlich dominant waren, haben ihre Macht auch nach der formalen Unabhängigkeit behalten.

Heute sind diese Unternehmen häufig Aktiengesellschaften. Das bedeutet, dass Eigentumsanteile von Finanzakteuren auf der ganzen Welt gehalten werden können. Wenn wir also untersuchen, wem diese Unternehmensanteile gehören, erfahren wir auch, wer letztlich von der dort stattfindenden Produktion profitiert.

Ich habe mir das für acht afrikanische Länder angeschaut, für die gute Daten verfügbar sind: Sambia, Ghana, Südafrika, Ägypten, Nigeria, Botswana, Kenia und Marokko. Im Durchschnitt befinden sich 54 Prozent der Unternehmensanteile der jeweils größten börsennotierten Unternehmen im Ausland. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte des wirtschaftlichen Wertes, der dort geschaffen wird, letztlich an Eigentümer außerhalb dieser Länder fließt.

> »Selbst wenn die politische Unabhängigkeit erreicht ist, endet der antikoloniale Kampf nicht. Er beginnt vielmehr auf einer neuen Ebene. Von diesem Zeitpunkt an geht es um die wirtschaftliche Selbstbestimmung.«

Nehmen wir Ghana als Beispiel: Bei den dreißig wichtigsten Unternehmen, die an der Ghana Stock Exchange notiert sind, befinden sich 81 Prozent der Unternehmensanteile in ausländischem Besitz. Allein im Jahr 2024 flossen dadurch – nach Steuern – rund 540 Millionen US-Dollar als Dividenden ins Ausland. Hinzu kommen die Kursgewinne der Aktionärinnen und Aktionäre. Wenn ich eine Aktie besitze und ihr Wert steigt, wächst auch der Wert meines Vermögens. Für das Jahr 2025 ergeben sich daraus Kursgewinne in Höhe von rund 30 Milliarden US-Dollar, die ausländischen Finanzakteuren zugutekommen. Das ist wirtschaftliches Wachstum, das zwar in Ghana entsteht, dessen Erträge aber überwiegend außerhalb Ghanas realisiert werden.

Dieses Beispiel zeigt, dass erhebliche Teile des dort geschaffenen Mehrwerts dauerhaft aus den betreffenden Volkswirtschaften abfließen.

Man kann diese Zusammenhänge auch auf einer allgemeineren Ebene betrachten. Heute gelten nach der Klassifikation der Weltbank 95 Staaten als exportabhängig. Das bedeutet, ihre Volkswirtschaften sind in hohem Maße darauf angewiesen, Rohstoffe oder wenige Exportgüter auszuführen. Ein Drittel aller Staaten weltweit – vor allem in Afrika und insbesondere im südlichen Afrika – ist gleichzeitig auf den Import von Lebensmitteln angewiesen. Auch das verweist wieder auf jene Importabhängigkeit, über die wir vorhin gesprochen haben. Hinzu kommt die Finanzseite: Aktuell befinden sich 55 Staaten in einer akuten oder hochkritischen Verschuldungssituation.

**Interessant ist dabei auch die historische Perspektive. Kwame Nkrumah hat *Neocolonialism: The Last Stage of Imperialism* Mitte der 1960er Jahre veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt waren viele afrikanische Kolonien noch gar nicht unabhängig. Trotzdem entwickelt er bereits eine Analyse, die viele der heutigen Strukturen erstaunlich präzise beschreibt.**

Ja, und genau das finde ich eigentlich besonders spannend. Wenn man Nkrumah liest, sieht man sehr deutlich, wie sich seine Analyse aus seiner politischen Praxis entwickelt. *Neocolonialism* erscheint 1965\. Zu diesem Zeitpunkt ist Ghana seit acht Jahren unabhängig. Nkrumah hat also bereits umfangreiche Regierungserfahrung gesammelt. Sein zentrales politisches Ziel bestand darin, aus der formalen politischen Unabhängigkeit auch eine ökonomische Selbstbestimmung entstehen zu lassen.

**Kannst Du etwas über den politischen Kontext erzählen, in dem diese Debatten entstanden sind? Denn das Konzept des Neokolonialismus fällt ja nicht einfach vom Himmel, es entsteht mitten in den antikolonialen Kämpfen jener Zeit.**

Ghana wurde 1957 unabhängig und war damit der erste Staat auf dem afrikanischen Kontinent, der sich aus der direkten kolonialen Herrschaft befreien konnte. Man darf nicht vergessen, dass Nkrumah schon lange vor der Unabhängigkeit Ghanas Teil internationaler antikolonialer Netzwerke war. 

Bereits 1945 nahm er am Pan-African Congress in Manchester teil, gemeinsam mit Persönlichkeiten wie George Padmore und W. E. B. Du Bois. Diese internationalen Netzwerke entstanden keineswegs erst in den 1950er Jahren. Bereits seit den 1920er Jahren entwickelten sich enge Verbindungen zwischen antikolonialen Bewegungen und verschiedenen kommunistischen Internationalen. Diese Geschichte bildet den politischen Hintergrund für die antikolonialen Kämpfe der Nachkriegszeit.

Ein zentraler Moment war dann die Bandung-Konferenz von 1955\. Auf Einladung des indonesischen Präsidenten Sukarno kamen dort Vertreter zahlreicher neu unabhängiger Staaten sowie verschiedener Befreiungsbewegungen zusammen. Das Ziel bestand darin, sich international zu koordinieren – sowohl im Kampf gegen den Kolonialismus als auch gegenüber dem globalen Kapitalismus. Auch hier spielte Nkrumah eine wichtige Rolle. 

1958 folgte dann die All-African Peoples' Conference in Accra. Es ging darum, den antikolonialen Kampf auf kontinentaler Ebene zu koordinieren und die noch bestehenden Kolonialreiche gemeinsam zurückzudrängen. 

Der Begriff des Neokolonialismus entwickelte sich unmittelbar aus den politischen Erfahrungen dieser Bewegungen. Selbst wenn die politische Unabhängigkeit erreicht ist, endet der antikoloniale Kampf nicht. Er beginnt vielmehr auf einer neuen Ebene. Von diesem Zeitpunkt an geht es um die wirtschaftliche Selbstbestimmung. Diese Einsicht prägte die antikolonialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre ganz entscheidend.

In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus ein bemerkenswerter Internationalismus. Die Bewegung der Blockfreien Staaten gewann zunehmend an Bedeutung. Innerhalb der Vereinten Nationen organisierten sich viele dieser Länder später in der Gruppe der 77 (G77). Gemeinsam mit den OPEC-Staaten entstand dadurch erstmals eine politische Konstellation, die den globalen Kapitalismus ernsthaft herausforderte. Das Ergebnis war unter anderem die Forderung nach einer Neuen Internationalen Wirtschaftsordnung (»New International Economic Order«).

> »Ich glaube nicht, dass Neokolonialismus ohne eine lokale kapitalistische Klasse funktionieren könnte. Diese lokale Bourgeoisie vermittelt zwischen internationalem Kapital und der eigenen Volkswirtschaft und trägt dadurch dazu bei, die bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse aufrechtzuerhalten.«

In der UN-Generalversammlung gelang es den Staaten des Globalen Südens, eine entsprechende Resolution zu verabschieden. Aus heutiger Sicht wird häufig vergessen, wie weitreichend dieses Programm eigentlich war. Es ging um eine grundlegende Reform der Weltwirtschaft. Diskutiert wurden unter anderem neue Regeln für das internationale Währungssystem, eine gerechtere Gestaltung des Schuldensystems sowie internationale Rohstoff- und Nahrungsmittelreserven.

Viele dieser Vorschläge wirken heute erstaunlich aktuell. Wenn man etwa auf die gegenwärtigen Debatten über Ernährungssicherheit oder Energieversorgung blickt, erkennt man, dass viele dieser Probleme bereits damals sehr präzise beschrieben wurden.

Allerdings hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen keine Möglichkeit, diese Beschlüsse verbindlich durchzusetzen. Ab den 1980er Jahren kam es zu dem, was häufig als neoliberale Konterrevolution bezeichnet wird. Während die antikolonialen Bewegungen versuchten, die Weltwirtschaft grundlegend zu verändern, organisierten sich die großen kapitalistischen Industriestaaten zunehmend in der G7\. Man kann durchaus sagen, dass die G7 auch als Gegenprojekt zur G77 entstand. Ziel war es, den internationalen Finanzinstitutionen – insbesondere dem Internationalen Währungsfonds – jene Rolle zu geben, die sie bis heute innehaben. Seitdem prägt eine neoliberale Agenda die internationale Wirtschaftsordnung. Und genau diese Entwicklung bildet den historischen Hintergrund dessen, was ich heute als Neokolonialismus beschreibe.

**Diese Geschichte zeigt, dass Neokolonialismus nicht einfach ein theoretisches Konzept ist. Der Begriff entsteht aus den Erfahrungen antikolonialer Bewegungen, die feststellen: Wir sind zwar politisch unabhängig geworden, aber wirtschaftlich keineswegs souverän.**

**Damit eröffnet sich auch die Möglichkeit, über Klassenverhältnisse innerhalb der ehemaligen Kolonien zu sprechen. Denn Neokolonialismus funktioniert letztlich nicht ohne lokale Eliten – oder anders gesagt: ohne diejenigen, die innerhalb der jeweiligen Länder als Vermittler dieses Systems fungieren.**

**Walter Rodney schrieb in den 70er Jahren, Nkrumah habe so lange bestritten, dass es Klassen in Afrika gebe, bis ihn schließlich das Kleinbürgertum selbst gestürzt habe. In seinen späteren Arbeiten versucht Nkrumah dann gerade diese Klassenverhältnisse stärker theoretisch zu fassen. Wie verhält sich der Neokolonialismus eigentlich zu den Klassenbeziehungen innerhalb der Länder des Globalen Südens?**

1966 wird Nkrumah durch einen Militärputsch gestürzt – kurz nach Erscheinen von *Neocolonialism*. Es gibt Stimmen, die Nkrumah vorwerfen, Klassenkämpfe innerhalb Ghanas in seiner Regierungszeit zunächst unterschätzt zu haben. Wenn man seine späteren Schriften liest, erkennt man aber, dass er seine Analyse in dieser Hinsicht deutlich weiterentwickelt. Später veröffentlichte er unter anderem *Class Struggle in Africa*. Dort setzt er sich wesentlich ausführlicher mit Klassenverhältnissen auseinander. 

In seinem späteren Werk verarbeitet Nkrumah viele Erfahrungen aus seiner Regierungszeit. Er beschreibt dort deutlicher, welche Rolle Klassenverhältnisse für die Stabilität oder Veränderbarkeit des Neokolonialismus spielen.

Ich glaube deshalb nicht, dass Neokolonialismus ohne eine lokale kapitalistische Klasse funktionieren könnte. Diese lokale Bourgeoisie vermittelt zwischen internationalem Kapital und der eigenen Volkswirtschaft und trägt dadurch dazu bei, die bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse aufrechtzuerhalten.

Hier liegt eines der häufigsten Missverständnisse des Begriffs. Immer wieder höre ich den Einwand: *»Aber was ist denn mit den lokalen Eliten? Spielen die nicht auch eine Rolle?«.* Natürlich spielen sie eine Rolle. Sie sind sogar unverzichtbar für die Funktionsweise des Systems. Dieses Missverständnis entsteht, weil der Begriff *Neokolonialismus* oft sehr unscharf verwendet wird. 

**Manchmal entsteht fast der Eindruck, als hätten sich die Klassenverhältnisse einfach globalisiert. Dann heißt es: Die Ausbeutung findet zwischen Norden und Süden statt. Aber das will der Begriff des Neokolonialismus nicht sagen. Er beschreibt vielmehr die Struktur des kapitalistischen Weltmarkts. Innerhalb dieser Struktur existieren weiterhin Klassenverhältnisse.**

Und das lässt sich auch sehr gut an aktuellen Institutionen beobachten. Nehmen wir den Internationalen Währungsfonds. Der IWF kann nur deshalb so handeln, wie er handelt, weil seine Politik in vielen Fällen durchaus den Interessen der herrschenden Klassen in den jeweiligen Ländern entspricht.

> »Nach der Unabhängigkeit geschah etwas Bemerkenswertes: Die Schulden der Kolonialverwaltung wurden wiederum dem neu gegründeten indischen Staat übertragen. Mit anderen Worten: Ein unabhängiger Staat begann seine Existenz mit Schulden, die ursprünglich ein koloniales Privatunternehmen aufgenommen hatte.«

Man kann das sehr gut am Beispiel Ghanas zeigen. Öffentlich erklärte die letzte, marktliberale Regierung unter dem Präsidenten Nana Akufo-Addo immer wieder: »Der IWF ist unser Gegner. Wir wollen seine Programme ablehnen.« Hinter verschlossenen Türen sagen viele der Menschen in Regierungsverantwortung jedoch: »Eigentlich macht der IWF genau die Politik, die wir ohnehin verfolgen wollen. Der Vorteil besteht nur darin, dass wir selbst dafür nicht die politische Verantwortung übernehmen müssen.«

Die Regierung kann unpopuläre Maßnahmen mit internationalen Vorgaben begründen, obwohl sie ihnen inhaltlich häufig durchaus zustimmt.

**Die politische Souveränität ehemaliger Kolonien wird also auf mehreren Ebenen eingeschränkt. Zum einen müssen Staaten ihre Wirtschaft so organisieren, dass sie für internationales Kapital attraktiv bleiben. Zum anderen geraten sie, wenn sie Zahlungsschwierigkeiten haben, in Abhängigkeit vom Internationalen Währungsfonds. Über die Strukturanpassungsprogramme greift dieser schließlich direkt in die Wirtschaftspolitik ein.**

**Hinzu kommt, dass auch die lokalen Eliten, über die wir gerade gesprochen haben, nicht zufällig an der Macht sind. Internationale Institutionen und westliche Staaten verfügen schließlich ebenfalls über Möglichkeiten, bestimmte politische Kräfte zu unterstützen. Gleichzeitig gibt es aber immer wieder Regierungen, die tatsächlich versuchen, sich aus diesen Abhängigkeiten zu lösen. Für sie scheint das jedoch außerordentlich schwierig zu sein.**

**Damit stellt sich die Frage, wie souverän diese Staaten ihre wirtschaftliche Entwicklung überhaupt noch gestalten können.**

Und an dieser Stelle muss man sich anschauen, wie das internationale Schuldensystem historisch entstanden ist.Viele Staaten des Globalen Südens haben nach ihrer Unabhängigkeit Kredite aufgenommen, um ihre wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Gerade viele sozialistische Regierungen wollten in Bildung, Gesundheit, Industrie oder Infrastruktur investieren.

Dafür fehlte ihnen häufig das notwendige Kapital. Insofern waren Kredite zunächst nichts Ungewöhnliches. Man darf allerdings nicht vergessen, dass viele dieser Staaten bereits mit erheblichen Schulden unabhängig wurden. Ein großer Teil dieser Schulden stammte nämlich gar nicht von den neuen Regierungen selbst, sondern von den Kolonialverwaltungen. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist Indien. Bereits während der Kolonialzeit nahm zunächst die British East India Company enorme Kredite auf.

Dabei handelte es sich ursprünglich um ein privates Unternehmen, das im Auftrag des britischen Staates große Teile Indiens kontrollierte und dort systematisch Reichtum abschöpfte. Als die britische Krone später die direkte Kontrolle übernahm, wurden die Schulden dieses privaten Unternehmens auf die Kolonialverwaltung übertragen.

Und nach der Unabhängigkeit geschah etwas Bemerkenswertes: Die Schulden der Kolonialverwaltung wurden wiederum dem neu gegründeten indischen Staat übertragen. Mit anderen Worten: Ein unabhängiger Staat begann seine Existenz mit Schulden, die ursprünglich ein koloniales Privatunternehmen aufgenommen hatte. Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in anderen Ländern beobachten.

Viele antikoloniale Bewegungen forderten deshalb mit der Unabhängigkeit die vollständige Streichung dieser Schulden. Aus ihrer Sicht war das selbstverständlich. Sie argumentierten: Warum sollten wir für Kredite aufkommen, die zur Finanzierung kolonialer Herrschaft aufgenommen wurden Trotzdem gelang es internationalen Finanzinstitutionen und den wirtschaftlichen Eliten sowohl im Globalen Norden als auch im Globalen Süden vielfach, genau diese Schulden auf die neu gegründeten Staaten zu übertragen.

Ein weiteres strukturelles Problem besteht darin, dass Staatsschulden heute überwiegend nicht in der jeweiligen Landeswährung, sondern in US-Dollar aufgenommen werden. Das liegt daran, dass internationale Finanzakteure kaum bereit sind, langfristige Forderungen in Währungen des Globalen Südens zu halten. Sie betrachten diese Währungen als unsicher. Deshalb basiert das internationale Staatsschuldensystem weitgehend auf dem Dollar. Für die betroffenen Staaten bedeutet das: Sie müssen dauerhaft Zugang zu US-Dollar haben. Andernfalls können sie ihre Auslandsschulden nicht bedienen.

Damit stellt sich unmittelbar die Frage: Wie gelangen Staaten überhaupt an diese Dollar? Im Wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten. Erstens über den Export von Rohstoffen. Exporterlöse sichern den Zufluss von Devisen.

Zweitens über ausländische Direktinvestitionen. Dafür müssen die jeweiligen Volkswirtschaften allerdings attraktiv für internationales Kapital bleiben. Auch das setzt bestimmte wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen voraus.

Die dritte Möglichkeit sind Rücküberweisungen von Migrantinnen und Migranten. Viele Familien im Globalen Süden sind heute auf Geld angewiesen, das Angehörige aus Europa, Nordamerika oder den Golfstaaten zurückschicken. Auch diese Überweisungen stellen für zahlreiche Staaten eine wichtige Quelle von Devisen dar.

Wenn all das nicht ausreicht und ein Staat seine Schulden nicht mehr bedienen kann, tritt der Internationale Währungsfonds auf den Plan. Der IWF bietet dann Notfallkredite an. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Hilfe. Tatsächlich sind diese Kredite jedoch fast immer an wirtschaftspolitische Auflagen gebunden. 

> »Die Handlungsspielräume progressiver Regierungen sind real. Aber sie sind deutlich kleiner, als häufig angenommen wird.«

Genau hier beginnen die sogenannten Strukturanpassungsprogramme. Sie verlangen in der Regel Privatisierungen, Liberalisierungen und eine weitgehende Öffnung der Wirtschaft für internationales Kapital. Außerdem wird häufig verlangt, öffentliche Ausgaben zu reduzieren und staatliche Unternehmen zu verkaufen. Im Ergebnis verlieren viele Regierungen einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten.

Da die Stimmrechte im IWF nach der Höhe der Kapitaleinlagen verteilt werden, dominieren bis heute die kapitalstarken Industriestaaten die Entscheidungen dieser Institution. In diesem Sinne ist der IWF keineswegs eine neutrale internationale Organisation. Er ist Ausdruck bestehender globaler Machtverhältnisse.

**Das heißt, wirtschaftliche Abhängigkeit wird institutionell abgesichert. Die Staaten des Globalen Südens geraten dadurch immer wieder in Situationen, in denen sie wirtschaftspolitische Entscheidungen treffen müssen, die sie unter anderen Bedingungen möglicherweise gar nicht treffen würden.**

Und deshalb würde ich sagen: Wenn wir heute über Neokolonialismus sprechen, dürfen wir nicht nur einzelne Investitionsprojekte oder einzelne Unternehmen betrachten. Wir müssen die internationalen Institutionen mitdenken. Denn sie schaffen den strukturellen Rahmen, innerhalb dessen sich wirtschaftliche Abhängigkeiten immer wieder reproduzieren.

**Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Handlungsspielräume überhaupt noch bleiben. Wenn eine linke Regierung an die Macht kommt und versucht, sich aus diesen Abhängigkeiten zu lösen, stößt sie offenbar sehr schnell an strukturelle Grenzen. Wo liegen diese Grenzen konkret?**

Zunächst muss man festhalten, dass sich diese Grenzen sehr deutlich empirisch beobachten lassen. Immer dann, wenn in einem Staat des Globalen Südens eine Regierung antritt, die einen ernsthaften Konfrontationskurs gegenüber dem bestehenden internationalen Wirtschaftssystem verfolgt, geschieht fast immer dasselbe:

Die Finanzierungskosten dieses Staates steigen. Die Zinsen auf Staatsanleihen gehen nach oben. Das lässt sich in vielen Fällen sehr genau nachvollziehen. Für die Finanzmärkte bedeutet eine Regierung, die bestehende Eigentums- oder Machtverhältnisse infrage stellt, ein höheres Risiko. Dieses Risiko wird unmittelbar eingepreist. Die Folge ist, dass sich der Schuldendienst verteuert.

Das hat ganz praktische Konsequenzen. Jeder zusätzliche Dollar, der für Zinszahlungen ausgegeben werden muss, fehlt an anderer Stelle. Er fehlt für öffentliche Gesundheitsversorgung. Er fehlt für Bildung. Er fehlt für Infrastruktur. Er fehlt für Industrialisierung. Kurz gesagt: Je höher die Kosten für den Schuldendienst sind, desto geringer wird der wirtschaftspolitische Handlungsspielraum einer Regierung. Und genau das macht den Aufbau alternativer Entwicklungsstrategien so schwierig.

Hinzu kommt die historische Rolle der internationalen Finanzinstitutionen. Sowohl der Internationale Währungsfonds als auch die Weltbank haben über Jahrzehnte hinweg mit autoritären Regimen zusammengearbeitet. Dazu gibt es inzwischen eine umfangreiche Forschung.

Ein Buch, das ich in diesem Zusammenhang sehr empfehlen kann, ist *The World Bank: A Critical History* von Éric Toussaint. Darin wird detailliert nachgezeichnet, wie eng Weltbank und IWF in vielen Fällen mit Diktaturen kooperiert haben, sofern diese die gewünschte wirtschaftspolitische Linie verfolgten. Das zeigt noch einmal, dass diese Institutionen nicht neutral handeln. Sie unterstützen bestimmte Formen von Politik – und behindern andere.

Deshalb würde ich sagen: Die Handlungsspielräume progressiver Regierungen sind real. Aber sie sind deutlich kleiner, als häufig angenommen wird. Das bedeutet nicht, dass Veränderung unmöglich wäre. Es gibt durchaus Regierungen, die sich Handlungsspielräume erkämpft haben.

Aber wir sollten uns keine Illusionen machen. Die bestehenden internationalen Machtverhältnisse sind außerordentlich stabil. Wer sie verändern will, muss mit erheblichem Widerstand rechnen.

**Dann stellt sich natürlich die Gegenfrage: Wo hat dieser Widerstand tatsächlich Erfolge erzielt? Gibt es Beispiele dafür, wie Staaten versucht haben, sich aus diesen Abhängigkeiten zu lösen?**

Die wohl stärkste Herausforderung für dieses System entstand in den 1960er- und 1970er-Jahren. Vor allem in Lateinamerika, aber auch in Teilen Afrikas, kamen damals zahlreiche linke Regierungen an die Macht.

Viele von ihnen verfolgten wirtschaftspolitische Strategien, die heute unter dem Begriff Importsubstitution zusammengefasst werden. Das Ziel war, die eigene Produktion so auszubauen, dass weniger Güter importiert werden mussten.

Gleichzeitig sollten die Volkswirtschaften unabhängiger von Rohstoffexporten und internationalen Finanzmärkten werden. Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser Politik waren Kapitalverkehrskontrollen. Internationale Kapitalbewegungen sollten reguliert werden, um den wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum der Staaten zu vergrößern.

> »Wir erleben derzeit eine massive Zuspitzung der materiellen Widersprüche in vielen Staaten des Globalen Südens.«

Dieses Entwicklungsmodell war durchaus erfolgreich. Es handelte sich keineswegs um eine Überwindung des Kapitalismus. Man könnte es eher als ein links-sozialdemokratisches Entwicklungsprogramm beschreiben. Aber es war ein ernsthafter Versuch, wirtschaftliche Eigenständigkeit aufzubauen.

Diese Entwicklung wurde jedoch in den 1980er-Jahren weitgehend zerstört. Auslöser war die große Schuldenkrise Lateinamerikas. Sie entstand unter anderem infolge der Zinspolitik der US-amerikanischen Zentralbank. Plötzlich konnten viele Staaten ihre Auslandsschulden nicht mehr bedienen und genau in diesem Moment gewann der Internationale Währungsfonds enorm an Einfluss.

Der IWF trat als Kreditgeber auf – allerdings unter der Bedingung umfassender Strukturanpassungsprogramme. Damit wurden viele der wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die zuvor aufgebaut worden waren, innerhalb weniger Jahre wieder zurückgenommen. Privatisierungen, Liberalisierungen und Marktöffnungen ersetzten die bisherigen Entwicklungsstrategien. Das war einer der entscheidenden Momente, in denen sich die neoliberale Weltwirtschaftsordnung durchgesetzt hat.

**Das heißt, gerade in dem Moment, in dem sich Alternativen herausgebildet haben, entstand gleichzeitig ein institutioneller Mechanismus, der diese Alternativen wieder zurückdrängen konnte.**

**Wenn wir von heute sprechen: Wo siehst Du gegenwärtig die wichtigsten Formen des Widerstands gegen den Neokolonialismus? Gibt es Entwicklungen, die Dir Hoffnung machen?**

Wir erleben derzeit eine massive Zuspitzung der materiellen Widersprüche in vielen Staaten des Globalen Südens.

Seit der Finanzkrise 2007/08 ist die Staatsverschuldung vieler Länder des Globalen Südens enorm gestiegen. Gleichzeitig hat sich auch die Kreditvergabe des Internationalen Währungsfonds vervielfacht. Jeder zusätzliche IWF-Kredit geht in der Regel mit einem größeren wirtschaftspolitischen Einfluss einher. Der IWF kann dadurch heute in vielen Ländern wesentlich stärker in politische Entscheidungen eingreifen als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. 

Öffentliche Daseinsvorsorge wird zurückgebaut. Staatliche Leistungen werden gekürzt. Gleichzeitig werden Märkte weiter liberalisiert und für internationales Kapital geöffnet. Diese Entwicklung erzeugt zwangsläufig sozialen Widerstand.

Deshalb sehen wir in den vergangenen Jahren auch eine Vielzahl großer Protestbewegungen. Man denke etwa an Bangladesch, Kenia oder Argentinien. Die konkreten Auslöser unterscheiden sich zwar von Land zu Land. Aber häufig richten sich diese Proteste gegen dieselben wirtschaftspolitischen Programme, die im Zusammenhang mit internationalen Finanzinstitutionen stehen. Deswegen erleben wir derzeit eine neue Hochphase gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

Daneben gibt es Entwicklungen auf staatlicher Ebene. Besonders interessant finde ich die Veränderungen in der Sahelzone. Seit 2022 haben in Burkina Faso, Mali und Niger Militärregierungen die Macht übernommen, die ausdrücklich mit den bisherigen neokolonialen Strukturen brechen wollen. Sie stellen insbesondere den französischen Einfluss in der Region infrage. Frankreich wurde militärisch weitgehend aus diesen Ländern verdrängt. 

Gleichzeitig berufen sich viele Vertreter dieser Regierungen ausdrücklich auf antikoloniale Traditionen. Der Präsident Burkina Fasos, Ibrahim Traoré, verweist beispielsweise immer wieder auf Thomas Sankara. Sankara verstand den Kampf gegen das internationale Schuldensystem als gemeinsamen Kampf des afrikanischen Kontinents. Er plädierte für eine gemeinsame Front gegen die Verschuldung und wurde 1987 ermordet. Sein politisches Erbe spielt für viele heutige Bewegungen weiterhin eine wichtige Rolle.

> »Allein die Tatsache, dass es neben westlichen Finanzinstitutionen inzwischen weitere Kreditgeber gibt, verschiebt die Machtbalance ein Stück weit. Gleichzeitig bleibt all das innerhalb eines kapitalistischen Weltsystems.«

Inzwischen haben Burkina Faso, Mali und Niger die Allianz der Sahelstaaten gegründet. Eines ihrer wichtigsten Projekte besteht darin, sich vom CFA-Franc zu lösen. Über dieses Währungssystem haben wir noch nicht gesprochen. Dabei handelt es sich um ein ausgesprochen interessantes Beispiel kolonialer Kontinuitäten.

Der CFA-Franc entstand während der französischen Kolonialherrschaft und bindet mehrere westafrikanische Staaten bis heute eng an Frankreich beziehungsweise an Europa. Die Geldpolitik dieser Länder bleibt dadurch in erheblichem Maße von externen Entscheidungen abhängig. Wenn diese Staaten ankündigen, ihre Währungspolitik künftig selbst gestalten zu wollen, ist das deshalb weit mehr als eine technische Reform. Es geht um wirtschaftliche Souveränität.

**Und gerade darauf haben westliche Staaten ja ausgesprochen scharf reagiert. Unmittelbar nach den Putschen wurde über Sanktionen diskutiert. Innerhalb der Europäischen Union setzte sich insbesondere Deutschland für ein hartes Vorgehen ein. Gleichzeitig kündigte auch die westafrikanische Staatengemeinschaft ECOWAS - die Nachfolgerin der französischen Kolonialverwaltung - zeitweise sogar eine militärische Intervention an. Allein die Ankündigung, den CFA-Franc verlassen zu wollen, wurde also bereits als erhebliche Bedrohung wahrgenommen. Wenn Staaten lediglich ankündigen, ihre eigene Geldpolitik selbst gestalten zu wollen, wird das sofort als sicherheitspolitisches Problem behandelt.** 

Einerseits handelt es sich um Projekte, die bestehende neokoloniale Strukturen tatsächlich infrage stellen. Andererseits bedeutet das nicht automatisch, dass alle politischen Entwicklungen innerhalb dieser Staaten positiv zu bewerten wären. Auch innerhalb dieser Länder existieren erhebliche politische Konflikte. Es gibt bewaffnete Auseinandersetzungen. Es gibt Machtkämpfe. Und selbstverständlich müssen auch diese Regierungen kritisch betrachtet werden. 

´Westliche Regierungen sprechen diesen Entwicklungen häufig jede politische Legitimität ab. Stattdessen werden sie meist als russischer Einfluss oder als bloße Desinformation dargestellt. 

Natürlich spielt Geopolitik dabei eine Rolle. Aber daraus zu schließen, die Bevölkerung brauche russische Propaganda, um ein Problem mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich zu entwickeln, halte ich für ausgesprochen fragwürdig. Viele dieser Konflikte lassen sich aus der Geschichte der Region selbst erklären. Dafür braucht es keine äußere Einflussnahme.

**Das heißt, es handelt sich weder um reine Befreiungsbewegungen noch um bloße Stellvertreterkonflikte zwischen Großmächten.** 

Und gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nur so können wir verstehen, welche Kräfte tatsächlich versuchen, bestehende Abhängigkeitsverhältnisse zu überwinden – und wo gleichzeitig neue Widersprüche entstehen.

**China vergibt heute umfangreiche Kredite an Staaten des Globalen Südens. Gleichzeitig wird von westlicher Seite häufig behauptet, China betreibe eine sogenannte »Schuldenfallenpolitik«.**

**Innerhalb der politischen Linken gibt es dazu sehr unterschiedliche Einschätzungen. Wie bewertest Du Chinas Rolle im Zusammenhang mit dem Neokolonialismus?**

Man muss diese Frage differenziert betrachten. Zunächst einmal halte ich die Behauptung westlicher Regierungen, China treibe afrikanische Staaten systematisch in Schuldenfallen, für wenig glaubwürdig. Nach Jahrzehnten, in denen europäische Staaten und nordamerikanische Institutionen selbst genau diese Politik betrieben haben, wirkt dieser Vorwurf zumindest bemerkenswert. Es ist kein Ausgangspunkt für eine ernsthafte Debatte.

Die wichtigere Frage lautet vielmehr: Wie wird China in den Ländern des Globalen Südens selbst wahrgenommen? Denn letztlich geht es nicht darum, welche Einschätzung europäische Regierungen vertreten, sondern wie diejenigen Länder die Situation bewerten, mit denen China tatsächlich zusammenarbeitet.

Nach meiner Erfahrung – insbesondere aus Westafrika – wird China dort häufig als reale Alternative zur Dominanz westlicher Institutionen wahrgenommen. Das hat konkrete Gründe.

> »Was bedeutet diese Analyse für linke Bewegungen in Europa? Ich glaube zunächst, dass wir verstehen müssen, wie der globale Kapitalismus tatsächlich funktioniert.«

China vergibt Kredite meist unter deutlich geringeren politischen Auflagen als beispielsweise der Internationale Währungsfonds. Es gibt wesentlich weniger Konditionalitäten. Außerdem wird zumindest häufiger nach den wirtschaftspolitischen Prioritäten der jeweiligen Regierungen gefragt.

Westliche Entwicklungsinstitutionen verfolgen demgegenüber oft ihre eigenen Programme und setzen diese weitgehend unabhängig von lokalen politischen Vorstellungen durch. In diesem Sinne erweitert China für viele Regierungen den politischen Handlungsspielraum. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass China eine internationale Befreiungspolitik verfolgt. Ich glaube deshalb nicht, dass chinesische Außenpolitik in erster Linie von internationalistischer Solidarität getragen wird. Auch China handelt entsprechend eigener wirtschaftlicher und geopolitischer Interessen. Der Unterschied liegt eher in der konkreten Form dieser Interessenpolitik.

Man sollte außerdem nicht vergessen, dass auch innerhalb Chinas gesellschaftliche Konflikte existieren. Natürlich gibt es dort politische Auseinandersetzungen und Klassenkämpfe – auch wenn sie von außen häufig weniger sichtbar sind. Sollten sich die inneren Kräfteverhältnisse in China verändern, könnte sich auch die internationale Rolle des Landes verändern. Das lässt sich heute jedoch nicht vorhersagen.

Allein die Tatsache, dass es neben westlichen Finanzinstitutionen inzwischen weitere Kreditgeber gibt, verschiebt die Machtbalance ein Stück weit. Das halte ich zunächst einmal für positiv. Gleichzeitig bleibt all das innerhalb eines kapitalistischen Weltsystems. Deshalb ersetzt diese Entwicklung keine grundsätzliche Kritik des Kapitalismus.

**Du hast vorhin bereits auf die zahlreichen Protestbewegungen im Globalen Süden verwiesen. Viele dieser Proteste werden hierzulande vor allem als Jugendproteste oder als spontane soziale Bewegungen wahrgenommen.**

**Was dabei häufig fehlt, ist eine organisierte politische Perspektive – insbesondere eine sozialistische Perspektive. In den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren war das noch anders.**

**Damals existierten starke sozialistische Bewegungen, die eng mit den antikolonialen Kämpfen verbunden waren. Forderungen wie Thomas Sankaras Aufruf zu einer gemeinsamen Front gegen das internationale Schuldensystem oder Fidel Castros Idee eines gemeinsamen Schuldenschnitts entstanden nicht isoliert. Sie waren Teil eines umfassenderen politischen Projekts. Heute scheint dieser Zusammenhang verloren gegangen zu sein.**

Ja. Genau darüber müssen wir wieder vermehrt nachdenken. Die entscheidende Frage lautet allerdings nicht, welche Organisationsformen wir Menschen im Globalen Süden empfehlen würden. Das wäre aus meiner Sicht völlig vermessen. Ich werde meinen Genossinnen und Genossen in Ghana sicherlich nicht erklären, wie sie sich organisieren sollen. Sie kennen ihre politischen Bedingungen sehr viel besser als ich. Sie wissen selbst, welche Strategien vor Ort sinnvoll sind.

Die wichtigere Frage richtet sich an uns: Was bedeutet diese Analyse für linke Bewegungen in Europa? Ich glaube zunächst, dass wir verstehen müssen, wie der globale Kapitalismus tatsächlich funktioniert.

Ein erheblicher Teil der weltweiten Profite entsteht durch die Ausbeutung arbeitender Menschen im Globalen Süden. Wenn wir Kapitalismus analysieren, dürfen wir deshalb niemals nur auf Deutschland oder Europa schauen. Es handelt sich um ein globales System. Und dieses System trifft arbeitende Menschen im Globalen Süden besonders hart. Das gilt im Übrigen auch in geschlechtsspezifischer Hinsicht. Frauen sind von vielen dieser Ausbeutungsverhältnissen in besonderem Maße betroffen.

> »Wenn wir hier keine gesellschaftliche Kraft entwickeln, können wir internationale Solidarität auch nicht praktisch werden lassen.«

Daraus folgt für mich allerdings keine Politik des schlechten Gewissens. Ich halte Schuld für einen denkbar schlechten Ausgangspunkt politischen Handelns. Es geht vielmehr darum, diese Kämpfe wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen und sich solidarisch zu ihnen zu verhalten. Der erste Schritt besteht darin, überhaupt zu verstehen, dass diese Kämpfe stattfinden, dann müssen wir Beziehungen aufbauen. Wir müssen mit politischen Bewegungen im Globalen Süden sprechen. Wir müssen zuhören und wir müssen internationale Verbindungen entwickeln.

Erst aus solchen Beziehungen kann ein neuer Internationalismus entstehen. Internationalismus beginnt nicht mit großen Erklärungen. Er beginnt häufig ganz praktisch. Man fragt nach, wie die Situation vor Ort aussieht. Man unterstützt sich gegenseitig. Aus vielen kleinen Formen der Zusammenarbeit können langfristig stabile politische Beziehungen entstehen.

Gleichzeitig dürfen wir aber eines nicht vergessen. Ein Internationalismus ohne eine starke linke Bewegung in den kapitalistischen Zentren bleibt letztlich wirkungslos. Wenn wir hier keine gesellschaftliche Kraft entwickeln, können wir internationale Solidarität auch nicht praktisch werden lassen.

Gerade dann, wenn westliche Staaten wieder intervenieren – sei es durch Sanktionen, wirtschaftlichen Druck oder Unterstützung von Putschen –, braucht es hier politische Kräfte, die dem etwas entgegensetzen können.

Deshalb gehören beide Ebenen untrennbar zusammen. Wir brauchen einerseits den Aufbau einer starken sozialistischen Bewegung in den kapitalistischen Zentren und wir brauchen gleichzeitig einen Internationalismus, der den globalen Charakter des Kapitalismus ernst nimmt und sich entsprechend organisiert. Nur wenn beides zusammenkommt, können wir den bestehenden Machtverhältnissen tatsächlich etwas entgegensetzen.