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# Misstrauen macht schlechte Gesundheitspolitik
- URL: https://jacobin.de/merz-regierung-krankschreibung-gesundheit-misstrauen/
- Published: 2026-08-26T10:45:00.000Z
- Updated: 2026-08-26T10:45:00.000Z
- Description: Die Krankschreibungsreform der Bundesregierung wird absehbar zu mehr Ansteckungen, Bürokratie und überlasteten Praxen führen. Verdacht und Kontrolle im Gesundheitsbereich machen Gesellschaften nicht produktiver, sondern kränker.
- Author: Melina Mueller
- Tags: Politik, Gesundheit, #Feature1

Friedrich Merz ist zurück aus dem Urlaub und will nun die Reformen angehen, die sein Kabinett vor der Sommerpause beschlossen hatte. Denkt man etwa an die vorgeschlagenen Änderungen im Gesundheitsbereich, ist das eine schlechte Nachricht für alle, die ab und zu mal krank sind. Denn wer sich in Zukunft krank meldet, muss damit rechnen, schon ab dem ersten Tag beim Arzt zu sitzen, nicht weil es medizinisch notwendig wäre, sondern weil die Regierung es so will. 

Laut einer [aktuellen Studie des Instituts für Gesundheit und Sozialforschung (IGES)](https://idw-online.de/en/news875021?ref=jacobin.de) im Auftrag der Robert Bosch Stiftung wird ironischerweise kein Landkreis einen so starken Rückgang der Hausarztdichte erleben wie der Hochsauerlandkreis – die Heimat von Friedrich Merz. Um [48 Prozent soll die hausärztliche Versorgung bis 2040 dort einbrechen](https://idw-online.de/en/news875021?ref=jacobin.de), schon heute fehlen bundesweit [rund 5.000 Hausärztinnen und Hausärzte](https://www.kbv.de/presse/pressemitteilungen/2026/kritischer-trend-setzt-sich-fort-mehr-aerzte-und-trotzdem-weniger-zeit?ref=jacobin.de). Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bedeutet das jetzt bereits volle Wartezimmer mit langen Wartezeiten. 

> »Wenn sich die Menschen in diesem Land Merz' Auffassung nach zu oft krank melden, dann erschwert man es ihnen einfach, sich krank zu melden.«

Dennoch verkündete Kanzler Merz nach dem Koalitionsausschuss Anfang Juli: [»Die Zahl der Krankentage in Deutschland ist zu hoch.«](https://www.aerzteblatt.de/news/koalitionsausschuss-abschaffung-der-telefon-au-und-krankschreibung-ab-erstem-tag-geplant-80e01212-d746-4679-8376-da1a4330b629?ref=jacobin.de) Darauf folgte eine kaum nachvollziehbare Schlussfolgerung. Statt zu verkünden, er wolle in Prävention und Gesundheit investieren und die Infrastruktur der hausärztlichen Versorgung stärken, hatte der Bundeskanzler eine andere Idee: Wenn sich die Menschen in diesem Land seiner Auffassung nach zu oft krank melden, dann erschwert man es ihnen einfach, sich krank zu melden. Das ist eine ziemlich plumpe und kurzsichtige Logik.

Wie bei anderen sozial- und gesundheitspolitischen Vorhaben dieser Regierung scheint die Devise zu sein: deckeln statt investieren, Verwaltung verkomplizieren statt Gesundheit stärken und der eigenen Bevölkerung misstrauen statt vertrauen. Konkret lautet der Vorschlag, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu fordern und die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. 

## Evidenzfreie Symbolpolitik

Die Annahme ist wohl, Beschäftigte würden sich bei Erkältungen die Mühe einer Krankschreibung sparen und stattdessen zur Arbeit gehen. In den Wintermonaten wird das jedoch eher zu überfüllten Wartezimmern führen, in die eigentlich niemand mehr einen Fuß setzen möchte. 

Die [Kassenärztliche Bundesvereinigung schätzt, dass 30 Millionen zusätzliche Praxisbesuche](https://www.aerzteblatt.de/news/attest-ab-dem-ersten-tag-vertragsarzte-rechnen-mit-30-millionen-zusatzlichen-arztbesuchen-b56d4e09-eadc-45c8-93a1-0ff12a51aa6c?ref=jacobin.de) aufkommen werden. Umgerechnet auf die [knapp 56.000 Hausärztinnen und Hausärzte in Deutschland](https://www.kbv.de/presse/pressemitteilungen/2026/kritischer-trend-setzt-sich-fort-mehr-aerzte-und-trotzdem-weniger-zeit?ref=jacobin.de) entspräche das fast vier zusätzlichen Arbeitstagen pro Praxis und Jahr. Dieser Durchschnittswert ist allerdings nur eine grobe Orientierungsgröße, die die tatsächliche Belastung eher unterschätzt, da sich unbesetzte Praxen und Regionen mit Ärztemangel die Mehrarbeit nicht gleichmäßig aufteilen können.

Besonders unterversorgte Regionen werden also zusätzlich stärker belastet statt entlastet. Hier wird also tatsächlich eine Produktivitätssteigerung bei Hausärztinnen und Hausärzten notwendig – nur eben keine, die zu den wirtschaftlichen Erträgen führt, die sich Merz so dringend erhofft. Arztpraxen werden mit einem bürokratischen Aufwand überhäuft, der rückwärtsgewandt ist und in einer demografisch alternden Gesellschaft die letzten Kapazitäten sprengt. 

Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband wirft der Koalition vor, mit der Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag »[ohne jegliche Evidenz](https://de.euronews.com/my-europe/2026/07/03/aufschrei-hausarzte-merz-regeln-krankschreibung?ref=jacobin.de)« zu handeln und die »[komplette Überlastung unserer Praxen billigend in Kauf](https://de.euronews.com/my-europe/2026/07/03/aufschrei-hausarzte-merz-regeln-krankschreibung?ref=jacobin.de)« zu nehmen. Die AOK-Chefin Carola Reimann bezeichnete den Vorschlag, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, als »[Symbolpolitik](https://www.aerzteblatt.de/news/koalitionsausschuss-abschaffung-der-telefon-au-und-krankschreibung-ab-erstem-tag-geplant-80e01212-d746-4679-8376-da1a4330b629?ref=jacobin.de)«, denn diese macht [nur etwa 1 Prozent aller Krankschreibungen](https://www.zi.de/detailansicht/zi-analyse-krankschreibungen-per-telefon-und-video-nicht-ursaechlich-fuer-deutlichen-anstieg-der-arbeitsunfaehigkeitsfaelle-erhoehte-erfassungsrate-seit-einfuehrung-der-eau-sowie-hohe-infektionswellen-massgeblich-fuer-gestiegene-meldezahlen?ref=jacobin.de) aus. Bislang ist auch [kein Missbrauch nachweisbar](https://www.aerzteblatt.de/news/koalitionsausschuss-abschaffung-der-telefon-au-und-krankschreibung-ab-erstem-tag-geplant-80e01212-d746-4679-8376-da1a4330b629?ref=jacobin.de).

> »Erkältete sind in den ersten Tagen am ansteckendsten – mit der höchsten Viruslast im Krankheitsverlauf – und wären genau dann durch die neue Attestpflicht gezwungen, in die Praxis zu kommen.«

Tatsächlich ist der Krankenstand statistisch in den vergangenen Jahren gestiegen. [2019 lag er noch bei rund fünfzehn Tagen, 2022 dann bei etwa zwanzig Tagen](https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/krankschreibung-schwarz-rote-koalition-reform-aerzte-attest-arbeitsunfaehigkeitsbescheinigung-100.html?ref=jacobin.de). Der [Grund hierfür liegt jedoch vor allem in der Erfassung,](https://www.zi.de/detailansicht/zi-analyse-krankschreibungen-per-telefon-und-video-nicht-ursaechlich-fuer-deutlichen-anstieg-der-arbeitsunfaehigkeitsfaelle-erhoehte-erfassungsrate-seit-einfuehrung-der-eau-sowie-hohe-infektionswellen-massgeblich-fuer-gestiegene-meldezahlen?ref=jacobin.de) denn vor Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung 2022 wurden kurze Krankschreibungen von Versicherten oft gar nicht an die Krankenkassen gemeldet. Bei Atemwegserkrankungen, einem der Haupttreiber des Anstiegs, schätzt das [IGES-Institut im Auftrag der DAK-Gesundheit](https://www.dak.de/presse/bundesthemen/politik-unternehmensnachrichten/dak-analyse-zeigt-ursachen-fuer-rekordkrankenstand-%5F88050?ref=jacobin.de), dass [rund 60 Prozent allein auf diesen Meldeeffekt zurückzuführen](https://www.dak.de/presse/bundesthemen/politik-unternehmensnachrichten/dak-analyse-zeigt-ursachen-fuer-rekordkrankenstand-%5F88050?ref=jacobin.de) sind und nicht auf eine echte Zunahme von Krankheit. So hält Merz’ Interpretation eines »[exorbitant gewordenen](https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id%5F101325924/krankschreibung-ab-tag-eins-attestpflicht-plan-wackelt-jetzt-schon.html?ref=jacobin.de)« Krankenstands einer genaueren Betrachtung nicht stand.

Mit dem im Juli beschlossenen [GKV-Spargesetz](https://jacobin.de/gvk-reform-krankenversicherung-merz/) werden die ambulanten Versorgungsstrukturen maßgeblich geschwächt, denn wer die ambulante medizinische Infrastruktur ausbauen möchte, sollte sie vermutlich nicht kaputtsparen. Auf genau diese ohnehin geschwächten Strukturen trifft nun auch noch diese »Krankschreibungsreform«.

Durch die Schwächung der ambulanten Strukturen und volle Wartezimmer ist anzunehmen, dass auch Notaufnahmen und damit letztlich Krankenhäuser zusätzlich belastet werden: Vulnerable Gruppen, also beispielsweise immungeschwächte Menschen und Menschen mit chronischen Erkrankungen, werden sich vermutlich seltener in überfüllte Wartezimmer trauen. Das könnte dazu führen, dass sich ihre Erkrankungen verschlechtern und sie hospitalisiert werden müssen. 

Oder sie trauen sich trotzdem in die überfüllten Wartezimmer, wo sie auf frisch Erkältete treffen könnten. Diese sind in den ersten Tagen am ansteckendsten – mit der höchsten Viruslast im Krankheitsverlauf – und wären genau dann durch die neue Attestpflicht gezwungen, in die Praxis zu kommen, statt sich ein paar Tage auszukurieren. Beispielsweise kann eine Erkältung bei einer Person mit chronischer Lungenerkrankung deutlich gravierender verlaufen und ebenfalls zu einer Hospitalisierung führen. 

All das bringt wiederum eine stärkere Belastung für Patientinnen und Patienten und die Gesundheitsberufe mit sich – mal wieder. Die Regierung handelt damit genau konträr zu ihren eigenen erklärten Zielen der [Entbürokratisierung](https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Downloads/2026-07-02-ergebnisse-des-koalitionsausschusses.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=5&ref=jacobin.de) und [Ambulantisierung](https://www.aerzteblatt.de/news/warken-ambulanter-bereich-ist-ruckgrat-des-systems-4bbe9528-b327-4b27-856a-e01c89270f09?ref=jacobin.de).

## **Vertrauen ist besser**

Produktivität wird sich nicht durch Zwang gegenüber Beschäftigten herstellen lassen: In Griechenland melden sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer [im europäischen Vergleich am seltensten krank](https://www.iges.com/ergebnisse/projekte/2025/oecd-daten-zum-krankenstand/index%5Fger.html?ref=jacobin.de) und trotzdem bildet [Griechenland das Schlusslicht in Sachen wirtschaftlicher Produktivität](https://economy-finance.ec.europa.eu/economic-surveillance-eu-member-states/country-pages-including-country-reports/country-report-greece%5Fen?ref=jacobin.de). Weiterhin wurde in Schweden 1993 mit dem Karenztag eine konkrete Zwangsmaßnahme eingeführt, also ein unbezahlter erster Krankheitstag ohne Lohnfortzahlung, um Krankschreibungen weniger attraktiv zu machen. [Eine Studie unter Beschäftigten der schwedischen Post](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11680767/?ref=jacobin.de) zeigte nach Einführung des Karenztags 1993 einen Rückgang der Krankmeldungshäufigkeit, aber eine längere durchschnittliche Krankschreibungsdauer.

Produktivität hängt eben ohnehin nicht allein von Krankmeldungen oder Arbeitsstunden ab, sondern maßgeblich auch vom Automatisierungsgrad, der Infrastruktur und der Effizienz, mit der gearbeitet wird – also davon, wie schnell und gründlich Aufgaben erledigt werden. Diese Effizienz hängt eng mit der [Motivation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zusammen, und Motivation wiederum eng mit ihrem Wohlbefinden](https://blogs.lse.ac.uk/businessreview/2019/07/15/happy-employees-and-their-impact-on-firm-performance/?ref=jacobin.de). Beides wird durch eine Reform, die Beschäftigte unter Generalverdacht stellt, wohl kaum gestärkt.

> »Der Kurs der Merz-Regierung trifft vor allem Alte, Kranke und Arme – also Menschen, die rechtmäßig auf die solidarische Hilfe der Gesellschaft angewiesen sind und die geringste Verhandlungsmacht haben.«

Selbst das offizielle Beratergremium der Bundesregierung, der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, nennt in seinem [aktuellen Jahresgutachten](https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/jg202526/JG202526%5FGesamtausgabe.pdf?ref=jacobin.de) Strukturwandel, geopolitische Veränderungen und demografischen Wandel als Ursachen der deutschen Wachstumsschwäche. Der deutsche Krankenstand taucht in dieser Analyse nicht auf. Es ist davon auszugehen, dass durch den verminderten Zugang zu psychologischer und medizinischer Versorgung infolge der jüngsten Reformen die [Krankenstände womöglich sogar steigen](https://www.uni-wh.de/krankschreibung-ab-dem-ersten-tag-hilft-das-wirklich?ref=jacobin.de).

Der autoritäre und unüberlegte Kurs der Merz-Regierung trifft vor allem Alte, Kranke und Arme – also Menschen, die rechtmäßig auf die solidarische Hilfe der Gesellschaft angewiesen sind und die geringste Verhandlungsmacht haben. Statt ihnen zu helfen, werden sie unter Verdacht gestellt, stärker kontrolliert und Leistungen rationiert. In dieser Legislatur ist der Schutz der vulnerablen Gruppen, der während der COVID-19-Pandemie kurzzeitig Konjunktur hatte, in weite Ferne gerückt. Zunehmend regiert das Recht des Stärkeren, und wer nicht zu den Stärkeren gehört, wird zum Kostenfaktor gemacht.