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# Venezuela fällt zurück in den Kolonialismus
- URL: https://jacobin.de/venezuela-usa-oel-trump-chavez-maduro-imperialismus/
- Published: 2026-09-08T11:10:27.000Z
- Updated: 2026-09-08T11:10:27.000Z
- Description: Donald Trumps Abkommen mit der venezolanischen Führung überträgt den USA die Kontrolle über das Öl des lateinamerikanischen Landes. Es markiert das Ende des venezolanischen Sozialvertrags, nach dem die Ölförderung eigentlich gemeinschaftlichen ökonomischen Zielen dienen sollte.
- Author: Logan McMillen
- Tags: Lateinamerika, Politik, Imperialismus, #Feature1

Am vorletzten Wochenende verkündete US-Präsident Donald Trump per [*Truth Social*\-Post](https://truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/117175567133618952?ref=jacobin.de), er habe den »größten [Öl-Deal](https://www.axios.com/2026/08/29/trump-venezuela-oil-deal?ref=jacobin.de) der Weltgeschichte« abgeschlossen. Im Rahmen dessen werden die USA die teilweise Kontrolle über die gewaltige Menge von 65 Milliarden Barrel venezolanischen Öls übernehmen. Die derzeitigen US-Reserven würden sich damit mehr als verdoppeln.

Außenminister Marco Rubio, der das Abkommen mit der venezolanischen Interimspräsidentin Delcy Rodríguez ausgehandelt hatte, [lobte](https://x.com/SecRubio/status/2093472965404860812?ref=jacobin.de) die Vereinbarung als »einen großen Erfolg sowohl für das amerikanische als auch für das venezolanische Volk«. Es gebe die vielversprechende Aussicht auf »nahezu hundert Milliarden Dollar an privaten Investitionen« für Venezuela und die Schaffung von »Tausenden hochbezahlten Arbeitsplätzen«.

Details des Abkommens waren bereits am Donnerstagnachmittag durchgesickert. Laut diversen Quellen werde es einen hundertjährigen [Pachtvertrag](https://venezuelanalysis.com/news/trump-biggest-oil-deal-100-year-lease-of-venezuelan-oil-reserves/?ref=jacobin.de) für 17 Ölfelder geben – darunter unerschlossene Vorkommen an Schweröl im Orinoco-Gürtel sowie bereits erschlossene Vorkommen an Leichtöl am Maracaibo-See. Zusätzlich zur Bekanntgabe des Abkommens gab es Gerüchte, Venezuela könne möglicherweise aus der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) [austreten](https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-08-27/venezuela-weighs-opec-exit-after-decades-as-it-deepens-us-ties?ref=jacobin.de).

Die Reaktionen auf das Abkommen ließen nicht lange auf sich warten. Establishment-Vertreter sowohl [neokonservativer](https://en.cibercuba.com/noticias/2026-08-30-u1-e199894-s27061-nid339086-congresista-carlos-gimenez-nadie-engane-quien?ref=jacobin.de) als auch [liberaler](https://www.pbs.org/newshour/politics/what-we-know-about-trumps-deal-giving-u-s-access-to-vast-oil-reserves-in-venezuela?ref=jacobin.de) Ausrichtung waren sich in ihrer Ungläubigkeit und ihrer Empörung über Rubios derart langfristiges Abkommen mit Delcy einig. Linke aller Strömungen in den Vereinigten Staaten lehnten das Abkommen ebenfalls größtenteils ab, da es eindeutig imperiale Absichten verfolge und das Vermächtnis von Hugo Chávez in den Schmutz ziehe. Das *Wall Street Journal* [verglich](https://www.wsj.com/opinion/trump-takes-the-oil-in-venezuela-f3e584f3?msockid=12da5907b24762db0e614e9eb3d1637a&ref=jacobin.de) das Abkommen mit Deals aus *Der Pate*, und Energie- sowie Wirtschaftsexperten zeigten sich skeptisch angesichts der potenziellen Auswirkungen auf die Märkte. Sie wiesen (zu Recht) darauf hin, die Details seien bestenfalls undurchsichtig. Zur Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung trug sicherlich auch nicht bei, dass Berichte auftauchten, wonach der venezolanische Öl-Oligarch [Alejandro Betancourt](https://www.nytimes.com/2026/08/29/business/energy-environment/venezuela-alejandro-betancourt-oil-trump.html?ref=jacobin.de) im Rahmen des Abkommens für den zukünftigen Geschäftsbetrieb verantwortlich sein soll.

> »Innerhalb Venezuelas hat das Abkommen zu einer politischen Entwicklung geführt, die vor einigen Monaten noch undenkbar gewesen wäre: Konservative sind sauer auf die Trump-Regierung.«

Am schockierendsten ist eine in der US-Geschichte beispiellose Klausel im Abkommen mit Venezuela: Demnach kann das sogenannte Office of Strategic Capital des Pentagons eine 35-prozentige [Beteiligung](https://www.wsws.org/en/articles/2026/08/31/dewp-a31.html?ref=jacobin.de) an dem neu gegründeten privaten Förderunternehmen erwerben, verknüpft mit dem Recht, 20 Prozent der Fördermenge zum Selbstkostenpreis zu kaufen.

Die Hardliner in Miami, dem ideologischen Zentrum der US-Außenpolitik gegenüber Venezuela, wussten offenbar nicht, was sie davon halten sollten: Jahrelang hatten sie sich für eine Politik des »maximalen Drucks« eingesetzt, in der Erwartung, dass der Zusammenbruch der venezolanischen Regierung den Weg für die Exillobby in den USA ebnen würde, die folgende Privatisierung des Landes zu bestimmen und zu verwalten. Stattdessen umging Rubio (der wohl mächtigste Miami-Hardliner) sie vollständig. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang ein [Vorfall](https://nypost.com/2026/08/29/us-news/maria-elvira-salazar-backtracks-on-trumps-venezuela-oil-deal-after-blasting-pact-on-x/?ref=jacobin.de) auf Twitter/X: Dort löschte die Kongressabgeordnete Maria Elvira Salazar ihre ursprünglich ablehnende Reaktion auf das Abkommen und ersetzte den Post durch eine geradezu begeisterte Einschätzung.

Am Samstagabend erläuterte Delcy Rodríguez in einer kurzen Fernsehansprache die Einzelheiten des Abkommens. Sie hob dessen »[unermessliche Vorteile](https://www.theguardian.com/world/2026/aug/30/venezuela-delcy-rodriguez-says-oil-deal-with-trump-has-endless-benefits?ref=jacobin.de#:~:text=%E2%80%9CThe%20benefits%20are%20endless%2C%E2%80%9D%20claimed%20Rodr%C3%ADguez%2C%20a,the%20biggest%20oil%20reserves%20in%20the%20world.)« für die Venezolanerinnen und Venezolaner hervor und bekräftigte dabei die Kernprämisse ihrer Präsidentschaft, die venezolanische Regierung sei – trotz aller gegenteiligen Anzeichen – weiterhin souverän. Rodríguez sprach dabei einen Pachtvertrag mit einer Laufzeit von 25 Jahren an (was früheren Berichten über eine angeblich hundertjährige Konzession widerspricht). Ihre Berechnung der Lizenzgebühren basierte zudem auf einem Basispreis von 65 Dollar pro Barrel Öl, was nach Ansicht einiger Beobachter eine erhebliche Unterbewertung darstellt. Anstatt Klarheit zu schaffen, verstärkte ihre Ansprache die Verwirrung rund um das Abkommen somit nur noch weiter.

»Wir verfügen über keinerlei schriftliche Dokumente«, kommentiert der Politökonom Antulio Rosales. »Wir haben Beiträge auf *Truth Social* und eine fünfminütige Rede von Delcy Rodríguez. Das ist eine Meisterleistung autoritärer Regierungsführung: es mangelt an Transparenz, es mangelt an politischer Legitimität, und das Ganze wurde weder im venezolanischen Parlament noch im US-Kongress debattiert.«

Innerhalb Venezuelas hat das Abkommen zu einer politischen Entwicklung geführt, die vor einigen Monaten noch undenkbar gewesen wäre: Konservative sind sauer auf die Trump-Regierung. »Dieses Abkommen verärgert Rechte, die davon ausgegangen waren, dass sie eine Vermittlerrolle bei der zukünftigen Ressourcenverwaltung spielen würden«, erklärt der Historiker Miguel Tinker Salas. »Nun spielen sie absolut keine Rolle mehr.«

Dies führe zu einem gewissen Konsens in diesem Land, das weithin als politisch dysfunktional und polarisiert wahrgenommen wird. »In Venezuela herrscht sowohl bei der Rechten als auch bei der Linken größte Empörung. Beide Seiten haben das Gefühl, dass das Land ausverkauft wird«, so Tinker Salas. »Ironischerweise hat dieses Gefühl sie geeint.«

## Venezuelas Öl-Nationalismus

Zu Beginn des 20\. Jahrhunderts gewährte der venezolanische Diktator Juan Vicente Gómez ausländischen Ölkonzernen weitreichende Konzessionen zu niedrigen Pachtzinsen, um sich internationale Unterstützung für sein autokratisches Regime zu sichern. Miguel Tinker Salas zieht eine direkte Parallele zwischen Trumps Abkommen und dieser Ära: »Der von Trump angekündigte Vertrag versetzt uns zurück in die Zeit, als Öl erstmals entdeckt wurde. Eine Ära, in der Diktatoren wie Juan Vicente Gómez stellvertretend für das gesamte Land einschneidende Entscheidungen trafen.«

Ein weit verbreitetes Missverständnis bezüglich der Ressourcenpolitik Venezuelas – das von Washington und der internationalen Presse gerne aufrechterhalten wird – ist, dass der Ressourcen-Nationalismus eine ideologische Erfindung von Hugo Chávez gewesen sei. In Wirklichkeit entstand dieser Konsens über Jahrzehnte hinweg und ideologieübergreifend in breiten Teilen der Bevölkerung. »Der Ölnationalismus entwickelte sich ab dem frühen 20\. Jahrhundert und erreichte seinen Höhepunkt in den 1960er Jahren sowie bei der Verstaatlichung der Industrie in den 1970ern«, erklärt Rosales. »Im Mittelpunkt stand die Idee, dass man sowohl die Ressourcen unter der Erde (über Renten und Lizenzgebühren) als auch die Industrie über der Erde (durch eine monopolisierte Ölförderung durch ein staatliches Unternehmen) kontrollieren müsse.«

> »In Venezuela brodelt die Unzufriedenheit wie ein Vulkan. Öl stellt jetzt keine Hoffnung auf sozialen und politischen Wandel mehr dar.«

Von der Verabschiedung des *Ley de Hidrocarburos* im Jahr 1943 bis zur Verstaatlichung 1976 unter dem Sozialdemokraten Carlos Andrés Pérez sind die [Grundsätze](https://www.cfr.org/backgrounders/venezuela-crisis?ref=jacobin.de) der modernen venezolanischen Energiepolitik unverändert geblieben. Die Verfassung von 1999, das Gründungsdokument der Fünften Bolivarischen Republik, hat diese Politik dann lediglich kodifiziert. »Die venezolanische Verfassung ist eindeutig: Das Öl gehört dem venezolanischen Volk«, betont Tinker Salas. Das jüngste Abkommen verstoße somit »gegen jeden normativen rechtlichen und politischen Prozess, den Venezuela in den vergangenen 70 Jahren durchlaufen hat«.

Das erklärt auch, warum die Reaktionen auf das Abkommen über das gesamte politische Spektrum hinweg so einheitlich negativ ausgefallen sind. Seit Jahren warnt die regierende Partido Socialista Unido de Venezuela (PSUV), rechtsgerichtete Oppositionspolitiker wie María Corina Machado (MCM) würden, sollten sie an die Macht kommen, einen Ausverkauf der venezolanischen Ölreserven an die USA durchziehen. »Viele Venezolaner befürchteten lange, dass MCM zurückkehren und genau einem solchen Abkommen zustimmen würde, wie es Delcy nun unterzeichnet hat«, so Tinker Salas. »In Venezuela brodelt die Unzufriedenheit wie ein Vulkan«, warnt er. »Öl stellt jetzt keine Hoffnung auf sozialen und politischen Wandel mehr dar.«

Im Zuge der Ankündigung ist in lateinamerikanischen sozialen Medien eine kleine, aber bemerkenswerte politische Debatte entstanden. Demnach markiere das Abkommen das Ende der Fünften Republik. Der Gesellschaftsvertrag, der das moderne Venezuela bislang geprägt hat – das Versprechen, dass Öleinnahmen und -produktion als Motor für nationale Entwicklung und soziale Umverteilung dienen würden –, sei grundlegend gebrochen worden.

## Krumme Dinger

Klar ist, dass der Öl-Deal über sogenannte »Verträge über Produktionsbeteiligung« geregelt wird – ein neues, undurchsichtiges Rahmenwerk für Konzessionen, bei dem private, von den USA unterstützte Unternehmen die vollständige operative Kontrolle übernehmen. Wie Ricardo Vaz, Redakteur bei *Venezuelanalysis*, erläutert, entzieht diese Regelung der staatlichen Ölgesellschaft Petróleos de Venezuela ihre Kernfunktion: »Dadurch werden erstklassige und vielversprechende Ölfelder einfach abgegeben. So wird der Status Venezuelas als reiner Eigentümer von Ölressourcen – im Gegensatz zu einem eigenständigen Ölproduzenten – weiter gefestigt.«

Die Regierungspartei PSUV unternimmt alles in ihrer Macht Stehende, um dieser Einschätzung zu widersprechen: »Delcy versucht zu vermitteln, dass ihr Abkommen mit den Grundsätzen des Ölnationalismus vereinbar ist. Die Mindestrente von 16 Prozent ist dabei ein wichtiges Detail«, erklärt Rosales. »Das ist das absolute Minimum, das ein Ölnationalist als ausreichend erachten kann. Diese Zahl steht symbolisch für einen langen Kampf gegen Autokraten wie den Despoten Juan Vicente Gómez, der damals Konzessionen unterhalb dieser Schwelle vergab.«

Tatsächlich stimmt es, dass das jüngste Abkommen unter den bis [Januar 2026](https://www.asambleanacional.gob.ve/noticias/reforma-de-ley-de-hidrocarburos-incorpora-los-contratos-de-participacion-productiva?ref=jacobin.de) geltenden verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen wohl nicht möglich gewesen wäre, doch der Weg zum Deal war bereits durch vorherige, interne Umstrukturierungen des Staatsapparats geebnet worden. »Die derzeitige Dynamik im Ölsektor ist eine anhaltende Krise, deren Wurzeln in Misswirtschaft, Korruption und der Misere der venezolanischen Wirtschaft liegen – wodurch viele venezolanische Ölarbeiter aus dem Land vertrieben wurden – sowie in den langjährigen US-Sanktionen«, erläutert Rosales. Die Sanktionen seien von entscheidender Bedeutung, da sie ausländische Investitionen in Venezuela verhindern und zur Verabschiedung des sogenannten [Anti-Blockadegesetzes](https://observatorio.gob.ve/ley-antibloqueo/?ref=jacobin.de) von 2020 führten, in dem die besagten Beteiligungsverträge erstmals konzipiert wurden.

> »Eine weitere tragische Folge des Abkommens liegt in seinen Auswirkungen auf die Umwelt und die zukünftige Entwicklung sowohl der Vereinigten Staaten als auch Venezuelas. Schließlich bindet es beide Länder an die fossile Ölwirtschaft.«

Um ausländische Investitionen zu erleichtern, entzog die venezolanische Regierung der Legislative ihre Kontrollfunktion und übertrug die Genehmigungs- und Regulierungskompetenz damals auf die Exekutive. Während die Trump-Regierung im Namen US-amerikanischer Unternehmen zwar weitere Änderungen forderte, waren die internen Weichen somit bereits gestellt, wie auch Rosales anmerkt: »Es wäre ein Irrtum zu behaupten, diese Entwicklung sei ausschließlich von den Vereinigten Staaten gewünscht. Auch die venezolanische politische Elite wollte den Machtschwerpunkt bei Genehmigung, Aufsicht und Kontrolle vom Parlament auf die Exekutive verlagern. Sie gab grünes Licht für einen autoritäreren Ansatz bei der Verwaltung der Ölressourcen.«

Vaz fügt hinzu: »Ich würde es nicht unbedingt als ›Öl-Deal‹ bezeichnen, da dies eine Beziehung zwischen Gleichberechtigten suggeriert \[…\] Was wir derzeit – unter äußerst undurchsichtigen Bedingungen – beobachten können, ist ein venezolanischer Energiesektor, der vollständig den Interessen der USA untergeordnet ist. Die venezolanischen Öleinnahmen stehen derzeit unter der faktischen Kontrolle des Weißen Hauses. Die Gelder werden auf ein Konto des US-Finanzministeriums eingezahlt, bevor US-Beamte über den Zeitpunkt und die Höhe der Rückzahlungen an Caracas entscheiden.«

Eine weitere tragische Folge des Abkommens liegt in seinen Auswirkungen auf die Umwelt und die zukünftige Entwicklung sowohl der Vereinigten Staaten als auch Venezuelas. Schließlich bindet es beide Länder an die fossile Ölwirtschaft – und das genau in dem Moment, in dem beide Staaten eigentlich intensiv in erneuerbare Alternativen investieren müssten. »Venezuela stand an der Spitze des Aufstiegs der Kohlenwasserstoffindustrie. Nun steht es an der Spitze ihres Niedergangs, allerdings diesmal ohne die Zustimmung der venezolanischen Gesellschaft«, meint Rosales. »Die Vereinigten Staaten und Venezuela sind untrennbar miteinander verbunden. Und sie sind untrennbar mit der fossilen Brennstoffindustrie verbunden – in einer Welt, die dringend grüne Energiealternativen benötigt \[…\] Die Diversifizierung der Energieversorgung ist das Einzige, was für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft Sinn ergibt, aber beide Länder kehren ihr den Rücken zu.«

## Privatisierung gegen alle Interessen

In Venezuela selbst gibt es Kritik an der Umgestaltung der Bolivarischen Revolution, nicht nur von Seiten sozialer Bewegungen, sondern teilweise auch innerhalb der Regierung. »Bislang haben wir eine bemerkenswerte \[Partei-\]Disziplin beobachtet, obwohl sich das Projekt deutlich von seinen Kernprinzipien abwendet«, erklärt Vaz. »Seitens der Nationalversammlung gab es keinerlei Widerspruch bei der Verabschiedung neuer Gesetze, die die unter Chávez erzielten Fortschritte zunichtemachen.«

In den vergangenen Monaten sei immer deutlicher geworden, dass die Abkehr der PSUV von ihren lang gehegten internationalistischen Prinzipien Teil eines verzweifelten Versuchs ist, das Überleben des Regimes zu sichern. »Man darf das nicht beschönigen. Derzeit ist Venezuela sowohl in seiner Innen- als auch in seiner Außenpolitik vollständig den Interessen der USA untergeordnet«, sagt Vaz. »Einfach ausgedrückt: Rodríguez und die Führung sind zu dem Schluss gekommen, dass ihre beste Chance, an der Macht zu bleiben, darin besteht, Trumps Agenda voll und ganz umzusetzen.«

Dieser von der Parteispitze verordnete Konsens hat es allerdings nicht geschafft, die Unzufriedenheit vollständig zu unterdrücken. Prominente Persönlichkeiten, darunter der Ex-Vizepräsident [Elías Jaua](https://www.eltiempo.com/mundo/venezuela/del-yankee-go-home-al-pacto-petrolero-con-estados-unidos-los-momentos-de-delcy-rodriguez-y-diosdado-cabello-tras-captura-de-nicolas-maduro-3582390?ref=jacobin.de), haben das Abkommen offen kritisiert und gemeinsam mit der Antiimperialistischen Volksfront sowie nicht-chavistischen linken Organisationen dazu aufgerufen, die nationale Souveränität wiederherzustellen.

> »Aus der Reaktion der venezolanischen Opposition spricht absolute Ungläubigkeit. Ihre Illusionen darüber, welche Rolle das US-Imperium ihrer Meinung nach in Venezuela spielen müsse, sind zerbrochen.«

Bislang ist es der venezolanischen Regierung gelungen, eine breitere Revolte zu verhindern beziehungsweise einzudämmen. »Was die Volksbewegungen innerhalb des Chavismus betrifft, so haben sich die meisten von ihnen leider entweder zurückgehalten oder Rodríguez eine vage, unkritische Unterstützung zugesagt«, stellt Vaz fest.

Doch da sich die Lebensbedingungen aufgrund stagnierender Löhne, stark ausgedünnter Sozialleistungen, mangelhafter Katastrophenhilfe und chronischer Stromausfälle weiter verschlechtern, dürfte dieses Patronagemodell zunehmend unter finanziellen Druck geraten. »Insgesamt gehe ich davon aus, dass große Deals wie dieser letztendlich in den Umschuldungsprozess einbezogen werden«, warnt Vaz. »Wie wir alle wissen, ist die Verschuldung das wichtigste Instrument, um die Länder des Globalen Südens in Abhängigkeit und Unterentwicklung zu halten.«

»Aus linker Perspektive gibt es sicherlich viele notwendige Diskussionen darüber, an welchen Stellen die Bolivarische Revolution einen anderen Weg hätte einschlagen können, um die von ihr erkämpften Errungenschaften unumkehrbar zu machen«, so Vaz weiter. »Ich denke, \[die Bolivarische Revolution\] war ein konkreter Weg in Richtung Sozialismus, der unter imperialistischem Druck und imperialistischer Aggression schrittweise und letztendlich vollständig aufgegeben wurde.«

Noch größer ist die Fassungslosigkeit allerdings bei der gemäßigten Rechten Venezuelas. Jahrelang betrachtete die den USA nahestehende Opposition eine zukünftige Privatisierung als ihre exklusive politische Domäne. »Für die Opposition in der venezolanischen Gesellschaft ist es ein großer Schock, weil diese Vorgänge in ihren Augen etwas waren, das eigentlich nur sie umsetzen konnten und sollten«, erklärt Rosales. Die Konservativen hätten ihre Handlungsfähigkeit »an ein fremdes Land abgetreten, in der Annahme, ihre politische Macht würde ihnen dabei zurückgegeben werden«. Stattdessen erkennen sie nun, dass der Bedarf des US-Imperiums an Ressourcen stets Vorrang vor seinen rhetorischen Bekenntnissen zur liberalen Demokratie haben wird.

»Aus der Reaktion der venezolanischen Opposition spricht absolute Ungläubigkeit. Ihre Illusionen darüber, welche Rolle das US-Imperium ihrer Meinung nach in Venezuela spielen müsse, sind zerbrochen«, erklärt Vaz. »In ihrer Weltanschauung war es nur natürlich, dass Venezuela in die Interessen der USA eingebunden wird, aber sie hatten nicht mit einem solchen Ausmaß gerechnet.«

## Neokolonialismus 2.0

Das Abkommen hat die leeren Höflichkeitsfloskeln der US-Außenpolitik entlarvt. Jahrzehntelang war es neoliberaler Konsens, dass der Kalte Krieg für Amerika vorbei sei und das Engagement der USA in der westlichen Hemisphäre von ihrem Bekenntnis zu Menschenrechten, regelbasierten Märkten und einer Förderung der Demokratie getragen werde. Doch durch die faktische Beschlagnahmung von 65 Milliarden Barrel Öl im Rahmen eines bei Linken wie Rechten verhassten Hinterzimmer-Deals mit einer autoritären Präsidentin, haben Trump und Rubio den Venezolanerinnen und Venezolanern – sowohl im Inland als auch in der Diaspora – jegliche verbleibenden Illusionen über das US-Imperium genommen.

Offensichtlich betrachtet die Trump-Regierung ihren Deal als diplomatischen und wirtschaftspolitischen Triumph. »Venezuela war zweifellos ein früher Erfolg für die sogenannte ›Donroe-Doktrin‹«, bemerkt Vaz. »Trump ist es gelungen, das Völkerrecht mit Füßen zu treten. Nun verfügt er über ein mächtiges Druckmittel für die Energiesicherheit, einen Markt für den Export US-amerikanischer Produkte \[…\] und einen gefügigen Verbündeten in internationalen Fragen. Außerdem hat er es geschafft, dass geopolitische Rivalen – China, der Iran und Russland –, die in Venezuela ihren bedeutendsten Partner in der westlichen Hemisphäre hatten, ein Stück weit aus der Region verdrängt wurden.«

Dennoch ist der weitere Weg für die Vereinigten Staaten voller Unwägbarkeiten. In der Nacht, in der Nicolás Maduro von US-Streitkräften gefangen genommen wurde, waren Trump und Rubio ebenso wie Pete Hegseth zu sehr im Siegestaumel, um zu erkennen, dass sie einen neuen Status quo geschaffen hatten. Jedes weitere Versagen der venezolanischen Regierung wird fortan nicht mehr nur als eine abstrakte Folge von Misswirtschaft verstanden werden; es wird zumindest in Teilen auch Washington angelastet werden.

> »In Washington geht man davon aus, dass eine derart bedrängte venezolanische Bevölkerung ein Jahrhundert der Demütigung stillschweigend als Preis für das Überleben ihres Staates ertragen wird.«

Wenn sozialstaatliche Leistungen abgebaut werden, um die Gewinne ausländischer Akteure zu sichern, wenn der Staat nach verheerenden Erdbeben keine Hilfe leistet, wenn das nationale Stromnetz zusammenbricht und Millionen Menschen im Dunklen sitzen, wenn die heimische Wirtschaft durch Lebensmittelimporte und Niedriglöhne geschwächt wird, wird die venezolanische Öffentlichkeit zukünftig nicht mehr ausschließlich mit dem Finger auf die PSUV zeigen. Sie wird vielmehr auch auf die Konten des US-Finanzministeriums blicken, auf denen die Öleinnahmen treuhänderisch verwahrt werden, sowie auf die ausländischen Unternehmen, die unter Androhung militärischer Intervention den Reichtum Venezuelas und seiner Bevölkerung abschöpfen.

»Ob dies mittel- bis langfristig tragbar ist, ist eine schwierigere Frage«, meint Vaz. »Sicherlich wird eine Rückkehr zu neokolonialen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten nicht zu verbesserten Lebensbedingungen für die Mehrheit führen. Und die USA sowie die lokalen Eliten können die Lage mit einer Marionettenpräsidentin, mit Unterdrückung und Wahlbetrug nur bis zu einem gewissen Grad unter Kontrolle halten. Diese offene und unverhohlene neokoloniale Offensive wird zwangsläufig neue Wellen des lateinamerikanischen Nationalismus auslösen.«

In Washington geht man davon aus, dass eine derart bedrängte venezolanische Bevölkerung ein Jahrhundert der Demütigung stillschweigend als Preis für das Überleben ihres Staates ertragen wird. Doch solche Bedingungen lassen sich einem Volk, das – wenn auch nur kurz – die [Früchte](https://jacobin.com/2025/11/mamdani-chavez-torres-municipal-democracy-socialism?ref=jacobin.de) des Sozialismus gekostet hat, nicht dauerhaft auferlegen. Die zermürbenden täglichen Demütigungen durch Stromausfälle, galoppierende Inflation und Nahrungsmittelknappheit werden, wenn sie sich weiter verschärfen, den heutigen Vasallenstaat langsam aber sicher untergraben. Die hier geschaffenen Bedingungen sind der ideale Nährboden für Revolutionen.

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*Übersetzung von Tim Steins.*