25. Mai 2026
Die Mitgliederzahl der äthiopischen Gewerkschaften hat sich über die vergangenen zehn Jahre mehr als verdoppelt. Äthiopien und auch andere afrikanische Länder zeigen, dass die Gewerkschaftsbewegung global alles andere als im Niedergang begriffen ist.

Bauarbeiter in Axum.
Als die Generalversammlung des Äthiopischen Gewerkschaftsbundes (CETU) im Dezember 2025 zusammentrat, hatte die Mitgliederzahl der ihm angeschlossenen Gewerkschaften zum ersten Mal in der Geschichte Äthiopiens die Marke von einer Million Arbeiterinnen und Arbeitern überschritten. Sie sind in 2.653 Basisgewerkschaften organisiert.
Das ist ein bemerkenswertes Wachstum – insbesondere für eine Gewerkschaftsbewegung, deren Mitgliederzahlen sich von Mitte der 1980er bis Anfang der 2010er Jahre kaum verändert hatte und bei rund 300.000 Mitgliedern stagnierte.
Allein im vergangenen äthiopischen Kalenderjahr schlossen sich netto insgesamt 97.081 neue Mitglieder der Gewerkschaftsbewegung an; es wurden 274 neue Basisgewerkschaftsgruppen gegründet. Zeitgleich richtete der CETU fünf neue Zweigstellen in mehreren Regionen ein. Damit beläuft sich die Gesamtzahl nun auf zwölf; der Ausbau auf siebzehn im laufenden Jahr ist geplant.
»Die Entwicklung in Äthiopien steht der vereinfachenden, aber vorherrschenden Vorstellung eines weltweiten Niedergangs der Arbeiterbewegungen entgegen.«
Das beeindruckende Wachstum der Gewerkschaften in Äthiopien vollzieht sich vor dem Hintergrund wiederkehrender Arbeiterunruhen: 2025 kam es zu mehreren Streiks, unter anderem bei DHL-Beschäftigten und bei Mitarbeitenden eines Subunternehmers der Telekommunikationsfirma Safaricom.
Auch Beschäftigte im öffentlichen Gesundheitswesen im ganzen Land, die als Beamte gelten und daher kein Recht auf gewerkschaftliche Organisation haben, traten in einen bisher beispiellosen Streik. Theoretisch gesehen war es ein wilder Streik, der allerdings von der Ethiopian Health Professionals Association koordiniert wurde.
Die aktuelle Arbeitermobilisierung in Äthiopien ist die jüngste Phase eines Prozesses, der bis in die Mitte der 2010er Jahre zurückreicht. Zwar gab es schon früher gewisse Mobilisierungszyklen, doch rein quantitativ wurde in den vergangenen Jahren ein neues Niveau erreicht.
Diese Entwicklung stellt zwei weit verbreitete Ansichten infrage: Erstens die Annahme, dass ethnische Solidarität die einzige bedeutende Mobilisierungsachse im heutigen Äthiopien darstellt. Das eröffnet die Möglichkeit, das ethnienübergreifende Klassensolidarität wieder eine Grundlage werden kann, um das zerrissene gesellschaftliche Gefüge Äthiopiens zu kitten. Zweitens steht die Entwicklung in Äthiopien der vereinfachenden (um nicht zu sagen banalen), aber vorherrschenden Vorstellung eines weltweiten Niedergangs der Arbeiterbewegungen – die sich ohnehin auf eine selektive Auswahl von Fällen stützt – entgegen.
Dieses verallgemeinerte Niedergangsnarrativ wird hauptsächlich unter Bezugnahme auf Entwicklungen in Europa und in Siedlerkolonialgesellschaften untermauert. Beispielsweise muss man China mit seinen rund 400 Millionen gewerkschaftlich organisierten Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem Bild ausschließen, damit die These eines globalen Niedergangs der Gewerkschaften rein numerisch noch Sinn ergibt.
Um die aktuelle Phase der Arbeiterbewegung in Äthiopien zu verstehen, muss man sie in den Kontext der längeren Entwicklung und der vergangenen Phasen dieser Bewegung einordnen. Als sich die äthiopische Arbeiterbewegung Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre zu einer landesweiten Kraft entwickelte, geschah dies unter einer absoluten Monarchie, die über ein zentralistisches Reich herrschte, das sich aus zahlreichen Völkern und Nationalitäten zusammensetzte.
Die politisch-ökonomische Landschaft war geprägt von den Interessen der Großgrundbesitzer. Die Teile der lohnabhängigen Bevölkerung, denen die Gewerkschaftsbildung gestattet war, waren klein und die Organisierung beschränkte sich weitgehend auf urbane Zentren sowie Unternehmen in ausländischem Besitz. Großen Teilen der Arbeiterschaft, darunter Landarbeiterinnen, Beamten und Angestellten im Kleingewerbe, war dies gesetzlich untersagt. Dennoch hinderte die geringe Größe der Bewegung sie nicht daran, starke militante Züge zu entwickeln. Streiks waren keine Ausnahmeerscheinung.
1963 wurde der erste zentrale Gewerkschaftsverband Äthiopiens gegründet. Und sofort gab es Gegenwind: staatliche Repression (die die beliebte Führung des Verbandes im Jahr nach seiner Gründung zum Rücktritt zwang), ausländische Intervention (insbesondere durch das African American Labor Center aus den USA und den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften), bürokratische Konsolidierung an der Spitze und auch Druck von der Basis. In Reaktion auf diese angespannte Konstellation entstand in den 1960er und frühen 1970er Jahren eine zunehmend radikale Strömung, die innerhalb der Bewegung an Stärke gewann.
»Die Arbeiterbewegung forderte, die politische Macht an Vertreter des Volkes sowie die Kontrolle über die Arbeitsplätze an die Arbeiterinnen und Arbeiter selbst zu übergeben.«
1973 schien die radikale Opposition, die sich größtenteils aus jüngeren Gewerkschaftsaktivisten und Arbeiterinnen aus Addis Abeba und Eritrea zusammensetzte, endgültig die Oberhand zu erringen und die gemäßigtere Führung ernsthaft unter Druck zu setzen. In jenem Jahr eskalierten die Streikaktivitäten, die bereits in den 1960er Jahren ein ständiges Merkmal gewesen waren: Im März 1974 gipfelte diese Militanz in einem Generalstreik gegen den imperialen Staat. Dies steigerte das Ansehen der Bewegung und führte zu einem deutlichen Mitgliederanstieg. Während es 1973 noch rund 73.000 Gewerkschaftsmitglieder gegeben hatte, verdreifachte sich die Zahl und erreichte im folgenden Jahr 200.000.
Unterdessen gewann die Massenbewegung, die in der äthiopischen Revolution von 1974 gipfeln sollte, an Kraft. Im September war der Kaiser abgesetzt worden, und die nachfolgende Militärjunta (der Derg) hatte die Macht übernommen. Sie geriet sofort in Konflikt mit einer selbstbewussten und radikalisierten Arbeiterbewegung, die eine Position weit links vom Derg einnahm und forderte, dass diese die politische Macht an Vertreter des Volkes sowie die Kontrolle über die Arbeitsplätze an die Arbeiterinnen und Arbeiter selbst übergebe.
Nach eskalierenden Auseinandersetzungen mit dem Regime, darunter Generalstreiks im September 1974 und 1975, wurde der Gewerkschaftsverband verboten. Es folgten mehrere Jahre militanten Widerstands und Streiks, die auf der Basisebene von klandestinen Netzwerken organisiert wurden. Letztendlich wurde die radikale Arbeiterbewegung mit harscher Repression zerschlagen. 1977 gründete der Derg eine vollständig staatlich kontrollierte Gewerkschaftsorganisation. Anstatt die Arbeiterschaft zu vertreten, hatte diese die Aufgabe, sie zu kontrollieren – eine Aufgabe, die sie bis zum Ende der 1980er Jahre wirksam erfüllte.
Gegen Ende der 1980er Jahre kam es erneut zu Unruhen unter den Arbeiterinnen und Arbeitern, deren Reallöhne seit der Revolution von 1974 um mehr als die Hälfte zurückgegangen waren. Dieser Einbruch war kein Zufall: Zwar waren im Zuge der Revolution Teile der Landesfläche verstaatlicht sowie der Großgrundbesitz abgeschafft worden, doch der Wunsch nach verstärkter Profitsteigerung hatte negative Effekte auf die Löhne der Arbeiterschaft. So ergaben sich Umstände, die eine erneuten Militanz der Arbeiterbewegung begünstigten.
Dennoch begann die Arbeiterbewegung erst nach dem Sturz des Derg-Regimes und der Machtübernahme durch die Revolutionäre Demokratische Front des äthiopischen Volkes (EPRDF) im Jahr 1991 wieder ernsthaft aufzuleben. Auslöser für diese Wiederbelebung waren neue Säuberungsaktionen gegen Gewerkschaften und Repressionen gegen die Arbeiterschaft im Allgemeinen durch die neuen Machthaber sowie Fabrikschließungen und Massenentlassungen.
Im Gegensatz zum Derg gab die EPRDF gar nicht erst vor, die Arbeiterschaft zu vertreten. Sie sah sich vielmehr als Repräsentantin der unterdrückten Nationalitäten, verkörpert in einer idealisierten Darstellung der Bauernschaft. Die Weigerung der Arbeiterbewegung, sich der EPRDF und dem von ihr angestrebten föderalen Staat anzupassen – mit anderen Worten: sich entlang nationaler oder regionaler Linien statt landesweit nach Branchen zu organisieren –, vertiefte die feindselige Haltung des Regimes noch weiter.
Arbeiterinnen und Gewerkschaftsaktivisten vernetzten sich unterdessen in spontanen Konstellationen und versuchten, im neuen politischen Umfeld der EPRDF-Herrschaft Abwehrbarrieren gegen Eingriffe in Gewerkschafts- und Arbeiterrechte zu errichten. Diese Bemühungen gipfelten 1993 in der Gründung eines neuen, landesweiten Gewerkschaftsverbands: dem CETU.
Die Attacken der EPRDF auf die ohnehin prekäre Lage der Arbeiterschaft war von vornherein abzusehen, wurde jedoch durch zwei Entwicklungen verschärft. Erstens führte die Vereinbarung der Regierung mit dem Internationalen Währungsfonds über Kredite, die an sogenannte Strukturanpassungsmaßnahmen geknüpft waren, zu einer beschleunigten Umsetzung eines Programms der Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung.
Das erhöhte offensichtlich den Druck auf die Arbeiterinnen und Arbeiter. Zweitens äußerte der Gewerkschaftsbund CETU im September 1994 Bedenken hinsichtlich der Umsetzung des vom IWF unterstützten Programms und dessen Strukturanpassungsziele. Die EPRDF interpretierte dies als offenen Widerstand und machte sich daran, die Führung des CETU abzusetzen und eine ihr loyale Führung einzusetzen.
»Überrascht vom neuen Selbstbewusstsein der Gewerkschaften zog die Regierung den Arbeitsgesetz-Entwurf zurück. Er wurde später neu verhandelt und mit für die Arbeiterschaft deutlich besseren Bedingungen verabschiedet.«
Der 1997 neugegründete CETU wurde dementsprechend ein vollständig staatlich kontrollierter Gewerkschaftsbund, der nicht einmal gegen die eklatantesten Verletzungen von Gewerkschafts- und Arbeiterrechten protestierte. Im Laufe des folgenden Jahrzehnts wurde er von Arbeiterinnen und Arbeitern sowie von externen Beobachtern gleichermaßen als irrelevant bezeichnet und in der Presse verspottet, weil er nicht einmal den Anschein von Unabhängigkeit erweckte oder nennenswertes Interesse an der Verteidigung der Arbeiterrechte zeigte.
Als in den 2010er Jahren die staatliche Kontrolle nachließ und die Basis wieder militanter wurde, begann sich eine dynamischere Bewegung zu entwickeln. Das vollzog sich parallel zu den Bemühungen der Regierung, die exportorientierte Produktionsindustrie, einschließlich extra ausgewiesener Industrieparks, auszubauen. Dies wiederum schuf neue Ballungszentren für Lohnarbeitsabhängige und somit neue Schauplätze für Auseinandersetzungen. Die Streikaktivität stieg sprunghaft an; und die Gewerkschaftsfunktionäre stellten endlich wieder selbstbewusstere Forderungen.
Gleichzeitig wurde das Organizing besser, was zu einem deutlichen Anstieg der Gewerkschaftsmitgliederzahlen führte. 2017 hatten sich die vereinzelten Unruhen zu einer regelrechten Streikwelle entwickelt. In jenem Jahr konnte der CETU seine neu gewonnene Unabhängigkeit demonstrieren und mit einem Generalstreik drohen, sollte die Regierung den im Parlament vorliegenden Entwurf für ein neues Arbeitsgesetz nicht zurückziehen und neu verhandeln.
Überrascht vom neuen Selbstbewusstsein der Gewerkschaften gab die Regierung nach und zog den Gesetzentwurf tatsächlich zurück. Er wurde später neu verhandelt und mit für die Arbeiterschaft deutlich besseren Bedingungen verabschiedet. Das bestärkte die Gewerkschaften und führte zu einem erneuten Anstieg der Mitgliederzahlen sowie des Aufbegehrens an den Arbeitsplätzen.
Im Jahr 2020 sorgten die Pandemie und der Bürgerkriegsausbruch dafür, dass sich die Mobilisierung der Arbeiterschaft verlangsamte. Arbeitskämpfe nahmen ab, der Ausbau der gewerkschaftlichen Organisierung kam praktisch zum Stillstand, das Umfeld wurde deutlich feindseliger.
Dennoch deuten alle Anzeichen darauf hin, dass dieser Rückschlag nur vorübergehend war: schon 2022 war es dem CETU – unter anderem dank wilder Streiks – gelungen, die gewerkschaftliche Organisierung der besagten Industrieparks voranzutreiben.
Seitdem drängen die Gewerkschaften darauf, neue Teile der Arbeiterschaft, beispielsweise Hausangestellte, zu organisieren und Mindestlöhne zu erkämpfen. Vereinzelte kollektive Aktionen finden weiterhin branchenübergreifend statt, und die selbstbewusstere Haltung der organisierten Arbeiterschaft hat zu einem Mitgliederzuwachs geführt.
»Auch in Nigeria haben Massenstreiks sowohl die Regierung als auch große private Arbeitgeber dazu gezwungen, den Forderungen der Gewerkschaften deutlich nachzugeben.«
Diese Fortschritte sind umso bemerkenswerter, wenn man sie vor dem Hintergrund der politisch-ökonomischen strukturellen Gegebenheiten Äthiopiens betrachtet. Bislang bildet die kleinbäuerliche Landwirtschaft die Basis. In urbanen Gebieten sind Arbeiterinnen und Arbeiter im riesigen informellen Sektor derweil von gewerkschaftlicher Organisierung ausgeschlossen.
Selbst innerhalb der formellen Wirtschaft bestehen weiterhin erhebliche Einschränkungen der Vereinigungs- und Gewerkschaftsfreiheit. Auch Beamten – einer relativ weit gefassten Kategorie, zu der in Äthiopien unter anderem Lehrpersonal und Beschäftigte im öffentlichen Gesundheitswesen gehören – ist die Gründung von Gewerkschaften untersagt.
Diese strukturellen Gegebenheiten schränken den Handlungsspielraum der organisierten Arbeiterschaft ein. Verschärft werden die Probleme durch eine ausgeprägte ethnische Polarisierung und Konflikte, die von einer raffgierigen herrschenden Klasse konsequent instrumentalisiert und angeheizt werden. Entsprechend schwierig gestaltet sich eine nationalitätenübergreifende Klassenmobilisierung.
Aufgrund dieser strukturellen und politischen Hemmnisse (verstärkt durch die weit verbreitete Annahme, die Arbeiterbewegung sei global auf dem Rückzug) waren die Erwartungen an die äthiopische Arbeiterschaft in den vergangenen Jahren eher bescheiden, wenn nicht gar offen negativ. Die Bewegung wurde in Medien und Forschung oft als schwach und geradezu unbedeutend dargestellt. Doch diese Ansichten haben sich als falsch erwiesen.
Tatsächlich hat der jüngste Streik der Beschäftigten im Gesundheitswesen deutlich gemacht, dass kollektives Handeln bei der äthiopischen Arbeiterschaft viel Anklang finden kann. Da es sich beim Gesundheitspersonal überwiegend um Staatsbedienstete handelt, arbeiten sie regionenübergreifend unter weitgehend ähnlichen Bedingungen. Mit ihrem Streik konnten sie auf diese erbärmlichen Zustände in ihrer Branche aufmerksam machen und ihre äthiopischen Kolleginnen und Kollegen aller Nationalitäten daran erinnern, dass sie sich in einem gemeinsamen Kampf befinden.
Die Ausbreitung bewaffneter Konflikte und die Verschärfung staatlicher Repression in Form von Zwangsvertreibungen, Landenteignungen und Strafsteuern zeigen, dass die Menschen in Äthiopien kollektiv derselben ausbeuterischen herrschenden Klasse und deren politischem Regime unterworfen werden. In diesem Sinne wurde mit dem Streik der Beschäftigten des Gesundheitswesens unterstrichen, dass die arbeitende Bevölkerung gemeinsame gesellschaftliche und materielle Lebensbedingungen sowie Interessen teilt.
Wie das Beispiel Äthiopiens belegt, steht die Annahme, die globale Arbeiterbewegung befinde sich im Niedergang, auf wackeligen Beinen. Wichtiger als die empirischen Schwächen dieser Annahme sind allerdings ihre politischen Auswirkungen; sie wirkt wie ein verzerrender Filter: Indem der vermeintliche Niedergang als ein allgemein und global gültiges Muster dargestellt wird (wobei einzelne Fortschritte als Ausnahme von der Regel verstanden werden), verschleiert sie das tatsächliche Potenzial der Arbeiterbewegungen in unserer Zeit – und schürt Defätismus.
Wenn wir zudem Annahmen, die hauptsächlich aus Entwicklungen in Europa und in den Siedlerkolonien abgeleitet wurden, auf den Rest der Welt übertragen, hat dies zwei Auswirkungen. Erstens legen diese Annahmen zur globalen Arbeiterbewegung eine eurozentrische Sichtweise auf. Wir behandeln kontextspezifische Rückschläge, als wären sie universell und global gültig. Zweitens verflachen diese Annahmen die starken Unterschiede und die stark kontrastierenden Tendenzen, die Arbeiterbewegungen innerhalb und zwischen Regionen charakterisieren, beispielsweise auch zwischen benachbarten afrikanischen Staaten.
In Afrika gibt es mehrere Länder mit lebendigen Arbeiterbewegungen – Äthiopien ist nur eines davon –, die in jüngster Zeit auf unterschiedliche Weise recht erfolgreich waren. In Ghana beispielsweise ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder gestiegen, und die Gewerkschaften haben durch koordinierte nationale Aktionen erhebliche Lohnerhöhungen durchgesetzt. In Nigeria haben Massenstreiks sowohl die Regierung als auch große private Arbeitgeber wie die Dangote Group dazu gezwungen, den Forderungen der Gewerkschaften deutlich nachzugeben.
»Der Fall Äthiopiens zeigt, dass Arbeiterbewegungen nicht einfach entlang universeller Trends Erfolge einfahren oder Rückschläge erleiden. Ihr Schicksal wird vielmehr durch strategische Entscheidungen bestimmt.«
Freilich gibt es auch Länder wie Simbabwe und Tansania, in denen die Arbeiterbewegungen in jüngster Zeit tatsächlich schwächer geworden zu sein scheinen und die Mitgliederzahlen zurückgehen. Es besteht dringender Bedarf an konkreten Studien zu den aktuellen Bedingungen der Arbeiterbewegungen und dem Ausmaß der Arbeitskämpfe in diversen afrikanischen Ländern – ein Forschungsgebiet, das viel zu wenig Beachtung findet.
Jenseits des vorherrschenden Narrativs vom weltweiten Niedergang gibt es da draußen, um es mit Mike Elys bewegenden Worten zu sagen, immer noch »einen wunderschönen blauen Planeten, voller Widersprüche und Leben«. Anstatt die Realität in eine vereinfachte, eurozentrische Darstellung zu pressen, sollten wir uns vielmehr fragen, warum sich Arbeiterbewegungen an manchen Orten weiterentwickeln und an anderen ins Stocken geraten, auch in vergleichbaren und sogar benachbarten Ländern. Das könnte aufzeigen, was möglich ist – und wo. Wir müssen auch herausfinden, was getan werden kann, um Errungenschaften zu festigen und zu verteidigen. Wir müssen wissen, wie wir die Bewegungen dort stärken und vertiefen, wo die Bedingungen es zulassen, beziehungsweise sie dort wieder etablieren, wo die Bedingungen schlechter sind.
Der Fall Äthiopiens zeigt, dass Arbeiterbewegungen nicht einfach entlang universeller Trends Erfolge einfahren oder Rückschläge erleiden. Ihr Schicksal wird vielmehr durch strategische Entscheidungen bestimmt, die innerhalb spezifischer politischer Ökonomien, Klassenkonstellationen und historischen Konjunkturzyklen getroffen werden. Die Frage ist nicht, ob die Arbeiterbewegung weltweit im Niedergang begriffen ist, sondern unter welchen Bedingungen sowie wie und wo sie mobilisieren, expandieren und mehr Einfluss ausüben kann.
Samuel Andreas Admasie ist Regionalexperte für Afrika am International Institute of Social History in Amsterdam sowie der Autor von The Ethiopian Labour Movement Trade Unions, Collective Action, and Contestation, 1960–2020.