26.12.2021

Afeni Shakur hat sich mit dem Staat angelegt – und gewonnen

Die Mutter von Tupac Shakur kämpfte im Prozess gegen die Black Panther Party um ihr Leben. Schwanger vertrat sie sich selbst und gewann.

Die Black Panther Elmer Howard, Afeni Shakur und Raymond Hewitt, 1971.

Die Black Panther Elmer Howard, Afeni Shakur und Raymond Hewitt, 1971.

IMAGO / ZUMA Wire.

Von Tashan Reed

Übersetzung von Alexander Brentler

Afeni Shakur ist bereit, zu kämpfen.

Sie hat bereits elf Monate im Frauengefängnis verbraucht, und, obwohl sie auf Kaution entlassen wurde, ist sie nicht frei. Es ist der 8. September 1970,sie wartet vor dem New York County Criminal Court in Manhattan. Vor siebzehn Monaten wurde sie wegen versuchtem Mord, Verschwörung zu Mord und Bombenanschlägen angeklagt. Bei einer Verurteilung droht ihr lebenslange Haft.

Zu alledem ist sie schwanger mit ihrem ersten Kind – einem Jungen.

Für die Geschworenen, die über ihr Schicksal entscheiden werden, sieht Afeni wie ein beliebiges anderes junges Mitglied der Black Panther Party aus – eine durchschnittlich große, dreiundzwanzigjährige Schwarze. Die Medien haben die letzten Jahre damit verbracht, Angst vor den Panthers zu verbreiten.

Bald wird sie vor einem weißen Richter und einem weißen Team an Staatsanwälten treten. Die Regierung ihres Landes versucht aktiv, die Organisation, in der sie Mitglied ist, auszulöschen, so wie sie mit allen Gruppen, die sie für gefährlich hielten, verfahren sind.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Doch Afeni kann es sich nicht leisten, sich durch diese Umstände ablenken zu lassen. Sie ist im Begriff, sich in ihrem Prozess ohne Beihilfe eines Rechtsanwaltes selbst zu verteidigen – eine Entscheidung, die von vielen als selbstmörderisch betrachtet wird.

Afeni ist nicht alleine. In Prozess The People of the State of New York v. Lumumba Shakur et al. gibt es zwölf weitere Angeklagte, alle Teil der »Panther 21«, welche am 2. April 1969 festgenommen wurden und denen versuchter Mord, Brandstiftung und Terrorismus vorgeworfen wird.

Es liegt nun allein an ihr, ihre eigene Unschuld zu beweisen. Wenn sie für schuldig befunden wird, droht ihr eine Haftstrafe von 350 Jahren. Sie hat keine Erfahrung vor Gericht und keinerlei juristische Ausbildung.

»Wir hatten keine Ahnung, womit wir es zu tun hatten«, sagt Shakur über ihre Erfahrung im Rückblick. »Das Ganze war einige Nummern zu groß für uns«. Doch sollte sie versagen, ist ihr Leben, und das ihres Kinds, vorbei.

Ob gewaltsam oder gewaltlos, in ihrer Zeit als Mitglied der Panthers und danach als Aktivistin versuchte Afeni Shakur das System der Unterdrückung, in das sie geboren worden war, niederzureißen. Doch sie glaubt, dass sie und die Black Panther Party am Ende daran gescheitert sind.

»Stattdessen haben wir uns gegen Gott gewandt, und wie willst Du so gewinnen? Um zu siegen, brauchst du einen moralischen Imperativ«, so Afeni. »Das haben wir nicht verstanden. Wir haben Gewalt auf uns gezogen. Wir haben Bitterkeit angezogen.«

Diesen frühen Überlebenskampf hat Afeni zweifelsfrei gewonnen. Sie sollte festgenommen und auf Kaution freigelassen werden, als ihre eigene Rechtsanwältin fungieren und eine entscheidende Rolle im Freispruch der Panther 21 im Mai 1971 spielen. Einen Monat später wird sie ihren Sohn gebären.

Sie wird dabei zusehen, wie er zu einem Mann heranwächst, der ihre Werte einem globalen Publikum näher bringt, als einer des berühmtesten und beliebtesten Schwarzen der Welt, nur, um ihn im Alter von 25 Jahren zu verlieren, als er an Schussverletzungen stirbt. Die Gewalt, die die Panthers zerstörte, sollte auch das Leben ihres ersten Kindes nehmen.

Afeni, die 2016 verstarb, hatte ein Leben voller Sorgen. Kurz nach ihrer Freilassung wurde sie drogenabhängig, was die Beziehung zu ihrem Sohn immer belastete. Mit zunehmendem Erfolg seiner Musikerkarriere entfremdete er sich immer mehr von ihr, ebenso ihre Tochter Sekyiwa. Afeni war manchmal impulsiv und selbstbezogen. Sie konnte stur und reizbar sein.

Zu keinem Zeitpunkt in ihrem Kampf vergaß sie allerdings ihre Leute. Wie viele schwarze Frauen aus den Südstaaten, geboren Jahrzehnte vor Ende der Rassentrennung durch die »Jim Crow«-Gesetze, wurde sie in diesen gewaltvollen Kampf hineingeboren. Es schien, als wolle sie die Welt sie in Stücke reißen.

Doch wieder und wieder, bis zu ihrem Tod im alter von 69 Jahren, ging Afeni aus diesem Kampf als Siegerin hervor.


Afeni wurde 1947 als Alice Faye Williams in Lumberton, North Carolina geboren. Ihre Mutter, Rosa Belle, war Hausfrau, während ihr Vater, Walter Williams, Jr als LKW-Fahrer arbeitete. Shakur beschrieb ihren Vater als »street nigga«, der ihre Mutter oft schlug.

»Das war also ich, ein kleines Mädchen, das sich von ihrem Vater wünschte, dass er sie besonders und wunderbar finde sollte, was er aber nie tat«, so Afeni. »Ich hätte einen Vater gebraucht, der anwesend war. Ich hätte einen Vater gebraucht, der für meine Mutter keine Bedrohung darstellte.«

Rosa, die aus Lumberton stammte, aber für ihre Familie nach Norfolk gezogen war, ertrug die häusliche Gewalt jahrelang. Doch irgendwann brach sie zusammen. 1958 bat sie ihren Bruder, ihr und den beiden Töchtern dabei zu helfen, zuerst zurück nach Lumberton und dann in die Bronx umzuziehen.

In New York war Afeni von ihrem Vater befreit, doch die Erinnerung an seine Misshandlungen suchte sie weiterhin heim. »Ab dann war ich mein ganzes Leben lang wütend. Ich hielt meine Mutter für schwach und meinen Vater für einen Hund. Diese Wut hat mich viele Jahre lang genährt«. In der Bronx geriet sie mit Jungen wie mit Mädchen gleichermaßen aneinander, in der Schule und auf dem Spielplatz. »Alles um mich herum schien verletzend«, sagte Afeni. »Wie hatten keinerlei Schutz, ich habe mich nie sicher gefühlt.«

Trotz ihrer innerlich lodernden Wut war Afeni eine gute Schülerin. Ihre Noten brachten ihr einen Platz an der Bronx High School of Science ein, doch sie schien eher an der Straße interessiert und schloss sich den Disciple Debs, einer Frauengang in Harlem, an. »Alles, was sich wollte, war Schutz. Das ist, was sich jede Frau wünscht: Sich sicher zu fühlen.«

1968 fand sie diese Sicherheit. Während sie die 125th Street entlang ging, wurde sie auf einen Mann aufmerksam, der an einer Straßenecke vor einer Menschenmenge eine Rede hielt: Bobby Seale, ein Mitbegründer der Black Panther Party. Es war der Menschenauflauf, der ihre Neugier erweckte, doch der Grund, warum sie anhielt, waren Seales Worte.

»Er sagte gerade, dass wir alle etwas wegen der Polizeipräsenz in unserer Community tun könnten,« sagte Afeni 1972 in einem Interview. »Im August bin ich dann beigetreten, völlig fassungslos, dass es Leute gab, die sich einfach mit Schusswaffen vor das Parlament des Bundesstaat stellten und dann einfach so dort standen, und »Hände Weg von meiner Waffe« riefen. Es war dieses romantische, glamouröse Bild, was mich zur Partei brachte.«

Durch die Panther lernte sie Lumumba Shakur, den Vorsitzenden der Sektion Harlem kennen und lieben. Der intelligente und charismatische Lumumba gab ihr nach Jahren endlich die Sicherheit, nach der sie so lange gesucht hatte. »Als ich Lumumbas Familie kennengelernt habe, hat sich mein ganzes Bild von Männern in der Familie verschoben. Die Familie Shakur war nicht nur stark, sie waren auch unabhängige Denker.«

Es war eine stürmische Beziehung, und die beiden heirateten schnell. Afeni konvertierte 1968 sogar zum Islam. Ihr wurde die Orisha Oya, die Göttlichkeit des Wetters, des Todes und der Wiedergeburt der Yoruba zugeteilt, und sie erhielt den Namen Afeni, was »die Geschätzte« und »Liebling des Volkes« bedeutet.

Doch was die alltägliche Beziehung zu Lumumba angeht, gab es einige Komplikationen: Er war bereits verheiratet, und das Trio lebte eine Zeitlang zusammen, während Lumumba sich wechselweise romantisch der einen und dann der anderen Frau zuwandte.

In der Zwischenzeit stürzte sich Afeni in die Arbeit bei den Panthers. Es war das Gegengift zu Gewalt und Härte, die sie in ihrer Jugend erfahren hatte, und der Beginn der Heilung – nicht nur für sie, sondern eine ganze Generation von Schwarzen welche plötzlich, als junge Erwachsene, gegen den institutionellen Rassismus aufbegehrten.

Sie schrieb für die Parteizeitung, wurde Vorsitzende der Sektion Harlem und arbeitete als Freiwillige, etwa am Lincoln Hospital, während sie sich als Lehrerin über Wasser hielt. Durch die Partei war sie in der Lage, ihre aufgestaute Wut aus früheren Lebensjahren gegen ihre Unterdrücker zu kanalisieren, und sich gleichzeitig selbst weiterzuentwickeln – eine Gemeinsamkeit vieler Panthers, welche eine Art spirituelle Wiedergeburt durchliefen.

»Sie haben meinen Geist gebildet und mir Orientierung gegeben. Mit ihr kam Hoffnung, und ich habe sie dafür geliebt. Weil ich noch nie in meinem Leben Hoffnung gehabt hatte. Ich hatte nie zuvor von einem besseren Ort geträumt oder auf eine bessere Welt für meine Mama, meine Schwester und mich gehofft.«

Doch die Polizei und das FBI sahen in den Panthers etwas ganz anderes: Eine tödliche Gefahr, die sich in Amerikas Städten zusammenbraute. Eine politische Kraft, die willens war, wenn nötig Gewalt für ihre revolutionären Ziele einzusetzen.

Zwischen 1967 und dem Frühjahr 1969 war die Partei in verschiedene Auseinandersetzungen mit der Polizei involviert, darunter Streitigkeiten, Proteste, Schießereien, Bombenanschläge und Hausdurchsuchungen, welche zu Schäden, Verletzungen und Todesfällen führten. Ihre sozialistische Ideologie und der Aufruf zur bewaffneten Selbstverteidigung wurde von staatlichen Stellen als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Der Direktor des FBI, J. Edgar Hoover, soll gesagt haben, dass »die Black Panther Party ohne Frage die größte Bedrohung für die innere Sicherheit des Landes darstellt.«

Das waren keine leeren Worte. Ronald Reagan, damals Gouverneur von Kalifornien, unterzeichnete den Mulford Act, der ein früheres Gesetz, welches es Bürgerinnen erlaubte, geladene Schusswaffen zu tragen, zurück nahm, was explizit als Maßnahme gegen die Panthers gedacht war. Doch dies war nur der Anfang. In den späten 1960ern waren die Panthers eines der Hauptziele des COINTELPRO-Programms des FBI, welche darauf abzielte, sie und andere radikale linke Gruppen zu infiltrieren und zu diskreditieren. Am 4. Dezember 1969 wurde der stellvertretende Vorsitzende der Panthers, Fred Hampton, zusammen mit Mark Clark bei einer Hausdurchsuchung frühmorgens in Chicago von der Polizei ermordet, nachdem ihm zuvor von einem FBI-Informanten Medikamente verabreicht worden waren, um sicherzustellen, dass er außerstande sein würde, zu fliehen.

Der US-Staat hatte die Panthers nun aufs Korn genommen und war bereit, jedwede Gewalt anzuwenden, die nötig war, um sie aufzuhalten. Was Afeni einst Hoffnung gegeben und sie in die Welt der Panthers Welt gezogen hatte, sollte ihr bald mehr Angst einflößen, als sie in ihrem Leben bisher erfahren hatte.


Afeni wusste früh, dass etwas nicht stimmte.

Ihren Verdacht weckte Yedwa Sudan, ein Mitglied der Sektion Harlem. Etwas an ihm schien ihr nicht ganz geheuer. Er war aggressiv und aufbrausend. Er sprach mit Begeisterung und ohne Vorsicht von Gewalttaten, die man der Polizei antun könnte, auf eine Art und Weise, die selbst bei den explizit militanten Panthers unüblich war.

Afeni sprach mit Lumumba über ihren Verdacht, dass Yedwa nicht der war, der er vorgab zu sein – und vielleicht sogar ein verdeckter Ermittler sein könnte.

»Mann, er hätte nie im Leben ein Cop sein können«, vertraute sich Lumumba später einem Anwalt an. »Du hättest sehen sollen, war er für Sachen gemacht hat.«

Doch für Afeni war dies bloß ein weiteres Beispiel für etwas, was sie an der Black Panther Party störte – ihr Sexismus. Dieser war damals in den USA weit verbreitet und auch innerhalb der Partei allgegenwärtig. Männer innerhalb der Partei verweigerten Frauen Führungspositionen und ignorierten achselzuckend ihre Meinungen, die sie als trivial betrachteten.

Doch Afeni hatte Recht – »Yedwa Sudan« hieß in Wirklichkeit Ralph White und war Beamter des NYPD.

»Ich habe mich die ganze Zeit dafür eingesetzt, dass Frauen innerhalb der Partei mehr Rechte hatten«, sagte Afeni. »Und wir haben uns über [Yedwa] gestritten, denn ich wusste von Anfang an, dass er ein verdammter Cop war und Lumumba wollte mir nicht zuhören.« Doch genau das Drängen auf gewaltsame Auseinandersetzung auf der Straße und hyperaggressive Vorgehen, welches Afeni so misstrauisch machte, überzeugte andere Kader der Panthers davon, dass Yedwa authentisch agierte.

Als »Yedwa Sudan« war es Whites Auftrag, die Panthers nicht nur zu infiltrieren, sondern die Partei auch auf einen Pfad der Gewalt zu locken, was es dem brutalen Arm des amerikanisches Staats leichter machen würde, die Organisation zu diskreditieren und gewaltsam zu zerschlagen. Ein Kampffeld, auf dem die Polizei immer die Oberhand haben würde.

Hätte Lumumba Afeni zugehört, wären sie am frühen Morgen des 2. Aprils 1969 um fünf Uhr vielleicht nicht kalt erwischt worden, als Detective Francis Dalton und vier weitere NYPD-Beamte unangekündigt vor ihrer Wohnung an der 112 West 117th Street auftauchten. Dalton zündete ein Stück Stoff an und rief »Feuer!«, um Lumumba und Afeni aus der Wohnung zu locken, bevor sie festgenommen wurden.

Zusammen mit acht anderen Panthers wurden Afeni und Lumumba insgesamt wegen 156 Straftaten angeklagt, darunter Angriffe auf Polizeiwachen zwischen 1968 und 1669 und angeblich geplante Bombenschläge auf New Yorker Regionalzüge, den botanischen Garten, und die Kundenmassen in fünf Kaufhäusern der Stadt.

Insgesamt wurden 21 Mitglieder der Partei, die »Panther 21«, in der Anklageschrift aufgeführt. Für die dreizehn von ihnen, die festgenommen worden waren, wurde eine Kaution von je 100.000 Dollar festgesetzt.

Wie sich herausstellte, war es nicht nur White, der die Sektion Harlem infiltriert hatte – den NYPD-Beamten Eugene Roberts and Carlos Ashwood war dies ebenfalls gelungen. Die Anklage konnte sich auf ihre Zeugenaussagen stützen. Afeni bestritt diese Vorwürfe vehement. White hatte die Gruppe als Yedwa nicht nur ausspioniert, er hatte sie in eine Falle gelockt, und nur sie hatte es kommen sehen.

»Ich wusste, dass meine militante Agenda eines Tages hier vor Gericht landen würde«, so Afeni, »doch es gibt keine Gerechtigkeit auf diese Art und Weise. Wir wurden bespitzelt, infiltriert, uns wurden Fallen gestellt und wir wurden manipuliert. Ich habe beobachtet, wie sich Leute, von denen ich dachte, dass ich sie kannte, vor meinen Augen völlig verwandelt haben.«

Die Anklage führte Joseph A. Phillips, ein erfahrener Jurist der Staatsanwaltschaft in Manhattan. Glücklicherweise gelang es den Panthers, die nötigen Mittel für ihre eigenen Strafverteidigerinnen und -verteidiger zu sammeln, darunter William Crain, Gerald Lefcourt, Carol Lefcourt, Robert Bloom, Sanford Katz, und Charles McKinney.

Lumumbas handverlesene Verteidigerin für Afeni war Carol Lefcourt. Doch Afeni hatte sofort Einwände.

»Carol Lefcourt hatte eine leise, quietschende Stimme. Ich habe mir gedacht: Das geht auf keinen Fall, sie kann mich nicht vertreten, nicht, wenn sie so klingt. Der Richter würde ihre Einsprüche nicht hören können. Ihre Stimme hatte keine Substanz, keine Resonanz, keine Sicherheit – hey, auf mich warten die gleichen 350 Jahre wie auf alle anderen, und so einfach gebe ich mich nicht geschlagen.«

Als ihr eigenes Leben auf dem Spiel stand, traf Afeni also eine Entscheidung, die vielen als verrückt vorkam – sie würde sich selbst verteidigen. Lumumba versuchte, sie davon abzubringen, doch als im Februar 1970 die Vorbereitungen zum Prozess begannen, blieb Afeni hart. Das Verteidigerinnenteam war verständlicherweise alles andere als begeistert, doch die Art und Weise, wie sie vor Gericht auftrat, würde sie alle überraschen – nicht zuletzt Afeni selbst. »Ich dachte, ich schreibe meinen eigenen Nachruf.«

Doch Afeni war nicht ganz allein. Die Panther hatten die Reste einer älteren Linken inspiriert, welche, nach den desaströsen McCathy-Jahren, in einem entscheidenden Moment zur Hilfe eilte. Im Frauengefängnis knüpfte Afeni Kontakt zu einer Gruppe weiblicher Unterstützerinnen in Freiheit, welche in den 1940er und 50er in der Gewerkschaftsbewegung aktiv gewesen waren. Obwohl älter und mehrheitlich weiß, waren sie doch überzeugte Radikale, die wussten, was es bedeutete, sich mit dem Staat anzulegen – vor allem als Frau.

Sie schrieben ihr Briefe und erkundigten sich, wie sie helfen könnten. Afeni bat sie, Spenden für die Kaution von anderen weiblichen Häftlingen zu sammeln, denen weniger als 500 Dollar für ihre Freilassung fehlten. Das passierte auch, gleichzeitig sammelten sie jedoch auch Spenden für Afenis Kaution. Im März 1970, nach elf Monaten Untersuchungshaft, kam die erforderliche Summe zusammen.

Afeni war nun zwar nicht frei, saß aber auch nicht mehr in Haft. Und obwohl sie davon ausging, dass ihr Leben im wesentlichen vorbei war, bereitete sie sich doch darauf vor, mit allen Mitteln zu kämpfen.


Während ihrer Haft hatten sich Afeni und Lumumba entfremdet. Der Staatsanwaltschaft war es gelungen, die Zeit, die die Angeklagten außerhalb der Haft miteinander verbringen durften, zu begrenzen. Während der wenigen Treffen fragte Lumumba Afeni wiederholt nach Sex – in Anwesenheit der anderen Angeklagten und ihren Verteidigerinnen. Afeni lehnte ab. Dies, und wiederholte Meinungsverschiedenheiten während des Verfahrens führte dazu, dass sich ihre Beziehung zunehmend verschlechterte.

Nachdem sie auf Kaution frei gekommen war, wurde Afeni schwanger – mit Billy Garland, einem weiteren Mitglied der Panthers. Als Lumumba davon erfuhr, sagte er sich von ihr los – der »offene« Status ihrer Beziehung bezog sich anscheinend nur auf ihn. Wieder sollte sich Afeni auf sich allein gestellt wiederfinden.

Es war kaum zu glauben, doch als im September 1970 die Verhandlung begann, hatte sich Afeni immer noch nicht umentschieden. Sie nahm ihre neue Rolle im Gegenteil mit vollem Elan an.

»Ich war jung, Ich war arrogant. Und ich war vor Gericht brillant. Ich hätte nicht so brillant sein können, wenn ich gedacht hätte, dass ich aus der Sache tatsächlich rauskommen würde. Ich dachte nur, dass dies die letzte Gelegenheit für mich war, zu sprechen, bevor sie mich für immer wegsperren würden.«

Afeni hatte keine Angst, den Richter herauszufordern, sich mit ihm Rededuelle zu liefern und Einsprüche gegen das Vorgehen der Staatsanwaltschaft vorzubringen. Sie ging taktvoll mit Zeugen um und nahm sie wie ein erfahrener Jurist ins Kreuzverhör.

Von außen sah es nicht danach aus, als würde Afeni ihre Komfortzone verlassen. Im fünften Monat ihrer Schwangerschaft gerieten ihre mentalen und physischen Kräfte jedoch an ein Ende. Nachdem zwei Angeklagte ihre Kautionsbedingungen verletzt hatten wurde Afenis Kaution am 3. Februar 1971 aufgehoben. Kurz danach schloss Huey P. Newton alle Angeklagten außer Afeni und Joan Bird aus der Black Panther Party aus. Afeni und Bird waren die einzigen Frauen unter den Angeklagten. Da sie, anders als die Männer, keine Fluchtversuche während ihrer Freilassung auf Kaution unternommen hatten, wurden sie verschont.

Afeni landete so wieder im heruntergekommenen New York Women’s House of Detention. Sie hatte dort keinen Zugang zu warmem Wasser, aß Brei, musste reguläre Durchsuchungen der Körperöffnungen erleiden, und erhielt nur wenige Blatt Toilettenpapier pro Tag. Dieselbe Gruppe Frauen sammelte ein zweites Mal die Kautionssumme zusammen, doch jeder Tag im Gefängnis war eine Bedrohung ihrer Gesundheit und der ihres Kindes.

»Die Bedingungen waren nicht nur schändlich, sie waren unmenschlich«, erklärte Afeni dem vorsitzenden Richter, John Murtagh. »Diese Einrichtungen sind nicht mehr nur schlecht, sie sind lachhaft. Keine Frau sollte dort landen.«

Was die Panthers anging, so war Afeni zunehmend desillusioniert. Sie war nicht damit einverstanden, dass die meisten ihrer Mitangeklagten ausgeschlossen worden waren, weil einige versucht hatten, zu entkommen. Schlimmer aber war, dass am 17. April 1971 Sam Napier, der Vertriebsleiter der Parteizeitung und ein enger Freund Afenis, allerdings ein Feind der Sektion Harlem, im Parteibüro in Corona, Queens an einen Stuhl gefesselt und erschossen worden war. Die Gewalt, die Afeni lebenslang zu entkommen versucht hatte, vereinnahmte nun die Partei, welche sie einst als ihre Rettung erachtet hatte. Und sie steckte mittendrin.


Monatelang sehnte sich Afeni nach nichts mehr als nach der Gelegenheit, Ralph White vor Gericht gegenüberzustehen.

Der erste der verdeckten Ermittler, der als Zeuge gerufen wurde, war jedoch Eugene Roberts. Er galt als wichtigster Zeuge der Anklage, doch seine Berichte über die Aktivitäten der Panther 21 waren zu vage, um die Anklagepunkte zu erfüllen. Während seiner Befragung musste er einräumen, dass keiner der angeblich drohenden Bombenschläge tatsächlich geplant war. Seine Beteuerungen, dass die Anklagepunkte zutreffen und die Anschläge kurz bevor gestanden hätten, waren wenig überzeugend.

»Ich persönlich war davon ausgegangen, dass wir etwas unternehmen würden«, so Roberts, »ich wusste aber nicht, wann.«

Roberts wenig schlagkräftige Aussagen hatten der Staatsanwaltschaft bereits geschadet. White musste nun liefern. Um das Verfahren für sich zu entscheiden, mussten sie die Geschworenen davon überzeugen, dass die Angeklagten, einschließlich Afeni, nicht nur Mitglieder einer radikalen Partei, vielleicht sogar Extremisten, sondern gewalttätige Terroristinnen und Terroristen waren, die vor ihrer Festnahme planten, eine Welle von Mord und Totschlag in New York zu verursachen.

Dies bedeutete auch, dass Afeni endlich White gegenüberstehen würde. Sie hatte noch eine persönliche Rechnung offen. White war schließlich einer der Hauptschuldigen dafür, dass sie einen beträchtlichen Teil ihrer Schwangerschaft in einem heruntergekommenen Gefängnis unter solch fürchterlichen Bedingungen hatte verbringen müssen.

Doch statt die Fassung zu verlieren, lockte Afeni ihn in eine Falle. Und es war diese Falle, die, sobald die zuschnappte, den Prozess entscheiden sollte.

»Warum hat du uns das angetan, Yedwa?«

Dies waren ihre ersten Worte, welche sie seit ihrer Festnahme zu White gesagt hatte, und zugleich ihre erste Frage an ihn im Zeugenstand. Ihre ganze Wut über den Verrat steckte in diesen wenigen Worten.

Ziel der Staatsanwaltschaft war, darzulegen, dass es die Panthers mit der Militanz und Gewalt ihre Sprache ernst meinten. Dass all das Gerede von den »Bullenschweinen« von einem sehr realen Wunsch nach Gewalt auf den Straße befeuert wurde – und welchem Afeni und die anderen Angeklagten aktiv nachgegangen waren. Also frage Afeni ihn danach, wie er nicht die Rhetorik, sondern die alltägliche Arbeit der Panthers – besonders ihre eigene – beurteilen würde.

White: »Was Ihr Engagement anging, so dachte ich, dass es eher militärischer als politischer Natur war.«

Shakur: »Welches Engagement?«

White: »Ich kann mich nicht an alles erinnern, was Sie gesagt oder getan haben… ich stütze mich in meiner Meinung lediglich darauf, was ich über Sie und andere gesehen habe.«

Shakur: »Das verstehe ich, aber Du hast gesagt, dass Du gesehen hast, wie ich Dinge getan habe. Ich möchte lediglich, dass Du eines davon nennst.«

White: »Ich erinnere mich an ein Treffen im Büro der Panthers, auf dem Sie sich richtig in Rage geredet haben. Sie wollten Bullen kalt machen, und diese militärischen Dinge durchziehen, Sie waren sehr emotional aufgeladen. Daran kann ich mich erinnern, plus andere Sachen, die mir gerade nicht einfallen. Ich schildere hier lediglich, worauf sich meine Meinung stützt, was sich gesehen und gehört habe, obwohl ich das meiste vergessen habe.«

Shakur: »Hast Du jemals gesehen, dass ich am Lincoln Hospital Dienst geleistet habe?«

White: »Ja, das habe ich.«

Shakur: »Hast Du jemals gesehen, dass ich an den Schulen gearbeitet habe?«

White: »Ja, das habe ich.«

Shakur: »Hast Du mich jemals auf der Straße gesehen, wie ich für die Panthers gearbeitet habe?«

White: »Ja, das habe ich.«

Shakur: »Und waren dies die Tatsachen, die Dich überzeugt haben, dass ich militärische Absichten hatte?«

White: »Nein, das war es nicht.«

Shakur: »Aber an den Rest kannst Du Dich nicht erinnern?«

White: »Damals konnte ich mich daran erinnern. Ich erinnere mich – Sie erinnern mich an die guten Sachen, die Sie getan habe. Wenn Sie mich an einige Dinge erinnern, die Sie gesagt haben, kann ich dazu auch Aussagen treffen.«

Shakur: »Ja, nun gut.«

Die Anklage stützte sich fast vollständig auf die Zeugenaussagen der verdeckten Ermittler – und ihre Aussagen bezogen sich fast ausschließlich auf radikale Rhetorik. Scharfe Worte, wenig mehr.

Im Kreuzverhör hatte Afeni dieser Strategie irreparablen Schaden zugefügt.


Am 2. April 1971, zwei Jahre nachdem die Panther 21 festgenommen worden waren, zeichnete sich der Ausgang der Verfahrens ab. Der Beamte Carlos Ashwood, der letzte Hauptzeuge der Staatsanwaltschaft, wurde im späten März in den Zeugenstand berufen, erwies sich jedoch für die Ankläger nicht hilfreicher als die beiden Beamten vor ihm. Afeni ließ ihn wie ein Kind erscheinen.

Shakur: »Hast Du mich jemals einen Menschen töten sehen?«

Ashwood: »Ich habe Sie nie irgendjemanden töten sehen.«

Shakur: »Habst Du je gesehen, dass ich etwas in die Luft sprenge?«

Ashwood: »Ich habe Sie nie irgendetwas in die Luft sprengen sehen.«

Während der nächsten Wochen griff Phillips auf emotionale Ausbrüche zurück, um seinen zerfleddernden Fall zu retten. Den Verteidigern, Staatsanwälten und dem Richter blieb nur, die Geschworenen direkt anzusprechen.

Afeni wurde ausgewählt, um als vorletzte Verteidigerin zu sprechen. Trotz ihrer Erfolge beim Kreuzverhör war sich niemand sicher, wie die Sache ausgehen würde. Ironischerweise war es das Gefühl, überhaupt eine Chance zu haben, was sie milder auftreten ließ. Sie war nicht mehr nur eine draufgängerische junge Frau, die ein letztes Aufgebot machen wollte. Die Wut, sie sich in ihrer Kindheit und später, als sie bei den Panthers einen Lebenszweck gefunden hatte, aufgestaut hatte, war verflogen.

Als sie in nun in ihrem weißen Mantel vor den Geschworenen stand, zeigte sie sich zum ersten mal in ihrem Leben von einer neuen Seite: Als verletzlich. Ihr Leben – und das ihres Sohns – hing an der Entscheidung von einem Dutzend Fremder. Sie ließ die selbstgerechte und romantische Rhetorik fallen, die sie ursprünglich zu den Panthers geführt hatte, und wandte sich direkt und offen an die Geschworenen.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, wie man die Anklagepunkte, die Herr Phillips hier gegen mich vorgebracht hat, begründen kann. Aber ich weiß, dass keiner von ihnen hier bewiesen wurde, und ich spreche hier nicht von einem Beweis über den angemessenen Zweifel hinaus. Ich sage, dass uns kein Tatbestand überhaupt nachgewiesen werden kann. Punkt. Dass in diesem Gerichtssaal nichts bewiesen wurde, dass ich oder die andere Angeklagten nichts davon, was uns Herr Phillips vorwirft, tatsächlich getan haben. Weshalb sind wir also hier? Diese Frage kann ich nicht beantworten.«

»Aber ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn Sie diesen Albtraum beenden würden, denn ich bin es leid, und ich kann mir keinen Grund dafür ausdenken. Es gibt keinen logischen Grund, warum wir die letzten beiden Jahre hätten erdulden müssen, mit Haftstrafen bedroht zu werden, weil wir beobachtet wurden und der Spion nun darauf wartet, seine Handlungen zu rechtfertigen. Tun sie also, was Sie müssen. Aber bitte vergessen Sie nicht, was Sie in diesem Gerichtssaal gehört und gesehen haben. Sie sollten als die Geschworenen in die Geschichte eingehen, die das unerhörte Verhalten des Staates nicht einfach durchgewunken haben. Zeigen Sie uns, dass wir uns nicht in Ihnen und in der Annahme geirrt haben, Sie würden gerecht über uns richten. Und denken Sie daran, dass wir nichts weiteres von ihnen verlangen.

Phillips war als nächstes an der Reihe. Doch statt wie Afeni ernsthaft und verletzlich wirkte er arrogant und beleidigend – er unternahm sogar den Versuch, die Geschworenen gegen die schwangere Frau aufzuhetzen, die gerade zu ihnen gesprochen hatte. Da er die wachsende Sympathie der Geschworenen für Afeni spüren konnte, hielt er ihnen vor, die entscheidenden Fakten im Fall auf den Augen zu verlieren. Und obwohl er so wenig Erfolg zu haben schien suggerierte Richter Murtagh, dass Phillips im Vorteil sei, als die Verteidigung während seiner Schlussrede einen Einspruch vorbrachte.

»Er läuft anscheinend zu gut für ihn, ja?«, erwiderte Murtagh. »Setzen Sie sich.«

Am 12. Mai 1971 gegen Gegen 16:00 Uhr wurde Murtagh informiert, dass die Geschworenen ein Urteil gefällt hätten – sie hatten nur etwa zwanzig Minuten dafür gebraucht. Weil er von einem Schuldspruch ausging, verbrachte er fünfunddreißig Minuten damit, Sicherheitsvorkehrungen anzuordnen.

Als die Geschworenen um 16:35 eintrafen, verkündeten sie ihr einstimmiges Urteil: 156 Mal »nicht schuldig«.

Als der Geschworene Ingram Fox diese Worte zum letzten Mal aussprach, brach Afeni in Tränen aus, Lumumba schrie, und die Angeklagten lagen sich in den Armen um zu weinen, zu jubeln und das Urteil gemeinsam zu feiern. Mehr als 25 Monate nach ihrer Festnahme waren sie frei.

Im Anschluss trafen sich die Angeklagten und Geschworenen in der Kanzlei Crain and Lefcourt, um den Abschluss des Prozesses zu feiern. Ein Geschworener, der von Afenis Auftreten bei Gericht beeindruckt war, fragte sie nach ihrem Erfolgsrezept.

»Angst«, antwortete Afeni, »schlicht und ergreifend Angst.«


Etwas über einen Monat später gebar Afeni am 16. Juni 1971 ihr Kind. Sie nannte ihren Sohn Lesane Parish Crooks. Einige Tage später aber änderte sie den Namen auf Tupac Amaru Shakur, nach dem großen indigenen Kämpfer. »Ich wollte, dass er weiß, dass er Teil einer Weltkultur ist und nicht einfach aus einem Stadtviertel stammt«, so Afeni. »Ich wollte, dass er den Namen eines Revolutionärs der Indigenen der Welt trägt.«

Zur Black Panther Party kehrte sie nicht zurück. Stattdessen heiratete sie 1975 Mutulu Shakur, ein Mitglied der Black Liberation Army. Im selben Jahr kam ihre Tochter, Sekyiwa Shakur, zu Welt.

Doch 1981 raubte Mutulu und fünf weitere Mitglieder der BLA in Nanuet, New York einen Geldtransporter aus, wobei sie 1,6 Millionen Dollar erbeuteten, einen Mitarbeiter des Sicherheitsdienst ermordeten und einen weiteren schwer verletzten. Später töteten sie zwei weitere Polizeibeamte. Mutulu war auf der Flucht, und Afeni ließ die Ehe bald darauf scheiden. Nachdem sie ihre Anstellung in einer Kanzlei 1984 verloren hatte, zog Afeni mit ihren Kindern von New York nach Baltimore, um ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Doch stattdessen geriet ihr Leben zunehmend aus der Bahn. Afeni hatte den extremen Stress des Prozesses durch den Konsum von Kokain und LSD kompensiert, und danach nicht aufgehört. In den ersten beiden Jahren in Baltimore schaffte sie es, von den Drogen loszukommen, doch hatte bald eine Rückfall. Als ihre Sucht außer Kontrolle geriet, schickte sie ihre Kinder zu einem Freund in Marin City, Kalifornien. Sie erklärte später:

»Ich war nicht nur nach Drogen süchtig, sondern auch nach den Menschen, die ich in meinem Leben hielt. Ich blieb einfach bei ihnen und ging nie weg. Die ganze Zeit wurden die Männer grausam ermordet, festgenommen und verschwanden einfach, und ich blieb zurück. In meinem Innersten ging ich davon aus, dass diese Leute mein Leben waren. Mir war nicht bewusst, dass ich eine Wahl hatte, dass ich diese Situation hinter mir lassen konnte. Selbst während meiner schlimmsten Zeit als Crack-Abhängige fragte ich mich manchmal: »Gott, wie soll ich jemals hier rauskommen?« Und Er antworten mir dann: »Für Dich gibt es keinen Ausweg. Wo willst Du denn hin?«

»Ich dachte, ich nahm die Drogen,um die Visionen von all den Toten, ihren Morden, der Gewalt und des Traumas zu vertreiben. Also sagte ich Dinge wie: ›Wenn Du erlebt hättest, was ich erlebt habe, wärst Du auch drauf.‹ Und ich habe fest daran geglaubt.«

Sie war nicht das einzige Mitglied der Panthers, der es in diesen Jahren schlecht erging. Der Mitbegründer Huey P. Newton wurde 1989 von einem Drogendealer und Mitglied der Black Guerrilla Family, einer nominell marxistisch-leninistischen Gang im Gefängnis ermordet. Viele andere waren ebenfalls tot oder hinter Gittern.

Afeni folgte später ihren Kindern nach Marin City, doch eine Beziehung zu einem Gefangenen warf sie wieder aus der Bahn. Sie wurde wieder schwanger, und, nachdem ihr eine Abtreibung zunächst verwehrt worden war, fing sie an, massenhaft Crack zu rauchen, um ihre Schwangerschaft zu beenden. Als ihr schließlich eine Abtreibung zugestanden wurde, war ihre Sucht zurück.

Ab diesem Zeitpunkt lebte Tupac zunehmend eigenständig, während sich Sekyiwa selbst durchschlagen musste. Von ihren Kindern getrennt und auf Drogen war Afeni nun tiefer gefallen als jemals zuvor.

»Ich lag im Sterben, und ich wusste dass es daran lag, dass mein Geist vollständig abwesend war«, sagte Afeni später. »Ich ging abends ins Bett und es war mir vollständig egal, ob ich morgens wieder aufwachen würde.«

Erst als sie 1990 nach New York zurückkehrte, gelang es Afeni, ihre Sucht durch die Treffen der Narcotics Anonymous zu besiegen. Tupac, dessen Karriere als Rapper gerade erst los ging, war zögerlich, den Kontakt zu seiner Mutter wieder aufzunehmen. Afeni tat dies weh, doch sie hatte Verständnis dafür.

»Als Mädchen habe ich einfach nur Schmerz empfunden. Meine Mama war schwach und zart. Mein Vater war gemein und arrogant. Wir waren Schwarz und arm an einem Ort, wo dies bedeutete, dass Du der letzte Dreck warst, und das wollte ich nicht so einfach ertragen. Ich habe Tupac deshalb verstanden. Er hat in mir Antworten gesucht, genau wie ich sie in meinen Eltern gesucht habe. Als Tupac zu mir kam und die ganzen verdammten Fragen nach dem ›Warum‹ stellte, wusste ich, dass ich ein Problem hatte.«

Doch selbst in ihrer Abwesenheit hatte Afeni Einfluss auf ihren Sohn. Als Teenager wurde er Mitglied der Young Communist League USA. Mit wachsender Berühmtheit nutzte er seine Bühne dafür, das System der US-amerikanischen Justiz, das seine Mutter Jahrzehnte zuvor herausgefordert hatte, anzuklagen, obwohl sich die gesamte westliche Kultur in diesem Moment des »Endes der Geschichte« von jedweder Art radikaler Politik verabschiedet hatte.

»Hier gibt es zu viel Geld«, sagte Tupac 1992 in einem Interview mit MTV News. »Es geht einfach nicht, dass diese Leute Flugzeuge besitzen und es gleichzeitig Menschen gibt, die keine Wohnungen, Häuser, Hütten, Schubladen oder Hosen haben.«

Afeni war geduldig und gab ihrem Sohn den Raum, um mit seiner Musik erst Tausende und dann Millionen von Menschen zu erreichen. Schließlich war ihre Verhältnis enger als jemals zuvor. Tupac widmete ihr 1995 sogar den Track »Dear Mama«:

»And even as a crack fiend, Mama

You always was a black queen, Mama

I finally understand

For a woman it ain't easy tryin' to raise a man

You always was committed

A poor single mother on welfare, tell me how you did it

There's no way I can pay you back

But the plan is to show you that I understand

You are appreciated.«

»And even as a crack fiend, Mama

You always was a black queen, Mama

I finally understand

For a woman it ain't easy tryin' to raise a man

You always was committed

A poor single mother on welfare, tell me how you did it

There's no way I can pay you back

But the plan is to show you that I understand

You are appreciated.«

1996, weniger als zwei Jahre nach dem erscheinen von »Dear Mama«, wurde Tupac in Las Vegas erschossen. Dies hätte für Afeni eine erneute Abwärtsspirale bedeuten können. Doch sie kümmerte sich um den nach Nachlass ihre Sohns, und gründete das Unternehmen Amaru Entertainment. Der Verlust bestärkte sie in ihrem Wunsch, ihre positive Entwicklung fortzusetzen.

»Als ich meinen Sohn verloren habe, musste ich mich daran erinnern, dass ich eine Tochter und Enkelkinder hatte, dass ich es meinem Sohn schuldete, sauber zu bleiben und meinen Pflichten nachzukommen. Und meine Pflichten endeten nicht mit seinem Tod.«

Afeni setzte ihre Arbeit als Aktivistin fort und reiste viel, um Gastvorträge zu halten. Indem sie ihre Erfahrungen teilte, fand sie Frieden. In ihren späteren Jahren lebte sie in einem Haus in Stone Mountain, Georgia, das ihr Sohn vor seinem Tod für sie gekauft hatte. Sie glaubte, dass es das erste mal war, dass jemand in ihrer Familie Land besaß, seit ihre Urgroßmutter Millie Ann ihres verloren hatte, nachdem sie die Kaution für ihre Söhne bezahlen musste.

Als Afeni am 2. Mai 2016 verstarb, war sie nicht in erste Linie als Mitglied der Panther 21 und für ihren Kampf mit dem US-amerikanischen Staat bekannt, sondern als Mutter eines charismatischen Superstars, der vor seiner Zeit verstorben war – das Kind, für das sie vor einem halben Jahrhundert so gekämpft hatte.

Doch diejenigen in ihrer Generation, die in die Gewalt einer jahrhundertelangen Unterdrückung geboren wurden, die sich ihren Weg frei gekämpft hatten, nur um sich erneut darin wiederfinden, erkannten, dass sie so viel mehr war.

Ihre Wut machte Afeni Shakur zu der Person, die sie war. Doch an ihr zerbrochen ist sie nie.


Tashan Reed schreibt über die Las Vegas Raiders für The Athletic.

#8
Die nächste Jacobin-Ausgabe erscheint im April.

Jetzt abonnieren mit Digitalzugriff auf alle Magazine.

JACOBIN Tragetasche
JACOBIN Tragetasche

Als Dank für ein Soli-Abo schenken wir Dir einen JACOBIN Beutel.

Druck

Digital