23.12.2020

Amazon-Streiks zu Weihnachten: »Boykott ist eher unproduktiv«

Andreas Gangl ist Amazon-Mitarbeiter aus Bad Hersfeld, wo gerade auch gestreikt wird. Im JACOBIN-Interview spricht er über den mangelnden Gesundheitsschutz und die internationale Vernetzung der Angestellten.

Ohne Tarifvertrag sehen die Beschäftigen von Amazon rot.

Ohne Tarifvertrag sehen die Beschäftigen von Amazon rot.

imago images / photothek.

Interview mit Andreas Gangl geführt von Alexander Brentler

An sechs deutschen Standorten legen seit Montag die Beschäftigen von Amazon ihre Arbeit nieder. Die Gewerkschaft Ver.di will dadurch den Druck für eine tarifliche Bezahlung erhöhen. Bis Weihnachten sollen die Versandbänder still liegen. Alexander Brentler spricht für JACOBIN mit einem Mitarbeiter am Standort Bad Hersfeld über die Forderungen der Beschäftigen, den Aufbau von Betriebsräten und die internationale Vernetzung der Arbeitenden.

Amazon weigert sich bisher, einen allgemeinen Tarifvertrag anzunehmen. Was sind Eure Hauptforderungen bei den aktuellen Streiks?

Die wichtigste Forderung ist in der Tat die Anerkennung eines Tarifvertrags. Das ist ja auch die rechtliche Voraussetzung dafür, dass wir streiken dürfen. Wir haben aber auch konkrete, momentane Forderungen. Das ist unter anderem der Schutz unserer Gesundheit. Amazon hat zum Weihnachtsgeschäft viele neue Leute eingestellt, es ist sehr voll in den Fulfillment-Centers und es ist schwierig, die Abstände einzuhalten. Die Fallzahlen sind wieder stark gestiegen, auch wenn immer wieder behauptet wurde, dass sich die Leute im privaten Umfeld anstecken.

An einigen Standorten gab es ja richtige Cluster von Corona-Fällen.

Ja, in Koblenz ist die komplette Nachtschicht in Quarantäne geschickt wurden. Auch an anderen Standorten gab es teilweise hohe Fallzahlen. Bei uns in Bad Hersfeld ist es so, dass wir die ganze Zeit eine Maske tragen müssen, was natürlich auch zu Beeinträchtigungen führt. Die Blöcke zwischen den Pausen sind zweieinhalb Stunden lang, dann bekommen wir eine halbe Stunde Pause. Das heißt, man muss zweieinhalb Stunden unter hoher körperlicher Belastung mit Maske arbeiten, vor allem jetzt, wo die Bestellungen mehr werden.

Unsere Forderung ist, dass hier mehr gelüftet werden soll, und diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen können, vom Arbeitgeber bezahlt freigestellt werden. Bisher gibt es nur die Möglichkeit, sich krankschreiben oder unbezahlt freistellen zu lassen.

Es geht also um den Gesundheitsschutz.

Es ist schon einiges gemacht worden, vor allem auf Druck des Betriebsrats und der Mitarbeiter. Aber Leute, die gesundheitlich eingeschränkt oder Risikopatienten sind, vor die Wahl zu stellen, auf ihr Einkommen zu verzichten oder sich zu gefährden, kann nicht die Lösung sein. Das Problem wird so auf die Mitarbeiter abgewälzt. Das Endergebnis ist, dass Leute ihre Gesundheit gefährden, aber wer kann schon monatelang ohne Lohn auskommen? Gerade viele alleinerziehende Mütter haben im ersten Lockdown ihren ganzen Urlaub und das Überstundenkonto aufgebraucht. Wenn die Schulen nun wieder schließen, stehen sie vor einem Problem.

Habt ihr an allen Standorten einen anerkannten Betriebsrat, oder ist das von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich?

Außer an den ganz neuen Standorten gibt es überall Betriebsräte, ja. Dazu muss man aber sagen, dass das nicht überall dasselbe bedeutet. Wir in Bad Hersfeld haben ja vor zwanzig Jahren schon den ersten Betriebsrat gewählt, der sehr aktiv und eine echte Vertretung der Arbeiter ist.* Die Wahl fand statt, als das Werk gerade ein paar Monate am Netz war und die Leute alle neu waren. Amazon stand damals wegen mangelnder Mitarbeitervertretungen in der Presse in der Kritik. Tatsächlich haben sie damals an allen Standorten Betriebsräte wählen lassen und haben es unterstützt, dass möglichst viele Listen antreten, um undurchsichtige Mehrheitsverhältnisse zu begünstigen und eine starke gewerkschaftliche Vertretung zu verhindern.

Amazon will also, dass zwar Wahlen abgehalten werden, aber nur unter Voraussetzungen, die für das Unternehmen vorteilhaft sind?

Ja, richtig. Umso bunter der Betriebsrat, desto weniger ist er sich einig. Dadurch wird er durch das Management leichter beeinflussbar.

Vor einigen Wochen ging durch die Presse, dass Amazon in den USA Privatdetekteien beauftragt, um gegen gewerkschaftliche Organisation vorzugehen. Merkt Ihr von solchen Aktivitäten auch hier etwas, oder erfahrt Ihr davon nur aus der Presse? Für einen Betriebsrat wären solche Machenschaften ja eigentlich nicht hinnehmbar.

Bis jetzt haben wir davon nur aus der Presse erfahren. Wir werden der Sache aber auf jeden Fall nachgehen. Natürlich ist so etwas überhaupt nicht hinzunehmen. Wir hatten allerdings schon in der Vergangenheit Fälle, etwa den eines geleakten Trainingsvideos, welches Führungskräfte darin schulen sollte, gegen die Gründung von Gewerkschaften vorzugehen und gewerkschaftsfreundliche Mitarbeiter zu erkennen.

Bei der Streikaktion Anfang Dezember handelte es sich ja um eine weltweite Kampagne. Wie sah da die internationale Vernetzung aus, natürlich im Rahmen des rechtlich möglichen? Habt Ihr Euch international gemeinsame Ziele gesetzt?

Wir organisieren uns im internationalen Verbund Amazon Workers International – mit dabei sind Leute aus Polen, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und den USA. Wir versuchen schon, gemeinsame Aktion zu machen, im Rahmen des jeweiligen nationalen Arbeitsrechts. In Deutschland haben wir, verglichen mit der Situation in Polen etwa, ein recht freies Streikrecht. Dort sind die Voraussetzungen viel schwieriger, um überhaupt streiken zu können.

Überraschenderweise ist es aber so, dass wenn man sich weltweit mit Kollegen unterhält, die Forderungen immer Recht ähnlich lauten. Das Lohnniveau unterscheidet sich natürlich, aber überall gibt es die Forderung nach mehr Lohn, einem besseren Gesundheitsschutz und besseren Arbeitsbedingungen. Amazon organisiert ja die Arbeit auch weltweit gleich. Ein Picker aus den USA könnte morgen genauso gut in Deutschland oder Polen seine Arbeit antreten, ohne umschulen zu müssen, abgesehen von länderspezifischen Gesetzen zum Arbeitsschutz.

Seid Ihr mit Arbeitervertretungen in anderen Konzernbereichen, etwa dem Bereich Softwareentwicklung, vernetzt? In dieser traditionell wenig organisierten Branche gibt es ja gerade auch einige Initiativen für mehr Gewerkschaften.

Zur Tech Workers Coalition in Berlin haben wir auf jeden Fall Kontakte, aber auch zu Gruppen wie Berlin vs. Amazon oder Amazon Workers for Climate Justice aus den USA. Auch auf gewerkschaftlicher Ebene haben wir gemeinsame Seminare organisiert. Die Vernetzung läuft jedenfalls. Wir haben es geschafft, dass alle weltweit an einem Strang ziehen. Sogar Greenpeace und Oxfam sind mit im Boot.

An einer solchen internationalen Vernetzung hat es der Arbeiterbewegung in der Vergangenheit ja oft gefehlt. Es macht auf jeden Fall Mut zu sehen, dass diese Hürden langsam überwunden werden.

Wir hatten selbst in der Vergangenheit die Schwierigkeit, dass sich unsere polnischen Kollegen bei einer anderen Gewerkschaft organisiert hatten als der Schwestergewerkschaft von Verdi, der Solidarność. Eine Zeit lang wurde so verhindert, dass wir zusammenarbeiten, sodass wir einfach auf eigene Initiative nach Polen gefahren sind und uns mit den dortigen Kollegen vernetzt haben. Unserer Gewerkschaft haben wir damals ganz einfach gesagt: Wenn Ihr nicht mitmachen wollt, machen wir das selber, uns haltet Ihr nicht auf! Aber inzwischen gibt es da auch ein Umdenken.

Welche Möglichkeiten gibt es, Euch zu unterstützen, gerade auch im Weihnachtsgeschäft?

Am besten über die Bewegung Make Amazon Pay, auch Spenden für die Vernetzungsarbeit nehmen wir dort gerne an. Ein Boykott von Amazon ist eher kontraproduktiv, den der gefährdet natürlich unsere Arbeitsplätze. Auch Amazon auf den sozialen Medien mitzuteilen, dass man mit der Behandlung der Mitarbeiter und der Umweltbelastung durch die Aktivitäten des Unternehmens nicht einverstanden ist, hilft auf jeden Fall, Druck aufzubauen.

*Anm. d. Red.: an dieser Stelle wurde eine Passage wurde nachträglich auf Wunsch des Interviewten entfernt.


Andreas Gangl ist Amazon-Mitarbeiter am Standort Bad Hersfeld und Gewerkschafter. Er ist 48 Jahre alt und arbeitet seit 2009 bei Amazon.

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