13.06.2021

Angst vorm Abstieg

Der Kapitalismus hat die Mittelschicht fallen lassen. Die Linke sollte auch sie für den Sozialismus gewinnen.

Entscheidend für eine erfolgreiche egalitäre Politik im postindustriellen Zeitalter ist eine positive Mittelschichtspolitik der Linken.

Entscheidend für eine erfolgreiche egalitäre Politik im postindustriellen Zeitalter ist eine positive Mittelschichtspolitik der Linken.

ILLUSTRATION Andy King.

Der Anstieg der Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten kommt nicht von ungefähr. Er wurde von den reichsten 10 Prozent in unseren Gesellschaften vorangetrieben, vor allem aber vom obersten Prozent und noch kleineren Fraktionen von wahrhaft pharaonischem Reichtum. Die anderen 90 Prozent sind nicht allesamt verarmt, in jedem Fall sind sie aber auf der Strecke geblieben. Eine Fülle verbitterter journalistischer und akademischer Publikationen im Globalen Norden zeugt von dieser desillusionierenden Entwicklung – und bildet ein interessantes Gegengewicht zur von den Entwicklungsbanken herbeigeredeten »aufsteigenden Mittelschicht« des Globalen Südens.

Um der Bourgeoisie in diesem Moment der Krise und des liberalen Selbstzweifels neuen Mut einzuflößen, haben die Ökonomen Torben Iversen und David Soskice mit ihrem Buch Democracy and Prosperity aus dem Jahr 2019 eine Hommage an die »fortgeschrittenen kapitalistischen Demokratien« verfasst – wobei sie dem Kapitalismus mehr Ehrerbietung zollen als der Demokratie, welche sie für die Ungleichheit verantwortlich machen. »Die Essenz der Demokratie«, so behaupten sie, »ist die Förderung der Interessen der Mittelschicht«.

Sie argumentieren, dass die Mittelschicht über zwei Schlüsselmechanismen mit dem Kapital verbunden ist. Der eine ist ihre »Einbeziehung in den Wohlstandsstrom«, der durch die Kapitalakkumulation entsteht. Der andere ist der Sozialstaat, der über sein Steuer- und Transfersystem sicherstellt, dass die Gewinne der Wissensökonomie »mit der Mittelschicht geteilt werden«. Eben jenes Verhältnis des »Einbeziehens« und des »Teilens« zwischen den Kapitalisten und der Mittelschicht löst sich der Ungleichheitsforschung zufolge gegenwärtig auf.

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Die Mitte bleibt auf der Strecke

Anfangs begünstigte der Neoliberalismus tatsächlich die Interessen der Mittelschicht. Die Privatisierung der öffentlichen Dienstleistungen verschaffte bestimmten Teilen von ihr einige Vorteile. In Schweden zum Beispiel bot die öffentliche Finanzierung des Zugangs zu Privatschulen durch ein Gutscheinsystem Familien aus der Mittelschicht eine willkommene Gelegenheit, ihre Kinder auf Schulen zu schicken, in denen es kaum Einwanderer- oder Arbeiterkinder gibt. Die Privatisierung der Pflege war weniger populär und besonders anfällig für Skandale, wird aber nach wie vor mehrheitlich als vertraute Begleiterscheinung von Sparmaßnahmen und der Verknappung öffentlicher Angebote hingenommen.

In den Städten schreitet der Ausschluss der Mittelschicht von hochwertigem Wohnraum voran, während sich die Einkommens- und Vermögensschere immer weiter spreizt. Zugleich findet der Anspruch auf einen Umweltschutz, der ökologische Nachhaltigkeit über die Interessen des Kapitals stellt, immer mehr Anklang bei der gebildeten Mittelschicht.

Da der Median die exakte Mitte einer Verteilung darstellt, ist das Verhältnis zwischen den Einkommen des reichsten Prozents und dem Median ein gutes Maß für den Abstand zwischen der Ober- und der Mittelschicht. In den USA ist dieses Verhältnis in den Jahren von 1980 bis 2016 von 11:1 auf 26:1 angestiegen. In Großbritannien und Schweden stieg es von einem relativ niedrigen Wert von 3:1 auf etwa 10:1. In Deutschland stieg das Verhältnis ebenfalls an, während es in Frankreich von einem vergleichsweise hohen Wert leicht zurückging.

Aufgrund der Einkommenspolarisierung ist die Größe der mittleren Einkommensklasse – diejenigen mit einem Einkommen zwischen 75 und 200 Prozent des Medians – im OECD-Raum geschrumpft, wobei auch die Chancen, in diese Klasse aufzusteigen, geschmälert worden sind. Die Aufwärtsmobilität in den tertiären Bildungsbereich ist seit 1975 zum Stillstand gekommen, während das Risiko der Abwärtsmobilität in den 2010er Jahren deutlich zugenommen hat, am stärksten in Großbritannien.

Covid-19 hat den Bruch zwischen Ober- und Mittelschicht fortgesetzt und in einigen Ländern sogar noch beschleunigt. In den USA stieg der Reichtum der Milliardäre von Mitte März 2020 bis Ende Februar 2021 um 44 Prozent – und das zu einer Zeit, in der 50 Prozent der Menschen mit College- oder Hochschulbildung Schwierigkeiten hatten, ihre alltäglichen Haushaltsausgaben zu stemmen. Ende Juli 2020 war das Vermögen der britischen Milliardäre im Vergleich zum Vorjahr um 35 Prozent gewachsen, während die Ersparnisse der Hälfte aller Erwerbstätigen mittleren Einkommens stagnierten und ein Fünftel von ihnen einen Rückgang verzeichnete.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Arbeit ohne Wert

Im gesamten OECD-Raum haben Kinder geringere Aufstiegschancen – aber das ist nur der Anfang. Die Arbeit der Mittelklasse ist in ihrem Kern ausgehöhlt worden. Diese hatte drei Hauptformen: Selbstständigkeit, Bürotätigkeiten mit einer gewissen delegierten Autorität und die freien Berufe. Auf lange Sicht hat das selbständige Kleinbürgertum – in den Städten die Ladenbesitzerinnen, auf dem Land die Bauern – an Zahl und Bedeutung abgenommen.

Zwar ist in Großbritannien in diesem Jahrhundert die Anzahl selbständiger Geschäftsinhaber in den Städten gewachsen, jedoch ist dies ausschließlich auf Einzelunternehmer zurückzuführen, die in der Mehrzahl eher dem Prekariat als dem schrumpfenden Kleinbürgertum zuzuordnen sind. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in dieser Gruppe lag 2015/16 bei 21.000 Pfund – einem Drittel des durchschnittlichen Angestellteneinkommens.

Büroangestellte und das untere Management werden einem Prozess unterworfen, den der Autor David Boyle treffend als »digitalen Taylorismus« bezeichnet hat, und anschließend gänzlich entlassen. Viele Post- und Bankangestellte hat dieses Schicksal bereits ereilt. Ein Bürojob ist heute kein sicherer und komfortabler Ausweg aus der Arbeiterklasse mehr, sondern das primäre Ziel der Automatisierung.

Den dritten Bereich klassischer Mittelschichtsjobs bilden jene Berufe, die auf einer langen und anspruchsvollen Ausbildung beruhen und über besonderes, der Öffentlichkeit nicht ohne weiteres zugängliches Fachwissen verfügen. Dazu gehören die altehrwürdigen Professionen der Lehre, der Medizin und des Rechts und in vielen Ländern auch der öffentliche Dienst sowie die im 20. Jahrhundert hinzugekommenen Berufe der Krankenpflege und der Sozialarbeit, um nur zwei zu nennen.

»Ein Bürojob ist heute kein sicherer und komfortabler Ausweg aus der Arbeiterklasse mehr, sondern das primäre Ziel der Automatisierung.«

Diese Berufe galten lange Zeit als respektabel und waren für das Kapital nicht von Interesse. In Deutschland wurden sie in der Tradition des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zum »Bildungsbürgertum« zusammengefasst und mehr oder weniger mit dem »Wirtschaftsbürgertum« auf eine Stufe gestellt.

Ebenso hat die Soziologie diese Berufsgruppen von der Geschäftswelt abgegrenzt, insofern es ihnen um die Kultivierung von Wissen und den öffentlichen Dienst ging anstatt um den Profit.

Invasion des Managements

Diese Professionen der Mittelschicht – Juristinnen und Juristen weitestgehend ausgenommen – sind nun heftigen Angriffen ausgesetzt. Diese kommen aus verschiedenen Richtungen, lassen sich aber insgesamt als eine Invasion des Managements verstehen. Was geschieht, ist eine relative Abwertung des Fachwissens und eine Unterordnung von Fachleuten, Lehrenden, Forschenden, Pflegenden, Ärztinnen, Ingenieuren und anderen unter das Management von Schulen und Universitäten, Krankenhäusern und Unternehmen.

Aus Misstrauen gegenüber der Autonomie und Berufsethik dieser Professionen werden sie der Prüfung, Bewertung und Sanktionierung durch Managerinnen und Manager unterworfen. Dabei werden ihnen allgegenwärtige, oft speziell erfundene Kosten-Nutzen-Kalkulationen interner Quasi-Märkte auferlegt – etwa wenn Universitätsverwaltungen den Fakultäten für die Nutzung von Räumlichkeiten Gebühren in Rechnung stellen. Solche Kosten-Nutzen-Erfindungen bedeuten einen schweren anti-professionellen Angriff unter dem Banner der Marktwirtschaft.

Die Durchsetzung einer Idealnorm des Marktes – dem Gegenteil der professionellen Denkweise mit ihren intrinsischen Werten des Wissens, des Dienstes an den Bedürfnissen und der Unparteilichkeit von Gesetz und Regulierung – geschieht einerseits durch die private Kommerzialisierung (von Schulen, Krankenhäusern, Gefängnissen und so weiter) und andererseits durch das sogenannte »New Public Management« in steuerfinanzierten Institutionen. Demzufolge sollen diese intern wie private Unternehmen nach quasi-marktwirtschaftlichen Vorgaben arbeiten, indem sie ihre Dienstleistungen untereinander kaufen und verkaufen, und extern echte Privatunternehmen mit der Erbringung öffentlicher Dienstleistungen beauftragen.

»Entscheidend für eine erfolgreiche egalitäre Politik im postindustriellen Zeitalter ist eine positive Mittelschichtspolitik der Linken.«

Auf diese Weise sind die Bildung, das Gesundheitswesen und die Sozialfürsorge zu profitablen Bereichen der Kapitalakkumulation geworden, die das große Interesse des Wirtschaftsbürgertums auf sich ziehen, während das Kulturbürgertum auf seinem eigenen, angestammten Terrain Boden verliert.

Die klassischen Professionen der Mittelschicht sollten allerdings nicht idealisiert werden – sie neigen dazu, starr, konservativ, selbstgefällig und in ihren Routinen ineffizient zu werden. Diese Tendenz ist aber keine unausweichliche Folge der Professionalität. Eine Lehrerin, ein Beamter oder eine Ärztin zu sein, war einst eine Quelle großen Stolzes und Selbstvertrauens. Dieser Stolz und dieses Selbstvertrauen werden nun mit Füßen getreten, und die Peitsche des Managements übertrumpft die Kollegialität. Einigen wenigen gelingt die Flucht in eine obere Mittelschicht von Managerinnen und »Star«-Professionals, aber für alle anderen ist die Gegenwart – und wahrscheinlich auch die Zukunft – von Instabilität und Abstieg gezeichnet.

Eine Politik für die 99 Prozent

Die Dialektik des industriellen Kapitalismus, die Marx mit beeindruckender Genauigkeit analysiert und vorhergesagt hat, ist im Globalen Norden nicht mehr am Werk und wird im Süden blockiert. Der postindustrielle Kapitalismus bringt nicht länger eine wachsende, immer stärker konzentrierte Arbeiterklasse hervor. Dieser Prozess endete im Norden in der Zeit von 1965 bis 1980, als das soziale Gewicht der Arbeiterklasse seinen Höhepunkt erreichte. Im Globalen Süden kam der Anstieg der Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe in den 1990er Jahren und in der Industrie – einschließlich dem Bauwesen und dem Bergbau – um 2010 zum Stillstand.

Selbst wenn die Teile der Arbeiterklasse, die die Linke an die Rechten verloren hat, zurückgewonnen werden können, wird die Arbeiterklasse nur noch ein notwendiger Bestandteil egalitärer Politik sein, nicht mehr aber allein ihr natürliches Zentrum bilden können. Entscheidend für eine erfolgreiche egalitäre Politik im postindustriellen Zeitalter ist daher eine positive Mittelschichtspolitik der Linken.

Das ist ein sehr heikles und kompliziertes Thema. Eine solche Politik für die Mittelschicht darf weder die Schwächsten in unseren Gesellschaften, noch die untere Hälfte der Bevölkerung Privatisierungen und Einkommensstagnation ausliefern. Ebensowenig darf sie die Rechte der Arbeitenden gegenüber den Chefs untergraben. Sie muss das genaue Gegenteil der rechtsgerichteten Mittelschichts-Orientierung eines Tony Blair sein, die der Bevölkerung den Rücken kehrt, mit dem Kapital kokettiert und dabei die Weltsicht der oberen Mittelschicht vertritt. Es war diese politische Einstellung, die auch die französische Parti Socialiste und die deutsche SPD zerstört hat.

Unsere Aufgabe besteht darin, die Mittelschicht – oder wesentliche Teile von ihr – von den Vorteilen der Gleichheit und der Solidarität im Gegensatz zu neo-pharaonischen Privilegien und Prämien für das Kapital und seine Kinder zu überzeugen. Unsere Ausgangslage ist heute, dass der postindustrielle Finanzkapitalismus die Mittelschicht im Stich lässt und eine Gesellschaft hervorgebracht hat, in der das oberste Prozent gegen die übrigen 99 Prozent steht. Wer auch immer in diesen trostlosen Demokratien den Ton angibt – der Medianwähler, den wir aus der ökonomischen Demokratietheorie kennen, ist es sicher nicht. »Mit dem Durchschnitt ist es zu Ende« könnte die neoliberale Grabinschrift für die Mittelschicht lauten.

Dies ist die Übersetzung eines Auszugs aus Göran Therborns »Buch Inequality and the Labyrinths of Democracy« (Verso, 2020).

#7
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