20. März 2026
Die Kriminalisierung von Palästina-Solidarität lässt sich nicht mit antipalästinensischem Rassismus erklären. Denn ihre Beweggründe und ihre Folgen reichen weit über Hass und Ausschluss hinaus.

»850 polizeiliche Maßnahmen wurden innerhalb von zwei Wochen auf der Sonnenallee für die sogenannte präventive Gefahrenabwehr durchgeführt.«
Nicht erst infolge des 7. Oktobers 2023 wird insbesondere Menschen mit palästinensischem Hintergrund unterstellt, terroristische Aktionen zu unterstützen. Doch seitdem erleben wir eine Zuspitzung. Das Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin verzeichnet für das Jahr 2024 einen »beispiellosen Anstieg« von Diskriminierungsfällen gegen Menschen mit palästinensischen Wurzeln. Palästinensische und solidarische Stimmen finden im deutschen Mainstream kaum Gehör, Polizeigewalt gegen pro-palästinensische Proteste eskaliert und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner sagt in ihrer Rede am Holocaust-Gedenktag: »Unsere Staatsräson beginnt auf der Berliner Sonnenallee.«
In diesem Zusammenhang war in den vergangenen Jahren vermehrt der Begriff des antipalästinensischen Rassismus zu hören, der die genannten Phänomene beschreiben und erklären soll. Dass es eine staatliche Politik gibt, die sich unverhältnismäßig gegen Palästina-solidarische Aktivitäten richtet, lässt sich kaum leugnen. Die Frage ist, ob sich diese über einen spezifischen Rassismus erklären lässt.
Eine verbreitete Definition von antipalästinensischem Rassismus stammt von der Arab Canadian Lawyers Association. Diese definiert ihn über die Leugnung der Nakba, die pauschale Unterstellung, antisemitisch oder antidemokratisch zu sein, und die Rechtfertigung von Gewalt gegen Palästinenserinnen und Palästinenser. Damit seien sie einer einzigartigen Form von Rassismus ausgesetzt, die sich gezielt gegen sie und diejenigen richtet, die sich für ihre Rechte einsetzen.
Das geht häufig Hand in Hand mit einer allgemeinen rassistischen Mobilisierung. Im US-amerikanischen Kontext wurde die Kriminalisierung von Palästina-Solidarität vor allem sicherheitspolitisch mit Bezug auf 9/11 legitimiert. Bei den Black-Lives-Matter-Protesten 2020 in den USA war neben dem Rassismus gegen Schwarze Menschen auch die Besatzung Palästinas Thema: Die Kniefixierung, an der George Floyd erstickte, ist durch Jahrzehnte der Besatzung und Aufstandsbekämpfung in Palästina erprobt und der Polizei Minneapolis gezielt durch die israelische Armee beigebracht worden.
Dieser Zusammenhang spielt auch in Europa eine Rolle: Migrationsabwehrsysteme an den EU-Außengrenzen werden unter anderem von israelischen Rüstungsunternehmen hergestellt. Und auch in Deutschland wurde mit Verweis auf eine sicherheitspolitische Bedrohung eine rassistische Hetze entfacht.
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Bafta Sarbo ist Editor bei Jacobin.
Simin Jawabreh ist Politikwissenschaftlerin und schreibt und lehrt zu Rassismus und Migration