19. Februar 2026
Filme über Ausbeutung wie »Ich verstehe ihren Unmut« und »Enjoy Your Stay« laufen auf der Berlinale abseits des großen Wettbewerbs. Aber sie begeistern das Publikum und zeugen von zunehmender Kunstfertigkeit im filmischen Umgang mit Klassenfragen.

Sabine Thalau, Natasa Büttner und Meho Fejzic in einer Szene aus dem Film »Ich verstehe ihren Unmut«.
Unten rechts bei den Filmbeschreibungen auf der Webseite der Berlinale befinden sich Tags. Sie sortieren Filme lose nach Interessen und geben gleichzeitig einen Hinweis darauf, welche Themen populär sind auf Deutschlands größtem Filmfestival. »Furchtlosen Frauen« widmen sich 88 Filme. Das Tag »Queer« spuckt 63 Treffer aus, dazu gibt es noch zwölf »Queere Zeitreisen«. Unter »Kampf um Gerechtigkeit« findet man 29 Filme.
Berlinale-Filme drehen sich häufig um Fragen von Identität, Diskriminierung und die Anerkennung von Minderheiten. Produktionen, die sich vor allem mit ökonomischen Ungerechtigkeiten beschäftigen, gab es zwar in den vergangenen Jahren auch – aber selten so zahlreich wie in diesem Jahr. Und sie verstecken sich vielfach unter anderen Tags, als man erwarten würde.
Je nach Eingrenzung beschäftigen sich mindestens ein halbes Dutzend Filme mit dem Thema Ausbeutung am Arbeitsplatz. Und die meisten sind gelungen. Allen voran der deutsche Spielfilm Ich verstehe ihren Unmut von Kilian Armando Friedrich. Protagonistin ist Heike, Objektleiterin einer Reinigungsfirma, der die wackelige Kamera durch den Arbeitsalltag folgt. Man sieht Heike im Auto, während sie sich bemüht, schimpfende Kunden zu beruhigen. Man wandert mit ihr durch Kindergärten und Spielhallen, wo sie versucht, Mitarbeiter anzuleiten und vom Trödeln während der Arbeitszeit abzuhalten. Unterdessen ist ihr Chef dabei, immer mehr Personal an einen Subunternehmer auszulagern. Die Arbeit ist hart, alle schreien sich gegenseitig an, jeder Mitarbeiter kämpft irgendwie ums Überleben – etwa durch den Diebstahl von Reinigungsmitteln zum Weiterverkauf, um das kümmerliche Gehalt aufzubessern.
Heikes Dauerstress setzt sich in ihrer Wohnung in einem schmucklosen Plattenbau fort. Dort bekommt sie Besuch vom Jobcenter, weil ihr Mitbewohner Detlef Vermittlungstermine nicht wahrnimmt. Die Jobcenter-Mitarbeiter durchsuchen die Wohnung, um zu überprüfen, ob Heike und ihre Mitbewohner nicht in einer Liebesbeziehung, und damit sozialrechtlich in einer Bedarfsgemeinschaft leben – was Leistungskürzungen für Detlef zur Folge hätte. Der Entwürdigung am Arbeitsplatz folgt die Entwürdigung in den eigenen vier Wänden.
»Im Niedriglohnsektor, wie er in Ich verstehe ihren Unmut dargestellt wird, ist der Verrat der Arbeiter untereinander der letzte zynische Ausdruck eines Ausbeutungssystems, das keinen Raum für Helden lässt.«
Die Berlinale ordnet dem Film das Tag »Furchtlose Frauen« zu – so als würde Heike im Sinne eines Klassensprecherinnen-Feminismus à la Annalena Baerbock heroisch ihren Platz in einer Männerwelt erkämpfen, die unentdeckten »Queens« wie ihr die Flügel stutzt. Ich verstehe ihren Unmut ist wesentlich geistreicher als das.
Die von der Schauspiel-Neuentdeckung Sabine Thalau verkörperte Protagonistin reproduziert – wenn auch widerwillig – das Unterdrückungssystem im Niedriglohnsektor. Einem bosnischen Mitarbeiter schmuggelt sie vermeintliches Diebesgut in den Rucksack, um einen Vorwand zu finden, ihn zu feuern – weil der Chef das so will. Heike selbst wird von einer Kollegin und Vertrauten verraten, als der Reinigungsmittel-Diebstahl auffliegt, den in Wahrheit Heike und sie begangen hatten.
Der Film bietet keine einfachen Identifikationsmuster. Vielmehr zeigt er dem Zuschauer ein Dickicht aus Abhängigkeiten und sozialen Beziehungen, das kaum einem seiner Protagonisten ermöglicht, moralisch zu handeln. Bertolt Brecht hätte seine Freude an diesem Film. Im Niedriglohnsektor, wie er in Ich verstehe ihren Unmut dargestellt wird, ist der Verrat der Arbeiter untereinander der letzte zynische Ausdruck eines Ausbeutungssystems, das keinen Raum für Helden lässt – auch wenn Heike am Ende zumindest versucht, die Dinge zum Besseren zu wenden.
Ähnlich lässt sich Enjoy Your Stay von Dominik Locher lesen. Im Zentrum der Handlung steht die philippinische Reinigungskraft Luz, die in einem Schweizer Skiort ohne gültige Papiere noble Skihütten reinigt, um Geld für ihre Tochter anzusparen. Um das Sorgerecht führt sie in der Heimat einen Streit mit dem Vater des Kindes. Sie braucht dringend Geld, um die Heimreise anzutreten, doch ihr Pass wird ihr von einer Zwischenhändlerin abgenommen, bis sie das Geld für die Arbeitsvermittlung abbezahlt hat. Luz und ihre Kolleginnen leiden unter den Wutausbrüchen ihres Arbeitgebers Thibault, der ihnen vereinbarte Gehaltszahlungen vorenthält und dem Missbrauch seiner Kunden ausliefert.
Um schneller an Geld zu kommen, beteiligt Luz sich schließlich an der Fortführung dieses Ausbeutungssystems – auch sie ist über weite Teile des Films keine Heldin. Die Tags für Enjoy Your Stay sind »Furchtlose Frauen« und »Queer«. Falls der Film sich in irgendeiner Weise um Queerness gedreht hat, muss das dem Rezensenten entgangen sein. Sehenswert ist er allemal.
»Das Publikum hat Interesse an Geschichten aus der Arbeiterklasse – das zeigt diese Berlinale eindeutig.«
Doch es muss nicht immer »Social Realism« sein, wie der indonesische Regisseur Edwin mit Monster Pabrik Rambutbeweist. Dem Klassenthema lässt sich auch ein wenig mystischer Horror à la The Thing von John Carpenter oder Invasion of the Body Snatchers von Don Siegel beimischen. Nach dem Suizid ihrer Mutter, die unter unmenschlichen Bedingungen Überstunden in einer heruntergekommenen Perücken-Fabrik schob, versuchen deren Töchter, die Todesumstände aufzuklären. Weil die Mutter Schulden hinterlassen hat, ist auch Tochter Putri gezwungen, bei der unbarmherzigen Fabrikbesitzerin anzuheuern, die über Lautsprecher ständig Sermone über Arbeitsmoral verbreitet. Daraufhin häufen sich die makaberen Unfälle in dem mysteriösen Sweatshop.
Das Fabrik-Ensemble aus Haaren, Mannequins und phlegmatischen Arbeitern, die stumm ihrer monotonen Arbeit nachgehen, würde an sich schon für einen Horrorfilm reichen. Doch in der Fabrik treibt sich auch noch ein echter Dämon um, der mit der Chefin gemeinsame Sache macht – alles im Dienste des Gewinns. Es wird blutig, schaurig und die Perückenmacher rufen den Splatter-Klassenkampf gegen das Übernatürliche aus. Das Tag auf der Berlinale-Webseite lautet: »Nicht von dieser Welt«.
Und es geht weiter im Programm. In Filipiñana steht das Service-Personal eines Golfclubs im Mittelpunkt (Tag: »Furchtlose Frauen«), bei AnyMart (Tag: »Nicht von dieser Welt«) die Arbeit in einem Supermarkt. Das Publikum hat Interesse an Geschichten aus der Arbeiterklasse – das zeigt diese Berlinale eindeutig. Alle Aufführungen, die der Rezensent besucht hat, waren ausverkauft, viele endeten in Applaus während des Abspanns. Dabei lief keiner der genannten Filme überhaupt im prestigeträchtigen Wettbewerb um den Goldenen Bären. Dort dominiert das Tag: »Familie ist kompliziert«.
Jörg Wimalasena arbeitet als freier Journalist in Berlin.