26.12.2020

Berlins Schwarzer Kommunist

In den Jahren vor der Machtergreifung der Nazis führte in Berlin ein Kameruner Kommunist den Kampf für die Rechte der Schwarzen an. Joseph Ekwe Bilé war einer der schärfsten Kritiker des deutschen Imperialismus und Rassismus – nur kennt ihn heute niemand.

Portrait von Joseph Ekwe Bilé in der Arbeiterzeitung »The Negro Worker«,1932.

Portrait von Joseph Ekwe Bilé in der Arbeiterzeitung »The Negro Worker«,1932.

Urheber unbekannt.

Am 8. Dezember 1929 hielt der Sozialistische Schülerbund eine antinationalistische und antikoloniale Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz ab. Die Demo reihte sich ein in die wachsende Zahl antikolonialer Veranstaltungen, die von der politischen Linken in Deutschland – unter Federführung der Kommunistischen Internationale (Komintern) – organisiert und durchgeführt wurden.

Der zweite Redner an jenem Nachmittag war Joseph Ekwe Bilé. Der aus Duala in Kamerun stammende Bilé wurde von einem begeisterten Publikum empfangen – darunter befanden sich Berichten zufolge fünf weitere Menschen afrikanischer Herkunft. Sodann fing Bilé an, seinem Publikum vom brutalen Vorgehen des Deutschen Reichs in der ehemaligen Kolonie Kamerun zu berichten, und ging anschließend dazu über, von Missbrauch und Misshandlung zu sprechen, die Menschen afrikanischer Herkunft weltweit erleiden.

Schon bald danach wurden die deutschen Behörden auf seine propagandistischen Umtriebe aufmerksam. Vor dem Hintergrund einer Außenpolitik, die weiterhin die Hoffnung hegte, Deutschland werde seine kolonialen Besitztümer eines Tages doch noch zurückerlangen, waren Bilés Ansichten unerwünscht und entfachten eine hitzige Debatte über seine Ausweisung. Für den Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft, Theodor Seitz – der frühere Gouverneur Kameruns und Verfechter eines kolonialen Irredentismus –, war Bilés politisches Aufrührertum Vorbote einer drohenden Gefahr. Seitz hielt dazu fest: »Ich bin mir gewiss, dass die sich weiterhin in Deutschland befindlichen Eingeborenen unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen rettungslos dem Kommunismus verfallen [sind].« Sein Argwohn war nicht ganz unbegründet. Wenige Wochen zuvor nämlich hatte Bilé mit sechs weiteren Genossen aus Kamerun den radikal antikolonialen und von der Komintern geförderten Verein »Liga zur Verteidigung der Negerrasse« (LzVN) gegründet.

Dieser Essay zeichnet die politische Karriere von Joseph Bilé nach, um Aspekte einer weitgehend in Vergessenheit geratenen Geschichte zu beleuchten, nämlich die des politischen Aktivismus von Menschen afrikanischer Herkunft, die in den späten 1920er Jahren in Deutschland (vor allem in Berlin) gelebt haben. Der Essay betrachtet zunächst die Gründung der LzVN und untersucht dann anhand einer Reihe von Fallbeispielen die politischen Aktivitäten seiner Mitglieder – darunter etwa ein bemerkenswertes Theaterstück, das die Gruppe im Jahr 1930 aufführte. Die Fallbeispiele verdeutlichen wiederum, dass die Präsenz von in Deutschland verwurzelten Afrikanerinnen und Afrikanern auch in anderen Kontexten eine Rolle spielte, beispielsweise in grenzübergreifenden antikolonialen und antirassistischen Netzwerken, die oft in Verbindung mit der Komintern standen, und in transnationalen Netzwerken des schwarzen Internationalismus.

Schwarze Menschen im Berlin der Zwischenkriegszeit

Bilé war einer von ungefähr 250–500 schwarzen Bürgerinnen und Bürgern, die in den späten 1920er Jahren in Berlin lebten und deren Kinder in Deutschland geboren waren. Diese Bevölkerungsgruppe hatte mehrheitlich Wurzeln in den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika. Ein kleiner Teil kam aus Togo und dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika (ein Gebiet, das heute Tansania, Burundi und Ruanda umfasst), doch die meisten kamen ursprünglich aus Kamerun. Wie fast alle von ihnen kam Bilé vor 1914 nach Deutschland. Bilé – der Sohn eines einflussreichen Handelsmanns namens James Bilé a M‘Bbule und seiner Frau Georgette Eyango – wurde genau wie sein älterer Bruder Robert Ebolo und seine Schwester Esther Sike von seinen Eltern zur Ausbildung nach Deutschland geschickt. Elitenfamilien von der kamerunischen und togolesischen Küste schickten zu dieser Zeit Dutzende Kinder ins deutsche Kaiserreich, damit sie dort die Schule oder eine Ausbildung durchliefen. Bilé besuchte von 1912 bis 1914 das Technische Gymnasium in Hildburghausen in Thüringen, wo er zum Bauingenieur ausgebildet wurde.

Während seine Geschwister vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Duala zurückgekehrt waren, wurde Bilé, ebenso wie mehrere hundert andere Menschen aus Afrika, praktisch staatenlos und saß aufgrund der Kriegswirren und der anschließenden Friedensverhandlungen in Europa fest. Im Zuge des Friedensabkommens verlor Deutschland sein Überseekolonialreich, und die Kolonien wurden unter Mandatsprotektion gestellt. Die Mandatsmächte, vor allem Frankreich und Großbritannien, ließen es nicht zu, dass afrikanische Menschen, die aus den ehemaligen deutschen Kolonien stammten, in ihre Heimatländer zurückkehrten. Wie für viele andere seiner afrikanischen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die nach einem kurzen Einsatz für die deutschen Streitkräfte in Europa festsaßen, war es auch für Bilé nicht leicht, eine langfristige und sichere Anstellung zu finden. Er zog von Ostpreußen nach Berlin und dann nach Wien, bevor er in den 1920er Jahren nach Berlin zurückkehrte. Vor dem Hintergrund einer sich zuspitzenden Wirtschaftskrise und sich verschärfender rassistischer Vorurteile wurde er in den späten 20er Jahren dann zum Mitbegründer der LzVN.

Die Gründung der LzVN lässt sich als Teil einer längeren Geschichte des antikolonialen Kampfs von in Deutschland lebenden Menschen afrikanischer Herkunft betrachten. Anstoß zu diesem Kampf waren persönliche Erfahrungen mit tatsächlich erlebtem Kolonialismus sowie die Erfahrung, in Deutschland zu leben und von Ausschlussmechanismen und Diskriminierung betroffen zu sein. Exemplarisch für den antikolonialen Kampf stehen die bereits vor 1914 stattfindenden Aktionen der Duala-Aktivisten Alfred Bell und Mpundu Akwa; die 1918 in Hamburg gegründete Selbsthilfeorganisation »Afrikanischer Hilfsverein«, in der Bilé Mitglied war; und die Petition, die unmittelbar nach Kriegsende von einer Gruppe von Afrikanern um den Kameruner Martin Dibobe an die Weimarer Nationalversammlung gesandt wurde. Diese Petition war ein Aufruf dazu, die Beziehungen zwischen Kamerun und Deutschland erneut zu verhandeln, um Kamerun aus dem Würgegriff des Kolonialismus zu befreien und dem Land eine selbstständige Entwicklung zu ermöglichen. Die Bestrebungen der Petenten blieben zwar erfolglos, doch viele von ihnen, darunter Bilé, fanden anschließend mit der LzVN ein neues Betätigungsfeld für ihren Aktivismus.

Die »Liga gegen Imperialismus«

Die LzVN stand von Anfang an unter dem Einfluss der Komintern und verwandter, weiter reichender Netzwerke des schwarzen Internationalismus, die zu der Zeit aufkamen. Gegründet wurde sie im Beisein des radikalen Aktivisten Tiemoko Garan Kouyaté aus Französisch-Sudan, der damals Vorsitzender der gleichnamigen, jedoch in Paris ansässigen »Ligue de Défense de la Race Nègre war«. Gemeinsam mit anderen versuchte Kouyaté, ein über Europa verteiltes Netzwerk des afrikanischen Aktivismus aufzubauen, und die LzVN wurde zur Bündnispartnerin in Deutschland. Zudem korrespondierte Kouyaté mit bekannten schwarzen Intellektuellen wie W.E.B. Du Bois und Marcus Garvey. Sein Kontakt mit Menschen afrikanischer Herkunft in Berlin kam vermutlich über den einflussreichen kommunistischen Organisator und Propagandisten Willi Münzenberg zustande. Münzenberg hatte in den 1920er Jahren dazu beigetragen, Berlin als Knotenpunkt eines von der Komintern finanzierten antikolonialen Aktivismus zu etablieren, und war unter anderem Vorsitzender der »Liga gegen Imperialismus«, einer grenzüberschreitenden Frontorganisation mit Hauptsitz in Berlin. In dieser Rolle bemühte auch er sich aktiv darum, den Kontakt mit vom Kolonialismus Betroffenen herzustellen und sie für den Kampf gegen koloniale Unterdrückung zu mobilisieren.

Bereits 1926 hatte es zaghafte Versuche gegeben, Verbindungen zur schwarzen Bevölkerung Deutschlands zu knüpfen, und es gibt Hinweise darauf, dass es möglicherweise sogar noch früher zu einem Austausch zwischen kommunistischen Gruppen und schwarzen Deutschen gekommen war. 1919 wurde der Duala Wilhelm Makube bei seiner Ankunft in Augsburg festgenommen, und zwar mit der Begründung, er sei Mitglied einer kommunistischen Organisation in Deutschland. Wenige Jahre später erlitt der aus Ostafrika stammende Josef Mambo Verletzungen, als die Berliner Polizei während der Feierlichkeiten am 1. Mai 1925 das Feuer auf kommunistische Demonstrierende eröffnete.

Die »Liga zur Verteidigung der Negerrasse«

Was wissen wir über die LzVN? In puncto Mitgliedschaft stand sie allen schwarzen Menschen offen, was einerseits das am schwarzen Internationalismus orientierte Ethos der Organisation widerspiegelt, aber auch von der Diversität der schwarzen Bevölkerung Deutschlands zeugt. Zudem war auch weißen Ehefrauen der Beitritt erlaubt. Ein von Bilé, dem Vorsitzenden der Gruppe, verfasster Bericht legt nahe, dass es ungefähr dreißig Mitglieder gab, darunter auch mehrere Frauen. Der Großteil der Mitglieder kam aus Kamerun, einige aber auch aus Togo und weiteren Teilen Westafrikas. Die meisten waren in Berlin ansässig, wo die Gruppe ein Büro in der Zentrale von Münzenbergs Liga gegen Imperialismus in der Friedrichstraße 24 unterhielt. In der Zentrale, die als Treffpunkt für ein breites Spektrum deutscher und ausländischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger fungierte, konnten sich unterschiedliche aktivistische Gruppen miteinander austauschen, vernetzen und Kooperationen aufbauen.

Die Zusammensetzung der Liga glich einem »hybriden Gemenge« konkurrierender Anliegen: In ihr manifestierte sich einerseits der Einfluss der sozialistisch-revolutionären Vision der Komintern und des am schwarzen Internationalismus orientierten Projekts von Kouyaté, andererseits aber auch die eher alltäglichen Sorgen von in Deutschland lebenden Afrikanerinnen und Afrikanern. Die Liga betonte daher unter anderem auch die Notwendigkeit eines weltweiten Zusammenschlusses von weißen und schwarzen Arbeiterinnen und Arbeitern. Sie befürwortete die Unabhängigkeit afrikanischer Staaten, insbesondere die Verteidigung der Unabhängigkeit von Liberia und Äthiopien, sowie die Befreiung der afroamerikanischen Bevölkerung. Ebenso ermutigte sie schwarze Deutsche dazu, deutschen Gewerkschaften beizutreten, und hielt ihre Mitglieder zu moralischer und materieller Unterstützung an, wenn andere krank oder arbeitslos geworden waren – ein Appell, der an das Erbe früherer Selbsthilfeorganisationen schwarzer Deutscher anknüpfte.

Über die politischen Aktivitäten der Gruppe ist nur sehr wenig bekannt. Ihre Mitglieder betrieben einen regen Informationsaustausch zwischen Deutschland und Afrika: Propagandamaterial, darunter auch das Gründungsdokument der Gruppe, wurde per Privatpost zu Bekannten und Verwandten an der afrikanischen Westküste geschmuggelt. In den frühen 1930er Jahren äußerten die französischen Mandatsmächte wohl auch ihre Sorge, dass antikoloniales Schriftgut und Exemplare der kommunistischen Zeitung »Die Rote Fahne« nach Duala gelangen und von dort aus ins Inland verbreitet werden würden. Des Weiteren erwartete die LzVN von ihren Mitgliedern auch die Anwesenheit und Teilnahme an politischen Versammlungen, die von mit der Komintern assoziierten Gruppen organisiert waren. Das verblüffendste Beispiel für den Aktivismus der Liga ist jedoch eines, über das wir vielleicht am wenigsten wissen.

Berlin – Wien – Baltimore 

Im Januar 1930 wartete die Zeitung »Baltimore Afro-American« mit der Schlagzeile auf, in Berlin werde daran gearbeitet, ein »Rassentheater« zu entwickeln. Bekannt gegeben wurde dieser Plan von Victor Bell, dem Präsidenten der LzVN – seine Ankündigung ist auch als Anzeichen dafür zu werten, wie weit fortgeschritten Deutschlands schwarze Bevölkerung im Aufbau transnationaler Beziehungen war. Elemente dieses Projekts lassen sich zumindest vorsichtig rekonstruieren, indem man sich vor allem afroamerikanische, deutsche und österreichische Zeitungen aus dieser Zeit anschaut. Die Erkenntnis, dass schwarze Bürgerinnen und Bürger Theater und Varieté als Medium für ihren Aktivismus nutzten, sollte uns dabei nicht überraschen. Viele finanzierten sich ihre Existenz mit Auftritten – sei es auf der Bühne, der Leinwand oder im Zirkus. Auch Bilé arbeitete während seiner Zeit in Wien als Darsteller. Er trat dort neben Josephine Baker auf und hatte eine Hauptrolle als Tänzer in der Revueshow »Apollo? Nur Apollo!« am Apollo-Theater. Im März 1930 war er gemeinsam mit Paul Robeson in der deutschen Erstaufführung von Eugene O’Neills Stück »The Emperor Jones« am Deutschen Künstlertheater in Berlin zu sehen.

Mehreren Berichten zufolge war es sein Schauspielerkollege Bebe Mpessa – besser bekannt unter seinem Bühnennamen Louis Brody –, der hinter den Plänen für das »Rassentheater« steckte. Er wollte eine Revueshow auf die Beine stellen, die stereotype Afrikabilder und diskriminierende Darstellungen schwarzer Menschen hinterfragte – die also ohne Stepptänzer mit Zylinderhüten und hektische Banjo-Spieler auskommen sollte. Mit der Inszenierung von »Sonnenaufgang im Morgenland« feierte Brody schwarze Geschichte und Kultur und wollte zeigen, dass schwarze Menschen genauso »gut und böse, witzig und begabt« wie weiße, europäische Menschen sind.

Die erste Hälfte des Stücks spielte um das Jahr 1880 herum. Die Darstellenden unterhielten sich teilweise in einer nicht näher gekennzeichneten Bantusprache (vermutlich Duala) und setzten sich kritisch und aus afrikanischer Perspektive mit den Auswirkungen des europäischen Kolonialismus auf dem afrikanischen Kontinent auseinander. Die zweite Hälfte des Stücks hingegen spielte in der Gegenwart, und es wurde Französisch, Englisch und Deutsch gesprochen. An dem Stück waren dreißig schwarze Darsteller, acht schwarze Darstellerinnen, drei weiße Darsteller und ein Jazz-Orchester beteiligt. Die Hoffnung, schwarze Darsteller aus den USA zu engagieren und Fördermittel von Kouyatés Gruppe aus Paris zu erhalten, hatte sich allem Anschein nach nicht erfüllt. Obwohl die Proben bereits Anfang 1930 begannen, fand die Premiere von »Sonnenaufgang im Morgenland« erst im Dezember in Kliems Festsälen in der Hasenheide in Neukölln statt – ein Veranstaltungsort, der eng mit der Arbeiterbewegung verbunden war. Weitgehend ungeklärt bleibt die Frage, wie oft die Revueshow aufgeführt wurde und wie das Berliner Publikum sie aufnahm. Bekannt ist aber, dass sie Aufmerksamkeit von ungewollter Seite erregte: Der »Völkische Beobachter«, das Sprachrohr der Nationalsozialisten, druckte einen vernichtenden Artikel, der Verwunderung darüber zum Ausdruck brachte, dass ein Stück über afrikanische Kultur in Berlin zu sehen war.

Beitritt in die Kommunistische Partei Deutschlands

Dass Bilé nicht an diesem Projekt beteiligt war, überrascht zunächst. Im Lauf des Jahres 1930 trat er als bedeutendster Vertreter der LzVN hervor und brachte sich in antikolonialen Kreisen und schwarzen Befreiungsprojekten immer stärker ein. Im Juli repräsentierte er die LzVN beim ersten internationalen Kongress der Negerarbeiter; außerdem gibt es Hinweise darauf, dass er an der Organisation des Kongresses mitgewirkt hatte. Ins Leben gerufen wurde die dreitägige Veranstaltung durch das Internationale Gewerkschaftskomitee der Negerarbeiter (Internationale Trade Union Committee of Negro Workers / ITUCNW), das zwei Jahre zuvor gegründet worden war.

Seine Gründung reflektierte das zunehmend institutionell geprägte Bemühen der Komintern, schwarze Arbeiter auf der ganzen Welt zu mobilisieren und zu befreien. Der bedeutende Kongress fand in Hamburg statt und brachte einige der bekanntesten schwarzen Persönlichkeiten des antikolonialen Aktivismus zusammen, etwa den Afroamerikaner James Ford und den Trinidader George Padmore, der zu Bilés Mentor wurde. In Hamburg hielt Bilé vor Abgeordneten einen Vortrag über die Ausbeutung Kameruns durch Europa, der später in der ITUCNW-Zeitung The Negro Worker veröffentlicht wurde. Im Rahmen des Kongresses formulierten die Teilnehmenden politische Forderungen nach der Gleichstellung von Afrikanerinnen und Afrikaner sowie nach ihrem Recht auf Selbstbestimmung und plädierten für die Gründung unabhängiger afrikanischer Staaten. Zusammen mit zehn Mitstreitern reiste Bilé anschließend nach Moskau, wo er am fünften Kongress der Roten Gewerkschafts-Internationale teilnahm und die Gründung des ITUCNW feierte.

Nach seiner Rückkehr nach Berlin wurde Bilé von Beauftragten der Antiimperialistischen Liga zu seinen Moskauer Erfahrungen befragt und nahm an Beratungsgesprächen über zukünftige kommunistische Aktivitäten in Afrika teil. Ein weiteres Zeichen seines wachsenden Einflusses war, dass er sich immer öfter als politischer Agitator betätigte, unter anderem etwa als Agitprop-Funktionär im Rahmen großer Betriebs- und Straßenzellen. Zusammen mit seinen LzVN-Genossen Victor Bell und Hermann Ngange beauftragte man ihn mit politischer Bildungsarbeit, und er besuchte Propagandakurse an der Deutschen Hochschule für Politik und der Marxistischen Arbeiterschule in Berlin. An letzterer wurden die Kurse von Hermann Duncker geleitet, der Mitglied der Kommunistischen Partei war. Ende 1930 trat Bilé dann offiziell als erstes LzVN-Mitglied der Kommunisten Partei Deutschlands bei. Besonders aktiv war er in der Scottsboro-Kampagne der Komintern – eine europaweite Kampagne, mit der die Hinrichtung von neun Afroamerikanern in Alabama verhindert werden sollte, die zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigt worden waren.

Sein guter Draht zu Padmore half Bilé dabei, sich als bedeutender Redner zu etablieren. Er trat bei einer Reihe von Demonstrationen auf, zumeist in Berlin, wo er oft vor bis zu 1500 Menschen sprach. Diese politische Bühne ermöglichte es ihm, den damals in Deutschland weit verbreiteten Stereotypen von schwarzen Menschen etwas entgegenzusetzen – abgesehen davon, dass er sie nutzte, um die Praxis der Lynchjustiz in den USA anzuprangern. Ebenso bot sie ihm Gelegenheit, die Missstände zum Ausdruck zu bringen, die Afrikanerinnen und Afrikaner sowohl in Deutschland als auch in Afrika erlitten. Der nationalistischen Hoffnung gewahr, dass Deutschland seine ehemaligen Kolonien gerne zurückerlangen würde, reklamierte Bilé mit Nachdruck die Brutalität der deutschen Kolonialherrschaft und klagte christliche Missionen dafür an, dieser Brutalität keinen Einhalt zu gebieten. Seine Kritik machte auch vor den französischen Mandatskräften nicht halt – im Wesentlichen richtete sie sich aber an sämtliche Formen kolonialer Herrschaft, ebenso wie sie Kameruns eigene Forderung nach Unabhängigkeit betonte. Sein politischer Aktivismus führte dann auch dazu, dass Bilé zweimal festgenommen wurde.

Bilé in Moskau

Während sich Bilé zunehmend in der Agitationsarbeit der Komintern engagierte, kam es innerhalb der LzVN immer öfter zu internen Machtkämpfen. Das hatte nicht zuletzt mit der belastenden finanziellen und gesellschaftlichen Situation zu tun, die auf den Mitgliedern lastete und zu Neid und Intrigen beitrug. Padmore schlug vor, die Gruppe aufzulösen, und war bemüht, Bilé aus seiner misslichen Lage zu helfen. Entsprechend dem Ziel der Komintern, ihre Basis um Arbeiter afrikanischer Herkunft zu erweitern und auch in Afrika selbst Fuß zu fassen, plädierte Padmore dafür, Bilé nach Moskau zu schicken, um ihn dort für seine zukünftige Arbeit in Kamerun fortzubilden.

Im Sommer 1932 kam Bilé in Moskau an, wo er die Kommunistische Universität der Werktätigen des Ostens besuchen sollte. Unter dem Decknamen »Charles Morris« war Bilé an der Universität in Sektion 9 aktiv, einer englischsprachigen Abteilung mit dem Schwerpunkt Afrika. Dort verbrachte er 18 Monate, besuchte Kurse unter der Leitung von Jomo Kenyatta, dem späteren Präsidenten Kenias, und etablierte Kontakte mit einer Vielzahl einflussreicher afrikanischer und afroamerikanischer Persönlichkeiten, die – wie er – sehr mobil innerhalb der transnationalen Netzwerke des afrikanischen Polit-Aktivismus waren.

Bilé belegte eine Vielzahl von Kursen in politischer und ökonomischer Theorie, beschäftigte sich mit Themen wie der Sowjetökonomie, dem Leninismus und dem dialektischen Materialismus und besuchte auch einen Kurs zu Partei- und Gewerkschaftsaktivismus. Seine Fortschritte machten schnell die Runde. Das Kollegium konnte sich nicht darauf einigen, ob er nun ein »wütender Nationalist« war oder ob er es vermied, in nationalistische Belange verwickelt zu werden. Manche beklagten auch, er sei zu bürgerlich und sogar zu deutsch und habe sich zu lange in Europa aufgehalten. Dennoch gab es Übereinstimmung darüber, dass er ein Musterschüler und in politischer Hinsicht absolut verlässlich war. Ein Brief vom Januar 1933 gewährt einen kleinen Einblick in seine Moskauer Zeit: Zusammen mit dreizehn Verbündeten protestierte Bilé gegen abfällige Darstellungen afrikanischer Menschen, die auf Moskauer Bühnen gezeigt und in russischen Schulbüchern reproduziert wurden.

Von Paris nach Kamerun

Nach Ende seines Studiums im Februar 1934 ging Bilé von Moskau nach Paris. Außer einem Empfehlungsschreiben, mit dem er sich bei der Kommunistischen Partei Frankreichs bewerben wollte, besaß er kaum etwas. Er war ohne Geld und Papiere in Frankreich gestrandet und hatte keine Aussicht darauf, nach Deutschland zurückkehren zu können, wo er eine Tochter und all sein Hab und Gut zurückgelassen hatte.

Während seiner Zeit in Moskau hatten sich die Situation für den schwarzen Internationalismus und die antikoloniale Politik in Europa (und Kamerun) dramatisch verändert. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war der antikoloniale Arm der Komintern in Deutschland nicht mehr existent; Münzenbergs Liga gegen Imperialismus hatte sich aufgelöst; Padmore war gezwungen, die Flucht zu ergreifen; und die LzVN hatte ihre Geschäfte praktisch eingestellt. Victor Bell, der Präsident der LzVN, wurde Anfang 1933 von den Nazis offenbar ins Horst-Wessel-Haus in Berlin «eingeladen», um dort die Zukunft der Liga zu besprechen. Offiziell aufgelöst wurde die Organisation im Jahr 1935. Bilés Mentoren Kouyaté und Padmore hatten währenddessen mit der Komintern gebrochen, da diese immer mehr auf die westlichen Mächte zuging, um der Gefahr des Nationalsozialismus zu begegnen.

Bilé wollte schon seit einigen Jahren nach Kamerun zurückzukehren, vor allem aus familiären Gründen, doch seine politischen Allianzen machten dies unmöglich. Nachdem er dem Kommunismus abgeschworen hatte, erlaubten ihm die französischen Mandatskräfte allerdings im Jahr 1935, wieder in sein Heimatland einzureisen. Zurück in Duala zog er sich weitgehend aus der Politik zurück, gründete eine Familie und begann, als Architekt zu arbeiten. Joseph Ekwe Bilé starb im Jahr 1959 – ein Jahr, bevor Kamerun unabhängig wurde.

Robbie Aitken ist Lehrbeauftragter an der Sheffield Hallam University. Er hat vielfach zur Geschichte der Schwarzen und Afrikanischen Disapora publiziert. In seiner aktuellen Forschung beschäftigt er sich mit Schwarzen Opfern der Nazizeit.

Dieser Text erschien zuerst bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

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