01. Mai 2026
Löhne, Kosten, Klima, KI – im Interview erklärt der IG-Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban, welche völlig andere politische Kultur es in Staat und Wirtschaft bräuchte, um mit den sich häufenden Krisen fertig zu werden.

Hans-Jürgen Urban bei einer Kundgebung.
Mehr als 124.000 Stellen wurden 2025 in der deutschen Industrie abgebaut. Und sollte das Jahr 2026 eine Trendumkehr bereithalten, verheimlicht es das bislang sehr gekonnt: Geoökonomische Verwerfungen rund um den Irankrieg versprechen im Gegenteil, die Krisensymptome noch weiter zu verstärken. Und alle bisherigen Erfahrungen mit den Entscheidern in Unternehmen und Regierungen legen den Verdacht nahe, dass sie den Großteil der Rechnung an die arbeitende Bevölkerung weiterreichen werden.
Damit sind abermals die Gewerkschaften als Hüter der Lebensstandards von Beschäftigten gefragt. Als solche werden sie auch noch immer von den meisten wahrgenommen, wie sich an den Ergebnissen der aktuell laufenden Betriebsratswahlen ablesen lässt: So konnte die IG Metall zum Beispiel bei Volkswagen 85 Prozent aller Mandate erringen – bedeutend weniger als die 93 Prozent im Jahr 2022, aber noch immer beachtlich, wenn man es mit den bescheidenen Stimmenanteilen der SPD oder auch der Linken unter Arbeiterinnen und Arbeitern vergleicht.
Hans-Jürgen Urban, Vorstandsmitglied der IG Metall und Soziologieprofessor in Jena, sprach mit Jacobin darüber, was die Gewerkschaften den Parteien keinesfalls nachmachen sollten – und was umgekehrt die Politik durchaus von der betrieblichen Demokratie lernen könnte.
»Zentrale Erzählungen der Rechten greifen im Betrieb nicht. Deutsche und Nichtdeutsche arbeiten täglich zusammen, brauchen einander und müssen sich aufeinander verlassen.«
Wir sind gerade noch mitten drin in den Betriebsratswahlen, die in diesem Jahr von März bis Mai stattfinden. Nachdem die AfD bei den vergangenen Landtagswahlen massiv Arbeiterstimmen geholt hatte, durfte man befürchten, dass rechte Listen auch in den Betrieben kräftig zugewinnen würden. Das ist Stand jetzt aber offenbar nicht der Fall. Wie erklärst Du diese Diskrepanz zwischen Betrieb und politischem Betrieb?
Das könnte damit zu tun haben, dass trotz aller Kritik an Betriebsräten und IG Metall dann doch noch ein gewisses Zutrauen existiert, dass konkrete Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen eher von ihnen zu erwarten sind als von denen, die weder praktische Erfolge noch taugliche Strategien vorzuweisen haben.
Zugleich greifen zentrale Erzählungen der Rechten im Betrieb nicht. Etwa die rassistische Feindbildbestimmung bei auftretenden Problemen. Deutsche und Nichtdeutsche arbeiten täglich zusammen, brauchen einander und müssen sich aufeinander verlassen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das aus den gemeinsamen Arbeitserfahrungen entsteht, ist vielfach ein gewisser Schutz gegen rassistische Diskriminierung.
Wir wissen auch aus der Wahlforschung, dass zwar ein zunehmender Teil der AfD-Wählerinnen und Wähler Überzeugungs- oder Gesinnungswähler sind, dass aber ein großer Teil auch den sogenannten Protestwählern zuzuordnen ist. Diese haben nicht unbedingt ein stabiles rechtes Weltbild und auch keine aktive Übereinstimmung mit der Programmatik der Rechten. Sie wählen rechts aus wütender Ablehnung gegenüber den sogenannten etablierten Parteien. Das macht das rechte Votum nicht besser, aber es eröffnet mitunter die Möglichkeit, die instabile Bindung an die AfD zu kappen.
Welchen realen Einfluss hat der Ausgang von Betriebsratswahlen auf die Interessenvertretung? Was würde sich für Beschäftigte konkret ändern, wenn rechte Listen stark würden?
Das liefe zunächst auf eine eklatante Spaltung und damit auf eine machtpolitische Schwächung der Belegschaftsvertretungen hinaus. Ich behaupte, dass die meisten rechten Listen überhaupt nicht in der Lage sind, effektive Interessenpolitik für die abhängig Beschäftigten zu machen. Es fehlt an Fachwissen, an Strategien und an Praxiserfahrungen. Ein großer Teil der Stimmen wäre mit Blick auf reale Interessenvertretung einfach verschenkt.
Wir nehmen Betriebsratswahlen und Mitbestimmung meist einfach so hin, wie sie sind. Dabei wird oft vergessen, dass sie erkämpft wurden – aber auch, dass das Betriebsverfassungsgesetz bei seiner Verabschiedung im Bundestag 1952 von den Gewerkschaften als herbe Niederlage gewertet wurde. Worüber könnten Wahlen in der Wirtschaft heute noch entscheiden, wenn sich der DGB damals durchgesetzt hätte?
Das ist eine schwierige Frage, weil die historischen Umstände sich natürlich grundlegend unterscheiden. Die Vorstellungen über eine gute Betriebsverfassung, die auch vonseiten der SPD und des DGB befürwortet wurden, waren Bestandteil der damals diskutierten Neuordnung der Wirtschaft. Darunter verstand man eine grundlegende Demokratisierung der Wirtschaft und auch den Versuch, eine nicht-kapitalistische Ökonomie aufzubauen.
»Heute wird die Dekarbonisierung in der Regel zu Lasten der abhängig Beschäftigten betrieben und die staatliche Politik schaut zu. In einem wirtschaftsdemokratischen Entwicklungsmodell ließe sich ganz anders dagegen angehen.«
Ich erinnere an das Ahlener Programm der CDU in Nordrhein-Westfalen von 1947, in dem es sinngemäß hieß, das kapitalistische Wirtschaftssystem sei den Lebensinteressen der Bevölkerung nicht gerecht geworden und es käme nur eine Neuordnung von Grund auf infrage. Das zeigt, dass sozialistische Neuordnungsvorstellungen bis weit hinein ins sozialkatholische Arbeitermilieu reichten.
Dieser historische Kampf wurde bekanntlich verloren. Die etablierte Unternehmensmitbestimmung sowie die Betriebsverfassung sollten keine Elemente einer sozialistischen Ökonomie, sondern der sogenannten sozialen Marktwirtschaft sein. Sich vorzustellen, wie wir in einer demokratisch-sozialistischen Wirtschaft die Probleme der heutigen Zeit bearbeiten könnten – Stichworte sind Digitalisierung und Dekarbonisierung – ist ein interessantes Gedankenexperiment. Das wären völlig andere Ausgangsbedingungen für gewerkschaftliche und staatliche Politik als die begrenzten Arbeitsrechte und die schmale Mitbestimmung im heutigen Kapitalismus.
Also waren die Ambitionen damals so weitreichend, dass die unternehmerischen Entscheidungen in den Bereich der Mitbestimmung gefallen wären?
Ja, der Kerngedanke der Wirtschaftsdemokratie, wie er schon in der Weimarer Republik entwickelt wurde, bestand darin, dass alleinige Verfügungs- und Dispositionsrechte der Produktionsmittelbesitzer aufgehoben werden sollten. Ob das ein paritätisches Gleichgewicht mit den Beschäftigten bedeuten oder die Kapitalmacht durch Sozialisierung ganz verschwinden sollte, wurde unterschiedlich diskutiert.
Aber klar war, dass die Entscheidungsdominanz des Kapitals und seiner Beauftragten – heute würde man sagen: der von Shareholdern beauftragten Vorstände – grundlegend eingeschränkt werden sollte. Und zwar sowohl durch betriebliche Mitbestimmung und organisierte Belegschaftskraft, als auch durch überbetriebliche Mitbestimmung, die über die Politik in die Ökonomie hineinwirken sollte.
Übertragen in die heutige Zeit würde das bedeuten, dass wir etwa bei der ökologischen Transformation der industriellen Wertschöpfung andere Möglichkeiten hätten, in die Prozesse einzugreifen und damit die Dekarbonisierung und die Sicherung der sozialen Interessen der abhängig Beschäftigten in Übereinstimmung zu bringen. Heute wird die Dekarbonisierung in der Regel zu Lasten der abhängig Beschäftigten betrieben und ist mit großem Druck auf Löhne, Arbeitsbedingungen und Beschäftigung verbunden. Und staatliche Politik schaut zu, weil sie nicht anders will oder kann. In einem wirtschaftsdemokratischen Entwicklungsmodell ließe sich ganz anders dagegen angehen.
Ist das Argument, dass Wirtschaftsdemokratie ein mächtiger Transformationshebel zu einer ökologischen Wirtschaft wäre, denn im Moment noch eine Botschaft, die verfängt, in einem Klima von Wirtschaftskrise und Arbeitsplatzabbau? Sollte man für eine Demokratisierung der Wirtschaft nicht vielleicht eher damit werben, dass demokratischere Betriebe sozialverträglicher durch Krisen kommen und auch weniger geneigt sein dürften, Arbeitsplätze outzusourcen?
Das könnte durchaus der Fall sein. Die Angst vor Arbeitslosigkeit, Einkommens- und Statusverlust ist zweifelsohne ein Faktor, der in den Belegschaften die Opposition gegenüber einer grünen Transformation wachsen lässt. Könnte glaubhaft vermittelt werden, dass wirtschaftsdemokratische Bedingungen zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Sozialrechten beitragen können, könnte das die Attraktivität und in der Folge auch die Akzeptanz solcher Ideen befördern.
Zweifelsohne könnte uns die Demokratisierung der Ökonomie helfen, das Problem der sozialökologischen Transformation zu meistern. Weil sie, wo nötig, weitreichende politische Eingriffe in die Wirtschaft ermöglichen würde. Und diese sind nötig, da der Kapitalismus mit seiner Orientierung an Marktdominanz und Entscheidungen entlang privater Profitorientierung in Sachen ökologische Transformation sichtbar an seine Grenzen stößt.
Mit anderen Worten: Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist unverzichtbar, aber zunächst kapitalismusfremd. Denn sie wird auf absehbare Zeit nicht die Profitabilität der fossilen Produktion erreichen. Die E-Mobilität in der Automobilindustrie ist nicht die ganze Lösung des Ökologie-Problems, aber sie kann ein Teil der Lösung sein. Allerdings wird sie auf absehbare Zeit nicht die Profitabilität der Verbrenner erreichen. Grüner Stahl, der unverzichtbar ist, wird auf absehbare Zeit teurer sein als der über die Hochofenroute hergestellte graue Stahl.
»Wenn öffentliches Geld für private Unternehmen mobilisiert wird, ist das verteilungspolitisch hoch riskant. Wenn es nicht verhindert wird, fließen diese Mittel schnell in die Profite des Unternehmens, die Boni der Vorstände oder die Dividende der Aktionäre.«
Daraus entsteht ein Problem. Unter kapitalistischer Bedingungen werden Unternehmen, die sich zu lange in einer Phase zu geringer oder gar ausfallender Profite befinden, vom Markt ausgespuckt. Da fehlen die Finanzmittel für Investitionen, für Innovationen und andere unverzichtbare Aktivitäten. Soll die Transformation trotzdem vollzogen werden und sollen die Unternehmen das bewältigen können, muss man intervenieren und den Unternehmen über diese Phase hinweghelfen. Jedenfalls so lange, bis die Märkte die Produkte und Produktionsbedingungen absorbieren und auch ökologisch ausgerichtete Produktion profitabel wird.
In Ländern und Wirtschaften, die nicht durch Marktlogik dominiert werden, kann das Problem durch planmäßige staatliche Interventionen in die Prozesse früher und schneller gelöst werden. Schauen wir nach China: Der Staat setzt industrie- und entwicklungspolitische Prioritäten, und auch wenn die Märkte keine Profite zulassen, wird der Weg fortgesetzt, bis die Entwicklungsziele erreicht sind oder die Produktion auf internationalen Märkten profitabel geworden ist.
Die Länder, die aus ideologischen Gründen vor Eingriffen in die Marktmechanismen zurückschrecken, tappen genau in diese Falle. Sie treiben die Ökonomie in eine Dekarbonisierung, geben aber nicht den politischen Flankenschutz, um diese zum Erfolg zu führen. Das wäre mit einer Demokratisierung der Entscheidungsprozesse sowohl in den Unternehmen als auch in der Politik in einem ganz anderen Ausmaß möglich.
Ich muss aber einen Aspekt hinzufügen: Mit einer Strategie der politischen Marktintervention sollen nicht die Unternehmen, sondern eine sozial-ökologische Transformation subventioniert werden. Wenn öffentliches Geld für private Unternehmen mobilisiert wird, ist das verteilungspolitisch hoch riskant. Wenn es nicht verhindert wird, fließen diese Mittel schnell in die Profite des Unternehmens, die Boni der Vorstände oder die Dividende der Aktionäre. Das wäre ein verteilungspolitisches Desaster.
Öffentliche Gelder müssen also mit harten, nachprüfbaren und sanktionsbewährten Auflagen verbunden werden. Sie müssen in Beschäftigungs- und Standortsicherung und vor allem in die Transformation fließen. Das muss sichergestellt werden, durch staatliche Auflagen und Transformationsvereinbarungen mit Betriebsräten und Gewerkschaften. So verbinden sich ökologische Transformation und demokratische Einflussnahme.
Die Lage in der Industrie war schon angespannt, Arbeitsplätze wurden schon abgebaut. Und jetzt kommt infolge des Irankriegs ein neuer ökonomischer Schock dazu. Was für Auswirkungen erwartest Du davon?
Es ist zu beobachten, dass dieser externe Schock die Kosten- und damit auch die Profitbedingungen grundlegend verändert. Vor allem Unternehmen, bei denen die Energiekosten eine besondere Rolle spielen, werden belastet. Andere Unternehmen werden stärker indirekt durch die Zweitrundeneffekte und die dadurch hervorgerufene Inflation betroffen sein.
Das Alles wird als eine zusätzliche Krisendynamik der deutschen Industrie zu schaffen machen. Nicht umsonst sprechen wir ja von einer Polykrisensituation, in der unterschiedliche Krisendynamiken sich verdichten. Da ist das Thema der ökologischen Transformation, da ist das Thema der geoökonomischen Fragmentierung und der neoimperialistischen Kämpfe. Hinzu kommt die Verschärfung der globalen Konkurrenz durch aufsteigende Länder – zum Beispiel China. Und schließlich die anderen Themen, die unter kapitalistischen Bedingungen krisenverschärfend wirken, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.
Auch hier gilt: Wenn man die Auswirkungen dieser Krisenfaktoren den Marktmechanismen überlässt, geht das zu Lasten der abhängig Beschäftigten. Einmal durch die Krisenreaktionen der Unternehmen. Arbeitskosten sollen reduziert werden, das heißt vor allem: Löhne geraten unter Druck, Beschäftigung wird abgebaut, Arbeitsbedingungen werden verschärft, betriebliche Sozialleistungen gekürzt. Aber die Beschäftigteneinkommen geraten auch von anderer Seite unter Druck: Die Preise steigen, die Kaufkraft der Löhne nimmt ab. Das ist auch Teil der sozialen Krise, die wir beobachten müssen.
Und es sind ja nicht nur die Unternehmen, die diesen Druck ausüben. Die Bundesregierung »prüft« im Moment die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Diese ist gesetzlich geregelt, aber bevor sie gesetzlich geregelt wurde, wurde sie tarifvertraglich geregelt, durch einen großen Streik der IG Metall 1956/57. Wie blickt man aus der Gewerkschaft darauf, wie leichtfertig die Regierung mit solchen Errungenschaften umspringt?
Das Anfassen der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wäre eine sozialpolitische Kriegserklärung. Ich mag so martialische Begrifflichkeiten eigentlich nicht, aber hier sind sie angebracht. Das Thema ist symbolisch stark besetzt, ein Kampferfolg aus harten Klassenauseinandersetzungen und ein wichtiges materielles Sozialrecht.
Ich erinnere daran, dass die Kohl-Regierung 1996 die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall schon einmal verschlechtert hat und wir Gewerkschaften es dann tarifpolitisch ein Stück weit wieder korrigiert haben. Wenn die Merz-Regierung in der Gesundheitspolitik in diese Richtung geht – und es sind ja solche und weitere Maßnahmen zu Lasten der Beschäftigten angekündigt – dann ist das ein Rückfall in schlichten Sozialabbau und in eine aggressive Umverteilung der Krisenkosten zulasten der Beschäftigten.
»Das Anfassen der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wäre eine sozialpolitische Kriegserklärung.«
Das ist genau das Gegenteil von dem, was notwendig wäre. Wir brauchen keinen Rückzug des Sozialstaats, sondern die Expansion des Wirtschafts- und Sozialstaats, der den Krisendruck abfangen und verteilungsgerecht kanalisieren müsste. Das ist meine zentrale Kritik an der Regierungspolitik: Sie gießt sozialpolitisches Benzin in die Klassenkonflikte und tut damit genau das Gegenteil von dem, was notwendig wäre.
In welchem Maße können die Gewerkschaften selbst da gegensteuern?
Die Gewerkschaften agieren auf unterschiedlichen Handlungsebenen. Handlungsebene Nummer eins ist der Betrieb. Das heißt, die Gewerkschaften müssen gemeinsam mit Betriebsräten und Belegschaften Beschäftigungsabbau, Druck auf Löhne oder auf betriebliche Sozialleistungen entgegenwirken. Die zweite Handlungsebene ist der Arbeitsmarkt beziehungsweise die Tarifpolitik. Hier geht es um überbetriebliche Regelungen. Auch da sind die Gewerkschaften gefordert, für verteilungsgerechte Löhne und für die Sicherung von Kaufkraft, perspektivisch aber sicherlich auch wieder für kürzere und selbstbestimmtere Arbeitszeiten zu kämpfen. Und die dritte Ebene ist die der staatlichen Politik. Hier geht es um gesellschaftliche Mobilisierung und Druck auf die Regierung, um Kurskorrekturen in der Politik zu erkämpfen.
Sollten die sich überlagernden Krisen und noch dazu eine unfreundliche Regierungspolitik nun solchen Druck auf die Beschäftigten ausüben, dass die Gewerkschaften allein nicht dagegen ankommen, droht dann auch das noch vorhandene erhöhte Vertrauen der Arbeiterschaft in sie verloren zu gehen?
Dem müssen die Gewerkschaften unbedingt entgegenwirken. Sie dürfen nicht in die »sozialdemokratische Falle« tappen. Der Ansehensverlust, den die Sozialdemokratie seit einigen Jahren erleidet, hat sicherlich verschiedene Ursachen. Er hat aber auch damit zu tun, dass insbesondere diejenigen, die ihren sozialen Status und die materiellen Grundlagen ihres Lebens massiv gefährdet sehen, in der Sozialdemokratie offenbar keine Kraft mehr sehen, die ihnen hilft, dagegenzuhalten. Das ist eine historische Tragödie. Gleichgültig, wo man parteipolitisch steht: Über den Niedergang der Sozialdemokratie kann sich die Linke überhaupt nicht freuen. Er stärkt die reaktionäre Rechte, nicht die progressive Linke.
Ich glaube, dass jede Kraft, die den Eindruck vermittelt, dass sie den Menschen nicht mehr hilft, die eigenen Krisen zu bewältigen, diesen Ansehensverlust erleiden wird. Das würde auch für die Gewerkschaften gelten. Und deswegen sind sie gut beraten, nah an den Belegschaften dranzubleiben und mit ihnen genau den notwendigen Widerstand zu organisieren. Nur so können auch in den eigenen Reihen das Aufkommen von kultureller Distanz und Vertrauensverlust verhindert werden
Die SPD spricht gerade wieder davon, eine »Partei der arbeitenden Mitte« sein zu wollen, gleichzeitig will die Linke eine »Partei der arbeitenden Klasse« sein. Siehst Du eine Möglichkeit, wie diese Parteien das Vertrauen der arbeitenden Bevölkerung gewinnen oder zurückgewinnen könnten, das die Gewerkschaften gerade noch genießen?
Ich will keine Noten an einzelne Parteien vergeben. Aber ich glaube, dass die Linke gut daran tut, wenn sie weiterhin daran arbeitet, sich als soziale Klassenpartei zu verstehen. Das ist leichter gesagt als getan. Aber der Status der Abhängigkeit von Lohnarbeit, auch »selbstständiger Lohnarbeit«, die Fremdbestimmung durch Kapitalmacht innerhalb und außerhalb der Betriebe und die enorme Verletzlichkeit durch die krisenhafte Kapitalakkumulation schaffen eine Gemeinsamkeit, die als Ausgangspunkt linker Klassenpolitik dienen kann – und sollte.
Also nicht ausschließlich Politik mit und für das soziale Prekariat oder die arbeitnehmerische Mitte oder die neue digital-affine Wissensarbeiterschaft machen, sondern das Gemeinsame suchen und zum Ankerpunkt der Politik machen. Und dann muss man diese soziale Klassenpolitik mit den unverzichtbaren ökologischen Transformationskonflikten und den Anforderungen der globalen Solidarität verbinden. Bereits die bloße Beschreibung der Aufgaben lässt die historische Dimension deutlich werden, vor denen ein linkes Projekt heute steht. Aber ich fürchte, einfacher ist kapitalismuskritische Politik im 21. Jahrhundert nicht zu haben. Das könnte, aber sollte nicht entmutigen. Denn ein Schuss an linkem Zukunftsoptimismus sollten wir uns auch unter diesen Umständen bewahren.
Hans-Jürgen Urban ist Akademiker, kommt jedoch »aus der Arbeiterklasse« und engagierte sich schon früh in der Gewerkschaftsbewegung. Für den beruflichen Einstieg in die IG Metall entschied er sich unter anderem durch den Kampf um die 35-Stunden-Woche. Seine wissenschaftlichen Beiträge zum sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft bereichern seit Jahren die Gewerkschaftslinke.