14.12.2020

Dem Junkerland sein Untergang

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten deutsche Kommunisten eine radikale Umverteilung von Grund und Boden durch. Auch nach dem Scheitern der Bodenreform ist die Eigentumsfrage bis heute nicht gelöst.

Frühstückspause in der Produktionsgenossenschaft »Thomas Müntzer«

Frühstückspause in der Produktionsgenossenschaft »Thomas Müntzer«

Bundesarchiv / Horst Sturm.

Weltweit, wie auch in Deutschland, werden Besitz von und Zugang zu Land zunehmend monopolisiert. Zahllose Landlosen-Bewegungen wie die Movimento dos Sem Terra in Brasilien kämpfen seit Jahrzehnten für eine gerechte Verteilung von Land, das sich heute in Händen einiger weniger reicher Menschen befindet. Wenn es nach ihnen geht, soll es stattdessen in die Hände der vielen Menschen übergehen, die den Boden bestellen und die Ernte einholen, deren Profit gegenwärtig jedoch andere einfahren. Der Frage nach einer gerechteren Verteilung von Grund und Boden stellten sich vor 75 Jahren auch die deutschen Kommunistinnen und Kommunisten unter der sowjetischen Besatzung im Osten Deutschlands. Unter den widrigen Bedingungen der Nachkriegszeit leiteten sie eine Bodenreform ein, die die Verhältnisse auf dem Land grundlegend umwälzen sollte. Ein Rückblick auf 1945 /46 macht deutlich, dass die Anfänge der DDR zukunftsträchtiger waren als in der vorherrschenden Nachwende-Erzählung, wonach der Versuch, unter der Schirmherrschaft der Roten Armee eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Er zeigt aber auch die Grenzen eines solchen Unterfangens an, wenn es nicht unter demokratischer Kontrolle stattfindet.

Wie viele andere Maßnahmen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), war auch die Bodenreform von Zwang und Repression begleitet. Dennoch war sie ein mutiger Schritt in Richtung einer radikalen Transformation, an dem wir uns orientieren können, wenn wir heute nach Möglichkeiten einer sozioökonomischen und ökologischen Wende suchen.

Junkerland in Bauernhand

1945 waren sich die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition einig, dass die zentralen Ziele im besiegten und besetzten Deutschland die berühmten »vier Ds« sein mussten: Demilitarisierung, Denazifizierung, Dekartellisierung und Demokratisierung. Nach zwölf Jahren Naziherrschaft musste die deutsche Gesellschaft grundlegend umstrukturiert werden, um ein Wiederaufkeimen des Faschismus zu verhindern. Auch britische und US-amerikanische Regierungsstellen teilten die Auffassung, dass das preußische Junkertum – eine in sich geschlossene, reaktionäre Elite, die den deutschen Militarismus maßgeblich geprägt hatte – eine Mitschuld am Aufstieg Hitlers trug. Jeder zweite General und ein Großteil des Offizierskorps der Reichswehr, später Wehrmacht, kamen aus dem Adel oder aus Großgrundbe-sitzerfamilien, den sogenannten »Junkern«. Da der politische Einfluss dieser Klasse auf ihrem wirtschaftlichen Besitz beruhte, sollte er durch ihre Enteignung gebrochen werden.

Im Oktober 1945 legten die USA dem Alliierten Kontrollrat ein Konzept vor, nach dem der Grundbesitz in ganz Deutschland auf maximal 100 Hektar begrenzt werden sollte. Auf der Moskauer Konferenz der Außenminister im April 1947 einigte man sich auf die Durchführung einer Bodenreform bis Ende des Jahres. Die Militärverwaltungen in den westlichen Besatzungszonen entwarfen teils ambitionierte Gesetzesentwürfe, überließen die Verabschiedung der Ausführungsbestimmungen dieser Gesetze jedoch den Länderparlamenten in ihren Besatzungszonen. Das ermöglichte es den Parteien – und noch wichtiger den Interessenverbänden – die Verfahren zum einen zu verzögern und zum anderen insbesondere die Enteignungsbestimmungen zu entschärfen. Schließlich widersprach eine fundamentale Umwälzung der Besitzverhältnisse ihren Prinzipien, allen voran dem Schutz des Privateigentums. In den Ländern Ostdeutschlands – insbesondere in den ostelbischen Territorien – war die Agrarstruktur bereits seit der Frühen Neuzeit durch eine extrem ungleiche Verteilung von Besitz gekennzeichnet. Gutsherren übten auf dem Land auch noch in der Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert eine obrigkeitliche Herrschaft aus, die auf Klientel- und Patronageverhältnissen beruhte. Und obwohl immer mehr Bürgerliche zu Landbesitz kamen, blieb der Lebensstil der Gutsherren weithin von adligen Konventionen und Verhaltensformen geprägt.

Dort, wo unter der Aufsicht der sowjetischen Besatzung zurückgekehrte deutsche Kommunistinnen und Kommunisten das Sagen hatten, verlief die Bodenreform anders als im Westen. Pläne zur Neuordnung des Landbesitzes in Nachkriegsdeutschland hatten sie noch während des Krieges im Moskauer Exil entworfen. Das im August 1945 vom Zentralkomitee der neu erwachten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) verabschiedete Programm sah die entschädigungslose Enteignung des privaten Großgrundbesitzes über 100 Hektar vor. Die Höfe aktiver Nationalsozialisten und Kriegsverbrecher wurden unabhängig von ihrer Größe enteignet.

Den »Nazibonzen« den Garaus machen

Angesichts der nach Kriegsende immer noch vorherrschenden feudalistischen Agrarstruktur und Kultur im Osten Deutschlands verwundert es nicht, dass die ländliche Bevölkerung der Enteignung und Vertreibung der Großgrundbesitzer durchaus positiv gegenüber stand. So erwarteten auch Kleinbauern, Landarbeiterinnen und Pächter im sächsischen Kreis Torgau »von der Provinzialverwaltung der Provinz Sachsen, dass sie den Forderungen der demokratisch-antifaschistischen Bewegung nach einer Bodenreform und einer Enteignung und Aufteilung des Großgrundbesitzes der Kriegsverbrecher, Nazibonzen, Fürsten, Grafen und Barone alsbald Rechnung trägt.«

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