ABO
Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

27. Februar 2026

Die Bundeswehr kassiert eine Abfuhr

Allgegenwärtige Kriegstüchtigkeits-Propaganda und Werbekampagnen der Bundeswehr wollen mehr junge Menschen zum Kämpfen für Deutschland begeistern – bisher erfolglos: Die Hälfte der gerade volljährigen Männer ignoriert den Musterungsfragebogen einfach.

Feierliches Gelöbnis der Rekruten zum 70. Jahrestag der Bundeswehr auf dem Mariahilfplatz in München, 12. November 2025 .

Feierliches Gelöbnis der Rekruten zum 70. Jahrestag der Bundeswehr auf dem Mariahilfplatz in München, 12. November 2025 .

IMAGO / Sven Simon

Man erntet, was man sät – das bekommt derzeit die Bundesregierung zu spüren. Nach knapp dreißig Jahren neoliberaler Politik, in denen den Bürgern eingebläut wurde, jeder solle sich selbst der Nächste sein, ist kaum noch jemand bereit, für Deutschland zu kämpfen und zu sterben.

Das belegen aktuelle Zahlen des Redaktionsnetzwerks Deutschland: Demzufolge haben die meisten jungen Leute den Fragebogen der Bundeswehr bislang ignoriert, der in diesem Jahr an alle frischgebackenen Volljährigen geht. »Demnach habe der Rücklauf bei Männern, die zur Antwort verpflichtet sind, zuletzt bei etwa 50 Prozent gelegen – und bei Frauen, die nicht antworten müssen, bei lediglich 6 Prozent.«

Es sieht aus, als würden viele junge Männer den Fragebogen der Bundeswehr erst einmal passiv aussitzen – frei nach dem Motto: Mal gucken, was passiert. Die jungen Frauen hingegen bekunden ein aktives Desinteresse: Nur jede Sechzehnte antwortet überhaupt; mutmaßlich werden auch von den verbleibenden 6 Prozent nur wenige ein lebhaftes Interesse am freiwilligen Wehrdienst anmelden.

Egal wie penetrant die Regierung für die Kriegstüchtigkeit wirbt – auf Werbebanden und Popcorneimern, auf Dönern und im Internet: Anscheinend wollen die jungen Leute es sich nicht einleuchten lassen, dass es sich zu sterben lohnt für Regierende, die Tag für Tag mit neuen Zumutungen aufwarten: Zahnarztbesuche? Dürft ihr selbst bezahlen! Krankheitstage? Sind zu hoch! Die Rente? Muss runter!

Diese Kampfansagen an die arbeitende Bevölkerung stammen nicht von Wladimir Putin, sondern von den deutschen Regierenden. Da ist es kein Wunder, dass junge Menschen wenig Lust verspüren, für diese Verhältnisse auch noch ihr Leben zu geben. Wer hätte es gedacht: Dreißig Jahre neoliberale Subjektivierung haben anscheinend auch ihr Gutes.

»Bald könnte es daher vorbei sein mit der Heuchelei der Großen Koalition, man setze ach so gerne auf Freiwilligkeit.« 

Immer wieder dürfen sich junge Erwachsene anhören, sie seien viel zu sehr auf ihre Work-Life-Balance fixiert – was übrigens nicht stimmt, junge Leute arbeiten heute mehr als noch vor zehn Jahren, was unter anderem mit den horrenden Mieten in Großstädten zusammenhängt. Nun aber kehren die jungen Erwachsenen den Spieß um und bestehen tatsächlich auf ihrer War-Life-Balance: Ihnen kann der Staat gestohlen bleiben mit seiner Kriegstüchtigkeit.

Um diese Blamage zu kaschieren, feiert die Regierung sich für die gestiegenen Rekrutierungszahlen: Laut dem Bundesverteidigungsministerium ist die Zahl der Neueinstellungen im Januar im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent gestiegen. Das ist zwar auf den ersten Blick ein hübsches Wachstum, ins Verhältnis gesetzt zum Werbeaufwand aber überschaubar. In den vergangenen Jahren hat die Bundeswehr ihre Besuche an Schulen verdoppelt, das Werbebudget wurde seit 2022 um knapp zwei Drittel erhöht. Dennoch wuchs die deutsche Armee im vergangenen Jahr um gerade einmal 3.600 Soldatinnen und Soldaten. Das dürfte der Regierung zu langsam gehen: Immerhin will sie im Jahr 2035 eine Truppenstärke von 270.000 erreichen.

Bald könnte es daher vorbei sein mit der Heuchelei der Großen Koalition, man setze ach so gerne auf Freiwilligkeit. Folgen würde mutmaßlich eine »Kontingentwehrpflicht«.Dann kommt es für die politische Linke darauf an, möglichst viele junge Männer zu aktivem Widerstand zu bewegen – etwa in Form der Kriegsdienstverweigerung. Es ist sehr wahrscheinlich, dass eben jenes Grundrecht dann auch Modifikationen erfährt – sodass sich der Kampf der Regierenden gegen die Regierten immer weiter zuspitzt.

Ole Nymoen betreibt den Wirtschaftspodcast Wohlstand für Alle und ist Kolumnist bei Jacobin. Sein neustes Buch Warum ich nicht für mein Land kämpfen würde ist kürzlich beim Rowohlt Verlag erschienen.