07. Februar 2026
Moderne Konservative wie Carsten Linnemann stellen sich als ideologiefrei dar. Doch ihr pseudo-pragmatisches Gerede entlarvt sie als Ideologen der Alternativlosigkeit.

Trägt Carsten Linnemann wirklich keine Brille – oder sieht er sie bloß nicht?
Für Carsten Linnemann ist die Sache klar: Man muss halt ins Machen kommen und Probleme einfach lösen. Moderne Konservative »glauben nicht an perfekte, wohl aber an vernünftige Lösungen«, so der CDU-Generalsekretär. »Eine Politik, die ideologisch ist, glaubt moralisch stets im Recht zu sein – das lehne ich ab.«
Ideologie, so der Konsens rechts der Mitte, das ist so etwas wie die Gesinnungsethik bei Max Weber, ein in Stolz und falscher Eitelkeit begründetes Beharren auf abstrakten Prinzipien. Das Gegenstück bei Weber ist die Verantwortungsethik, bei der das Notwendige über dem Wünschenswerten steht. Hier macht man sich die Hände schmutzig.
So ist Ideologie das politische Schimpfwort der Rechten auf die Linken geworden. Der Vorwurf der nüchternen Pragmatiker gegen die eitlen Träumer. Dabei ist eine wertfreie Sicht der Welt gar nicht denkbar. Hinter der Illusion der ideologiefreien Sachpolitik verbirgt sich oft nicht mehr als die Ideologie der naturalisierten Realität. Die vermeintliche Ideologiefreiheit ist selbst Ideologie.
»Radwege, Mindestlöhne und Windräder – allesamt Manifestationen träumerischer Eitelkeit. Als ideologiefrei gelten dagegen die Autobahnen, die eben gebaut werden müssen.«
Mit Karl Marx könnte man sagen: Der Mensch macht seine eigene Realität, aber er macht sie unter gegebenen, nicht unter gewählten Ideen und Konzepten. Wer das Denken ganz bleiben lässt, der emanzipiert sich nicht von den Ideen, die ihn umgeben, sondern unterwirft sich völlig dem Gegebenen und wird zum Sprachrohr der bestehenden sozialen Ordnung.
Die Ideologiefreiheit tarnt sich als Pragmatismus, verneint sich selbst als Ideologie. Sie ist der Versuch, die Welt zu betrachten, ohne sie anzusehen, die unmögliche Ambition der vollkommenen Objektivität und Positionslosigkeit. Aber wie will der pragmatische Blick Prioritäten setzen oder Zielkonflikte beantworten? Wie entscheidet man pragmatisch bei konkurrierenden Interessen? Was soll überhaupt pragmatisch erreicht werden und für wen?
Hier wird das Mittel zum Zweck erhoben. Übrig bleiben irgendwelche Zahlen, die entweder gesteigert oder verringert werden müssen. Warum, weiß man nicht mehr so genau. Irgendein Karren muss irgendwie wieder zum Laufen gebracht werden, um dann irgendwo hinzufahren. Die Ignoranz gegenüber dem Warum, Wohin und Für wen führt zu einem Beharren auf dem, was als natürlich angesehen wird, vertuscht die Gemachtheit der Verhältnisse und macht aus uns Gefangene der Gegenwart. Debatten über Moral, Werte und verschiedene Interessen verbittet sich der Post-Ideologe. Übrig bleibt der Zug ins Nirgendwo. Eine Art effizienter Nihilismus.
»Die Unterdrückung des Denkens, der Möglichkeit der Veränderung, der Geschichte und des Fortschritts sind die eigentlichen ideologischen Vernebler unserer Zeit.«
Gleichzeitig werden willkürlich Dinge als Ideologie gebrandmarkt: Radwege, Mindestlöhne und Windräder – allesamt Manifestationen träumerischer Eitelkeit. Als ideologiefrei gelten dagegen die Autobahnen, die eben gebaut werden müssen, die immer größere Anzahl an SUVs, weil das halt so ist, und die steigende Ungleichheit.
Der Post-Ideologe sitzt der Illusion des sogenannten Solutionismus auf: der Idee, dass politische Probleme lediglich einer technokratischen Lösung bedürfen. Genuin politische Probleme kann man jedoch nicht einfach lösen, da sie im Kern Interessen- und Wertekonflikte darstellen, die – sofern man beabsichtigt, sie friedlich zu behandeln – gemanagt werden müssen und nicht schlicht aufgelöst werden können. Wer bei politischen Problemen lediglich von Lösungen spricht, der lenkt ab.
Was wir stattdessen begreifen müssen, ist, dass Ideologie so etwas wie die notwendige Brille ist, die unvermeidliche Perspektive, mit der wir uns der Wirklichkeit nähern. Ideologiekritik ist dann nicht die Sachpolitik, die ihre Vorzeichen ignoriert, sondern die Arbeit an der Brille, das Hinterfragen der Ziele und Sichtweisen. Wer sich der Arbeit an der Brille verweigert, sieht die Welt danach nicht brillenlos und objektiv, sondern akzeptiert schlicht alle Fehler der Brille.
Roland Barthes formulierte: »Ideologie macht aus Geschichte Natur, sie macht aus der Realität der Welt ihr ideales Bild.« Sie lässt uns die gegebenen Umstände als die einzig möglichen oder einzig richtigen erscheinen. Die Welt, die ist, wird zur einzigen Welt, die sein kann und soll.
Theodor Adorno sprach ebenfalls von der Ideologie der Realität: »Das Bestehende als solches, dass es so ist und nicht anders sein kann, [ist] zur Ideologie geworden.« Die Unterdrückung des Denkens, der Möglichkeit der Veränderung, der Geschichte und des Fortschritts sind die eigentlichen ideologischen Vernebler unserer Zeit. Stattdessen, so Adorno, müsse ein »etwas fehlt« den politischen Willen leiten. Denn: »Nur wenn das, was ist, zu ändern ist, ist das, was ist, nicht alles.«
»Die Flucht ins Phrasenhafte zeigt, wie sehr die vermeintliche Abwesenheit von Ideologie selbst zur Ideologie geworden ist – zur Ideologie der gedankenlosen Gegenwart.«
Slavoj Žižek ergänzt, dass Ideologie vor allem spontan funktioniert. Sie ist nicht das Ergebnis rationaler Überlegungen, sondern schlicht das spontane Vorurteil gegenüber der Welt. Die Machtstrukturen der Welt kann das spontane Bewusstsein nicht überwinden. Žižek betont, dass Ideologie paradoxerweise dann am besten funktioniert, wenn man nicht an sie glaubt – so kann sie das Weltbild am besten kolonisieren.
Im Grunde ist die behauptete Ideologiefreiheit einfach die Ideologie des Seins über der des Sollens. Die Emanzipation aus der Ideologie kann nicht durch Ignoranz gegenüber dem Blickfeld geschehen. Es braucht stattdessen die rationale Emanzipation aus dem spontanen Bild der Realität, das die Machtstrukturen und die scheinbare Kontinuität des bloß Gegebenen überwindet. Mit Barthes könnte man sagen: Emanzipation im Denken ist, was als Natur gilt, in Geschichte zu verwandeln.
Da an die Stelle solcher Vision irgendetwas rücken muss, reihen die modernen Konservativen Bauernregeln und Kalendersprüche aneinander, um so etwas wie einen philosophischen Überbau auf ihre materielle Politik zu bekommen.
»Berge sind steil«, sagt Linnemann, oder »alle müssen jetzt auf den Platz«. Die Flucht ins Phrasenhafte zeigt, wie sehr die vermeintliche Abwesenheit von Ideologie selbst zur Ideologie geworden ist – zur Ideologie der gedankenlosen Gegenwart. Das ist keine Verantwortungsethik, sondern die Erhebung des spontanen Vorurteils zur Rationalität. Anstelle der Ideologie des alternativlosen Seins braucht es eine Ideologie des Sollens. Die nüchterne Utopie des »etwas fehlt« muss uns aus der Unmündigkeit der Ideologielosigkeit befreien.
Justus Seuferle ist Politikwissenschaftler und arbeitet im europapolitischen Bereich. Er studierte Politikwissenschaften an der Universität Wien und der London School of Economics mit einem Fokus auf politische Theorie und Europäische Integration. Er schreibt hier und anderswo rein persönlich.