24.07.2020

Kinder ihrer Klasse

Christian Baron erzählt vom Leben ganz unten. Doch er öffnet auch eine Welt für all jene, die Armut selbst nicht erlebt haben, aber die Verhältnisse abschaffen wollen, in denen sie immer wieder aufs Neue weitervererbt werden.

Christian Baron in seinem Kinderzimmer samt 70er-Jahre Fernseher, den sein Opa hatte »mitgehen lassen«.

Christian Baron in seinem Kinderzimmer samt 70er-Jahre Fernseher, den sein Opa hatte »mitgehen lassen«.

privat.

Als Christian Barons Mann seiner Klasse Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde, schien es, als hätten viele bereits auf einen deutschsprachigen Klassenroman gewartet. Baron beschreibt seine Kindheit in Kaiserslautern, seine Eltern, Geschwister, seine Tanten und Onkel und die Verhältnisse, in denen sie leben, arbeiten, sich streiten. Mit schmerzhaftem Vorschlaghammer erzählt er vom Leben ganz »unten«, zugleich sanft in der Sprache, und ohne Urteil über die Protagonisten, die seine eigene Familie sind.

Wie viele andere Kinder dieser Klasse konnte ich den Roman zuerst nicht lesen. Natürlich kannte ich bereits Christians Text aus dem Freitag, der nur ein Vorgeschmack auf den Roman sein sollte. Natürlich setzte ich mich aus freundschaftlicher Pflichtschuldigkeit in eine Lesung im Gebäude des neuen deutschland, der Zeitung, für die Christian zuvor als Redakteur arbeitete. Sein Buch war mittlerweile ein großartiger Erfolg geworden, Christian brachte endlich das zur Sprache, was so lang in der neueren deutschen Literaturlandschaft gefehlt hatte: ein schonungsloser und doch empathischer Blick auf diese Klasse, die von Monat zu Monat lebt, keine Urlaube kennt, die Verzweiflung mit Alkohol zu vergessen versucht.

Natürlich ließ ich mir das Buch auch signieren, tat so, als hätte ich es bereits gelesen. In Wahrheit konnte ich es nicht. Nicht einmal häppchenweise. Etwas in mir weigerte sich. Nach den ersten 30 Seiten brach ich einfach ab, mich plagte der Gedanke, dass ich nicht einmal Christian zuliebe das Buch lesen und ihm daher auch nicht ernsthaft sagen konnte, wie ich es finde. Dafür verschenkte ich es stolz an meinen ganzen Freundeskreis. Stolz, weil er das Buch irgendwie für »uns alle« geschrieben hatte.

Bei der Lesung traf ich eine frühere Bekannte, die, beinahe zufällig und ohne das Buch gelesen zu haben, gekommen war. Die Geschichte des prügelnden Vaters und der zu früh gestorbenen, depressiven Mutter hörte sie zum ersten Mal. Sie schien aufgelöst. In meiner unbeholfenen non-verbalen Reaktion liegt die ganze Dramatik, die auch das Buch durchzieht. Ihre Geschichte vage kennend, ahnte ich, was während der Lesung hochgekommen sein musste, doch auch ich konnte nicht angemessen reagieren. Wir sahen uns nur mit Tränen in den Augen an, wohlwissend, dass es jetzt viel zu sagen gäbe, doch keine von uns den Anfang machte. Auch Christian kann Jahre später zwar mit seinem Bruder Benny über ihre Eltern sprechen, doch lang nicht über alles. Auch zwischen ihnen bleibt das Band der Verschwiegenheit und das dumpfe Gefühl eines geteilten Schicksals.

Die Scham aus der Kindheit nimmt nicht einfach ab. Man kann sie aufarbeiten, verdrängen, aber die allermeisten werden immer wieder auf dieses Gefühl zurückgeworfen. Selbst Christian, der aufgestiegen und tatsächlich Journalist geworden war, saß am Ende mit 15.000 Euro Bafög-Schulden am Grab seines Vaters, der an seiner Sucht zugrunde ging. Man kann herauskommen aus dem Strudel aus Armut und Gewalt, doch manchmal zieht der Sog einen doch wieder hinein.

Die Wochen und Monate vergingen, ich war immer noch nicht über Seite 30 hinausgekommen. Mittlerweile erschienen diverse Rezensionen und Sendungen über das Buch. Christian, der schüchterne Junge aus dem Roman, ist ein ebenso schüchterner Erwachsener. Dennoch spricht er so trocken, fast kaltschnäuzig über unsere Klassengesellschaft, als wäre sie im politischen Diskurs vollkommen unbestritten. Moderatorinnen und Rezensenten hingegen gaben sich Mühe, die »Klasse« aus Ein Mann seiner Klasse doch noch zu entschärfen: aus dem Stolz des Arbeiters, den das Buch beschreibt, wird bloß die Krankheit eines »Prekären«. Die Klasse wird zur »sozialen Herkunft«. Manch einer wollte ihm die Klasse gleich ganz aus dem Titel streichen, weil die Alkoholkrankheit des Vaters sich nicht auf Klassenunterschiede zurückführen ließe. Bei Google Books läuft das Buch bloß unter dem Genre der Coming-of-Age-Fiktion. Trotz aller Einhegungsversuche war es Christian gelungen, in unzähligen Fernseh- und Radiosendungen von seiner Klasse zu sprechen, auch wenn immer versucht wurde, auf sein persönliches Schicksal (und seinen Aufstieg!) zu verweisen. Beharrlich betonte Christian jedes Mal, Klassen seien aufgrund seines Einzelfalls nicht verschwunden.

Beim Gespräch mit einem guten Freund über die Sommerlektüre dann wieder die gleiche traurige Verschwiegenheit. Normalerweise sitzen wir in einer Kneipe, darüber witzelnd, in einer Kneipe aufgewachsen zu sein. Natürlich nicht ohne Zynismus, aber diese Art Galgenhumor haben wir nun mal gelernt. In den Abgrund blicken und sich über ihn lustig machen, das ist eine der Strategien, die auch Christians Vater bestens beherrschte. An diesem Tag aber saßen mein Freund und ich auf einem Kinderspielplatz, als er mir gestand, dass er das Buch nicht an einem Stück habe lesen können. Auch die Lesung in der Volksbühne war ihm zu viel gewesen, am Ende ließ er sich das Buch signieren und kramte vor Christian einen Scherz über Super Mario Bros. heraus, das auch er mit seinem Frauen prügelnden Vater spielte. Die beiden sahen sich in dem Moment vermutlich so geheimnisvoll und einander verstehend an, wie wir in diesem Moment auf dem Spielplatz im Sand. Der Schmerz aus der Kindheit kommt die Kehle hochgekrochen, man hält sich zurück, um nicht auf der Stelle in der Öffentlichkeit zu weinen. Nicht vor den Kindern.

Erst in einer selbst auferlegten Sommerpause las ich das Buch, dann aber schnell und in einem Rutsch, um wenigstens den Schmerz jetzt nicht noch ins Unendliche auszudehnen. Und ich fand es sogar auf eine gewisse Art und Weise schön. Am beeindruckendsten ist die Beschreibung aller Protagonisten, die versuchen, nicht ihre Würde zu verlieren. Christians Vater, der nicht zum Amt gehen kann, als er seine Arbeit verliert, seine Mutter, die gegen ihn widerständig bleibt bis zum Schluss, seine Tante Juli, die selbst unter großen Entbehrungen die vier Kinder nach dem Tod der Mutter bei sich aufnimmt, obwohl sie ein eigenes Kind erwartet. Alle werden beinahe täglich von den Verhältnissen geknechtet und bleiben doch auf ihre Art standhaft. Zwar ergibt sich der Vater der Abhängigkeit, die Mutter und die Kinder der Ko-Abhängigkeit, doch sie kämpfen täglich um ihre Selbstachtung.

Viel zu wenig wird der materielle Aufstieg von Kindern aus den unteren Klassen auch als ein Kampf um Selbstachtung gewertet. Einmal mit den oberen Klassen, den Ämtern, der eigenen Vergangenheit, den ungelernten Umgangsformen und Sprachen konfrontiert, zweifeln nicht wenige Aufgestiegene an ihrem Selbstwert. Doch im öffentlichen Diskurs kommt es vielen so vor, als sollten sie sich nun bedanken, als sei das alles ein sehr großes Klassengeschenk, das die bürgerliche Gesellschaft ihnen überreicht hat. Nicht zu sprechen von den vielen Geschwisterkindern, die den Klassen-»Aufstieg« nicht schaffen, was ungeheure Risse durch Familien zieht. Nie wird soziale Spaltung deutlicher als in diesem Mikrokosmos, wo es einige vielleicht herausschaffen, andere ihre Wege suchen, um das Beste daraus zu machen. Sie alle zeigen, dass der »Aufstieg« eine Kombination aus glücklichen Zufällen, wohlwollenden Institutionen und Menschen und nicht zuletzt Anstrengung ist. Auch Christian hatte es im Wesentlichen seinen Tanten und der Gesamtschule zu verdanken, dass er bereits als Schüler Sportnachrichten in der Lokalzeitung verfassen lernte.

Sein Roman zeigt bei aller Gewalt auch, dass die Arbeiterklasse Spaß hat, dass sich die Menschen ihre Nischen suchen, ihre Fertigkeiten verbessern. Selbst bei seiner depressiven und später an Krebs erkrankten Mutter gibt es den Willen nach Leben, immer wieder auch nach Lyrik. Es scheint zwischen den gewaltvollen Szenen doch immer wieder eine Art gebrochene Lebensfreude auf – und der unbändige Wunsch der Kinder nach Normalität. Denn die Lebensfreude und der Gewaltausbruch liegen nah beieinander. Und es ist schwer zu sagen, wann ein Moment wirklich »gut« ist. Denn in der Arbeiterklasse gibt es fast keine Sicherheiten.

Nach der Lesung im nd-Gebäude erzählte ich Christian von meiner Bekannten, die so aufgewühlt gewesen war. Auch er hatte sie gesehen. Ich sagte zu ihm, das Wichtigste an seinem Buch sei vielleicht, dass es stellvertretend die Geschichten der vielen Kinder ihrer Klasse erzählt. Wissendes Schweigen zwischen uns über die Unmengen an unerzählten Erlebnissen all dieser Kinder. Dabei macht sein Roman genau das Gegenteil: Er spricht zu den Leserinnen und Lesern, öffnet eine Welt für all jene, die Armut vielleicht selbst nicht erlebt haben, aber doch die Verhältnisse abschaffen wollen, in denen sie immer wieder aufs Neue weitervererbt wird.

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