29.01.2021

Corona-Proteste: »Das zentrale Motiv ist Angst«

Sie kommen von links und orientieren sich nach rechts. Sie glauben an die Wissenschaft, nur eben nicht an die etablierte. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Uni Basel über die »Querdenker«. JACOBIN hat mit den Forschenden über ihre Einblicke in die Bewegung gesprochen.

»Querdenkerin« in Frankfurt am Main, 17.11.2020.

»Querdenkerin« in Frankfurt am Main, 17.11.2020.

IMAGO / Michael Schick.

Interview mit Nadine Frei und Robert Schäfer geführt von Alexander Brentler

Was motiviert Menschen dazu, gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße zu gehen? Nadine Frei, Robert Schäfer und Oliver Nachtwey von der Uni Basel haben die Proteste soziologisch untersucht. Für JACOBIN sprach Alexander Brentler mit Nadine Frei und Robert Schäfer darüber, was die »Querdenker« umtreibt, und in welche Richtung sich die Bewegung entwickeln könnte.

Was hat Euch zu dieser Studie bewogen und wie seid Ihr methodisch vorgegangen?

Nadine Frei: Begonnen hat unser Projekt im September. Wir wollten uns die Bewegung ohne großen theoretischen Überbau empirisch anschauen. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Bewegung auch immer größer. Da bot es sich für uns an, eine Demonstration in Konstanz zu beobachten. Zum anderen haben wir sowohl qualitative Interviews als auch eine quantitative Umfrage durchgeführt, mit einem offenen Teil, den viele genutzt haben, um allgemeine Kommentare abzugeben und unsere Forschung zu bewerten.

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Gab es Überraschungen, und wenn ja, welche?

Robert Schäfer: In den Medien wurde viel darüber geschrieben, wie divers diese Bewegung sei, und das dort ganz unterschiedliche Menschen zusammentreffen: Nazis, linke Esoteriker, allgemein unzufriedene Bürger. Das wirft die Frage auf: Was hält die zusammen?

Hier hat sich gerade bei den Antworten in den Interviews ein relativ klares Muster herauskristallisiert. Es ist weniger eine direkte Kritik an der Wissenschaft oder deren Erkenntnissen, sondern mehr an den Medien, die sie angeblich falsch darstellen. Warum werden sie falsch dargestellt? Weil den Menschen Angst gemacht werden soll. Das war jedenfalls in unseren Interviews das zentrale Thema. Warum soll den Menschen Angst gemacht werden? Damit man sie besser beherrschen und besser kontrollieren kann. Dieses Argumentationsmuster wird eigentlich durchgängig geteilt. Die Erzählungen sind sich sehr ähnlich, viel weniger divers als man denken könnte. Die Motive sind möglicherweise divers, aber man trifft immer wieder auf die gleichen Formulierungen.

Eine zweite Überraschung war, dass die Kritik an den Corona-Maßnahmen nicht einfach als Kritik an irgendwelchen Zuständen in der Gesellschaft auftritt, sondern vor allem als Kritik, die auch als Kritik wahrgenommen werden will. Die »Corona-Dissidenten« wollen nicht einfach Kritik üben, sondern sie wollen vor allem als Kritikerinnen und Kritiker wahrgenommen werden.

Ihr schreibt, es sei den Demonstrierenden nicht so wichtig, was kritisiert wird, sondern, dass überhaupt etwas kritisiert wird. Kritik ist ihnen also ein Wert an sich?

RS: Ja, so könnte man es formulierten. Es handelt sich um eine Form der Gesellschaftskritik, die nicht die nicht einfach irgendetwas kritisiert, sondern die sich zusätzlich hinstellt und sagt: »Seht her, das ist Kritik.«

Die Leute kommen nicht unbedingt alle auf dieselbe Art zu dieser Bewegung, aber sie schafft es trotzdem, über das Thema Angst als Kontrollinstrument eine relativ geschlossene Erzählung hervorzubringen.

RS: Ja, für diese Bewegung kann man das so sagen. Wo die Leute herkommen und was sie motiviert, ist schwieriger festzustellen.

NF: Wichtig ist auf jeden Fall auch, dass sie in ihrer Selbstwahrnehmung nicht von dieser Angst betroffen sind. Viele sprachen von einer gewissen Spaltung der Gesellschaft; damit meinen sie, dass sie selbst die Marginalisierten sind, die nicht gehörten werden. Sie sehen sich selbst als die eigentlich Kritischen, die das Ganze hinterfragen. Sie sind aber auch die Widerständigen. Ein wichtiges Element in den Narrativen der Bewegung ist, dass sie sich von dieser Angst nicht lähmen lassen, sondern im Gegenteil auf die Straße gehen.

Das ist auch wichtig für ihre Gemeinschaftsbildung: Sie verstehen sich nicht bloß als Leidensgemeinschaft, die von Marginalisierung betroffen ist, sondern sie vereinen sich als Widerstandsgemeinschaft. Beim Demonstrieren erleben sie, so wird gesagt, dass da so viele tolle Menschen sind. Es sei alles so friedlich und schön und man ist zusammen auf der Straße. Für sie ist das der Gegenentwurf zu der Angst, von der sie sich ausnehmen.

RS: Ebenfalls erwähnt werden sollte die Bedeutung von romantischen Motiven in dieser Bewegung. Das Ideal des mutigen Widerstandskämpfers, der auch bereit ist, Opfer zu bringen, wird immer wieder bemüht. Die Kritik zielt eben nicht nur auf die Medien und die Politik, sondern auch auf die anderen Menschen, die sich einschüchtern lassen, die Mitläufer und »Schlafschafe«, wie sie mitunter genannt werden. Das wird nicht immer explizit auch so gesagt, aber implizit steckt in dieser Selbstdarstellung als mutiger Widerstandskämpfer auch eine Kritik an der »breiten Masse«, wie sie meistens genannt wird, die eben keinen Widerstand leistet. Sie sehen sich indessen selbst in der Verantwortung, für Aufklärung zu sorgen.

Aus der Studie scheint hervorzugehen, dass es den Gegnern der Maßnahmen gar nicht so sehr um eine grundsätzliche Kritik an Wissenschaft oder Expertise geht, sondern darum, dass die falschen Experten angehört würden.

RS: Ja, das stimmt. Die Kritik an der Wissenschaft kommt nicht von außen. Es ist nicht so, dass generell gesagt wird, dass Wissenschaft schlecht sei. Es werden ja in großem Umfang wissenschaftliche Studien zitiert. »Ich hab eine Studie gelesen, die dieses oder jenes zeigt« ist ein Satz, der in den Interviews häufig gefallen ist. Hier zeigt sich, dass es sich nicht nur um eine romantische Begründung, sondern gleichzeitig eben auch um eine auf ihre Art sehr rationalistische Begründung handelt. Die Wissenschaft wird nicht abgelehnt, sondern sie wird praktisch noch weiter getrieben. Die Kritik richtet sich eher an die Medien und ihre Darstellung der wissenschaftlichen Ergebnisse.

Wir haben in den Interviews auch gefragt, wie sie denn den Unterschied zwischen glaubwürdigen Quellen und unglaubwürdigen Quellen feststellen können, also zwischen der richtigen Wissenschaft, wie sie das verstehen, und der angeblich falschen Wissenschaft. Interessanterweise wird die Glaubwürdigkeit wiederum direkt mit dem Element der Kritik verknüpft. Glaubwürdigkeit wird durch Kritik erzeugt. Dass ein Wissenschaftler kritisch ist, gilt dann als Maßstab für die Glaubwürdigkeit seiner inhaltlichen Aussagen.

Das herkömmliche Verständnis eines wissenschaftlichen Konsenses wird also genau umgekehrt? Die Wissenschaftlerinnen, die dem Konsens widersprechen, sind per Definition die kritischen Wissenschaftlerinnen, denen man zuhören sollte?

NF: Genau, da gibt es so eine Vorstellung von Mainstream-Medizin, von Mainstream-Medien. Das alternative Pendant dazu kann durch Andersartigkeit Glaubwürdigkeit beanspruchen. Zum Verständnis der Bewegung von Expertise gehört aber eben auch, dass sie sich selber als Expertinnen auffassen. Es wird immer wieder daran appelliert, dass man sich selber informieren soll, dass man selbst Dinge hinterfragen soll.

Es gibt einen klaren Anspruch, dass man eben selbst Experte oder Expertin ist, teilweise wird mit einem sehr kleinteiligen Wissen und sehr vielen Zahlen hantiert. Es ging ganz stark darum, dass sie jetzt mal erzählen wollten, was sie alles schon wissen, worüber sie sich schon alles informiert haben. Gleichzeitig gibt es auch immer wieder Bezüge auf die eigene Intuition mit dem Hinweis, dass irgendetwas nicht stimmen könne.

RS: Viele Mitglieder der Bewegung sind so etwas wie Amateur-Forscherinnen, nicht im Sinne von Dilettanten, sondern von Liebhabern. Sie haben eine große Leidenschaft für die Wissenschaft. Sie sind zwar nicht institutionell akkreditiert, aber sie engagieren sich sehr und informieren sich, recherchieren auf YouTube oder im Internet. Das ist ja auch aus medien-soziologischer Perspektive ein sehr interessantes Phänomen. Es werden dann immer wieder verschiedene Informationen geteilt, darunter einige Klassiker. So wird etwa immer wieder angeführt, dass die »Infection Fatality Rate« unter einem Prozent liege. Das Verhältnis zwischen Verstorbenen zu den Angesteckten wird also als sehr gering dargestellt.

Das ist ja im Prinzip auch nicht falsch.

RS: Das ist richtig, das sind schon korrekte Zahlen. Die Frage ist dann nur eben, ist das viel oder wenig? Da kann man sich drüber streiten.

In Eurer Umfrage wollt Ihr von den Befragten wissen, ob es ihrer Meinung nach sogenanntes »unwertes Leben« gäbe, was klar verneint wird. Gleichzeitig wird in Kauf genommen oder ausgeblendet, dass Corona für Alte und Menschen mit Vorerkrankungen oft tödlich verläuft. In meinem Wertesystem erscheint das als Widerspruch. Wie werden diese beiden Haltungen in Einklang gebracht?

RS: Eben genau diese Aussage habe ich in den Interviews öfter gehört: »Corona, ja, das trifft halt die alten, die vorbelasteten Leute, die sterben sowieso.« Das wird als natürlich dargestellt. Der Bezug auf die Natur ist hier sehr wichtig. Da wird kein Urteil gefällt über wertes und unwertes Leben. Da wird einfach behauptet, das ist der Lauf der Dinge.

Für mich liegt der Widerspruch klar auf der Hand, aber es gibt ja einen Grund, warum dieser als solcher nicht wahrgenommen wird.

NF: Ich glaube, das hängt mit einem bestimmten Naturverständnis zusammen. Dem liegt die Vorstellung einer Trennung von Natur und Kultur zugrunde – Natur und ihre Reinheit werden dabei idealisiert. Die natürlichen Selbstheilungskräfte und die Stärkung des Immunsystems durch Krankheiten werden sehr betont. Und wenn die dann halt nicht reichen und der Körper das auf natürlichem Wege nicht aufhalten kann, dann ist das eben so. Ich finde, das hat einen ganz deutlichen sozialdarwinistischen Kern. Darin steckt ja eine gewisse Absage an die Medizin oder eine gewisse Vorstellung von Medizin. Es zeigt sich darin in kulturpessimistischer Manier eine Technikfeindlichkeit.

In einem Interview, das ich geführt habe, wurde auf jeden Fall Bedauern für die Menschen, die sterben müssen, geäußert. Das Sterben anderer wird also nicht bloß kaltblütig hingenommen. Aber dann wurde auch immer wieder betont: »Naja, die sterben vielleicht nicht an Corona, sondern mit Corona«, oder es wird auf die angeblich mangelnde Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen hingewiesen. Für mich ist jetzt aber zum jetzigen Zeitpunkt auch noch relativ offen, was hier mit Verhältnismäßigkeit genau gemeint ist, also ist das eigentlich ein inhaltsleerer Begriff?

RS: Was hier hervorgehoben wird, ist, dass die Maßnahmen gegen das Virus eigentlich gefährlicher seien als das Virus. Die Suizidrate sei gestiegen. Die Menschen brächten sich jetzt um, weil sie alleine zu Hause sitzen müssen.

Und dann gibt es natürlich noch die Angst. Das Gefährlichste sei eigentlich die Angst, nach dem Motto: »Angst macht krank«. Vor allem ließen sich die Menschen dann eben besser kontrollieren, auch wenn unklar ist, wofür diese Kontrolle dann wiederum nötig sein soll. An diesem Punkt gehen die Erzählungen wieder auseinander.

Da gibt es einerseits die einfache Variante. Da wird gesagt, es gehe ums Geld. Darin steckt eine Kapitalismuskritik, die sich insbesondere gegen die »Finanzelite« richtet, die einfach Geld machen will. Akteure wie Bill Gates werden da dann genannt. Oder es kommt der Verweis auf einen angeblichen »Great Reset«, ein Begriff, der vom World Economic Forum stammt.

Das ist eine Aktualisierung der älteren Vorstellung einer New World Order. Angeblich soll eine neue Gesellschaftsordnung hergestellt werden. Dabei ist relativ unklar, wie das denn genau vonstattengehen soll. Auf jeden Fall drohe eine Art diktatorischer Überwachungsstaat. Da sind die Türen zu den Verschwörungstheorien tatsächlich ziemlich offen.

Als diese Bewegung zum ersten Mal in die Öffentlichkeit getreten ist, wurde sie oft als Ansammlung von Ausgegrenzten und Marginalisierten dargestellt, auch bei uns im Magazin, wobei nicht immer Ausgrenzung im ökonomischen Sinn gemeint war, sondern der Ausschluss von politischen Prozessen. Die Ergebnisse der Studie zeichnen ein anderes Bild.

NF: Man muss hier einschränkend sagen: die Umfrage ist nicht repräsentativ. Als wir sie lanciert haben, wurde innerhalb der Bewegung auch davor gewarnt, auf gar keinen Fall daran teilzunehmen. Manche haben dann in den Telegram-Gruppen geschrieben: »Doch, unbedingt teilnehmen, damit wir endlich das öffentliche Bild von uns gerade rücken können!« Deswegen gibt es in den Umfragedaten vielfältige Verzerrungen.

Man muss deshalb mit Schlussfolgerungen über die Gesamtzusammensetzung sehr vorsichtig sein. Aber ich würde auf jeden Fall sagen, dass dieses Narrativ, dass es sich um eine Bewegung von Marginalisierten und Ausgegrenzten handelt, in erster Linie eine Selbstbeschreibung ist, und man muss aus soziologischer Perspektive natürlich vorsichtig damit umgehen. Aufgrund der ethnografischen Beobachtungen, die wir in Konstanz gemacht haben, würde ich sagen, dass sich die Bewegung in erster Linie aus der Mittelschicht rekrutierte. Es waren auch viele Selbstständige dabei, was sich auch in der Umfrage wieder gezeigt hat.

In Leipzig war es ein bisschen anders aus. Dort haben wir eine Demonstrationen mit ungefähr 40.000 Leute beobachtet. Das hat vermutlich unter anderem mit dem Osten zu tun – aus sozioökonomischer wie historischer Perspektive. Es wurde immer wieder Bezug auf das Jahr 1989 genommen und an eine Tradition des Widerstandes angeknüpft. Auch die AfD und Pegida bedienen sich dieser Rhetorik. In Leipzig war das Publikum durchaus ein anderes als in Konstanz. Ein großer Unterschied war, dass in Leipzig sehr viele Personen aus der extremen Rechten, also organisierte Neonazis, dabei waren. In Konstanz war das nicht so.

Bei der Selbstbeschreibung als Bewegung der Marginalisierten würde ich daher ein bisschen aufpassen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass das jetzt tatsächlich Personen sind, die von politischen Prozessen ausgeschlossen sind. Wir haben es hier vor allem mit einem Mittelschichtspublikum über vierzig zu tun.

RS: Dieser Punkt ist sehr wichtig. Wenn man sie als Ausgegrenzte labelt, dann ist man ihnen gewissermaßen auf den Leim gegangen. Das ist genau das, was sie wollen. Das ist genau ihr Selbstbild: »Wir sind die Ausgegrenzten, wir sind die Marginalisierten. Uns hört man nicht zu. Und gerade deshalb müssen wir mutig Widerstand leisten.«

Wahrscheinlich ist es aber auch so, dass in den Interviews und möglicherweise auch bei den Fragebögen schon eher die Leute erfasst werden, die grundsätzlich irgendwie mit der Wissenschaft einverstanden sind, sonst hätten sie ja nicht mitgemacht. Leute, die aus der QAnon-Bewegung oder ähnlichen Strömungen kommen, sind davon vielleicht eher abgeschreckt.

Erstaunlich war aber, dass die Erzählungen viel weniger exotisch waren als man sich das vorstellen könnte. Die Leute bestärkten im Prinzip die Ideale der modernen Gesellschaft: Aufklärung, Autonomie, Authentizität, bürgerliche Mitbestimmung, rechtsstaatlich garantierte Freiheit. Wenn man die Interviews genauer anschaut, dann merkt man, das hier die Ideale der modernen Gesellschaft bestärkt werden, allenfalls in extremer Form. Es geht um extreme Autonomie: »Ich lasse mir überhaupt nichts sagen.« Oder es geht um extreme Demokratie: »Jeder soll die ganze Zeit mitreden dürfen.«

Dass das genau die Ideale der modernen Gesellschaft sind, halte ich für einen zentralen Aspekt. Die Bewegung wird manchmal so dargestellt, als seien das irgendwie Freaks, völlig wirre Verschwörungstheoretiker und als könnte man die überhaupt nicht nachvollziehen. In unserem Interviews hat sich das so nicht bestätigt.

Wie geht die Bewegung damit um, dass sich Rechtsextreme unter sie mischen? Einerseits suggerieren die Umfragedaten, dass sie das nicht gutheißen würden, andererseits aber auch, dass sie Rechtsextreme im Sinne der Meinungsfreiheit akzeptieren und in Schutz nehmen würden.

RS: Das ist auch mein Eindruck. Wir hatten ein Interview mit einem arabisch-muslimischen Menschen in der Schweiz. Als wir ihn gefragt haben, wie es für ihn sei, mit einem Nazi oder Rassisten auf der gleichen Demo zu sein, hat er sinngemäß gesagt: »Das ist mir doch egal, was der sonst noch ist. Dann ist er halt auch noch Nazi. Das spielt für mich keine Rolle. Wir sind jetzt vereint in diesem Widerstand. Ich muss ja nicht sein Freund werden.«

NF: Den Vorwurf, dass sie rechtsoffen sind, sich seit Beginn nicht klar nach rechts abgegrenzt haben und dem Rechtsextremismus eine Plattform liefern, müssen sie sich trotzdem gefallen lassen. Sie sagen immer, dass sie von rechts nur instrumentalisiert werden, aber ich denke schon, dass diese Bewegung ein immanentes Radikalisierungspotenzial hat.

Inwiefern spielen die Themen Atomkraft und Gentechnik eine Rolle? Hier hat ein ähnlich akademisches Mittelschichtsmilieu schon einmal einen politischen Konsens über eine Protestbewegung zu einer naturwissenschaftlichen Frage gewendet.

RS: Es ist schwer zu sagen, ob das die gleichen Leute sind. Auf jeden Fall kann man ähnliche Motive feststellen, zum Beispiel hinsichtlich des Bezugs auf die Natur und die Zerstörung der natürlichen Verhältnisse. Eine Gemeinsamkeit ist hier vielleicht die Wichtigkeit von romantischen Deutungsmustern, die Natürlichkeit stark hervorheben.

NF: Zentraler ist aber eher die Friedensbewegung. Das war ein sehr wichtiger Bezugspunkt, es wurde immer wieder auf Friede und Freiheit rekurriert. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass viele neu Politisierte dabei waren, die nicht Teil vorheriger Bewegungen waren.

Ihr schreibt, dass es sich um eine Bewegung handelt, die eher von links kommt, sich aber nach rechts orientiert. Welche alternativen Erzählungen könnte man ihr anbieten?

NF: Ich bin skeptisch, ob es möglich ist, diese Menschen mit anderen wissenschaftlichen Ansätzen oder Expertisen zu überzeugen. Die meisten sind in ihren Ansichten schon sehr festgefahren. Auch andauernde Warnungen vor der AfD werden wenig bringen, dieser Zug ist abgefahren, ähnlich wie bei Trump. Die Leute wissen schon, wen sie da wählen. Kampagnen wie Zero Covid finde ich persönlich hingegen sinnvoll, weil sie aus einer linken Perspektive eine wichtige Themensetzung vornehmen.

RS: Das ist keine Art von Kritik, bei der auf inhaltlicher Ebene dann etwas ausgefochten wird, sondern das ist mehr die Art von radikal-relativistischer Kritik, die sagt: »Ich habe eine andere Meinung als Du. Da kannst Du sagen, was Du willst. Ich sehe es halt anders.«

Insgesamt wirkt die Bewegung ziemlich antiautoritär. Gibt es da einen potenziellen Widerspruch zum im Kern doch sehr autoritären Weltbild der AfD?

NF: Ich wäre mir jetzt nicht so sicher, ob das wirklich eine antiautoritäre Bewegung ist. Also auf jeden Fall gibt es da ja viele autoritäre Momente. Oliver Nachtwey spricht in diesem Zusammenhang auch von den »antiautoritären Autoritären«, in Anlehnung an Horkheimer. Im klassischen Sinne trifft es also überhaupt nicht zu, die Bewegung als antiautoritär zu bezeichnen. In Teilen gibt es ja auch wieder eine Unterwerfung unter neue Autoritäten, etwa bei dem Hype um Attila Hildmann. Es ist nicht so, das gesagt wird, dass es keine Autoritäten mehr geben darf, sondern es geht um eine Kritik an etablierten Autoritäten. Gleichzeitig berufen sie sich aber auf andere, eigene Autoritäten.

William Callison und Quinn Slobodian reihen die Bewegung im Boston Review in eine Serie rechtslibertärer Aufstände der Mittelschicht ein, die Freiheit in erster Linie negativ definieren. In der Umfrage gibt es aber wenig Zustimmung zu rechtslibertären Thesen. Gleichzeitig scheint die Bewegung mit Begriffen wie Solidarität wenig anfangen zu können, zumindest nicht, wenn sie mit Einschnitten bei der individuellen Freiheit verbunden ist. Darf für diese Menschen Solidarität nichts mehr kosten?

NF: Das war nicht unser Forschungsschwerpunkt, deshalb haben wir dazu keine klaren Erkenntnisse. Vorstellbar ist aber, dass der neoliberale Appell ans Individuum geteilt wird, gerade im Gesundheitsbereich, wo es den Aufruf zu Selbstoptimierung und Eigenverantwortung ja schon seit Jahrzehnten gibt und sozialstaatliche Leistungen zurückgefahren werden. Und jetzt plötzlich erfolgt ein massiver Eingriff durch den Staat, plötzlich soll man wieder solidarisch mit anderen sein, nachdem man jahrelang immer nur auf sich selber Acht geben sollte. Inwiefern das empirisch zutrifft muss aber noch untersucht werden.

Das zentrale Thema in den Interviews ist also Angst, vereint mit einem gewissen Generalverdacht, obwohl die Demonstrierenden materiell eher gut situiert und gesellschaftlich nicht marginalisiert sind. Die Bewegung definiert sich also in erster Linie darüber, keine Angst zu haben.

RS: Man muss an dieser Stelle präzisieren. Sie definieren sich dadurch, dass sie mutige Widerstandskämpfer sind. Andererseits sind sie selbst von einer gewissen Angst getrieben, nämlich der Angst vor Diktatur, Gleichschaltung und totaler Überwachung. Es wird ein diffuses Gefühl geteilt, dass da irgendwas nicht stimmen kann. Das Wort Generalverdacht trifft es ganz gut, das haben wir von Boltanski übernommen.

Ihr schreibt, man soll die »Querdenker« nicht pathologisieren, sondern nach den strukturellen gesellschaftlichen Voraussetzungen der Bewegung fragen. Was wären hier gute Ansatzpunkte?

NF: Es gibt interessante Verknüpfungen von rationalen und romantischen Motiven, die uns in unserem empirischen Material immer wieder begegnet sind. Es ist keineswegs so, dass wir es mit völlig irrationalen Personen zu tun haben. Auch wenn wir ihre Perspektive nicht teilen, ist es vielleicht nicht besonders hilfreich, wenn man sie pathologisiert. Das sind nicht irgendwelche Spinnerinnen, sie sind ein Teil einer Gesellschaft, die sie auf eine Art und Weise hervorbringt. Die strukturellen Voraussetzungen dafür sollte man sich ansehen, ohne diese Bewegung damit zu verharmlosen.

RS: Das ist, glaube ich, wirklich die wichtigste Frage. Also was besagen diese Kritiken über die Gesellschaft, aus der sie erwachsen sind? Und das ist auch die schwierigste Frage, an der wir selber noch forschen. Ein möglicher Ansatzpunkt ist, dass sich hier ein grundsätzliches Legitimationsproblem der modernen Gesellschaft zeigt. Allerdings sagt das noch nicht allzu viel, schließlich bedeutet Kritik irgendwie immer, dass es eine Legitimationskrise gibt.

Aus Perspektive der Kultursoziologie finde ich, dass Shmuel Eisenstadt einen guten Ansatz liefert. Er spricht davon, dass die moderne Gesellschaft von einem Verlust der Grundlagen aller Gewissheit geprägt ist. Das hat mit Rationalisierung und mit Säkularisierung zu tun. Sie ist vor allem eine Gesellschaft, in der Legitimität nicht mehr selbstverständlich ist, eine Gesellschaft, in der Kritik sehr umfassend und sehr grundlegend möglich ist. In der aktuellen Krise zeigt sich diese Struktur der modernen Gesellschaft – also dass man an allem jederzeit Kritik üben kann und dass Legitimität nicht mehr als selbstverständlich zu gelten hat.

In Bezug auf die Corona-Proteste finde ich interessant, dass es sich hier um eine relativ konventionelle Kritik handelt. Die klassischen Ideale der modernen Gesellschaft, also Aufklärung, Autonomie und Demokratie werden betont, nur eben in einer besonders extremen Form. Mit der Kritik wird dann die Authentizität des Kritikers verknüpft, und zwar über das Motiv des mutigen Widerstandskämpfers, der sich nicht verbiegen lässt. Dieses romantische Motiv ist auch typisch für die moderne Gesellschaft.

Ein anderer Ansatzpunkt aus der Soziologie wäre die Differenzierungstheorie oder Systemtheorie. Die Welt ist extrem komplex geworden und es gibt keine Möglichkeit mehr, das Ganze auf einmal zu verstehen. Verschwörungstheorien sind hier attraktiv, weil sie gerade das zu ermöglichen versprechen. Auf einmal macht alles Sinn.

Vor allem aber scheint mir wichtig zu sein, dass man jetzt nicht den Fehler begeht, einfach dieses neue Phänomen auf die alten Mühlen der bekannten Theorien zu gießen und dann zu schauen, was unten dabei rauskommt. Das ist dann immer nur mäßig interessant.

Nadine Frei ist promovierte Soziologin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören (kultur-)soziologische Theorien, insbesondere Geld- und Wirtschaftssoziologie, und Methoden qualitativer Sozialforschung. Aktuell hat sie einen Lehrauftrag an der Universität Basel.

Robert Schäfer ist promovierter Soziologe und derzeit Dozent für qualitative Sozialforschung an der Universität Basel. Er ist außerdem Dozent für Soziologie im Studiengang Geschichte an der FernUni Schweiz und Redakteur der Online-Zeitschrift sozialpolitik.ch. Aktuell arbeitet er an seinem Habilitationsprojekt über gegenwärtige Formen der Gesellschaftskritik. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kultur- und Religionssoziologie und Methoden qualitativer Sozialforschung.

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