27.10.2021

Verkaufsschlager Nostalgie

Die Kulturindustrie bringt immer mehr Reboots und Remakes auf den Markt, die mit der Sehnsucht nach besseren Zeiten großes Geschäft machen. Diese Nostalgie ist zutiefst reaktionär. Denn sie verstellt den Blick auf jene Zukunft, die wir so dringend aufbauen müssen.

Alter Stoff, lau aufgewärmt: Captain America in der Marvel-Produktion »Avengers Endgame«, 2019.

Alter Stoff, lau aufgewärmt: Captain America in der Marvel-Produktion »Avengers Endgame«, 2019.

IMAGO / Everett Collection.

Von Paris Marx

Übersetzung von Ines Schwerdtner

Inmitten der sich beschleunigenden Krisen kann die Vergangenheit einen tröstlichen Rückzugsort bieten. Wir leben nicht nur inmitten einer globalen Pandemie, sondern spüren auch die Folgen des Klimawandels immer deutlicher. Mit dem teilweisen Erliegen ganzer Industrien und den weiter steigenden Wohnkosten sind viele Menschen ökonomisch unter die Räder geraten. Angesichts dieses psychischen Drucks und der Angst vor Ereignissen, die sich unserer persönlichen Kontrolle entziehen, schwindet die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. An ihre Stelle tritt die Nostalgie.

Große Medienkonzerne wie Disney und Netflix nutzen diese Sehnsucht, um das Publikum für die Wiederbelebung des Star-Wars-Franchise und die von den 1980ern inspirierte Serie Stranger Things zu begeistern. Inzwischen hat die Nostalgie auch die Politik erreicht: Das verdeutlichte sich nicht zuletzt durch Donald Trump und seine Forderung »Make America Great Again«, aber auch die britische Brexit-Kampagne und die nationalistischen Bewegungen in ganz Europa folgen diesem Impuls. Selbst Joe Biden beruft sich auf eine Zeit vor Trump. Wir leben im goldenen Zeitalter der Nostalgie. Diese Stimmung wird von den Krisen unserer Zeit angetrieben, dennoch wird dieses Gefühl eher für den Erhalt des Status quo mobilisiert.

In seinem neuen Buch The Hours Have Lost Their Clock: The Politics of Nostalgia geht Grafton Tanner der Geschichte der Nostalgie auf den Grund, um zu verstehen, warum sie in unserer Gegenwart eine so herausragende Rolle einnimmt. Wir können für viele Dinge Nostalgie empfinden, sei es für einen Ort, eine Zeit oder auch eine Ästhetik. Und diese Gefühle sind nicht grundsätzlich konservativ. Vielmehr, so Tanner, sind »die Attribute, die wir normalerweise mit Nostalgie verbinden – Kitsch, Rückständigkeit, Sentimentalität – in Wirklichkeit nur die Produkte ihrer Verwendung« durch rechte Politiker und Unternehmen, die sie vermarktbar machen wollen. Nostalgie könnte auch für andere Zwecke eingesetzt werden – doch für den Moment haben wir es mit einer konservativen Nostalgie zu tun, die wir so schnell nicht loswerden.

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Die Politik des Reboots

Sequels und Reboots sind natürlich nichts Neues, doch die kapitalistische Kultur unserer Zeit ist auf eine besonders toxische Art und Weise von ihnen abhängig. Mittlerweile müssen die meisten Serien oder Filme einen Bezug zur Vergangenheit haben, um aus der Nostalgie Kapital zu schlagen und einen möglichst großen Markt zu erschließen – das gilt nicht nur für Nordamerika oder Europa, sondern weltweit.

Unser stark konsolidiertes Mediensystem und enorm lange Urheberrechtsfristen führen dazu, dass verstärkt auf Vergangenes zurückgegriffen wird, anstatt originelle Geschichten und neue Konzepte zu produzieren. Das allein hat einen konservativen Effekt. Tanner argumentiert, dass »kulturelle Ideen alt werden müssen«, damit sich die Kultur weiterentwickeln kann, doch die heutigen Medienkonglomerate haben ein Interesse daran, diesen Prozess aufzuhalten. Unternehmen wie Disney können »ständig von ihren eigenen Werken abkupfern, indem sie veraltete Charaktere aufhübschen, damit sie glänzen, ihre Inhalte an die heutigen Konventionen anpassen und künftige Geschichten festschreiben«. Dieser letzte Punkt ist besonders wichtig, denn die Medien, die wir konsumieren, bieten uns nicht nur eine kurze Flucht aus dem Alltag, sondern vermitteln auch Vorstellungen über die Art der Gesellschaft, in der wir künftig leben sollten.

Diese nostalgische Form der Unterhaltung neigt dazu, »konservative Vorstellungen unserer eigenen Geschichte zu betonen und unbequemere Aspekte auszuklammern, alles im Namen des Profits«. Es mag Ausnahmen geben, doch für Tanner beschreibt dies den allgemeinen Zustand unserer zeitgenössischen Kultur – ein Phänomen, das vielleicht am besten durch Disneys Marvel Cinematic Universe verkörpert wird.

Dieser Argumentation folgt auch Keith Spencer, der untersucht, wie Superheldenfilme dazu beitragen, der Gesellschaft die Mythen des Neoliberalismus zu vermitteln. Im Superhelden-Universum, so Spencer, »wird die Gesellschaft von wohlwollenden Philosophenkönigen (Plutokraten oder Superheldinnen oder beides) regiert, die über uns wachen und nur bei Bedarf eingreifen«. Wenn sie eingreifen, retten sie vielleicht ein paar Leben, aber die grundlegende Verteilung von Macht und Reichtum bleibt unverändert. Die Filme erzählen Geschichten von individuellen Kämpfen anstelle von kollektivem Handeln, und sie bauen auf der Überzeugung, dass »Menschen Autoritäten brauchen – dass wir ohne Polizei nicht überleben können«. Genau diese Vorstellung stärkt das Bestehende, statt es in Frage zu stellen. Und damit nicht genug.

Das Marvel Cinematic Universe hat lange mit dem US-Militär zusammengearbeitet. Viele der Produktionen erhalten militärische Ausrüstung, wenn das Pentagon im Gegenzug die Drehbücher absegnen darf – ein Beispiel für »Militainment«, wie es Tanner nennt, welches die filmische Darstellung des Militärs beeinflusst. Diese Zusammenarbeit begann im Jahr 2008 mit dem ersten Iron-Man-Film und erklärt ebenso, weshalb Captain Marvel im Mittelpunkt einer Rekrutierungskampagne der Air Force stand. Wahrscheinlich steht auch die nostalgische Darstellung des FBI in der jüngsten WandaVision-Serie unter dem Einfluss dieser Zusammenarbeit. Die Filme vermitteln also nicht nur die zentralen Vorstellungen des Neoliberalismus, sondern dienen auch als Propaganda für das größte Militär der Welt.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Der Film hat schon immer dazu beigetragen, die herrschenden politischen Systeme und Ideologien zu stärken. Aber früher gab es noch eine größere Vielfalt an Produktionen und damit mehr Raum für alternative Ideen. Im Zuge der Konsolidierung der Branche wurden anspruchsvolle Erzählungen zugunsten massentauglicher Nostalgie-Köder verdrängt. Diese Rückbesinnung infiziert nun nicht nur unsere Kultur. Sie treibt politische Bewegungen an, die in eine nie dagewesene Vergangenheit zurückkehren wollen, die von den tatsächlichen Problemen jener Zeit vollkommen losgelöst ist.

Wenn Nostalgie reaktionär wird

Da sich die Welt zunehmend unserer Kontrolle entzieht und es für viele Menschen immer schwieriger wird, überhaupt über die Runden zu kommen, hat das Fehlen einer glaubwürdigen Alternative dazu geführt, dass sich einige in eine Ära zurücksehnen, die ihnen sicherer erscheint – selbst wenn diese ideale Vergangenheit nie wirklich existiert hat. Rechte haben diese Gefühle mit einer rückwärtsgewandten Politik aufgegriffen, die vorgibt, die Probleme der Gegenwart zu lösen, während sie weiterhin vor allem den bestehenden Eliten nützt.

Der Brexit zum Beispiel wurde durch viele Faktoren angeheizt – unter anderem, so Tanner, durch eine »chauvinistische und patriotische Nostalgie« für die Zeit des britischen Empire. Auch Donald Trumps populistische Botschaften, die sich an einer konservativen Nostalgie orientierten, »fanden bei denjenigen Anklang, die sich nach den Tagen sehnten, als die Industrie noch mächtig, die Geschlechter nicht fluide waren und die Weißen tun und lassen konnten, was sie wollten«. Die Pandemie erschütterte zwar das Vertrauen in Trump, die Sehnsucht nach Vergangenem ist aber bestehen geblieben. Joe Biden verbreitete deshalb seine ganz eigene nostalgische Botschaft. Wenn er von »jenen glorreichen Tagen« schwärmt, »in denen Neoliberale glaubten, das Leben in den USA sei weniger stressig und alles besser, weil Trump nicht im Weißen Haus sitzt«, dann beschwört er eine Rückkehr in die Obama-Jahre.

Nostalgie ist an sich schon ein mächtiges Gefühl. Durch digitale Plattformen, die von uns verlangen, dass wir Inhalte größtenteils ohne weiteren Kontext konsumieren und von Memes und Posts leben, die eine emotionale Reaktion hervorrufen sollen, wird dieses Gefühl noch zusätzlich verstärkt. Sobald der Algorithmus feststellt, dass eine Nutzerin an nostalgischen Inhalten interessiert ist, präsentiert er ihr immer mehr davon.

Es mag offensichtlich sein, aber Tanner betont, dass »die von Algorithmen empfohlenen und sich viral verbreitenden Vergangenheiten meist nicht diejenigen sind, die auch die dunkle Seite der Geschichte beleuchten«. Die Geschichtserzählung, die in den sozialen Medien viral geht, ist meist auch diejenige, die über viele Jahrzehnte von den Mächtigen geformt wurde, um den Status quo aufrechtzuerhalten und die Bewegungen und Persönlichkeiten, die ihn herausforderten, herunterzuspielen.

Als Beispiel nennt Tanner die jüngsten Versuche, Statuen von ehemaligen Kolonialherren in den Südstaaten der USA zu entfernen. Die Statuen selbst sind kein Produkt der konföderierten Staaten [Anm. d. Red.: Staatenbund im Süden der USA, der sich abspaltete, um die Sklaverei zu erhalten], sondern wurden Jahre später bewusst errichtet. Im Sinne einer »Lost Cause«-Nostalgie versuchte man, »den Süden der Vereinigten Staaten als eine Region darzustellen, der es vor dem Bürgerkrieg viel besser ging«. Tanner argumentiert, dass diese kulturellen Artefakte »eine krankhafte Strömung der Nostalgie verbreiten, die die Weißen in Dixie-Land lehrte, ›wegzuschauen‹«. Einige der Leute, die sich heute dagegen aussprechen, die Statuen zu stürzen, fallen auf dieselbe reaktionäre, nostalgische Verklärung herein, die sie selbst erschaffen haben. Genau diese Ideen werden weiterhin von populären rechten Influencern verbreitet und in ihren Beiträgen wiederverwertet.

Diese Art von reaktionärer Nostalgie inspiriert niemanden zu einer besseren Zukunft. Stattdessen lenkt sie die Wut der Menschen von denjenigen, die ihnen das Leben tatsächlich erschweren, auf diejenigen, die in der Gesellschaft kaum Macht haben. Nostalgische Gefühle dienen also dem Erhalt des Bestehenden, doch können sie es auch in Frage stellen?

Eine andere Art der Nostalgie

Nostalgie ist zum Teil eine Reaktion auf ein allgegenwärtiges Gefühl von Verlust, ein Gefühl, das sich nur noch verstärken wird, wenn unser Lebensstandard weiter sinkt und die Klimakrise sich beschleunigt. Grafton Tanner vertritt in seinem Buch die These, dass Menschen, die angesichts dieser Herausforderungen die warme Umarmung der Nostalgie suchen, keinen Reality Check brauchen, sondern »eine lebenswerte Welt, eine Welt, die echte Menschen unterstützt, wenn Krisen auftreten, und die sie nicht durch Egoismus, Gier und Machthunger verschlimmert«. Nostalgie könne bei den Bemühungen um den Aufbau einer solchen Welt auch positiv genutzt werden.

Ein Beispiel aus den letzten Jahren ist die Kampagne für einen Green New Deal, die sich auf den New Deal der 1930er Jahre beruft, um die politischen Probleme unserer Zeit anzugehen. Der historische New Deal hatte sicherlich seine ganz eigenen Probleme, doch er schaffte groß angelegte Programme zur Vollbeschäftigung und baute die dafür notwendige Infrastruktur auf. Damit ist er ein nützlicher Bezugspunkt für heutige Aktivistinnen und Aktivisten geworden. Seit sich die Kampagne etabliert hat, bildet sie einen wichtigen Gegenpol zum »Make America Great Again« von Trump, indem sie nostalgische Gefühle für positive politische Ziele statt für reaktionäre Politik nutzt.Tanner argumentiert, dass wir die Nostalgie nicht völlig verwerfen müssen. Vielmehr »kann man durch Nostalgie auch Hoffnung schöpfen ... selbst wenn wir wissen, dass die Karten ungleich verteilt sind«.

Gegenwärtig werden nostalgische Gefühle dafür genutzt, dem Streben nach Profit und der Aufrechterhaltung des Status quo zu dienen, da dies die Ziele der Mächtigsten unserer Gesellschaft sind. Darauf müssen die Gefühle aber nicht notwendig beschränkt bleiben. Es gibt Momente aus unserer Vergangenheit, die uns eine andere Gesellschaftsvision offenbaren – und Nostalgie könnte eine Möglichkeit sein, um uns den Zugang dazu zu eröffnen.

#7
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