26.08.2020

David Graeber über »Bullshit-Jobs«

Manche Jobs sind so sinnlos, dass man sie am liebsten einfach abschaffen würde. Und von diesen unnützen Jobs gibt es heute mehr als je zuvor. Ein Gespräch mit David Graeber über Papierschubser, Katzen-Memes und nervtötenden Stumpfsinn im Büro.

Gähnende Langeweile am Arbeitsplatz.

Gähnende Langeweile am Arbeitsplatz.

Unsplash/Johnny Cohen.

Interview mit David Graeber geführt von Suzi Weissmann

Übersetzung von Martin Neise

David Graeber zählt zu den wohl bekanntesten Kritikern des Kapitalismus (u. a. Schulden: Die ersten 5000 Jahre, Klett-Cotta, 2012 und Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit, Stuttgart, 2018). Warum die Sehnsucht nach einer sinnstiftenden Tätigkeit auch politisch ist und weshalb er für eine Erweiterung des Care-Begriffs plädiert, erklärt er hier.

SW: Lass uns gleich zur Sache kommen: Wie lautet Deine Definition eines Bullshit-Jobs?

DG: Ein Bullshit-Job ist ein Job, der so sinnlos ist, dass selbst die Person, die ihn ausführt, insgeheim glaubt, dass er gar nicht existieren sollte. Natürlich muss man so tun als ob – genau das ist das Bullshit-Element, dass man so tut, als gäbe es einen guten Grund, diesen Job zu machen. Aber heimlich denkt man sich: Wenn dieser Job nicht existierte, würde es entweder keinen Unterschied machen oder die Welt würde sogar ein besserer Ort sein.

Was genau sind Bullshit-Jobs?

Wenn man über Bullshit-Jobs redet, denken viele an schlechte Arbeit; Arbeit, die herabwürdigend ist; Arbeit unter fürchterlichen Bedingungen, ohne zusätzliche Vorsorgeleistungen und so weiter. Aber die Ironie ist, dass diese Jobs genau genommen kein Bullshit sind. Wenn man einen Scheißjob hat, stehen die Chancen nicht schlecht, dass man damit immer noch etwas Gutes in der Welt bewirkt.

Es ist doch so: je mehr die Arbeit, die man vollbringt, anderen Menschen zu Gute kommt, desto schlechter wird diese Arbeit wahrscheinlich bezahlt. Und in diesem Sinne ist es dann sicherlich auch ein Scheißjob. Das kann man also wie einen Gegensatz sehen.

Auf der einen Seite gibt es Jobs, die scheiße sind, aber nützlich. Wenn man Toiletten putzt oder ähnliches – Toiletten müssen schließlich geputzt werden – da hat man wenigstens die Würde zu wissen, man ist nützlich für andere Menschen, selbst wenn es nicht viel mehr ist als das. Andererseits gibt es Jobs, in denen man mit Respekt und Würde behandelt wird, mit guter Bezahlung und guten Vorsorgeleistungen. Aber eigentlich arbeitet man mit dem Wissen, dass der Job vollkommen nutzlos ist.

Du unterscheidest zwischen verschiedenen Arten von Bullshit-Jobs. Es gibt Lakaien, Schlägerinnen, Flickschuster, Kästchenankreutzerinnen, Aufgabenverteiler und das, was ich als Erbsenzählerinnen bezeichnen würde. Was verstehst du unter diesem Kategorien?

Das kam durch meine Arbeit, Leute zu bitten, mir ihre Geschichten zu schicken. Ich stellte hunderte von Geschichten zusammen von Leuten, die Bullshit-Jobs hatten. Ich fragte sie: »Was ist der sinnloseste Job, den Sie je hatten? Erzählen Sie mir alles darüber! Was denken Sie, wie es dazu kam? Was sind die Dynamiken? Wusste Ihr Boss Bescheid?«

Solche Informationen habe ich bekommen. Danach habe ich kleine Interviews mit den Leuten gemacht, »Follow-Ups« sozusagen. Und wir kamen gewissermaßen gemeinsam auf die Kategorien. Die Leute schlugen mir Ideen vor und schrittweise kamen die fünf Kategorien dabei heraus.

Wie Du sagtest, sind da zuerst die Lakaien. Das ist selbsterklärend. Ein Lakai existiert nur dazu, jemand anderen gut aussehen zu lassen oder, in manchen Fällen, der Person ein gutes Gefühl zu vermitteln. Wir kennen alle diese Art von Jobs. Ein offensichtliches Beispiel sind Leute, die an einem Ort an der Rezeption sitzen, obwohl dieser Ort eigentlich keine Rezeption braucht.

Manche Unternehmen benötigen natürlich Rezeptionistinnen und Rezeptionisten. Bei anderen wiederum klingelt das Telefon vielleicht einmal am Tag. Aber es gibt trotzdem eine Person – manchmal auch zwei –, die dort sitzt und wichtig aussieht. So muss man selber niemanden anrufen und hat jemanden, der nur sagt: »Da ist ein sehr wichtiger Broker, der mit Ihnen sprechen möchte.« Genau das ist ein Lakai.

Eine Schlägerin oder ein Schläger ist ein wenig subtil. Aber ich musste diese Kategorie irgendwie bilden, weil die Leute mir immer wieder erzählten, dass ihre Jobs Bullshit waren – Telefonverkäufer, Firmenanwältinnen, Menschen in der Öffentlichkeitsarbeit, im Marketing, solche Dinge. Ich musste verstehen, warum sie sich so fühlten.

Das Muster schien zu sein, dass diese Jobs für die Firmen, in denen sie arbeiteten, nützlich waren. Aber sie fanden, dass die Branche an sich überhaupt nicht existieren sollte. Das sind im Grunde Leute, die einem auf die Nerven gehen sollen, die einen irgendwie rumschubsen sollen. Und das ist nur nötig, insofern andere diese Menschen auch beschäftigen. Man braucht keine Firmenanwältinnen, wenn die Konkurrenz auch keine Firmenanwältinnen hat. Man braucht überhaupt keine Telefonverkäufer. Aber wenn die anderen das auch haben, kann man leicht behaupten, dass es sie doch geben muss. Ok, das ist leicht zu verstehen.

Flickschustererinnen und Flickschuster sind Menschen, die Probleme lösen, die es überhaupt nicht geben sollte. An meiner alten Universität hatten wir anscheinend nur einen Tischler und es war wirklich schwierig, ihn zu bekommen. Zu der Zeit arbeitete ich in England. Eines Tages brach das Regal in meinem Universitätsbüro in sich zusammen. Der Tischler sollte kommen und da war ein Riesenloch in der Wand. Der Schaden war unübersehbar. Aber der Tischler kam nie. Er hatte immer etwas anderes zu tun. Schließlich fanden wir heraus, dass es da diesen Typen gab, der den ganzen Tag herumsaß und sich dafür entschuldigte, dass der Tischler nie kam.

Er war sehr gut in diesem Job und ein sehr liebenswerter Zeitgenosse, der immer ein wenig traurig und melancholisch wirkte. Und es war wirklich schwierig, auf ihn sauer zu sein, was natürlich sein Job war. Ein Blitzableiter sozusagen. Aber irgendwann dachte ich mir, wenn sie den Typen feuern würden und einen anderen Tischler dafür anstellen würden, bräuchten sie ihn gar nicht. Das ist also ein klassisches Beispiel für einen Flickschuster.

Und die Kästchenankreuzerinnen und Kästchenankreutzer?

Die gibt es, damit eine Organisation sagen kann, dass sie etwas tut, was sie eigentlich nicht tut. Es ist wie eine Untersuchungskommission. Wenn die Regierung zum Beispiel durch irgendeinen Skandal in Erklärungsnot kommt, setzen sie eine Untersuchungskommission ein und erwecken den Anschein, dass sie nicht wussten, was los ist. Sie geben vor, sich der Sache anzunehmen, was aber überhaupt nicht wahr ist.

Aber Unternehmen machen das auch. Sie bilden ständig Kommissionen. Es gibt Hunderttausende Menschen in der Welt, die in Compliance-Abteilungen bei Banken arbeiten. Und es ist kompletter Blödsinn. Niemand hat je die Absicht, auch nur eines dieser Gesetze zu befolgen, die ihnen auferlegt wurden. Die einzige Aufgabe ist es, jedes Geschäft zu genehmigen. Aber natürlich genügt es nicht, jedes Geschäft zu genehmigen, denn das würde verdächtig aussehen. Also erfindet man Gründe, damit man sagen kann, man hätte sich manche Dinge näher angeschaut. Es gibt da ganz aufwendige Rituale, mit denen man vorgibt, sich einem Problem zu widmen, was man eigentlich überhaupt nicht macht.

Dann beschreibst Du noch die Aufgabenverteilerinnen und Aufgabenverteiler.

Das sind Leute, die anderen Arbeit zuteilen, die nicht nötig ist, oder die Menschen beaufsichtigen, die keine Beaufsichtigung brauchen. Wir wissen alle, über wen wir hier sprechen. Das mittlere Management ist natürlich das klassische Beispiel dafür.

Ich traf Menschen, die mir geradeheraus sagten: »Ja, ich habe einen Bullshit-Job, ich bin im mittleren Management. Ich wurde befördert. Früher habe ich den Job tatsächlich selber gemacht und dann haben sie mich eine Etage höher eingesetzt. Sie teilten mir mit: ›Beaufsichtige die Leute! Bringe sie dazu, die Arbeit zu machen!‹ Und ich weiß sehr gut, dass sie niemanden brauchen, der sie kontrolliert oder sie dazu anleitet. Aber trotzdem muss ich mir eine Ausrede für meine Existenz einfallen lassen.«

Letztlich sagt man in so einer Situation dann: »Nun gut, wir denken uns ein paar Zielstatistiken aus, damit ich beweisen kann, dass das gemacht wird, von dem ich weiß, dass es ohnehin erledigt wird. Dadurch sieht es so aus, als ob ich derjenige wäre, der die andern dazu gebracht hätte.«

Tatsächlich füllen die Leute all diese Formulare aus, was dazu führt, dass sie weniger Zeit auf ihre eigentliche Arbeit verwenden. Das passiert vermehrt in der ganzen Welt, aber in den USA hat jemand mal eine empirische Studie gemacht und herausgefunden, dass um die 39 Prozent der durchschnittlichen Arbeitszeit von Büroangestellten für solche Tätigkeiten verwendet wird. Das sind im Grunde genommen administrative E-Mails, sinnlose Meetings, das Ausfüllen allerlei Formulare und anderer Papierkram.

Im Marxismus gibt es den Begriff von produktiver und unproduktiver Arbeit. Ich frage mich, in welcher Verbindung die Kategorie der Bullshit-Jobs zu den Begriffen der unproduktiven Arbeit steht.

Das ist was anderes. Produktiv und unproduktiv, da geht es darum, ob Mehrwert für Kapitalistinnen und Kapitalisten produziert wird. Das ist eine etwas andere Frage. Mir geht es um die subjektive Einschätzung des sozialen Werts von Arbeit durch die Menschen, die sie ausführen.

Auf der einen Seite akzeptieren die Leute mehr oder weniger die Vorstellung, dass der Markt etwas über den Wert aussagt. Das gilt für die meisten Länder heutzutage. Von Menschen im Verkauf oder im Dienstleistungssektor hört man fast nie: »Ich verkaufe Selfie-Sticks. Warum wollen die Leute Selfie-Sticks? Das ist bekloppt, die Leute sind doch dumm.« Das sagen sie nicht. Sie sagen nicht: »Warum gibt man überhaupt fünf Dollar für eine Tasse Kaffee aus?«

Menschen in Dienstleistungsberufen glauben nicht, dass sie Bullshit-Jobs haben. In den meisten Fällen jedenfalls. Sie akzeptieren die Vorstellung, dass etwas gekauft wird, wenn es einen Markt für etwas gibt. Wer bin ich, das zu beurteilen? Diesem Aspekt der kapitalistischen Logik schenken sie Glauben.

Aber dann schauen sie auf den Arbeitsmarkt und sagen: »Warte mal! Ich bekomme 40.000 Dollar im Jahr, um rumzusitzen und den ganzen Tag Katzen-Memes zu machen und mal einen Anruf entgegenzunehmen. Das kann nicht richtig sein.« Der Markt liegt also nicht immer richtig. Offensichtlich funktioniert der Arbeitsmarkt nicht wirtschaftlich rational. Da gibt es also einen Widerspruch. Deshalb müssen sie ein anderes System, ein implizites Wertsystem, kreieren, was sich von produktiver oder unproduktiver Arbeit für den Kapitalismus unterscheidet.

Wie verhält sich der Anstieg von Bullshit-Jobs zu den von uns so bezeichneten produktiven Jobs?

Nun, das ist sehr interessant. Wir haben diese Erzählung des Aufkommens der Dienstleistungsökonomie. Seit den 1980ern wird die Bedeutung der Industrie immer geringer. So, wie man es in Wirtschaftsstatistiken darstellt, scheint landwirtschaftliche Arbeit nahezu verschwunden und Industriearbeit weniger geworden zu sein – nicht unbedingt so viel, wie man glaubt, aber dennoch weniger – und der Anteil von Dienstleistungen ging durch die Decke.

Aber das ist nur deshalb so, weil man in Dienstleistungen auch Management-, Aufsichts- und Verwaltungsarbeit miteinbezieht. Wenn man auf Dienstleistungen im engeren Sinne schaut, also auf Menschen, die Haare schneiden oder Essen servieren – dann, nun ja, lag der Anteil an Dienstleistungen konstant bei 25 Prozent der Erwerbsbevölkerung über die letzten 150 Jahre. Das hat sich überhaupt nicht verändert. Was sich wirklich verändert hat, ist diese gigantische Explosion an Papierschubsern. Und das ist der Bullshit-Job-Sektor.

Du nennst das die Bürokratie, den Verwaltungssektor, den Sektor des mittleren Managements.

Genau. Das ist ein Sektor, in dem das Öffentliche und Private sozusagen verschmelzen. Genau genommen ist der Bereich, in dem sich diese Jobs massiv ausbreiten, dort, wo unklar ist, was öffentlich und was privat ist: Die Schnittstelle, an der öffentliche Dienste privatisiert werden, an der die Regierung den Banken den Rücken freihält.

Der Bankensektor ist verrückt. Da gibt es diesen Typen, den ich während der Recherche für mein letztes Buch getroffen habe. Er arbeitet für einen Zulieferer eines Zulieferers eines Zulieferers des deutschen Militärs. Dort gibt es einen deutschen Soldaten, der seinen Computer von einem Büro ins andere stellen will. Er muss eine Anfrage an jemanden richten, der jemand anderen anruft, um jemand anderen anzurufen. Das geht durch drei verschiedene Firmen.

Schließlich muss er 500 Kilometer in einem gemieteten Auto fahren, die Formulare ausfüllen, sie in ein Paket packen, es mitnehmen, jemand anderes öffnet das Paket und dann unterschreibt er ein neues Formular und geht. Das ist das ineffizienteste System, was man sich ausdenken könnte. Aber das kommt alles durch die Schnittstelle zwischen öffentlicher und privater Sphäre, was ja eigentlich die Dinge effizienter machen soll.

Dem Ethos der Thatcher-Reagan-Ära nach zufolge ist immer die Regierung das Problem und auch in der Regierung sind all diese Jobs – daher auch der Angriff auf den öffentlichen Sektor. Du zeigst jedoch, dass viel Bürokratisierung aus dem Privatsektor kommt. Sollte nicht der Zwang, Profite zu maximieren und Kosten zu senken, der Schaffung dieser sinnlosen Jobs im Privatsektor entgegenwirken?

Das sollte man annehmen. Aber wenn wir an Kapitalismus denken, stellen wir uns immer noch lauter mittelgroße Firmen vor, die produzieren, Handel treiben und miteinander im Wettbewerb stehen. So sieht die Landschaft heutzutage aber nicht mehr aus, insbesondere im Finanz-, Versicherungs- und Immobilien-Sektor.

Wenn man sich außerdem anschaut, was wirklich passiert: Es gibt diese Ideologie des »lean and mean«. Als CEO wird man dafür angehimmelt, wie viele Leute man rausschmeißen kann und wie sehr man eine Firma »downsizen« und beschleunigen kann. Die Menschen, die da beschleunigt werden, sind die Beschäftigten, die Produktiven, die Leute, die wirklich Dinge schaffen, sie bewegen, sie reparieren, die wirkliche Arbeit machen. Bei UPS werden die Arbeiterinnen und Arbeiter ständig »taylorisiert«.

Aber das macht man nicht mit den Menschen im Büro. Genau das Gegenteil passiert. Innerhalb der Firma baut man sich ein Imperium auf. Verschiedene Managerinnen und Manager treten in Wettbewerb darüber, wie viele Leute unter ihnen arbeiten. Sie haben überhaupt keinen Anreiz, Leute loszuwerden.

Es gibt diese Leute, ganze Gruppen von Leuten, deren einziger Job es ist, Reporte zu schreiben, die wichtige Leute aus der Führungsetage dann auf großen Meetings präsentieren. Große Meetings sind das Äquivalent zu feudalen Turnieren, die großen Rituale der Geschäftswelt. Wenn man dorthin geht, gibt es das ganze Equipment, den ganzen Kram: Powerpoints, Reporte und so weiter. Und ganze Teams sind nur dort, um zu sagen: »Ich mache die Illustrationen für diese Reports«, und »Ich mache die Diagramme«, und »Ich füge die Daten ein und kümmere mich um die Datenbank.«

Niemand liest je diese Reporte. Die zeigt man nur rum. Das ist ähnlich wie ein Feudalherr: Man hat jemanden, der einem den Schnurrbart zupft und einen anderen, der einem den Steigbügel poliert – nur um zu zeigen, dass man es kann.

Du siehst parallel zum Aufstieg der Bullshit-Jobs auch den Aufstieg von Non-Bullshit-Jobs. Du nennst sie Care- oder Care-Giving-Jobs. Warum gibt es einen Anstieg dieser Jobs und in welchen Branchen befinden die sich?

Das Konzept habe ich der feministischen Theorie entliehen. Ich glaube, das ist sehr wichtig, weil die traditionelle Idee von Arbeit sehr theologisch und patriarchal ist. Wir haben den Begriff der Produktion. Unter diesem Begriff gilt Arbeit als schmerzhaft. Es ist die Strafe, die Gott uns auferlegt hat, aber es ist auch eine Imitierung Gottes. Ob es Prometheus ist oder die Bibel, die Menschen rebellieren gegen Gott. Und Gott sagt: »Oh, ihr wollt meine Macht? Okay. Ihr könnt die Welt erschaffen, aber es wird fürchterlich sein. Ihr werdet leiden, wenn ihr das tut.«

Aber die Produktion wird auch als männliche Angelegenheit betrachtet: Frauen gebären Kinder und Männer produzieren Dinge. Das ist die Ideologie. Und das macht, das all die Arbeit, die Frauen erledigen – um unsere Welt zu pflegen und zu erhalten – unsichtbar. Diese Idee der Produktion, die Arbeitswerttheorie, die im Kern der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts steht, ist ein wenig trügerisch.

Fragt man Marxistinnen und Marxisten zu Arbeit und Arbeitswert, reden sie sofort über Produktion. Nun, hier ist eine Tasse. Jemand muss diese Tasse herstellen. Das ist wahr. Aber man stellt die Tasse einmal her und wäscht sie zehntausendmal ab, richtig? In den meisten Vorstellungen verschwindet diese Art der Arbeit vollkommen. Meistens geht es bei Arbeit nicht um das Produzieren von Dingen, es geht darum, sie beizubehalten, sie zu erhalten, sich darum zu kümmern. Und genauso geht es auch darum, sich um Menschen zu kümmern, um Pflanzen und um Tiere.

Ich erinnere mich an eine Diskussion in London, bei der es um die Mitarbeitenden der U-Bahn ging. In den Londoner U-Bahn-Betrieben sollten die Fahrkartenschalter geschlossen werden. Viele Marxistinnen und Marxisten sagten: »Ach, das sind bestimmt mehr oder weniger Bullshit-Jobs. Denn man würde im Kommunismus eigentlich keine Fahrkarten brauchen, öffentliche Verkehrsmittel wären umsonst. Daher sollten wir diese Jobs vielleicht nicht verteidigen.« Ich dachte mir, dass das Argument irgendwie schief war.

Und dann sah ich eine Schrift, die die Streikenden selbst verfasst hatten und dort war zu lesen: »Viel Glück in der neuen Londoner U-Bahn ohne Personal an den Haltestellen. Hoffentlich verläuft sich Euer Kind nicht, hoffentlich verliert niemand seine Sachen, hoffentlich gibt es keine Unfälle. Hoffentlich spielt niemand verrückt und hat eine Panikattacke oder ist betrunken und pöbelt euch an.«

Sie präsentierten eine Liste all der Dinge, die sie wirklich taten. Viele der klassischen Jobs der Arbeiterklasse sind in Wahrheit Care-Arbeit. Man kümmert sich um Menschen. Aber daran denkt man gar nicht, man realisiert es nicht.

Und wenn man im Bereich der Gesundheitsbranche oder in der Bildung, in sozialen Dienstleistungen tätig ist – also dort, wo anderen Menschen geholfen wird –, wird man oft so gering bezahlt und so in die Schulden getrieben, dass man nicht mal seine eigene Familie unterstützen kann. Das ist vollkommen unfair.

Wir träumen alle von einer Gesellschaft, die uns von hirnloser Arbeit befreit, damit wir unseren Leidenschaften und Träumen nachgehen und füreinander sorgen können. Ist das also nur eine politische Frage? Ist das eine Frage, die das bedingungslose Grundeinkommen lösen könnte?

Nun, ich denke, das wäre eine Übergangsforderung, die für mich Sinn ergibt. Marx hat einmal gesagt, dass an Reformen nichts Schlechtes ist, solange diese Reformen ein Problem beheben, aber ein anderes Problem erzeugen, das wiederum nur durch noch radikalere Reformen behoben werden kann. Er sagte, wenn man das fortlaufend macht, kann man schließlich zum Kommunismus gelangen. Er ist da vielleicht ein wenig optimistisch.

Ich bin Anarchist. Ich möchte keine staatliche Lösung. Eine Lösung, die den Staat kleiner macht und gleichzeitig die Verhältnisse verbessert und Menschen freier macht, das System herauszufordern – da bin ich schon eher dafür. Und das mag ich am bedingungslosen Grundeinkommen.

Ich möchte keine Lösung, die noch mehr Bullshit-Jobs schafft. Eine Arbeitsplatzgarantie sieht gut aus, aber wie wir aus der Geschichte wissen, kann das dazu führen, dass Menschen Felsen weiß streichen oder andere Dinge tun, die eigentlich unnötig sind. Damit das funktioniert, bedarf es auch einer gigantischen Verwaltung. Es scheint, dass oftmals Leute mit dem Empfindungsvermögen der Managementklasse diese Art der Lösung bevorzugen.

Das bedingungslose Grundeinkommen hingegen gibt jeder Person genug, um existieren zu können. Danach ist es jeder Person selbst überlassen. Ich befürworte natürlich die radikalen Ansätze für ein bedingungsloses Grundeinkommen, nicht die Elon-Musk-Version. Die Idee dahinter ist, Arbeit und Vergütung gewissermaßen zu trennen. Man existiert, also verdient man eine Existenzgrundlage. Man könnte das als Freiheit in der ökonomischen Sphäre bezeichnen. Man kann selber entscheiden, wie man zur Gesellschaft beitragen möchte.

Eines der wichtigen Erkenntnisse meiner Untersuchung ist, dass sich Menschen wirklich elend fühlen. Das kam in den Schilderungen ganz klar durch. Theoretisch bekommt man Geld für nichts. Man sitzt da und wird in vielen Fällen fürs Nichtstun bezahlt. Aber das macht die Leute fertig. Es führt zu Depressionen, Angstzustände, psychosomatischen Krankheiten, und toxischen Verhaltensweisen. Schlimmer ist lediglich die Tatsache, dass die Leute gar nicht verstehen, warum sie berechtigterweise so verärgert sind.

Warum beschwert man sich überhaupt? Wenn man sich bei jemandem beschwert, wird einem gesagt: »Hey, du kriegst Geld für nichts und jammerst rum?« Das zeigt nur, dass unsere Annahmen über die menschliche Natur, die uns zum Beispiel von den Wirtschaftswissenschaften eingeimpft werden – dass wir alle nach der größten Belohnung für den geringsten Aufwand streben – eigentlich nicht wahr sind. Die Menschen wollen zur Gesellschaft in irgendeiner Weise beitragen. Das zeigt also, dass nicht alle nur rumsitzen und Fernsehen gucken werden, wenn man ihnen ein Grundeinkommen gibt, was ja oft behauptet wird.

Der andere Einwand ist natürlich, dass die Menschen vielleicht zur Gesellschaft beitragen wollen, aber etwas Dummes tun werden, sodass die Gesellschaft dann voll ist mit schlechten Dichterinnen, nervtötenden Straßenmusikern, Pantomimen überall und Leuten, die ihre bescheuerten Perpetuum-Mobiles entwickeln und was weiß ich nicht was. Ich bin mir sicher, dass es so etwas geben wird. Aber sehen wir es mal so: Wenn 40 Prozent der Menschen sowieso schon denken, dass ihre Jobs sinnlos sind, wie könnte es dann noch schlimmer werden als es ohnehin schon ist? Wenigstens wären sie damit um einiges glücklicher als mit dem ständigen Ausfüllen von Formularen.

Zwei Zukünfte

Brennende Wälder, schmelzende Eiskappen, Artensterben – die Aussichten sind düster. Doch eine andere Zukunft ist möglich. Wie diese aussehen könnte und wie wir dahin kommen, darum geht es in dieser Ausgabe. Jetzt abonnieren!

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