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20. März 2026

Mit China gegen die Deindustrialisierung

Deutschlands Abstieg in eine Dienstleistungsgesellschaft wäre ein soziales Desaster. Doch er lässt sich noch abwenden – und das ohne neoliberalen Unterbietungswettbewerb.

»Deutschlands industrieller Niedergang ist zwar real, aber zu einem wesentlichen Teil selbst verursacht und deshalb auch umkehrbar.«

»Deutschlands industrieller Niedergang ist zwar real, aber zu einem wesentlichen Teil selbst verursacht und deshalb auch umkehrbar.«

Illustration: Zane Zlemeša

Immer häufiger wird in Deutschland vor der »Deindustrialisierung« gewarnt. Von rechts und von links wird behauptet, der bevorstehende Niedergang der deutschen Industrie sei auf eine verfehlte Energiepolitik zurückzuführen. Verantwortlich soll je nach Spielart die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die Abnabelung von der billigen russischen Gasversorgung oder der Ausbau erneuerbarer Energien sein.

Eine genauere Bestandsaufnahme zeigt jedoch, dass die Hauptgründe anderswo liegen: Für Deutschland, Wiederholungstäter in Sachen Exportüberschüsse, sind ironischerweise die Handelsungleichgewichte mit China zum Verhängnis geworden. Jahre der selbstzerstörerischen Sparpolitik und der damit verbundene Investitionsstau haben die Lage stark verschärft.

In Anbetracht dessen stellt sich die Frage, wie der Abstieg des Industriestandortes Deutschland in eine Dienstleistungsgesellschaft und die damit verbundenen sozialen Kosten vermieden werden können. Und anders als die dominante politische Erzählung unterstellt, liegt die Antwort nicht in einer Anpassung der Arbeitskosten nach unten, sondern in einer Neugestaltung der chinesisch-europäischen Beziehungen.

 »Der Rückgang der Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2025 ist genauso schwerwiegend wie in der Corona-Krise. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass heute kaum Kurzarbeit genutzt wird. Diese Verluste sind dauerhaft.«

Anzeichen einer tieferen Krise

Der Niedergang des deutschen Industriesektors ist hauptsächlich ein Phänomen der 2020er. Zuvor gab es pessimistisches Geraune, doch trotz einer allgemeinen Schwäche der Industrieproduktion in den Jahren 2018 und 2019 (die eher auf einmalige Faktoren zurückzuführen war) deutete nichts auf eine tiefe Krise hin.

Doch die Jahre seit 2020 zeichnen ein deutlich verändertes Bild: Die Beschäftigung ist drastisch eingebrochen. Bis einschließlich Dezember 2025 sind in den industriellen Schlüsselsektoren – Kronjuwelen der europäischen Industrie – 248.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Die größten Verluste gab es in der Automobilbranche, wo 111.000 Mitarbeiter entlassen wurden, was etwa 13,4 Prozent des Sektors und 42 Prozent der gesamten Arbeitsplatzverluste im verarbeitenden Gewerbe seit November 2019 entspricht.

An den gesamten Arbeitsplatzverlusten gemessen ist der Rückgang der Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2025 genauso schwerwiegend wie in der Corona-Krise fünf Jahre zuvor. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass heute kaum Kurzarbeit genutzt wird. Diese Verluste sind dauerhaft und deuten damit auf eine tiefere Strukturkrise in einigen Bereichen hin. Das zeigt sich auch in der wachsenden Insolvenzwelle, die das Pandemieniveau übertroffen und das Statistische Bundesamt dazu bewegt hat, die Veröffentlichung vorläufiger Insolvenzzahlen einzustellen.

Als wäre das nicht schlimm genug, verschleiern die Zahlen das Ausmaß des Rückgangs. Als export- und energieintensivster Sektor steht die Chemieindustrie sinnbildlich für die zwei größten Schwachstellen der deutschen Wirtschaft: Geplagt von starkem internationalen Kostenwettbewerb und den seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine gestiegenen Gaspreisen, verzeichnete die Chemieindustrie seit 2019 einen kontinuierlichen Rückgang bei Produktion, Exporten und Aufträgen. Darüber hinaus ist die Kapazitätsauslastung bis 2025 auf 70 Prozent gesunken, da Produktionslinien für Basischemikalien wie Ammoniak und Polymere bis auf weiteres stillstehen.

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Dominik A. Leusder ist Politökonom und Autor in London. Er ist ein Forscher an der London School of Economics.