13.06.2021

Den Laden am Laufen halten

Der Dienstleistungssektor bündelt eine unüberschaubare Vielzahl von Berufsgruppen. JACOBIN hat Menschen aus verschiedenen Arbeitswelten getroffen und sich mit ihnen über ihren Job, ihr Leben und die Pandemie unterhalten. Ein Blick in die Kanalisation, den Leichenwagen und über die Supermarktkasse.

PORTRÄTS

PORTRÄTS

Jonas Junack Paul Lovis Wagner / Nick Jaussi.

»Wir haben alle einen kleinen Dachschaden«

Maria ist ausgebildete Pflegerin. Mittlerweile hat sie außerdem ein Studium begonnen.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Auf was für einer Station arbeitest Du?

Ich arbeite auf einer großen chirurgischen Intensivstation. Wobei wir seit Pandemiebeginn nicht mehr nur chirurgisch arbeiten, sondern auch internistisch, weil die Innere komplett mit Coronapatienten voll ist.

Wie sieht Dein Arbeitstag aus?

Wir arbeiten in drei Schichten, also Früh-, Spät- und Nachtdienste. Der Nachtdienst ist mit über neun Stunden der längste. Jede Schicht hat so ihre Eigenheiten: Im Frühdienst wäscht man die Patienten zum Beispiel. Im Nachtdienst geht es hauptsächlich darum, die Patienten stabil zu halten. Es ist immer ein Kampf ums Leben. Und ich mache gerade sehr viele Nachtdienste.

Hast Du noch so etwas wie einen Schlafrhythmus?

Wenn man Vollzeit arbeitet, geht das eigentlich gar nicht. Bei uns ist es nicht so, dass man eine Woche Frühdienst macht und dann eine Woche spät, sondern es wird jeden Monat komplett neu durcheinandergewürfelt. Es gibt zwar die Regelung, dass zwischen zwei Diensten mindestens elf Stunden Pause sein müssen, aber auf einen festen Rhythmus kann sich der Körper trotzdem nicht einstellen. Man ist dann schon sehr platt und braucht viel länger für alles.

Seit wann arbeitest Du in der Pflege?

Ich bin seit über vier Jahren Krankenschwester. Aber da muss man eigentlich die drei Jahre Ausbildung noch mit dazu zählen – dann sind es über sieben Jahre. In der Zeit habe ich gesehen, wie sich die Situation von Jahr zu Jahr verschlechtert – nicht nur für das Pflegepersonal, sondern auch für die Ärztinnen und Ärzte. Alle arbeiten am Limit.

Gibt es Momente, in denen man denkt: »Ich pack das nicht mehr, ich schmeiß hin«?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man einen sehr anstrengenden Dienst hat, bei dem man nichts trinkt, nichts isst und gar nicht zur Ruhe kommt, dann fragt man sich schon manchmal: »Was mache ich hier eigentlich? Warum hab ich nicht einen normalen Nine-to-five-Job?« Aber im Endeffekt schmeißt man dann doch nicht hin, denn man arbeitet ja mit Menschenleben. Das bedeutet super viel Druck. Aber wir unterstützen uns gegenseitig als Team. Wenn ich merke, dass es jemandem gerade gar nicht gut geht, dann übernehme ich.

Es gibt viele, die arbeiten zum Teil über dreißig Jahre auf Station und können irgendwann einfach nicht mehr. Die sind abgefressen. Aber es gibt auch junge Kollegen, die sich fragen, wie sie den Job mit fünfzig oder sechzig Jahren noch machen sollen – also auch körperlich. Man merkt schon, dass dieser Denkprozess bei vielen im Gang ist. Aber irgendwann müssen wir ja auch an unsere eigene Lebensqualität denken. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen wechseln zu Leiharbeitsfirmen. Da gibt’s mehr Geld pro Dienst. Und man kann sich die Arbeit besser einteilen.

Ist die Wut über diese Arbeitsbedingungen ein großes Thema bei Euch?

Die Pflege hat sich daran gewöhnt, dass man mit ihr macht, was man will. Das ist ein Riesenproblem. Aber in den letzten Monaten kommt die Pflege immer mehr zu Wort und es gab auch mehr Bewegungen und Streiks. Bei uns auf Station setzen sich auch viele junge Leute dafür ein, dass sich was ändert. Wenn jetzt ein Streik oder eine Petition ansteht, dann nehmen sie sich vor und nach dem Dienst die Zeit, das Kollegium zusammenzutrommeln und darüber aufzuklären.

Wie hast Du die Diskussion über Systemrelevanz erlebt?

Es ist gut, dass wir mal mehr in den Fokus getreten sind. Aber im Endeffekt hat sich politisch und in unserem Arbeitsalltag nichts geändert. Die Menschen haben geklatscht, gut. Das ist natürlich kurz schön – aber dauerhaft helfen tut es nicht.

Hat Dir Corona Angst gemacht?

Meine größte Sorge war, dass ich unerkannt positiv sein und andere anstecken könnte – ob nun auf der Station oder im Privaten. Wenn man auf einer Intensivstation arbeitet, bekommt man ja nur die Extremfälle mit. Ich sehe nie eine leichte Form der Erkrankung, sondern wirklich immer nur das Schlimmste vom Schlimmen. Wir haben alle einen kleinen Dachschaden. Schon allein deshalb, weil wir freiwillig und gerne in so einem Bereich weiterarbeiten.

Was muss sich in der Pflege verändern?

Es gibt ganz viele Punkte, an denen man eingreifen könnte. Das fängt schon bei der Ausbildung an: Es wäre wichtig, mehr Leute zu animieren, diesen Beruf zu wählen. Wir haben schließlich einen krassen demografischen Wandel in Deutschland. Und das merken wir in der Pflege. Außerdem werden die Krankheitsbilder immer komplizierter. Aber um den Job attraktiver zu machen, muss man zum Beispiel den Pflegeschlüssel verbessern. Momentan haben wir einfach viel zu viele Patienten pro Pflegekraft.

Damit sich etwas ändern kann, muss die Pflege besser in der Politik vertreten werden. Es gibt in Deutschland siebzehn Ärztekammern, aber nur drei Pflegekammern. Ich hätte mir während der Pandemie schon gewünscht, dass zum Beispiel Jens Spahn mal im Krankenhaus hospitiert. Nicht als PR-Aktion, sondern ohne Kamera – einfach um zu sehen, wie die Zustände wirklich sind und wie so eine Schicht aussieht. Ein Politiker, der noch nie in dem Bereich gearbeitet hat, der weiß ja gar nicht, was das für eine Arbeit ist.

Wie sähe Dein persönlicher Traum-Arbeitstag ganz konkret aus?

Nehmen wir als Beispiel einen Frühdienst: Ich komme um 6 Uhr auf Station. Es wird ganz entspannt Übergabe gemacht. Ich kann ganz entspannt meinen Patienten-Check durchführen. Und danach kann ich mich vielleicht kurz hinsetzen und eine Tasse Tee trinken, bevor ich loslege. Dann hätte ich Zeit, in Ruhe die Medikamente für meine Patienten vorzubereiten. Ich würde mir wünschen, dass ich mir Zeit nehmen kann, auch wirklich zu pflegen – dass ich beim Waschen der Komapatienten auch mal die Zeit habe, sie zu rasieren oder ihnen die Fingernägel zu schneiden. Und bei wachen Patienten wäre es natürlich schön, sie mobilisieren zu können, damit sie mal aufrecht sitzen. Und dann auch ein bisschen mit ihnen zu sprechen.

Ich würde mir einfach mehr Zeit wünschen – und vielleicht auch mal eine Mittagspause. Wenn ich mir auf Station etwas in die Mikrowelle schiebe, dann esse ich es immer erst, wenn es schon wieder kalt ist. Denn es kommt immer etwas dazwischen. Manchmal machen wir Witze, dass wir eigentlich die ganze Zeit Infusionsständer dabei haben müssten, damit wir immer Flüssigkeit über die Vene kriegen. Sonst haben wir nämlich kaum Zeit, etwas zu trinken während der Schicht.

Aber eines möchte ich nochmal betonen: Auch wenn ich mich viel beschwere und die Arbeitsbedingungen sehr hart sind – ich liebe meinen Job.

»Vor der Pandemie war das ein richtiger Treffpunkt«

Binta ist seit vielen Jahren Hairstylistin und betreibt ihren eigenen Laden.

Wie bist Du zu Deinem Beruf gekommen?

Das ist lange her. Meine ältere Schwester ist auch Hairstylistin. Von ihr habe ich früh eine Menge gelernt. Sie lebt und arbeitet jetzt in London. Meine andere Schwester arbeitet in Baltimore, auch als Hairstylistin. Wir sind eine richtige Familie von Hairstylistinnen. Dass ich richtig gut bin in diesem Beruf, habe ich das erste Mal realisiert, als ich einmal die Haare der Frau des Präsidenten von Gambia machen sollte. Das ist jetzt über dreißig Jahre her.

Und wie kam es, dass Du Deinen eigenen Laden aufgemacht hast?

Ich habe jahrelang in Berlin-Schöneberg in einem Friseursalon gearbeitet. Irgendwann haben mein Mann und ich entschieden, dass wir einen eigenen Laden aufmachen wollen. Das war vor über zwanzig Jahren. Seitdem sind wir ein paar Mal umgezogen, weil zum Beispiel das Haus verkauft wurde, in dem wir unseren Salon hatten. Aber seit dreizehn Jahren bin ich jetzt hier im Laden und mache Haare oder verkaufe Kunst.

Wie war es für Dich, auf einmal nicht mehr Angestellte, sondern selbst Chefin zu sein?

Es war nicht schlecht als Angestellte. Ich habe mich immer gut mit meinen Chefs verstanden. Aber sein eigener Chef zu sein, hat natürlich auch Vorzüge: Zur Zeit mache ich um 11 Uhr auf, weil wegen Corona nicht so viel los ist. Normalerweise öffne ich um 10 Uhr und schließe Abends um 9 Uhr. Aber das kann ich einfach selbst entscheiden. Und ich kann anderen Menschen etwas beibringen. Ich habe eine Angestellte und immer wieder junge Menschen, die Praktika machen. Das macht mich glücklich.

Wie geht es Dir mit der Pandemie?

Mit dem Laden bin ich gut durchgekommen bisher. Ich musste mehrmals schließen wegen des Lockdowns, doch mit den Hilfen konnte ich die Miete und meine Angestellte bezahlen. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber die Kundinnen trifft die Pandemie natürlich. Es ist alles anders mit den Schnelltests und den Begrenzungen. Ich bin es gewohnt, dass der Laden voll ist. Früher waren hier immer eine Menge Leute. Das ist im Moment natürlich anders. Und ich vermisse es, zu reisen. Normalerweise bin ich viel unterwegs wegen meiner Arbeit. Das geht jetzt nicht mehr. Aber ich hätte sowieso Angst, mich in den Zügen und Flugzeugen anzustecken.

Welche Rolle spielt denn das Soziale in Deinem Laden?

Eine große! Viele Kundinnen und Kunden kommen zu mir, weil sie sich hier zu Hause fühlen. Vor der Pandemie war das ein richtiger Treffpunkt. Manche Leute sind hergekommen, auch wenn sie gar nichts kaufen wollten. Wir haben dann in einer großen Runde afrikanisches Essen gegessen. Dass das zur Zeit nicht geht, trifft mich schon sehr. Ich bin jemand, der den Trubel liebt. Ich genieße es, wenn Menschen um mich herum sind.

Was wünscht Du Dir für die nächsten Jahre und für Deinen Laden?

Mir glaubt das zwar niemand, aber ich werde in drei Jahren 65. Das heißt, ich kann bald in Rente gehen. Aber solange mein Körper es zulässt, werde ich weiterarbeiten. Das Problem ist: Die Arbeit geht ganz schön in den Rücken durch das ewige gebückt Stehen. Meine Tochter studiert gerade noch, aber sie will den Laden übernehmen. Das freut mich sehr, denn hier stecken viele Erfahrungen und Erinnerungen drin.

»Oft ist der Schädlingsbefall in Wirklichkeit nur im Kopf«

Daniel Krämer ist Schädlingsbekämpfer und Chef seines eigenen Unternehmens.

Seit wann arbeitest Du in der Schädlingsbekämpfung?

Seit ich sechzehn bin – weil ich nicht kochen kann. Meine Eltern sind nämlich beide Köche. Nur ich habe absolut kein Talent dafür. Aber in den Gastronomie-Küchen trifft man natürlich auch immer wieder auf Schädlingsbekämpfer. Und da hieß es: Die verdienen gutes Geld, kennen sich überall aus und gehen durch alle Türen, auf denen »Betreten verboten« steht. Das ist für einen Sechzehnjährigen natürlich interessant.

Fährst Du selbst raus oder machen das Deine Mitarbeiter?

Ich fahr raus, wenn es größere Probleme gibt. Zum Beispiel wenn ein Betrieb aus der Lebensmittelindustrie irgendwelche Fallen oder Maßnahmen haben will, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Oder wenn es in die Kanalisation geht. Da habe ich zwanzig Jahre gearbeitet – ich weiß, wie es aussieht da unten.

Habt Ihr eigentlich irgendwann Feierabend oder seid Ihr immer auf Abruf?

Normalerweise ist die Schädlingsbekämpfung ein Fulltime-Job. Aber das läuft bei uns anders. Ich will, dass meine Mitarbeiter um 16 Uhr Feierabend haben.

Wie hat Euch die Pandemie getroffen?

Wir haben es vor allem daran gemerkt, dass uns einige Hotels weggebrochen sind, die wir normalerweise betreuen. Geimpft wurden wir aber nicht, auch wenn wir natürlich systemrelevant sind – wir können ja schließlich nicht einfach so aufhören zu arbeiten. In meiner Familie hatten schon Leute Corona, aber ich habe mich nicht angesteckt. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich so lange in der Kanalisation gearbeitet habe. Dort unten fliegt jeder Erreger rum, den man sich vorstellen kann. Da atmet man alles ein, die Aerosole der ganzen Stadt. Ich war in den letzten zehn Jahren einen halben Tag mit Kopfschmerzen zu Hause – das war’s.

Wie geht Ihr mit den Menschen um, die einen Schädlingsbefall haben? Für viele ist das ja auch eine psychische Belastungssituation.

Es kommt sehr darauf an, wie gut sich die Betroffenen auskennen. Wenn man ein wenig Bescheid weiß über die Tiere, die bei einem rumkrabbeln, dann verlieren sie schnell an Schrecken. Oft ist der Schädlingsbefall auch in Wirklichkeit nur im Kopf. Viele hatten mal einen Befall, der beseitigt wurde, müssen aber immer noch ständig daran denken und sehen ihn dann auch überall. Das ist wie wenn jemand über Läuse redet – da juckt auch allen direkt der Kopf.

Wie ist denn Dein Verhältnis zu den Schädlingen?

Ich sehe das so: Es ist nicht die Natur, die sich an uns anpassen muss, sondern wir müssen lernen, mit der Natur zu leben. Die Schädlinge sind ja nicht von Haus aus Schädlinge, sondern der Mensch macht sie dazu. Der Mensch hat mit der ersten Schweinezucht und dem ersten Kornspeicher ein Überangebot geschaffen, in dem sich gewisse Arten enorm schnell verbreiten können. Wir sorgen dafür, dass dieser Bestand auf ein gesundes Maß reguliert wird. Wir rotten ja keine Arten aus. Deswegen sehen wir uns auch als Schädlingsregulatoren und nicht als Schädlingsbekämpfer.

Das klingt fast, als wärst Du ein Jäger.

Ich sehe mich eher als eine Art Detektiv: Ich bekomme die ganzen Indizien und muss dann mein Wissen einsetzen, um am Ende den Fall lösen. Wenn ich zum Beispiel einen Moderkäfer entdecke, dann weiß ich, dass irgendwo ein Schimmelrasen sein muss. Oft sieht man den gar nicht, weil der weiß auf weißer Tapete sitzt. Aber er ist da.

Wie sollte das Zusammenleben von Mensch und Natur Deiner Meinung nach aussehen?

Wir Menschen müssten uns mehr Wissen über die Tiere aneignen. Dann hätten wir auch weniger Angst vor ihnen. Und die Archi-tektur könnte ihren Teil dazu beitragen: Die ganzen Schächte und Winkel in unseren Häusern bieten natürlich ideale Bedingungen für alle möglichen Tiere. Man könnte ungeziefergeschützter bauen – aber das macht niemand. Das ist den Leuten viel zu teuer.

Hat sich der Job über die Jahrzehnte durch den Klimawandel verändert?

Klar! Es gibt invasive Arten – die Tigermücke zum Beispiel. Darauf bereitet man sich vor in unserem Beruf. Es finden Gesprächsrun-den statt, in denen diskutiert wird, wie man am besten dagegen vorgeht. Im Prinzip war es auch mit dem Coronavirus nicht anders: Uns ist schon seit Jahrzehnten klar, dass solche Mutationen vermehrt auftreten. Wir wissen, dass solche Dinge auf uns zukommen.

»Offen gesagt, die meisten Bestatter sind Betrüger«

Işıkali »Ali« Karayel ist Bestatter. Seine Firma beerdigt Menschen aus allen möglichen Religionsgemeinschaften und Erdteilen.

Wie bist Du Bestatter geworden?

Ein Freund von mir hat bei einem großen Bestattungsunternehmen mit mehr als 220 Filialen gearbeitet. Die brauchten jemanden im organisatorischen Bereich – und ich war Diplom-Kaufmann. Aber ich habe gesagt: »Bevor ich anfange, will ich zwei Wochen mit einem Bestatter mitfahren.« Mit dem Tod hatte ich vorher nicht viel zu tun gehabt.

In diesen zwei Wochen habe ich gesehen, wie sich die Familien bei dem Bestatter bedankt haben. Dieses Dankeschön, das kann man sich nicht kaufen, mit keinem Geld der Welt. Und da habe ich gedacht: »Das will ich machen.« 2013 habe ich mich dann selbstständig gemacht und biete seitdem Bestattungen an. Vor allem im muslimisch ethnischen Bereich.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?

Das ist ein Fulltime-Job: 24 Stunden, sieben Tage die Woche, das ganze Jahr über. Ich habe sogar einen Handyvertrag für die Türkei, damit ich auch im Urlaub erreichbar bin. Ich kann meinen Kunden ja nicht sagen: »Ruf mal lieber woanders an.« Nein, ich muss immer ansprechbar sein und im Zweifelsfall helfen. Ein Beispiel: Da war ein älterer Herr – seine Frau war nach über vierzig Jahren Ehe verstorben – der rief mich fast alle zwei Stunden an. Und wenn ich sage, alle zwei Stunden, dann meine ich auch die ganze Nacht über. In so einer Situation kann ich das Telefon nicht ausschalten. Da muss ich rangehen und für diesen Menschen da sein.

Wie hast Du die Pandemie in Deinem Arbeitsalltag wahrgenommen?

Das Interessante ist, dass es viel weniger Sterbefälle gab im Lockdown. Das hat etwas damit zu tun, dass die Leute keine Unfälle bauen, weil sie nicht rausgehen. Und die Menschen, die an Corona versterben, können nicht von den Angehörigen gewaschen werden. Bei muslimischen Bestattungen ist die Totenwaschung ein sehr wichtiger Ritus. Auch für die Trauerbewältigung. Aber das fällt natürlich weg, schließlich könnte sich sonst jemand an den Verstorbenen mit Corona infizieren.

Wie hat sich das Trauern verändert?

Bei muslimischen Beisetzungen ist in der Regel der ganze Saal gefüllt. Vor der Pandemie gab es manchmal keinen Platz mehr zum Sitzen – denn es ist ein Muss, sich zu verabschieden oder der Familie Beileid zu bekunden. Das alles fällt jetzt weg. Und das ist für die Älteren ganz besonders schwierig, weil sie ja auch noch Risikopersonen sind.

Wie war das für Dich persönlich, als die Pandemie losging. Hattest Du Angst?

Also ich persönlich nicht. Komischerweise. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, dass ich mich anstecken könnte. Ich habe sowieso schon immer so einen Sauberkeitswahn gehabt – muss mir ständig die Hände waschen und so weiter. Immer darauf zu achten, dass man sauber arbeitet und Hygienevorschriften einhält, ist in unserem Beruf auch vor der Pandemie schon wichtig gewesen.

Gibt es Dinge, die Du Dir für Deinen Berufsstand wünscht?

Offen gesagt, die meisten Bestatter sind Betrüger. Die nutzen die Notsituation der Menschen aus. Bei Lucky Luke gibt es diesen Bestatter, der läuft immer mit einem Maßband rum und misst alle Menschen aus, um zu schauen, wie groß später ihre Särge sein müssen. Das trifft es ganz gut. Da bräuchte es mehr staatliche Kontrollen. Und der Staat sollte grundsätzlich alle Bestattungen bezahlen. Es gibt zwar Geld vom Amt, wenn man sich die Beerdigung von Angehörigen nicht leisten kann, aber das reicht hinten und vorne nicht.

Die Menschen arbeiten ihr Leben lang, sie zahlen für ihre Rente und dann sollen sie auch noch ihren eigenen Tod bezahlen? Das verstehe ich nicht. Der Staat sollte die Menschen wenigstens würdevoll beisetzen und nicht mit so einem Sozialtarif vertrösten. Bestimmte Sachen muss der Staat einfach bezahlen. Und der Tod gehört auf jeden Fall dazu. Das ist wenigstens etwas, was er den Familien zurückgeben kann, sozusagen das letzte Geschenk. Und das sollte sein.

»Von der Systemrelevanz ist nichts mehr übrig«

Maurike Maaßen arbeitet im Lebensmittelhandel als Kassenkraft und ist Betriebsrätin bei Netto.

Wie habt Ihr als Team die Pandemie bisher überstanden?

Wir sind schon sehr gut zusammengewachsen und haben uns gegenseitig unterstützt. Trotzdem ist uns nicht entgangen, dass die Kunden immer aggressiver werden. Mir ist zwar klar, dass bei einigen die Nerven blank liegen: Viele von unseren Kunden sind in Kurzarbeit oder können sich einfach nicht mehr so viel leisten. Ich kann das alles nachvollziehen. Aber ich verstehe nicht, warum sie das an uns auslassen müssen, denn wir erleben die Zeit ja genauso.

Kannst Du ein Beispiel geben?

Ich weiß von einer Kollegin, die zusammengeschlagen wurde, weil sie einen Kunden nicht reinlassen wollte, der keine Maske dabei hatte. Das ist zwar ein Einzelfall, aber wir erleben wirklich oft verbale Gewalt: Wir werden angeschrien, wir werden beleidigt. Ganz schlimm war es, als die Ware begrenzt wurde. Was wir uns da anhören mussten, das war heftig.

Aber im Endeffekt geht es ja um unseren Job – wenn ich mich nicht daran halte, verliere ich meine Arbeit. Was das angeht, ist die Situation schon sehr schlimm geworden. Wir helfen uns zwar gegenseitig und sprechen uns Mut zu, aber letztendlich muss trotzdem jeder gucken, wie er damit klarkommt.

Hat sich Eure Rolle im Lebens mittelhandel verändert? Schließlich ist der Supermarkt jetzt schon seit langem einer der wenigen Orte, an den die Menschen noch gehen können.

Klar! Ältere Leute kommen rein und quatschen dann mit uns, weil sie sonst keinen mehr haben. Das macht auch Spaß, ich finde es schön. Ansonsten hat sich eigentlich nicht so wahnsinnig viel geändert. Wir hatten natürlich da rauf gehofft, dass wir aufgrund der »Systemrelevanz«, wie es ja so schön hieß, etwas für den Handel im Allgemeinen erreichen können würden. Aber von der Systemrelevanz ist scheinbar nichts mehr übrig.

In der ersten Phase haben wir dann irgendwann Pralinen oder Blümchen von den Kunden bekommen. Das ist ja ganz nett. Aber das war innerhalb kürzester Zeit alles vergessen und es trat genau das Gegenteil ein. Dann hätte ich mir die Dankeschöns auch schenken können. Unser Beruf müsste einmal richtig aufgewertet werden.

Inwiefern?

Ich kann das an einem Beispiel klarmachen: Da habe ich mich mit einer Kundin unterhalten und sie sagte irgendwann: »Wieso sind Sie denn Verkäuferin geworden? Sie sind doch so intelligent!« Da wusste ich nicht, was ich dazu sagen sollte. Verkäuferinnen sind nichts wert. Und das muss sich ändern!

Denn der Job ist wirklich nicht ohne. Wenn ich jemanden einarbeite, fällt mir immer wieder auf, was für ein Wust an Dingen das ist, den dieser junge Mensch an einem Tag lernen muss, damit er demnächst an der Kasse sitzen kann. Es ist irre. Oder die körperliche Arbeit im Laden. Ich sehe die Rücken, die kaputt gehen, der ganze Körper leidet darunter. Aber irgendwie ist das alles nichts wert.

Wie könnte so eine Aufwertung ganz praktisch aussehen?

Also zum einen sollte sich das natürlich im Gehalt widerspiegeln. Dass ist es, was sich die meisten wünschen. Mir ist aber wichtiger, dass die Unternehmen gezwungen werden, die Tarifverträge anzuwenden. Was der Tarifvertrag hergibt, ist ja im Grunde genommen nur das Minimum, das man verdienen sollte. Das ist ja nicht so wahnsinnig viel. Doch zumindest das sollte jeder bekommen – nicht nur Mindestlohn oder noch weniger. Aber alles wehrt sich dagegen. Es wäre eine große Aufwertung für unseren Berufsstand, wenn die Politik die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen erklären würde.

Und abgesehen vom Gehalt?

Auch rein sprachlich sollte sich etwas ändern. Wenn eine Mutter mit ihrem Kind vor mir steht und das Kind sagt: »Mama, ich möchte auch Verkäuferin werden«, dann sagt die Mutter: »Bloß nicht! Du willst was Vernünftiges.« In der Sprache der Leute muss klar werden: Auch eine Verkäuferin ist was wert.

Vor vier Jahren hast Du in einem anderen Interview schon einmal gesagt: »Ich wünsche mir eigentlich, dass unsere Arbeit respektiert wird.« Was ist denn passiert oder eher nicht passiert, dass Du jetzt genau dasselbe sagst wie damals?

Ganz einfach: Es ist nichts passiert, gar nichts. Wir haben natürlich in der Zwischenzeit mit verschiedenen Politikern gesprochen. Zum Beispiel mit dem Herrn Heil und mit vielen anderen von der SPD, der CDU und auch von der Linken. Aber es kommt nichts. Es ist alles hohles Gerede. Keiner macht irgendwas und deswegen geht es immer so weiter.

Was gibt Dir den Antrieb, trotzdem weiterzumachen?

Zwischendurch gibt es ja auch immer wieder Situationen, in denen man dann doch einmal kleine Erfolge verbuchen kann; in denen man etwas für die Kollegen erreicht, das ihnen wirklich hilft. Und das gibt auf jeden Fall Mut. Außerdem bin ich ein sehr sturer Mensch. Also werden wir mit Sicherheit nicht aufhören. Wir geben nicht auf.

#6
Gegen das Zentrum

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