13.09.2021

Der Arbeiter-Adorno

Anders als die Frankfurter setzte die Marburger Schule auf eine Verbindung von marxistischer Theorie und gewerkschaftlicher Praxis. Ein Gespräch mit Frank Deppe zu seinem achtzigsten Geburtstag.

Frank Deppe

Frank Deppe

Foto: Paul Gäbler.

Interview mit Frank Deppe geführt von Janis Ehling

Frank Deppe gehört zu den bedeutendsten marx­istischen Intellektuellen in Deutschland. Er war 1966-67 im Bundesvorstand des aus der SPD ausgeschlosse­nen Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) und anschließend in der 68er-Bewegung aktiv. In den folgenden Jahrzehnten profilierte er sich durch zahlreiche Studien in der Europaforschung sowie in gewerkschaftlicher Strategie und politischer Ideengeschichte​​ – eines seiner Hauptwerke ist eine fünfbändige Geschichte des Politischen Denkens des 20. und 21. Jahrhunderts. Er ist außerdem Mit­herausgeber der Zeitschrift Sozialismus.

Wissenschaftlich wurde Deppe in der sogenannten Marburger Schule sozialisiert, einer Gruppe linker Politologen um den Professor und ehemaligen Widerstandskämpfer Wolfgang Abendroth, der bis 1972 an der Universität Marburg lehrte – als Deppe seinen Lehrstuhl übernahm. Die Schülerinnen und Schüler von Abendroth, und später von Deppe, entwickelten einen intellektuellen Zugang zum Marxismus, der die Anbindung an die Organisationen der Arbeiterbewegung sucht. Für die Marburger Schule steht fest, dass kritische Wissenschaft kein Selbstzweck ist, sondern darauf ausgerichtet sein muss, gesellschaftliche Konflikte besser zu verstehen und dadurch der Strategiebildung zu dienen.

Du bist in der Nachkriegszeit in der konservativen Kultur Westdeutschlands groß geworden. Wie bist Du unter diesen Bedingungen zur Linken gekommen?

Ich bin in einer kleinbürgerlichen Familie in Frankfurt aufgewachsen. Mein Vater war Sparkassenangestellter, meine Mutter Hausfrau. Bis in die frühen 1960er Jahre hatte ich mit der politischen Linken und der Arbeiterbewe­gung überhaupt nichts zu tun. Wie auch viele andere aus meiner Generation begann ich erst im Studium kritisches Bewusstsein zu entwickeln – und zwar in Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte und der Rolle unserer Eltern und Institutionen. Ich gehörte auch zu den ersten Jahrgängen, die in die neu gegründete Bundeswehr eingezogen werden sollten. Aber ich entschloss mich, den Kriegsdienst zu verweigern und stattdessen an den Ostermärschen der Friedensbewegung teilzunehmen.

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Dazu kommt, dass ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr in Frankfurter Jazz-Bands Trompete gespielt habe. Zu der Zeit, als ich mein Studium aufnahm, war ich in einer Band mit drei Schwarzen GIs. Da habe ich natürlich auch die Problematik des Rassismus mitbekommen. Insbesondere bei der älteren Generation traf diese Schwarze Musik auf heftige Ablehnung.

Zu dieser Zeit lehrten in Frankfurt Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Soziologie. War Deine Studienplatzwahl eine gezielte Entscheidung für die Kritische Theorie?

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