09.07.2021

Der Neoliberalismus untergräbt unser Selbstwertgefühl

Ständiger Leistungsdruck führt dazu, dass immer mehr junge Menschen unter Angststörungen leiden. Die Psychologie hat für dieses Phänomen einen klaren Auslöser identifiziert: den Neoliberalismus.

Selbstzweifel gehört im Neoliberalismus zum Alltag.

Selbstzweifel gehört im Neoliberalismus zum Alltag.

Unsplash / Niklas Hamann.

Von Meagan Day

Übersetzung von Sascha Gander

Eine in der Psychological Bulletin veröffentlichte Studie von Thomas Curran und Andrew Hill kam zu dem Ergebnis, dass der Perfektionismus auf dem Vormarsch ist. Die beiden britischen Psychologen stellten fest, dass die heutige »Generation junger Menschen das Gefühl hat, dass andere mehr von ihnen verlangen, dass sie mehr von anderen verlangen, und dass sie mehr von sich selbst verlangen«.

Bei der Suche nach der Ursachen für dieses wachsende Streben nach Exzellenz nehmen Curran und Hill kein Blatt vor den Mund: Der Neoliberalismus ist die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung. Die neoliberale Ideologie fördert Konkurrenzkampf, ist hinderlich für Kooperation, steht für Ehrgeiz und verknüpft Selbstwert mit beruflichen Erfolgen. Es überrascht nicht, dass sich die Menschen in Gesellschaften mit diesen Wertvorstellungen gegenseitig hart beurteilen und dass sie Angst davor haben, dass andere über sie urteilen könnten.

Psychologinnen und Psychologen hatten bisher ein eher eindimensionales Verständnis von Perfektionismus. Demnach würde Perfektionismus einen ausschließlich selbstbezüglichen Charakter haben, was auch dem umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes entspricht. In den letzten Jahrzehnten kamen einige Forschende allerdings zu dem Ergebnis, dass ein umfassenderer Begriff des Perfektionismus dem Phänomen besser gerecht wird. Curran und Hall sprechen sich für eine mehrdimensionale Definition aus, die drei Typen von Perfektionismus umfasst: selbstbezogener, auf andere bezogener und gesellschaftlich vorgegebener Perfektionismus.

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»Der gesellschaftlich vorgegebene Perfektionismus ist der schädlichste der drei Dimensionen des Perfektionismus«

Selbstbezogener Perfektionismus bedeutet, sich selbst an unrealistisch hohen Standards zu messen, wohingegen der auf andere bezogene Perfektionismus sich dadurch auszeichnet, unrealistisch hohe Erwartungen an andere zu stellen. Der »gesellschaftlich vorgegebene Perfektionismus ist der schädlichste der drei Dimensionen des Perfektionismus«, sagen Curran und Hall. Er beschreibt das paranoide und angstbesetzte Gefühl, welches – nicht ganz unbegründet – von der ständigen Wahrnehmung hervorgerufen wird, dass alle darauf warten, dass man einen Fehler macht damit sie einen für immer abschreiben können.

Die gesteigerte Wahrnehmung unrealistischer gesellschaftlicher Erwartungen führt zu sozialer Entfremdung, neurotischer Selbstüberprüfung und Gefühlen der Scham und Wertlosigkeit. Hinzu kommt das Gefühl, »von pathologischen Sorgen und Angst vor negativer sozialer Bewertung überwältigt zu werden, charakterisiert durch einen Fokus auf eigene Schwächen und großer Sensibilität gegenüber Kritik und Misserfolgen«.

In einem Versuch, der kulturellen Kontingenz des Phänomens des Perfektionismus auf die Spur zu kommen und dabei Trends für verschiedene Generationen zu identifizieren, führten Curran und Hall eine Meta-Analyse mit bereits erhobenen psychologischen Daten durch. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Personen, die in den USA, in Großbritannien und in Kanada nach 1989 geboren sind, wesentlich stärker von allen drei Dimensionen des Perfektionismus betroffen sind als vorherige Generationen, und dass die Ergebnisse über die Jahre linear zunehmen. Die gesellschaftliche Dimension des Perfektionismus stieg im Vergleich zu den anderen beiden zweimal so schnell an. Das Gefühl junger Leute, von ihren Altersgenossen und der breiteren Gesellschaft streng beurteilt zu werden, nimmt also von Jahr zu Jahr zu.

Meritokratische Werte

Curran und Hall sehen die Gründe für diesen Wandel in der wachsenden Bedeutung des Neoliberalismus und der Meritokratie. Neoliberalismus setzt auf marktorientierte Methoden der Warenverwertung und nutzt alle Möglichkeiten der Kommodifizierung aus. Seit Mitte der 1970er Jahre haben neoliberale politökonomische Regime systematisch Dinge wie öffentliche Güter und Tarifverhandlungen durch Deregulierung und Privatisierung ersetzt. Im Vordergrund stand hierbei das Individuelle und nicht die Allgemeinheit. Zugleich überzeugen meritokratische Werte (die Vorstellung, dass gesellschaftlicher Status in direktem Zusammenhang mit individueller Intelligenz, Tugendhaftigkeit und harter Arbeit steht) isolierte Individuen davon, dass Misserfolge ein Zeichen der eigenen Wertlosigkeit sind.

Den Autoren zufolge hat die neoliberale Meritokratie gnadenlose Bedingungen geschaffen, in denen jede Person ihre eigene Markenbotschafterin, alleinige Vertreterin ihres Produktes (sie selbst) und Maklerin ihrer eigenen Arbeitskraft in einem allumfassenden Wettbewerb ist. Curran und Hall beobachten, dass dieser Zustand eine »Notwendigkeit des Kämpfens, Performens und Verwirklichens ins Zentrum des modernen Lebens stellt« – viel mehr als in vorherigen Generationen.

Sie beziehen sich auf Daten, die zeigen, dass junge Leute heutzutage weniger daran interessiert sind unterhaltsamen, geselligen Aktivitäten nachzugehen. Stattdessen verfolgen sie lieber individuelle Anstrengungen, um sich produktiver zu fühlen oder den Eindruck zu bekommen, etwas geschafft zu haben. Wenn alle Welt von einem erwartet, dass man sich bei jeder Gelegenheit beweisen muss und man nicht den Eindruck los wird, dass die Anerkennung der Altersgenossen hochgradig an Bedingungen geknüpft ist, dann erscheint es weniger wichtig, Zeit mit Freundinnen und Freunden zu verbringen, als sich penibel um die eigenen Profile in sozialen Netzwerken zu kümmern.

Eine Konsequenz dieses Anstiegs des Perfektionismus ist Curran und Hall zufolge eine grassierende Verbreitung schwerer psychischer Erkrankungen. Perfektionismus korreliert stark mit Ängsten, Essstörungen, Depressionen und Selbstmordgedanken. Der anhaltende Zwang zur Perfektion und das unvermeidbare Scheitern an den hohen Maßstäben verschlimmern die Symptome psychischer Erkrankungen bei Leuten, die bereits für sie anfällig sind.

Selbst junge Leute ohne feststellbare psychische Erkrankung neigen dazu, sich häufiger schlecht zu fühlen, da der erstarkte auf andere bezogene Perfektionismus ein Gruppenklima der Feindseligkeit, des Misstrauens und der Ablehnung hervorbringt – über jeden könnte jederzeit geurteilt werden. Der gesellschaftlich vorgegebene Perfektionismus verstärkt diese Entfremdung zusätzlich. Die Auswirkungen des Perfektionismus reichen von emotionaler Belastung bis zu buchstäblich tödlichen Konsequenzen.

»Ohne eine gesunde Selbstwahrnehmung können wir keine festen sozialen Bindungen eingehen.«

Eine weitere Folge des zunehmenden Perfektionismus sind die erschwerten Bedingungen der Solidarität, was der entscheidende Faktor ist, um der neoliberalen Offensive etwas entgegenzusetzen. Ohne eine gesunde Selbstwahrnehmung können wir keine festen sozialen Bindungen eingehen und ohne diese Bindungen können wir nicht in dem Ausmaß zusammenkommen, welches notwendig wäre, um diese politisch-ökonomische Ordnung zu kippen.

»Perfektionismus führt dazu, dass wir uns verächtlich gegenüberstehen, Angst voreinander haben und bestenfalls verunsichert sind.«

Die Parallelen zwischen den drei Dimensionen des Perfektionismus und der sogenannten »Call Out Culture« zu erkennen, die zunehmend eine hegemoniale Tendenz in der Linken geworden ist, lassen sich leicht erkennen: Alle warten darauf, dass sich jemand einen fatalen Ausrutscher leistet. Nicht erfüllbare hohe Standards tugendhafter Zurückhaltung und (unbegründete) paralysierende Angst, für die Gruppe ersetzbar zu sein oder demnächst selber abgeurteilt zu werden, zeichnen diese Kultur aus. Dieses Verhaltensmuster ist Teil des neoliberalen, meritokratischen Perfektionismus. Und weil uns das eher spaltet als eint, lässt sich so keine Bewegung aufbauen, die angeblich danach strebt, die Macht der Herrschenden anzugreifen.

Perfektionismus führt dazu, dass wir uns verächtlich gegenüberstehen, Angst voreinander haben und bestenfalls verunsichert sind. Er unterbindet die Arten der Solidarität und des kollektiven Handelns, welche notwendig sind, um gegen den neoliberalen Kapitalismus vorzugehen, der gerade diesen Perfektionismus hervorbringt.

Das einzige mögliche Gegenmittel zur gesellschaftlichen Atomisierung und zum entfremdenden Perfektionismus ist es, dem absoluten Individualismus eine Absage zu erteilen und kollektive Werte wieder in unsere Gesellschaft einzuführen. Das ist eine Aufgabe gewaltigen Ausmaßes – vor dem Hintergrund der neoliberalen Umklammerung, die auch unsere Psychen in Mitleidenschaft zieht, ist es allerdings der einzige Weg nach vorn.

Meagan Day ist Redakteurin der US-amerikanischen Ausgabe von JACOBIN.

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