11. Mai 2026
Der DGB will den Stellen- und Sozialabbau nicht einfach hinnehmen und die FAZ nennt das »Radikalisierung«. Sie hat offenbar keine Ahnung, wie viel mehr die Gewerkschaften historisch gefordert haben.

Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi spricht auf dem Bundeskongress 2026.
Gibt es sie etwa doch noch, die guten Nachrichten? Zumindest berichtet die FAZ von einer »Radikalisierung des DGB«. Aber hinter der Paywall kommt die Ernüchterung: Der Wirtschaftskorrespondent Dietrich Creutzburg will diese vermeintliche Radikalisierung in dem Umstand erkennen, dass die Gewerkschaften es tatsächlich wagen, sich den Angriffen auf Achtstundentag und Sozialstaat zu widersetzen.
Er findet auch Anstoß am diesjährigen DGB-Slogan zum 1. Mai – »Erst unsere Jobs, dann eure Profite«. Dabei handelt es sich eigentlich um eine komplett sozialpartnerschaftliche Parole, gesteht sie doch den Ausbeutungsinteressen der Arbeitgeberseite einen rechtmäßigen Platz zu, wenn auch einen nachgeordneten. Was sollten die Gewerkschaften aus FAZ-Sicht denn sagen, um als bodenständig durchzugehen – »Na gut, macht halt eure Profite, streicht unsere Stellen, wir schauen dann mal, wo wir bleiben«?
»Die Gedankenlinien dieser Radikalisierung führen inzwischen geradeaus und ohne Vorbehalt in eine sozialistische Welt«, findet Creutzburg. Wenn es nach ihm ginge, würde der DGB seinen Bundeskongress für eine »grundlegende Kursbestimmung« nutzen. Er hätte gern, »dass sich Gewerkschaften insgesamt weniger als politische Lobbyorganisationen betätigen und wieder auf ihr ureigenes Handlungsfeld, die Tarifpolitik, besinnen«. Empfiehlt die FAZ eigentlich auch Unternehmen, ihre Lobbyarbeit einfach mal sein zu lassen?
»Der DGB forderte einst sogar die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien bis hin zu den Banken. Das muss richtig hart sein für das Sozialismus-Meter der FAZ, das schon bei ›Erst unsere Jobs‹ bis zum Anschlag ausschlägt.«
Wer sich ein Bild vom »Ureigenen« des DGB machen will, kann ja mal einen Blick in dessen Gründungsdokumente von 1949 werfen. Dort findet sich unter der Überschrift »Wirtschaftspolitische Grundsätze des Deutschen Gewerkschaftsbundes« überraschenderweise nichts nach dem Motto »Aus der Wirtschaftspolitik halten wir uns raus, wir kümmern uns nur um Löhne«. Ganz im Gegenteil.
Neben Vollbeschäftigung, reichlicher Sozialversicherung und erweiterter Mitbestimmung forderte der DGB damals unter anderem auch eine »Überführung der Schlüsselindustrien in Gemeineigentum, insbesondere des Bergbaues, der Eisen- und Stahlindustrie, der Großchemie, der Energiewirtschaft, der wichtigen Verkehrseinrichtungen und der Kreditinstitute«. Das muss richtig hart sein für das Sozialismus-Meter der FAZ, das schon bei »Erst unsere Jobs« bis zum Anschlag ausschlägt.
In anderen Worten, auf die Frage »Du hast aber ganz schön radikale Ansichten, was?« kann man als demokratischer Sozialist ruhig antworten: »Radikal, ich? Nein, ich bin doch einfach nur ein normaler DGBler à la 1949.«
Thomas Zimmermann ist Managing Editor bei Jacobin.