21. Mai 2026
Krieg hat fatale Folgen für die mentale Gesundheit. Dennoch schweigen die psychiatrischen und psychologischen Berufsverbände zu Wehrpflicht und Aufrüstung. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich militärischen Zwecken unterordnen.

Bundeswehrsoldaten beim Gelöbnis.
Schon ein Jahr, bevor der Verteidigungsminister im April beteuerte, dass junge Männer »derzeit« keine Genehmigung für das Verlassen der BRD benötigen, befürchteten 41 Prozent der Deutschen einen baldigen Weltkrieg. 35 Prozent gaben Angst vor einem Atomkrieg an. Bereits zwei Monate nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs war der negative Einfluss auf das Wohlbefinden stärker als zum Tiefpunkt der Corona-Lockdowns. 2026 ist die psychische Belastung bei jungen Menschen so hoch wie noch nie seit Erhebungsbeginn. Mit wuchernden Konfliktherden, wachsender Aufrüstung und schrittweiser Vorbereitung der Bevölkerung auf weitere Kriege wird immer offensichtlicher, wie die mentale Gesundheit der Bevölkerung leidet.
Auffallend ist, dass sich die Berufsgemeinschaft psychiatrischer und psychotherapeutischer Professionen hierzu kaum äußert, obwohl das Leid an der Kriegsangst ihren Tätigkeitsbereich direkt betrifft. Vor dem Hintergrund einer langen, bis heute andauernden Geschichte der Nutzbarmachung von Psychiatrie und Psychologie für militärische Zwecke wäre eine klare Position jedoch wichtig. Dafür müsste sich die Psychotherapie allerdings aktiv mit ihrer politischen Rolle auseinandersetzen.
Wo sich die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (DGP) 2022 noch mit der Ukraine solidarisierten und Hilfsangebote für Betroffene bereitstellten, zeigen sich Stellungnahmen in den letzten Jahren zurückhaltender. 2025 nannte die DGPPN als Einflussfaktoren auf ein »Gefühl der Instabilität« die Corona-Pandemie, den Ukraine-Krieg oder die »Unvorhersehbarkeit der amerikanischen Politik«, verlor jedoch kein Wort über deutsche Wehrfähigkeitsbestrebungen. Der DGP gab diesen Februar bekannt, die »Notwendigkeit« der hohen Verteidigungsausgaben zu teilen; zwar wird herausgestellt, dass es mehr Investitionen in den Bereich der »[p]sychischen Gesundheit in der Vorbereitung auf Katastrophenszenarien sowie den Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall« bräuchte, doch wer eine Reflexion der seelischen Folgen einer Politik erhofft, die Deutschland zur »stärksten Armee Europas« machen möchte, muss sich wohl gedulden.
Die verheerenden seelischen Folgen von Kriegseinsätzen sind allgemein bekannt. Fast die Hälfte der von einem Auslandseinsatz zurückkehrenden Soldaten sind im ersten Monat ihrer Heimkehr suizidgefährdet, etwa jeder sechzehnte nimmt sich im ersten Jahr das Leben. Militäreinsätze gehen mit einer signifikanten Volumenabnahme der Hirnregionen einher, die mit Planung, Impulskontrolle, Empathie und Emotionsregulation assoziiert werden.
Wie eine durchmilitarisierte Gesellschaft aber auch in Friedenszeiten die Psyche belastet, zeigt sich in Ländern mit aktiver Wehrpflicht. In Südkorea, wo junge Männer zwei Jahre Wehrdienst ableisten müssen, ist die häufigste Todesursache des Militärpersonals Selbstmord und psychische Symptome sind bei Wehrdienstleistenden akut erhöht. In vielen Ländern werden Kriegsdienstverweigerer zu Haftstrafen verurteilt und sozial geahndet; so wurde der südkoreanischen Militärverwaltung erst 2017 untersagt, Listen mit Namen und Adressen von Verweigerern zu veröffentlichen.
»Statt einer Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit Wehrpflicht und Aufrüstung gibt es eine lange Geschichte der Verwertung psychiatrischer Praxis und Forschung für militärische Zwecke, die bis in die Anfänge moderner Kriegsführung reicht.«
Obwohl der Wehrdienst in Deutschland noch bis 2011 aktiv war und Ost wie West auf eine lange Geschichte von mentalem Leid der Wehrpflichtigen sowie Ausgrenzung der Verweigerer zurückschauen, gab es – bis auf einige Ausnahmepersönlichkeiten der Friedensbewegung wie Horst-Eberhard Richter, der sich aktiv gegen Kriegsmedizin und die Verdrängung von NS-Ärzteverbrechen stellte – nie eine Tradition der Kritik oder auch nur Beschäftigung mit Aufrüstung und Wehrpflicht aus psychiatrischen oder psychotherapeutischen Kreisen.
In den einschlägigen Fachzeitschriften kommen Wörter wie »Wehrdienst« oder »Wehrpflicht« höchstens in Prozessfragen vor – zum Beispiel, wenn es darum geht, wie mit »Simulanten« umzugehen sei –, oder sie werden beiläufig erwähnt und nicht weiter thematisiert. Bezeichnend ist hierbei etwa die Fallbeschreibung der Therapie einer »narzißtischen Persönlichkeit« bei einem 22-Jährigen, der nach dem Scheitern seiner Beziehung einen Suizidversuch unternahm. Dass dieser offensichtlich schwerkranke Patient, der an Halluzinationen und wahnhaften Symptomen litt und von dem der Therapeut anfänglich meinte, er befände sich in einer »beginnende[n] Schizophrenie«, neben der mehrmals wöchentlich stattfindenden Therapie seinen Wehrdienst ableistete, wird nur in einem Nebensatz angemerkt und für die Fallkonzeptualisierung gänzlich ausgeblendet.
Statt einer Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit Wehrpflicht und Aufrüstung gibt es eine lange Geschichte der Verwertung psychiatrischer Praxis und Forschung für militärische Zwecke, die bis in die Anfänge moderner Kriegsführung reicht. Als im Ersten Weltkrieg die »Schüttelneurose« Soldaten für den Kampf unfähig machte, schickten Psychiater sich an, die Kriegstüchtigkeit wiederherzustellen: Während man Soldaten hinter der deutschen Front Elektroschocks unterzog, wurde den amerikanischen optimistisch zugeredet. Beides erfüllte neben der Symptombehandlung den Zweck, zu vermitteln, dass die Entwicklung der Neurose nicht helfen wird, dem Krieg zu entkommen. Die Psychiatrie ordnete sich also einem militärischen Zweck unter, was im Zweiten Weltkrieg bekanntermaßen auf deutscher Seite weiter ausgebaut wurde. Psychiater waren etwa dafür zuständig, ihre Patienten zur Sterilisation vorzuschlagen, wenn sie von »genetischer Minderwertigkeit« Kenntnis hatten. Übrigens basierte auch dieses System zunächst auf Freiwilligkeit – die »genetisch Minderwertigen« waren selbst antragsberechtigt.
Die Aneignung von Psychiatrie und Psychologie zu militärischen Zwecken zieht sich bis in die Gegenwart. Im April 2011 bewilligte die US-Regierung 125 Millionen Euro für Forschung an psychologischen Resilienztrainings, um psychischen Störungen bei Soldatinnen und Soldaten in Militäreinsätzen vorzubeugen. Initiiert wurde das Programm vom ehemaligen Vorsitzenden der American Psychological Association und Vater der »Positiven Psychologie«, Martin Seligman. Teil des Trainings ist etwa das three blessings exercise, in dessen Rahmen man jeden Abend drei Dinge aufschreiben soll, die am Tag gut gelaufen sind. (Man kann nur hoffen, dass diese Tagebuchführung in den Kriegsfilmen der kommenden Jahre eine große Rolle nach jeder Schlachtsequenz spielen wird.) Dass Soldatinnen und Soldaten an diesen zuvor kaum erforschten Trainings teilnehmen mussten, verleitete kritische Stimmen zum Vorwurf, das Programm würde gegen den Nürnberger Kodex verstoßen, der die freiwillige Teilnahme als unbedingte Voraussetzung jedweder Forschung setzt. Dies wurde seitens der Armee jedoch als rein akademische Formalität abgetan.
»Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Behandlung von Menschen, die zum Zwecke der Ausübung staatlicher Interessen grausame Dinge erleiden mussten, und der gezielten Vorbereitung von Menschen mit dem Ziel, sie in künftigen Lagen genau jene Grausamkeiten möglichst effizient ertragen – oder ausüben – zu lassen.«
Obwohl Forschungsergebnisse die Effektivität des Programms nicht wirklich unterstützen, finden sich ähnliche Ansätze in immer mehr Armeen der Welt. So steht auf der Webseite der Israeli Defence Forces, dass sich ein guter Soldat nicht nur an seiner physischen, sondern auch an seiner mentalen Gesundheit bemisst, und auch in Deutschland gehört seit diesem Jahr ein psychologisches Resilienztraining zur Grundausbildung. In einem Bericht des Bundeswehrkrankenhauses Berlin mit dem Titel »Mental Health für eine Armee im Einsatz« wird Forschung referiert, die zeigt, dass »moralische Verletzungen« in Militäreinsätzen die Inzidenz psychischer Störungen erhöhen, weshalb durch Maßnahmen der Akzeptanz- und Commitmenttherapie ein »Wandel der Wertorientierung« zu Verbesserungen führen soll.
»Traditionsbewusstsein und Konformität« hätten eine »Schutzwirkung« vor psychischen Symptomen beim Einsatz, während »stark altruistische und kameradschaftliche Werte, wie die Orientierung am Wohl anderer Menschen« eher zu psychischen Störungen beitragen. (Netterweise wird gesagt, dass am Wohl anderer orientierte Soldatinnen und Soldaten »psychisch nicht verwundbarer als ihre Kameraden [sind]. Durch ihre Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen, nehmen sie aber das Leid ihrer Kameraden und Mitmenschen, das sie im Einsatz beobachten, stärker auch als eigene Belastung wahr.«)
Erste Befunde würden zeigen, dass sich Scham und Wut über das eigene Handeln bei Auslandseinsätzen durch ein eigens von der Bundeswehr entwickeltes Manual verringern ließen, an dessen Umsetzung Personal aus Psychiatrie, Psychologie, Militärseelsorge und Fachpflege arbeitet. Es wird empfohlen, das Manual auch in der »vorbeugenden Gesundheitsfürsorge« anzuwenden. Nationale wie internationale Kooperationen mit Universitäten und anderen Forschungsanstalten sollen ausgebaut werden.
»Die Bundeswehr ist aktuell bereits der zweitgrößte Arbeitgeber für Psychologinnen und Psychologen im öffentlichen Dienst.«
An dieser Stelle sei angemerkt, dass es natürlich überaus wichtig ist, Menschen mit Traumafolgestörungen effektive Behandlungsmöglichkeiten zur Linderung ihres Leids zukommen zu lassen. Und auch primärpräventive Arbeit zum Aufbau von Bewältigungskompetenzen im Angesicht drohender Katastrophen hat eine Berechtigung. Jedoch gibt es einen großen Unterschied zwischen der Behandlung von Menschen, die zum Zwecke der Ausübung staatlicher Interessen grausame Dinge erleiden mussten, und der gezielten Vorbereitung von Menschen mit dem Ziel, sie in künftigen Lagen genau jene Grausamkeiten möglichst effizient ertragen – oder ausüben – zu lassen.
Die Verbindung von psychologischer Forschung und militärischer Praxis wird in den nächsten Jahren vermutlich weiter zunehmen, zumal Universitäten aufgrund der Bildungskürzungen noch stärker auf externe Investitionen etwa aus dem Verteidigungssektor angewiesen sein werden, der sich im Zuge der jüngsten Sondervermögen großer Liquidität erfreut. Die Bundeswehr ist aktuell bereits der zweitgrößte Arbeitgeber für Psychologinnen und Psychologen im öffentlichen Dienst und wird in Zukunft sicherlich noch attraktiver werden für Studierende, denen andere Möglichkeiten durch Gesundheitskürzungen versperrt bleiben.
Die Lage ist nämlich nicht nur aufgrund der generellen wirtschaftlichen Situation schwierig – hinzukommt, dass der 2020 neu beschlossene Weiterbildungsprozess, der Psychologiestudierende eigentlich aus den prekären Bedingungen der alten Ausbildung führen sollte, aufgrund fehlender staatlicher Finanzierung nicht umgesetzt werden kann, weshalb jährlich tausende Studierende Master und Approbation abschließen, ohne danach eine Weiterbildung aufnehmen zu können, die sie zur Leistungserbringung im Versicherungssystem brauchen. Die neuesten Honorarkürzungen und eine drohende Budgetierung zwingen zudem viele kassenärztliche Praxen dazu, um Patientinnen und Patienten aus den privaten Versicherungen zu konkurrieren, während Plätze für gesetzlich Versicherte reduziert werden.
»Wer auf der einen Seite um mehr staatliche Förderung bittet, wird auf der anderen Seite weniger Interesse daran haben, sich kritisch zu den Auswirkungen staatlicher Aufrüstung zu äußern.«
Die Psychotherapie befindet sich also in der größten Krise seit ihrem Einschluss ins Kassensystem, der seinerseits stattfand, da sie sich volkswirtschaftlichen Zwängen unterordnete. Es wurde argumentiert, Psychotherapie würde zu weniger Krankheitstagen und effizienteren Angestellten beitragen. Die Aufnahme in die Gesetzlichen führte zu einer besseren Versorgung auch ärmerer Menschen, als man sie in den meisten Ländern finden kann – gleichzeitig wurde schon zur Zeit der Psychotherapiegesetze in den neunziger Jahren kritisiert, die Psychotherapie würde »die Freiheit der Sicherheit opfern«.
Wirtschaftlichkeit wurde zu einem wichtigen Kriterium, um Behandlungen Zulassung zu erteilen. Um nun im Angesicht der Sparpolitik die Relevanz der Psychotherapie herauszustellen, argumentieren Vertreterinnen und Vertreter des Berufsstands, dass sie diesem Kriterium gerecht werden und zur Volkswirtschaft beitragen. Die Anreizstruktur liegt also klar auf Seiten der Übernahme ökonomischer Zwänge und schlimmstenfalls der Kooperation, zumindest aber wohl der Duldung des Einsatzes psychotherapeutischer Methoden im Dienste des Wehrfähigkeitsaufbaus. Wer auf der einen Seite um mehr staatliche Förderung bittet, wird auf der anderen Seite weniger Interesse daran haben, sich kritisch zu den Auswirkungen staatlicher Aufrüstung zu äußern. Insofern muss die Psychotherapie sich also gar nicht selbst positionieren – ihr Schweigen positioniert sie bereits.
Es sei denn, sie findet zu einer konstruktiven, kritischen Reflexion ihrer Teilhabe am politischen Geschehen. Etwa könnten sich Berufsverbände, ebenso wie die Ärztinnen und Ärzte der Achtzigerjahre, die mit der »Frankfurter Erklärung« die militärische Verzweckung der Medizin ablehnten, gegen die Nutzbarmachung der Psychotherapie oder der psychologischen Forschung für die Aufrüstung stellen oder im öffentlichen Diskurs den Einfluss der Aufrüstung auf die mentale Gesundheit junger Menschen thematisieren. Dafür bräuchte es jedoch die Bereitschaft, ein wenig Sicherheit der Freiheit zu opfern. Dass ebenjene Sicherheit aktuell bedroht ist wie nie, macht eine stärkere Teilhabe der Psychotherapie an öffentlichen Diskursen allerdings genauso unwahrscheinlich wie nötig. Die psychotherapeutische Berufsgemeinschaft muss sich der Frage stellen: Was sind wir bereit, zu dulden, damit man sich uns leisten kann?
Justus Maria ist Autor und Psychologiestudent aus Köln. Im Herbst 2027 erscheint sein Debütroman beim Luchterhand Literaturverlag.