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11. Juni 2026

Die Linke braucht eine eigene Zukunftsvision für KI

Das Verhältnis der Linken zu Künstlicher Intelligenz ist geprägt von Misstrauen. Doch sie muss kein Slop-Generator, Arbeitsplatzvernichter und Instrument der Tech-Oligarchen bleiben, sondern könnte auch befreiend wirken.

Es ist kein Naturgesetz, dass Künstliche Intelligenz nur von rechten Tech Bros aus dem Silicon Valley entwickelt wird.

Es ist kein Naturgesetz, dass Künstliche Intelligenz nur von rechten Tech Bros aus dem Silicon Valley entwickelt wird.

IMAGO / ZUMA Press Wire

Wir haben uns die technologische Utopie wegnehmen lassen. Als die 1970 demokratisch gewählte sozialistische Regierung Salvador Allendes sich daranmachte, die Wirtschaft in Chile neu zu organisieren, war für sie der technologische Fortschritt keine Bedrohung oder eine kapitalistische Altlast, die abgewickelt werden musste. Im Gegenteil: Der technologische Fortschritt war ein untrennbarer Teil des gesellschaftlichen Fortschritts. Die Allende-Regierung wusste, dass, um die chilenische Bevölkerung in ihrer Breite am materiellen Wohlstand teilhaben zu lassen, eine Erhöhung der Produktivität der Schlüssel war.

Und so entschied sich der junge technische Direktor der Wirtschaftsförderungsbehörde, Fernando Flores, den Kybernetiker Stafford Beer, der sich in seiner Arbeit mit selbstregulierenden Systemen beschäftigte, nach Chile einzuladen. Das Ergebnis war Projekt Cybersyn, ein computergestütztes System, das helfen sollte, die neu vergesellschafteten Betriebe zu vernetzen und sie mithilfe automatisierter Prognosen zu unterstützen.

Produktivität, Vernetzung, Automatisierung – wir sind an einem Punkt, an dem diese Begriffe mittlerweile so eng mit dem Kapitalismus verbunden sind, dass sie für viele Linke mehr wie eine Drohung als eine Verheißung klingen. Das zeigt sich vor allem im Diskurs rund um das, was man als heutiges Äquivalent zur Computerrevolution betrachten kann: Künstliche Intelligenz.

Was würde passieren, wenn heute zum Beispiel ein Zohran Mamdani ankündigen würde, dass die Stadt New York zukünftig KI verwenden wolle, um das Angebot in den geplanten städtischen Supermärkten zu verbessern? Welche öffentliche Reaktion wäre heute zu erwarten? Ich wage zu behaupten: Skepsis, Enttäuschung, wenn nicht sogar offene Feindseligkeit. So zumindest das Bild, wenn man sich beispielsweise die Social-Media-Kommentare zu einem Bericht eines lokalen New Yorker Senders über die Wohltätigkeitsorganisation MetCouncil ansieht. Diese nutzt laut eigener Angabe KI, um die Verteilung von Lebensmitteln so zu optimieren, dass die richtigen Lebensmittel genau an den Ausgabestellen landen, wo sie benötigt werden. Kommentare lauten zum Beispiel »KI ist nur ein dämliches Buzzword, das keine realen Probleme löst« oder »Daran ist nichts Besonderes. KI wird den Menschen einfach die Jobs wegnehmen.«

Gerade viele Linke und Linksliberale scheinen bereits kapituliert zu haben und können die Technologie gar nicht mehr von der Welt trennen, die die Tech-Oligarchen mit ihr planen. Ganz im Sinne des kapitalistischen Realismus, also nach Mark Fisher die Unfähigkeit, sich Alternativen zum bestehenden System vorzustellen, macht man sich nicht einmal mehr die Mühe, eigene Visionen für diese Technologie anzubieten. Und so wird selbst der Einsatz der Technologie durch eine gemeinnützige, soziale Organisation, um bedürftigen Menschen zu helfen, zu einer Bedrohung statt zu einem potenziellen Vorbild.

Linke Tech-Ratlosigkeit

Dabei wurde, egal ob bei Marx oder bei Keynes, in der linken Tradition Automatisierung, also der Umstand, dass eine Gesellschaft durch Technologie in der Lage ist, mehr Güter mit weniger Arbeitszeit zu produzieren, immer auch als eine Chance gesehen, den Menschen zu befreien. Natürlich ist es kein Automatismus, dass Produktivitätsgewinne an die Beschäftigten weitergereicht werden und ihnen mehr Freizeit oder mehr materielle Teilhabe ermöglichen. Aber deswegen den Produktivitätsgewinn als solchen abzulehnen, statt seine Aneignung durch das Kapital zu bekämpfen, scheint absurd.

»Als wäre es ein Naturgesetz, dass KI-Modelle nur von Silicon-Valley-Tech-Bros mit fragwürdiger Ideologie entwickelt werden können.«

Natürlich kann man unterschiedlicher Auffassung sein, wie relevant die mittels KI erzielbaren Produktivitätsgewinne derzeit noch sind. Aber das mittel- bis langfristige Potenzial, erstmals auch Tätigkeiten der Wissensarbeit zu automatisieren, lässt sich wohl schwer leugnen. Doch statt sich die Frage zu stellen, wie wir es organisieren können, dass dieser Produktivitätsgewinn letztendlich der gesamten Gesellschaft zugutekommt, statt einigen wenigen Milliardären, wird die Dystopie als alternativlos betrachtet und die Technologie mit ihr synonym gesetzt. Der einzige Protest, der dann bleibt, ist oft ein hilfloses Moralisieren: »Weißt du denn nicht, wie viel Wasser und Energie eine ChatGPT-Anfrage verbraucht?«, ein sich selbst (und seiner Bubble) Vergewissern, dass man auf der richtigen Seite steht, und manchmal ein noch hilfloserer Ruf nach einem Verbot der Technologie.

Als wäre es ein Naturgesetz, dass KI-Modelle nur von Silicon-Valley-Tech-Bros mit fragwürdiger Ideologie entwickelt werden können; dass sie der Generierung von Social-Media-Slop dienen müssen, damit andere Tech-Bros uns noch länger auf ihren Plattformen halten; dass Rechenzentren in marginalisierten Communities gebaut werden, die außer negativen Externalitäten nichts davon haben; dass Arbeiterinnen und Arbeiter im Globalen Süden zur Annotation der Daten ausgebeutet werden; dass Manager, die ihre eigene Tätigkeit natürlich für unersetzbar halten, alle Angestellten »wegrationalisieren«, damit der Shareholder Value nach oben geht; und dass uns am Ende vielleicht bestenfalls ein paar Krümel in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens hingeworfen werden, damit wir schön weiter genug konsumieren, dass das System nicht zusammenbricht.

Nichts davon ist ein Naturgesetz. Nichts davon muss so passieren. Und wenn wir nicht wollen, dass die utopische Möglichkeit, materiellen Wohlstand von menschlicher Arbeit zu entkoppeln, zu einer Dystopie wird, dann müssen wir unsere eigene Vision für eine Zukunft mit KI formulieren, diskutieren und uns organisieren, um diese voranzubringen.

Aneignen statt stürmen

Manchmal wird im Diskurs rund um KI auf die Maschinenstürmer Bezug genommen, Textilarbeiterinnen und -arbeiter, die im 19. Jahrhundert im Rahmen der Frühindustrialisierung Fabriken und Maschinen zerstörten. Doch auch hier war, so zumindest der moderne Konsens in der historischen Forschung, der Antrieb nicht Technikfeindlichkeit, sondern konkrete soziale Forderungen angesichts der neuen Realität der Automatisierung. Angesichts fehlender Organisierung blieb ihnen die Sabotage als einziges Mittel, das ihnen gegen die Fabrikanten zur Verfügung stand. Langfristige Verbesserungen brachte das nicht; die kamen erst mit der organisierten Arbeiterbewegung, deren Parole immer die Aneignung und Vergesellschaftung der Produktionsmittel war, nicht ihre Abschaffung. Und auch wenn dieses Ziel (noch) nicht erreicht wurde, so wurden auf dem Weg dahin tatsächlich viele Verbesserungen erkämpft, von denen man im Zeitalter der Maschinenstürmer nur träumen konnte.

Der 8-Stunden-Tag, das Recht auf Urlaub, erste Ansätze von Mitbestimmung im Unternehmen, die 5-Tage-Woche – nichts davon war ein Naturgesetz. Nichts davon musste so passieren. Alles davon wurde von Menschen erkämpft, die nicht die moderne Produktionsweise als solche ablehnten, sondern im Gegenteil von den massiven Produktivitätsgewinnen, die ohne ihre Arbeitskraft gar nicht möglich gewesen wären, auch selbst profitieren wollten.

»Jede und jeder von uns, der nur mal eines dieser ›I’m-not-a-robot‹-Captchas gelöst hat, hat damit kostenlose Arbeit für die Tech-Konzerne verrichtet.«

Bei modernen KI-Modellen geht das sogar noch weiter. Diese sind nicht einfach nur Maschinen, die von Menschen gebaut, gewartet und bedient werden, sondern sie werden mit dem kollektiven Wissen und Erfahrungsschatz der Menschheit trainiert. Nicht nur das: Jede und jeder von uns, der nur mal eines dieser »I’m-not-a-robot«-Captchas gelöst hat, hat damit kostenlose Arbeit für die Tech-Konzerne verrichtet. Und wieder einmal schicken sich diejenigen, die über das für das Training nötige Kapital verfügen – das heißt die Mittel, um Wissenschaftlerinnen und Ingenieure zu bezahlen, Grafikkarten zu kaufen und die Energiepreise zu stemmen – an, sich diese kollektive Arbeit anzueignen.

Der Kampf dagegen ist kein neuer, es ist derselbe Kampf, den die organisierte Arbeiterbewegung seit dem 19. Jahrhundert führt. In diesem Sinne ist es deutlich sinnvoller, einer Gewerkschaft beizutreten und sich für höhere Löhne und weniger Arbeitszeit einzusetzen, als den x-ten Social-Media-Info-Post über den Wasserverbrauch von KI zu verfassen, der letzten Endes doch auch nur wieder gesammelt und zum Training neuer Modelle genutzt wird. Es ist sicher kein Zufall, dass die Produktivitätsgewinne just dann aufhörten, in Arbeitszeitreduktion übersetzt zu werden, als die gewerkschaftliche Organisation zurückzugehen begann.

Die Arbeiterbewegung hatte immer einen positiven Zukunftsbezug. Vorwärts hieß die 1876 gegründete wichtigste Zeitung der deutschen Sozialdemokratie. »Hell aus dem dunklen Vergangenen / leuchtet die Zukunft hervor« heißt es in der Arbeiterhymne Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, und ähnlich in vielen anderen Arbeiterliedern.

Zurück in den OpsRoom

Was hält uns als Linke davon ab, uns zukunftsbejahend die Vergesellschaftung und Demokratisierung der Künstlichen Intelligenz als positives Ziel zu setzen und auf dem Weg dahin erneut konkrete, materielle Verbesserungen für uns alle zu erreichen? Verbesserungen wie eine neuerliche Übersetzung von Produktivitätsgewinnen in Arbeitszeitverkürzungen und Lohnsteigerungen. Ebenso lassen sich Inspirationen für die Frage nach der Kontrolle der Modelle an sich zum Beispiel im Open-Source-Modell finden. Auch hier existieren bereits Communities wie r/LocalLLaMA, die sehr leidenschaftlich dabei sind, KI zu demokratisieren. Noch ist das Pre-Training großer Modelle natürlich zu ressourcenaufwendig für den Einzelnen, aber auch dies ließe sich gesellschaftlich organisieren.

»Bernie Sanders kürzlicher Vorschlag, 50 Prozent der großen KI-Unternehmen in einen Staatsfonds zu überführen, ähnlich dem in Alaska und Norwegen, bei dem die Gewinne aus der Ölindustrie in gesellschaftliches Vermögen fließen, ist sehr zu begrüßen.«

Und natürlich kann auch die Wirtschaftsdemokratie ein entscheidender Baustein sein: gesamtgesellschaftliches Eigentum an der Wirtschaft durch die Beschäftigten wird sich natürlich auch entsprechend auf den Bereich Künstliche Intelligenz auswirken. Auch Bernie Sanders kürzlicher Vorschlag, 50 Prozent der großen KI-Unternehmen in einen Staatsfonds zu überführen, ähnlich dem in Alaska und Norwegen, bei dem die Gewinne aus der Ölindustrie in gesellschaftliches Vermögen fließen, ist sehr zu begrüßen.

Wichtig ist zunächst vor allem einmal, dass wir diese Debatte führen und nicht denjenigen überlassen, die tatsächlich eine, für die große Mehrheit wäre sie das zumindest, Dystopie anstreben.

Bei Projekt Cybersyn ging es auch immer genau darum, eine eigene Vision von Technologie zu formulieren. Eine Technologie für ein Gesellschaftsmodell, das eine Alternative sowohl zum Kapitalismus als auch zum autoritären Realsozialismus sein wollte, würde nicht nur anders genutzt werden, sondern sähe bereits anders aus. Das zeigt sich beispielsweise im sogenannten OpsRoom, dem Raum, in dem alle Informationen zusammenlaufen sollten. Die Industrial-Design-Studentinnen und -Studenten legten bei ihrem Entwurf großen Wert darauf, dass das Design partizipative, demokratische Entscheidungsfindung unterstützte, statt hierarchischem Zentralismus.

Kurz nach dem Putsch 1973, bevor Cybersyn voll funktionsfähig war, wurde der OpsRoom durch die neue rechte Militärdiktatur zerstört. Telex-Fernschreiber, die als Teil von Cybersyn helfen sollten, die Wirtschaft zu demokratisieren, wurden in den kommenden Jahren dafür genutzt, Informationen über Regimegegner bei der Geheimpolizei zusammenzuführen. Das war Pinochets Vision für Technologie. Vom OpsRoom haben nur einige wenige Bilder und Renderings überlebt; die Vision, die sich hier widerspiegelt, war Star Trek, kein Black Mirror. Es wird Zeit, dass die Linke sich dieser Tradition besinnt.

Tim Menzner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Coburg, wo er zum Thema »Große Sprachmodelle zur Erkennung, Klassifizierung und Erklärung von Medienbias und Propaganda« promoviert.