13.06.2021

Die revolutionäre Komponistin

Wie Ethel Smyth der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts eine Stimme gab.

ILLUSTRATION Andy King

ILLUSTRATION Andy King

London, 1912: Im Hof des Frauengefängnisses Hol­loway marschieren frisch inhaftierte Frauenrecht­lerinnen kampfeslustig auf und ab. Dabei singen sie die offizielle Hymne der Women’s Political and So­cial Union – einer militanten Organisation, die sich für das Frauenwahlrecht stark macht: »Shout! Shout! Up with your song! Cry with the wind for the dawn is breaking!« schmettern sie im Chor aus voller Kehle.

Ethel Smyth, Schöpferin des March of the Women, blickt von einem der oberen Zellenfenster wohlwollend zu ihnen hinab und schlägt mit ihrer Zahnbürste vergnügt den Takt dazu. Nach einer Großaktion, bei der rund 150 Aktivistinnen fast 300 Schaufensterscheiben im Londoner Westend ein­geschlagen hatten, war auch sie verhaftet worden. Smyths Steinwurf war dem Herzen des British Em­pire gefährlich nahe gekommen und hatte es immer­hin bis durch das Fenster des britischen Kolonial­sekretariats geschafft.

Mit ihrem stürmischen Naturell und ihrer Vorliebe für Tweed-­Anzüge und Herrenhüte hatte Smyth schon auf so mancher feinen Teegesellschaft für Naserümpfen gesorgt. Als Mitglied der Suffra­getten­Bewegung erlebte sie nun endlich Kamerad­schaft mit Gleichgesinnten. Später bemerkte sie süf­fisant, dass sie sich während ihrer zweimonatigen Gefängnisstrafe zum ersten Mal in ihrem Leben in wirklich guter Gesellschaft befunden hätte. Aus dem Munde von jemandem, der bereits in jungen Jahren die Bekanntschaft von Johannes Brahms, Edvard Grieg und anderen Superstars der kulturellen Elite gemacht hatte, ist das ein kaum zu überschätzendes Lob.

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