13.12.2021

Die Strategie der großen Schritte

Über den Unterschied von Reförmchen und Reformen.

Im Jahr 1940, kurz vor dem »Blitz« – jenem monatelangen Dauer-Bombardement, mit dem die Nazis die britischen Großstädte überzogen – stand ein Junge am Grab von Karl Marx in London. Er und sein Vater, ein jüdischer Lederarbeiter aus Polen, waren erst kürzlich von dem Boot gestiegen, das sie aus dem besetzten Belgien in Sicherheit gebracht hatte. In der Stille des Highgate Cemetery schwor der Junge der Sache der Arbeiterinnen und Arbeiter Treue. Seinen Geburtsnamen, Adolphe, legte er aus naheliegenden Gründen ab. Ralph Miliband nannte er sich für den Rest seines Lebens, in dem er sein jugendliches Ehrenwort hielt.

Flucht und Wandlung prägten auf der anderen Seite des Ärmelkanals auch die Jugend von Gerhart Hirsch. 1923 – ein Jahr vor Miliband – in Wien geboren, entging er dem Naziterror in einem Schweizer Internat. Später siedelte er nach Frankreich über und wurde Autor und Journalist. Auch er gab sich einen neuen Namen: André Gorz.

Gorz und Miliband wurden ab den 1950er Jahren zu wichtigen Figuren der Neuen Linken in Frankreich und Großbritannien. Sie waren politisch ambitioniert genug, sich weder von der Versteinerung des Realsozialismus noch von der Laschheit einer zunehmend staatstragenden Sozialdemokratie vereinnahmen zu lassen. Beide erkannten, dass die leninistische Revolutionsstrategie in den westlichen Ländern jeden Realitätsbezug verloren hatte. Gleichzeitig galt es, nicht in die Falle der realexistierenden Sozialdemokratie zu tappen und aufzugeben, was der Reformismus ursprünglich zum Ziel hatte: die Überwindung des Kapitalismus. Für Gorz bildeten »nicht-reformistische Reformen« den Kern dieser sozialistischen Strategie. Miliband sprach von einem »starken« oder »revolutionären Reformismus«.

Sozialismus-Grade

Miliband verstand darunter Reformen, die nicht isoliert für sich stehen, sondern mit der Vision eines revolutionären Fernziels verbunden sind. Gorz betonte, dass solche Reformen den Anspruch verfolgen sollten, weitere, größere Reformschritte zu erleichtern. Dazu müsse jede Reform das gesellschaftliche Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit zugunsten der Arbeitenden verschieben und diese politisch aktivieren. Nicht-reformistische Reformen können für Gorz nicht »lediglich durch Regierungsbeschluss eingeführt und durch bürokratische Maßnahmen verwaltet« werden – beides müsste unter breiter Beteiligung der Bevölkerung geschehen. Auch müsste ein revolutionärer Reformismus nach Miliband bedenken, dass »jede ernsthafte Herausforderung der herrschenden Klassen unvermeidlich Widerstand hervorrufen« wird, und sich dagegen wappnen.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

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