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10. Juni 2026

Wie wir uns die Zukunft zurückholen

Der antikapitalistische Jugendkongress »Take Back The Future« vom 12. bis 14. Juni in Berlin bietet 80 Veranstaltungen zu Antifaschismus und sozialer Gerechtigkeit. Der SDS will die Linke damit wieder in die Offensive bringen.

Erfolgreich sind studentische Bewegungen vor allem dann, wenn sie den Schulterschluss mit den Gewerkschaften suchen und über die Universität hinauswachsen.

Erfolgreich sind studentische Bewegungen vor allem dann, wenn sie den Schulterschluss mit den Gewerkschaften suchen und über die Universität hinauswachsen.

IMAGO / ZUMA Press Wire

Im Oktober 2023 versammelten sich spontan 2.000 Studierende vor dem Leipziger Gewandhaus, um gegen die Immatrikulationsfeier der Universität zu protestieren. Eingeladen waren auch Vertreterinnen und Vertreter der AfD-Landtagsfraktion Sachsen, unter ihnen beinharte Nazis und Faschisten. Anstatt ihrer vorbereiteten Rede musste sich Rektorin Obergfell vor fast 2.000 Neu-Immatrikulierten verantworten. Wir konnten nicht mehr einfach ignoriert werden.

Ein Jahr später wurde die AfD in Sachsen vom Landesamt für Verfassungsschutz als »gesichert rechtsextrem« eingestuft und war bei der nächsten Imma-Feier nicht mehr auf der Einladungsliste. Bei der studentischen Vollversammlung von Studis gegen Rechts diskutierten und protestierten rund 1.000 unserer Kommilitoninnen und Kommilitonen mit uns gegen den Rechtsruck und widersetzten sich schließlich zum ersten Mal beim Bundesparteitag in Essen 2024.

Doch heute steht die Partei bundesweit als stärkste Kraft in den Umfragen – ebenso in Sachsen-Anhalt, wo im September Landtagswahlen anstehen. Längst dominiert der faschistische Flügel die Partei; symbolisch dafür steht der Handschlag zwischen der Parteivorsitzenden Alice Weidel und Björn Höcke. Seit der Gründung der Partei hat der reformerische Flügel eine Niederlage nach der anderen eingesteckt – Lucke, Petry, alle sind sie gegangen oder gegangen worden. Die Frage Regierungsverantwortung oder Fundamentalopposition, Melonisierung versus Höckisierung wird die Partei nicht spalten. Höckes Flügel ist stark genug, um die Parlamentaristen vor sich herzutreiben. Sollte die AfD Regierungsverantwortung erlangen, könnte diese für sie bloß ein Sprungbrett sein, um die bürgerliche Demokratie auszuhebeln. Deshalb ist der Kampf gegen die AfD einer der drängendsten Abwehrkämpfe unserer Zeit.

An den Hochschulen erleben wir derweil eine hoffnungslose Lähmung. Gleichzeitig müssen wir zunehmend um die Freiheit von Forschung und Lehre ringen. Die Bewegungen der vergangenen Jahre – Fridays for Future, die Palästina-Solidarität, die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht – sind über Abwehrkämpfe nicht hinausgekommen. Die reaktionären Backlashs sind dagegen spürbar: Repressionen gegen die Palästina-Bewegung, antidemokratische Deutungen des Neutralitätsgebots zur Entpolitisierung der Hochschulen, Anquatschversuche des Verfassungsschutzes bei Schülerinnen und Schülern. Unsere Generation ist in Jugendwahlen zwischen AfD und Linkspartei gespalten – und das zeigt vor allem eines: Vielen ist klar, dass der Status quo nicht mehr trägt.

»Der Kampf gegen die AfD muss eine Doppelstrategie verfolgen: breiter zivilgesellschaftlicher Widerstand und gleichzeitig der Aufbau linker Alternativen.«

Die AfD kanalisiert diese Unzufriedenheit geschickt. Dabei hat sie für die unteren Klassen nichts übrig – ihr Programm sind Steuererleichterungen für die Reichsten und die Umlenkung von Verteilungskonflikten in rassistische Innen-außen-Narrative. Die Strategie der etablierten Parteien, ihr den Nährboden zu entziehen, indem sie ihre Politik imitieren, erreicht das genaue Gegenteil.

Der Kampf gegen die AfD muss deshalb eine Doppelstrategie verfolgen: breiter zivilgesellschaftlicher Widerstand – wie die Widersetzen-Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag am 4. Juli in Erfurt und rund 60.000 Haustürgespräche von Studis gegen Rechts in Erfurt – und gleichzeitig der Aufbau linker Alternativen. Gute Ideen reichen nicht; wo Ohnmachtserfahrungen herrschen, muss Organisierung von unten ansetzen. Uns als SDS kommt dabei die Aufgabe zu, die Universitäten neu zu politisieren, Wissenschaftsfreiheit und Diskussionsräume zu verteidigen und als Sozialistinnen und Sozialisten über die alltäglichen Kämpfe hinauszuweisen.

In die Offensive kommen

Die Hochschulen waren nicht immer Orte politischer Auseinandersetzung. Vor den 1950er Jahren waren Hochschulen Orte der bildungsbürgerlichen Elite und isolierten sich von Arbeitskämpfen. Die 68er-Bewegung, an den Unis angeführt vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), auf dessen Schultern wir heute stehen, hat das verändert: Sie erkämpfte das BAföG, studentische Mitbestimmung und die Öffnung der Universitäten.

Mittlerweile sind die Universitäten zu zentralen Orten von Klassenauseinandersetzungen geworden: systematische Unterfinanzierung, der Radikalenerlass 1972, die Bologna-Reform, BAföG-Sätze unter dem verfassungsrechtlich gebotenen Minimum. Hinzu kommen Kürzungen, die ganze Institute bedrohen, und eine vom BMBF angekündigte Militarisierung der Forschung.

»Die Aufgabe einer Linken in Zeiten von Abwehrkämpfen liegt im kontinuierlichen Aufbau von Bewegung und der Ausbildung der Aktiven.«

Hochschulen sind Orte der Reproduktion von Arbeitskraft im Kapitalismus und genau deshalb können sich unsere Kämpfe nicht auf sie beschränken. Wie der historische SDS dürfen wir nicht nur an und für unsere Universitäten kämpfen, sondern suchen den Schulterschluss mit Gewerkschaften und sind selbst Teil von Bewegungen.

Die Aufgabe einer Linken in Zeiten von Abwehrkämpfen liegt im kontinuierlichen Aufbau von Bewegung und der Ausbildung der Aktiven. Die große Resonanz auf unseren Kongress »Take Back The Future« – vom 12. bis 14. Juni in Berlin, mit über 80 Veranstaltungen zu Antifaschismus, Antiimperialismus, Klima, Feminismus und sozialer Gerechtigkeit – zeigt, dass das Bedürfnis nach Orientierung, Vernetzung und Strategie in unserer Generation enorm ist. Diese Energie darf nicht verpuffen. Wir wollen sie in Schlagkraft verwandeln – und nicht nur reagieren, sondern wieder in die Offensive kommen.

Anmeldung & Ticketkauf auf take-back-the-future.com.

Sarah Niedrich ist Mitglied der politischen Geschäftsführung von Die Linke.SDS.

Jonas Schwarz ist Mitglied der politischen Geschäftsführung von Die Linke.SDS.