15.09.2020

Woher kommt das Neue?

Über Wege und Umwege zur Zukunft.

Illustration: Duke Nguyen.

1: Wozu Schwerkraftlehre? 

Ich arbeite bei einer Zeitung. Ihr Geschäft sind Neuigkeiten. Menschen kennen zwei Sorten Neues: Sie entdecken, was es auch ohne sie gibt, oder sie erfinden, was es ohne sie nicht gäbe. Die erste Sorte gehört der Wissenschaft, die zweite der Technik und der Kunst. Ich bin im Feuilleton beschäftigt, da geht’s um Kultur, etwa Kino. Im Februar 2016 war ich in Berlin, weil dort gerade, wie jedes Jahr, das größte deutsche Filmfest veranstaltet wurde. Auf dem Flur der Berliner Zweigstelle der Zeitung stand plötzlich ein Kollege vor mir, der sich ärgerte, weil er einen Filmfestartikel geschrieben hatte, der nicht auf der ersten Seite des Feuilletons stehen sollte, obwohl der Verfasser ihn für wichtig hielt. Die Frankfurter Redaktion wollte aber was anderes prominent drucken – der Mann schimpfte: »Man hat irgendwelche Teilchen gefunden, im Weltraum, das braucht doch niemand.«

Auf meine Nachfrage, was das denn für Teilchen seien, reagierte er gereizt. Ich sah im Netz nach. Von wegen Teilchen: Gravitationswellen waren gemessen worden, erstmals. Das sind Kräusel in der Raumzeit, deren Existenz schon rund hundert Jahre vorher Albert Einstein aufgrund einer Herleitung aus seiner Allgemeinen Relativitätstheorie vermutet hatte.

Weit weg von der Erde waren zwei schwarze Löcher zusammengestoßen. Den Schwerkraftwelleneffekt der Kollision hatten menschengemachte Instrumente im September 2015 registriert, nach langer Prüfung erfuhr jetzt die Öffentlichkeit davon.

Die Allgemeine Relativitätstheorie handelt vom Verhältnis zwischen großen Massen einerseits und der Raumzeit andererseits, auch von der Form des Universums insgesamt. Dass wir Affen am Arsch des Kosmos eine solche Theorie erfinden und sogar per Messung überprüfen können, ist wichtiger als jeder Filmfestartikel. Warum wusste der Kollege das nicht? Braucht solches Wissen, wie er sagte, »niemand«?

Wer heute mit dem Auto fährt, nutzt (falls das Auto ein Navi hat) unter anderem das Global Positioning System (GPS), das mit Satelliten arbeitet, die von ihrer Umlaufbahn aus die Bewegung von Objekten auf der Erdoberfläche verfolgen. In ihrer Software steckt Einsteins Theorie. Jeder Tag läuft für einen Satelliten etwa 45 Mikrosekunden schneller ab als für ein Auto auf dem Boden. Das liegt an der größeren Entfernung von der Schweresenke. Rechnet man die Abweichung nicht ein, summiert sie sich als Raumgröße täglich auf etwa zehn Kilometer, das GPS wird nutzlos.

Fast alle Leute, die ich kenne, finden normal, dass fast alle Leute, die sie kennen, nicht wissen wollen, wie die Welt funktioniert: Schwerkraft, Kapitalismus, Geschlechterverhältnisse, Natürliches wie Menschengemachtes – »das braucht niemand«.

Karl Marx dachte anders. 1866 schrieb er ins Programm einer kommunistischen Organisation, der er angehörte, die Forderung, man solle eine für alle Kinder zugängliche »polytechnische Erziehung« einrichten, »welche die allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätze aller Produktionsprozesse mitteilt, und die gleichzeitig das Kind und die junge Person einweiht in den praktischen Gebrauch und in die Handhabung der elementarischen Instrumente aller Geschäfte«. Das Ideal des selbstbestimmten Menschen, der informiert mitentscheiden kann, wie die Gesellschaft ihren Reichtum produziert und verteilt, war vor Marx ein bürgerliches. Bürger wollten mittels Fleiß, Selbstdisziplin und Sparsamkeit einen Zustand erreichen, in dem niemand sie erpressen oder herumschubsen kann, keine Chefin, kein Vermieter, keine Adlige.

Das ist vorbei. Jede neue Hypotheken-, Banken- oder Coronakrise frisst mehr Kleinvermögen: Die Mieterin zahlt die Miete nicht, der kleine Vermieter (etwa ein Zahnarzt mit drei Wohnungen als Alterssicherheit) muss daher die Wohnung an den Immobilienkonzern verkaufen. Jetzt hat er, wie seine bisherige Mieterin, kein Wohneigentum, und der Konzern hat immer mehr. Sparen bringt Negativzinsen. Wer ein bisschen Geld auf die Seite legen kann, muss es den Reichsten für ihre Börsenspiele leihen (»anlegen«). Die Mehrheit des Kleinbürgertums frisst das blind und stumm oder gibt der Migration, George Soros oder den Linken mit ihren Mietbremsen die Schuld. Das Kleinbürgertum verblödet, während es verarmt. Ein Akademiker in Mitteleuropa weiß heute weniger über die Funktionssysteme, von denen er abhängt, als ein durchschnittlicher Arbeiter in derselben Gegend um 1900 über seine Klassenlage wusste. Hat so ein Gemeinwesen eine Zukunft?

Leute wissen nicht, wo ihr Geld hingeht, sie wissen nicht, wie ihr GPS funktioniert, es interessiert sie weder die physikalische noch die ökonomische Wirklichkeit, das Ganze nennen sie »Informationsgesellschaft«. Verrückt.

Als die erste chinesische Mondsonde auf dem Erdbegleiter landete, bekam ich bei der Zeitung von verschiedenen Kolleginnen und Kollegen dasselbe zu hören wie später beim Absturz einer israelischen Sonde auf demselben Himmelskörper: »Was soll das denn, die Amerikaner sind doch längst da gelandet?« Wenn sie wenigstens gesagt hätten: »Wir haben genug Probleme auf der Erde.«

Aber die kümmern sie ja auch nicht, solange ihr Netflixdreck funktioniert.

2: Gil Scott-Heron und Gaddafi 

1970 schrieb der Jazzdichter Gil Scott-Heron ein großartiges Gedicht namens Whitey on the Moon. Es handelt von einem Kontrast. Einerseits feierten damals die USA ihre Mondlandung und deren weiße Helden, andererseits gönnte das Land Schwarzen nicht mal das Nötigste: Nahrung, Unterkunft, Medizin.

Das Elend lag nicht an der Mondlandung. Wären die Astronauten auf der Erde geblieben, hätten Armut, Ausbeutung, Unterdrückung nicht aufgehört.

Aber die Gleichzeitigkeit von Mondmission und Jubel einerseits, Demütigung und Hunger andererseits ist abstoßend, weil Erstere einem System von Wissenschaft und Technik entsprungen ist, das geeignet wäre, zahllose Quellen von Not und Leiden zu stopfen, dafür aber nicht verwendet wird.

Soll man daher seufzen: »Wissenschaft und Technik bringen nichts, auf die Mondlandung ist geschissen«? Ich ärgere Köpfe, die es sich so leicht machen, gern mit der Frage: »Ach, Sie sind Gaddafi-Fan?«

Muammar al-Gaddafi, lange Jahre Alleinherrscher Libyens, legte Wert darauf, dass sein Staatsvolk sich keinen Weltraumträumen hingab, und schrieb zu dem Zweck, sie ihm auszureden, eine Kurzgeschichte namens Der Selbstmord des Astronauten.

Darin fliegt ein Mann zum Mond, findet dort »nichts«, weil der Mond leer und öde ist, kehrt auf die Erde zurück und bringt sich aus Sinnlosigkeitsdepression um. Dank Ölverstaatlichung war die soziale Grundlagensicherung der libyschen Bevölkerung, gemessen an den Möglichkeiten der Region, damals nicht übel. Dafür verlangte der Diktator Loyalität und Arbeit, die sich an den Staatserfordernissen ausrichtete – nicht nach den Sternen sollte Libyen greifen, sondern Raketenforschung zu militärischen Zwecken betreiben (»genug Probleme auf der Erde«), die dazugehörige Startrampe in der Sahara richtete eine westdeutsche Firma namens Ortag ein, wie der Wissenschaftshistoriker Jörg Matthias Determann in seinem Buch Space Science and the Arab World darlegt Im Jahr 2003 beendete Gaddafi seine wichtigsten Waffenprogramme, denn die Amerikaner zeigten gerade am Golf, dass sie sogar Wüsten verwüsten können, und hatten Gaddafi schon lange gedroht. Zum Lohn für die Kapitulation vor dem Westen wurde der Mann 2011 von Putschisten, die westliches Wohlwollen genossen, entmachtet und zu Tode gequält. Wenn man Westleute als »Gaddafi-Fans« anspricht, kränkt sie das. Mit Zuständen ferner Erdteile, Diktaturen und obskuren Massenvernichtungsforschungsprogrammen wollen sie nichts zu tun haben. Was nicht modern ist und nicht in den reichen Staaten stattfindet, bleibt der Natur ausgeliefert, denken sie – Wetterkatastrophen, Seuchen, Hunger. Westen und Norden, meinen sie, hätten Wissenschaft und Technik erfunden, um solche Naturnöte zurückzudrängen. Eine hochparteiliche Zivilisationsgeschichte ist das. Man brachte sie mir bei, als ich ein Kind war, in der Bundesrepublik Deutschland der 70er. Die Fortschrittskurve, die da gemalt wurde, sollte ihren angeblichen Gipfel in den USA des beginnenden Computerzeitalters erreicht haben.

3: How American was the future? 

Aus Nordamerika, wähnte ich noch mit zwölf, musste die Zukunft kommen. Meine ärmliche Zwei-Personen-Familie hatte überhaupt kein Geld für Fernreisen. Ein Zufall schickte uns jedoch ein Weilchen über den Atlantik, in die kommende Welt. Videospielapparate standen im Sommer 1982 in Florida in jeder Truckerkneipe, im Businessviertel von Miami liefen Banker mit schuhgroßen Funktelefonen rum, und vom Kennedy Space Center nahm ich mir Aufnäher mit: die Insignien der Apollo-Mondmissionen.

Die Begeisterung für Weltraumreisen hatte ich allerdings nicht aus Amerika, sondern aus einem Buch des tschechoslowakischen Autors und Illustrators Luděk Pešek, Flug in die Welt von Morgen (deutsch 1975), mit großen Panoramabildern für jeden Schritt des Künftigen bis ins Jahr 2500. »Das kommt aber aus dem Ostblock!« rügte mich für diese Lektüre eine Tante, für die jeder Medaillengewinn der DDR bei internationalen Sportwettbewerben »eine Affenschande« war. Sie hätte sich keine Sorgen machen müssen – mein Kinderweltbild glich ihrem. Das sah so aus: Es gibt drei Zonen auf dem Globus, erstens die freie Welt, zweitens den finsteren Kommunismus und drittens die Armen. Im Detail:

1.) Die »freie Welt« wurzelte in Europas Bibelchristentum, das leider zuerst falsch verstanden worden war, nämlich wortwörtlich statt als Storysammlung zur Moralillustration. Mutige Wissenschaftler von Galilei bis Darwin hatten den buchstäblichen Glauben widerlegt; die Aufklärung setzte Werte wie Forschungsfreiheit und Toleranz durch und das Endergebnis war »die Demokratie«, in der ich zu leben glaubte.

2.) Der »finstere Kommunismus« im Ostblock schien mir eine Gewaltlehre zu sein, die »alle Menschen gleich machen« wollte. Kommunisten hielten offenbar nichts von Forschungsfreiheit oder Toleranz, nur zu üblem Zweck forschten sie: Sputnik, Gagarins Weltraumausflug und gerüchteweise existierende Supertechnik zur Gedankenmanipulation finanzierten sie gern, der eigenen Bevölkerung aber verweigerten sie Bananen und Rechte.

3.) Die Armen in der dritten Zone vermehrten sich hemmungslos und kannten weder Wissenschaft noch Technik, sie steckten zu tief in ihren Traditionen. Überlegene Zivilisationen mussten ihnen wohl helfen. Ich dachte und empfand in diesem Punkt, ohne es zu wissen, auf den Spuren der Briten, die ihr Empire eine vorgebliche »Last des weißen Mannes« tragen ließen, nämlich die Pflicht, andere zu erziehen. Ähnlich sah das der deutsche Sozialdemokrat Eduard Bernstein, der 1907 schrieb: »Eine gewisse Vormundschaft der Kulturvölker über die Nichtkulturvölker ist eine Notwendigkeit, die auch Sozialisten anerkennen sollten«. Heute gibt’s dafür die Doktrin »Responsibility To Protect«, in deren Namen der Imperialismus ärmere Regionen mit Bombenteppichen belegt oder von Drohnen beschießen lässt.

Unterscheiden konnte man die drei Zonen in meinem Kindskopf nach dem, woran die sie bewohnenden Menschen jeweils glaubten: 1. Durch Aufklärung geläutertes Christentum (zukunftsfähig), 2. Sozialistische Kasernenparolen (hoffentlich nicht zukunftsfähig), 3. Unaufgeklärte Traditionen (total von gestern).

Keinen Platz hatte dieses alberne Weltschema zum Beispiel für Personen wie den 1938 in einem Nildelta-Dorf geborenen ägyptischen Geologen Farouk el-Baz, der den amerikanischen Apollo-Astronauten seinerzeit beibrachte, Eigenschaften der Mondlandschaft auf Fotos zu identifizieren und zu verstehen, und ihnen so beim Landen half. Milde erinnerte er sich später, dass man bei der NASA der Meinung gewesen war, er rede lustig, sehe komisch aus und habe einen Namen, den niemand aussprechen kann. »Niemand«? Kein West- oder Nordmensch, klar.

Völlig fassungslos wäre ich 1982 gewesen, wenn man mir von den Marsmissionen der Vereinigten Arabischen Emirate und der Chinesen im Jahr 2020 erzählt hätte. Islam und Staatssozialismus? In der Zukunft? Im All? Davon stand nix bei Luděk Pešek.

Ich stellte mir das Verhältnis zwischen Glauben und Wissen viel zu einfach vor. In Wirklichkeit kann etwa eine religiöse Partei, die aus Glaubensgründen Homosexuelle quält, gleichzeitig modernste Technik befürworten. So erließ der iranische Politiker und Geistliche Ayatollah Khamenei im Jahr 2002 eine Fatwa, also ein islamisches Edikt, das die Nutzung von Embryonen zu Forschungszwecken erlaubte. Iranische Institutionen wie das Royan-Institut gehören mittlerweile zu den regional wie global führenden Einrichtungen biotechnischer Forschung.

Die tatsächliche Ordnung der Verhältnisse auf Erden folgt nicht der Verteilung von Zweigstellen einer Ideenfirma namens »westlich-nördliche Aufklärung«, sondern dem Weltklassenkampf.

4: Klassen und ihr Wissen 

Naturwissenschaft und Technik sind nicht vom christlichen Himmel gefallen. Die Bourgeoisie – die Klasse, die Kapital besitzt – hat sie, sobald sie konnte, nach Kräften gefördert: Kompass, Teleskop, später Dampfmaschinen, noch später Computer sind allesamt als Werkzeuge kapitalistischen Produzierens in die Welt gelangt, Hilfsmittel zur Ausbeutung der Arbeitskraft, die in Fabriken aus Geld mehr Geld macht, indem sie Waren erzeugt, die von der Bourgeoisie verkauft werden. Alteuropas Christentum war lange die Ideologie einer Klasse gewesen, die vor der Bourgeoisie herrschte – die Rechtfertigungslehre des feudalen Adels. Seine Priester lehrten, dieser Adel verdanke seine Macht göttlicher Gnade. Die Bourgeoisie ließ gegen diese Propaganda ihre ideologische Avantgarde los – die Aufklärung – während sie selbst den Adel ökonomisch-politisch bekämpfte. Die größte Zuspitzung erreichte dieser Kampf unterm Absolutismus, einer Herrschaft von Fürstinnen und Fürsten, deren Job der Ausgleich zwischen Adel und Bourgeoisie war, so lange das gut ging (fast nur unter Elizabeth I. in England). In Frankreich wurde dieser Absolutismus schließlich von der Bourgeoisie gestürzt.

Der Untergang des Mittelalters war keine sanfte Sache. Katholisch-ländlicher Widerstand gegen die Neuzeit wurde (Stichwort Vendée) mit Terror gebrochen. Der Name der Zeitschrift, in der dieser Text hier steht, erinnert an den bei diesem Terror sehr engagierten linken Flügel der revolutionären Bourgeoisie.

So brutal das Bürgertum zur Herrschaft kam, so hart übte es sie dann auch aus, von der Sklaverei in Nordamerika über den rohen Manchesterkapitalismus in England bis zur Entwertung bäuerlichen Kleinstbesitzes, die aus Landleuten Fabrikarbeiter machte, weil das Kapital welche brauchte. Der herbe Geschichtsverlauf regte bald eine kühne Phantasie an: Was, wenn nicht die Bourgeoisie den Adel gestürzt hätte, um Besitzlose in Stadt und Land besser ausbeuten zu können, sondern sich stattdessen diese Besitzlosen gegen die Bourgeoisie und die Reste der Feudalität verbündet hätten, um eine andere Gesellschaft aufzubauen, eine ohne Ausbeuterklasse? Der erste Versuch dieser Art, der mehr als lokale Effekte hatte, nämlich einen Flächenstaat ergriff, wurde ab 1917 in Russland unternommen.

Jene Gegend hatte seinerzeit ihr Mittelalter noch nicht verlassen. Die meisten Leute dort arbeiteten nicht in der Fabrik, sondern für Landbesitzer. Wäre Russland nach kapitalistischem Rezept modernisiert worden, so wäre das wohl wie in England zugegangen: Erst ist wenig Kapital da, damit zieht man eine Fabriksparte auf, die nicht allzu teuer ist, Textilindustrie zum Beispiel, und die Gewinne, die das abwirft, investiert man dann in Schwerindustrie.

Russland ging nach 1917 einen anderen Weg. Die Partei der Bolschewiki, die da zur Macht gelangt war, wollte sich auf ein Bündnis zweier Klassen stützen. Zusammenwirken sollten arme Landarbeit und (noch kaum entwickelte) städtische Fabrikarbeit. So baute der Bolschewismus schnellstmöglich Schwerindustrie auf, damit die Landarbeit für die Nahrungsmittel, die sie der Stadt lieferte, Geräte und andere Gebrauchsgüter bekam.

Marx und Engels, denen die Bolschewiki ihr Programm verdankten, waren davon ausgegangen, ihre Ideen betreffs Sozialismus und Kommunismus würden zunächst in industrialisierten Gegenden verwirklicht werden.

Sozialer Fortschritt ist aber leider dem Gesetz »ungleichmäßiger Entwicklung« (Lenin) unterworfen. In China etwa erlitt man noch bis in meine Jugendzeit die Probleme der Französischen Revolution in neuen Kostümen. Wo immer Modernisierung auf zu schwacher Fabrikarbeits-Klassenbasis errichtet wird, droht Ärger zwischen Stadt und Land. Was man »Maoismus« nennt, ist nur die jüngste Form dieses Ärgers, noch heute übrigens attraktiv für Aufständische in altertümlichen Stadt-Land-Lagen, etwa Indiens »Naxaliten«. Westlinke hätten das Muster öfter bemerken können, auch geographisch nah: In der Türkei der 1970er zum Beispiel beschäftigte die Sache den Revolutionär, Maoisten und Märtyrer Ibrahim Kaypakkaya, bis ihn die Herrschenden ermordeten. Dass die meisten Linken ohne türkischen Migrationshintergrund in der heutigen Bundesrepublik Deutschland ihn nicht kennen, ist ein schlechtes Zeichen. Überhaupt weiß man hier zu wenig über die radikalen Traditionen in Regionen, die das Vormachtstreben der Bundesrepublik im Kampfrahmen der EU besonders gut kennen – Griechenland, die Türkei, Portugal und das nie zum Staat gewordene Kurdistan sind bedeutende Archive von Kampf und Widerstand gegen den Kapitalismus.

5: Die sabotierte Moderne    

Moderne will Zukunft zu Gegenwart machen. Westen und Norden wählten den kapitalistischen Weg dahin, der Osten schlug den sozialistischen ein. Die Ärmsten aber wurden daran gehindert, einen von beiden zu wählen. Die Reichsten gönnten ihnen nämlich nicht nur keinen Lenin oder Mao, sondern auch keine Elizabeth I., keinen Cromwell und keinen Napoleon, nicht mal einen Gaddafi. Sobald es irgendwo im Elend ein Land gab, in dem sich eine Herrschaft etablierte, die mit der Modernisierung ernst machte, gleichgültig, ob die sich auf Grundbesitz, Kapital oder arme Massen stützte, schritt der Imperialismus ein, mit allem, was zuhanden war, von CIA-Wühlarbeit bis Bomberflotten.

Die sogenannte »Dritte Welt« sollte weder sozialistisch noch bürgerlich modernisiert und damit am Ende Konkurrenz des Westens werden, sondern Rohstoff und Arbeitskraft liefern, administriert von bestochenen Regionalchefs.

»Wohlstand für alle« war eine Lügenparole des Kapitals, global- wie west-innenpolitisch. Die hohe Produktivität, die aus der Verwissenschaftlichung im Westen folgte, wurde von der Bourgeoisie als Springquell des Gemeinwohls und unausweichliche Folge ihrer Herrschaft dargestellt. Die Wahrheit sieht anders aus:

1.) Das Kapital ist nicht zwingend »produktiv« im Sinne von Gebrauchswerterzeugung. Am Anfang war es kein Industriekapital, das neue Dinge hervorbringt, sondern Handelskapital, das sich nur dafür interessiert, wohin es sich ausbreiten kann. Dass es sich jetzt, nach ein paar hundert Jahren prunkvoller Misswirtschaft, in Zollkämpfen, Preiskriegen, Werbeschlachten und dergleichen wieder zurückbildet in seinen Urschlammzustand, mit allen Handelskapital-Kinderdummheiten, haben unabhängig voneinander Lenin (in seinem Buch Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917) und die zwei Science-Fiction-Autoren Frederik Pohl und Cyril M. Kornbluth (in ihrem Gemeinschaftsroman The Space Merchants, 1952) vorhergesehen.

2.) Kapitalistischer Reichtum ist sogar zu seinen besten Zeiten kein Gebrauchswertüberfluss, sondern das, worin die Kapitalmacht, wie Marx sagt, »sich darstellt«, nämlich eine »ungeheure Warensammlung« (der es from conception vorherbestimmt ist, dass sie als Müllberg endet).

Waren können sich auch Arme kaufen, wenn die Waren billig sind. Das befeuert die Gier des heutigen Kapitals nach »emerging markets«, Schwellenmärkten, denn da lockt die Geldfischerei am breiten Boden der Besitzpyramide, The Fortune at the Bottom of the Pyramid (2005), wie es ein Buchtitel des Wirtschaftswissenschaftlers und Unternehmensberaters C. K. Prahalad verspricht.

Firmen wie Goldman Sachs und McKinsey jagen also da, wo es »Computer-Inder« fürs Outsourcing gibt, nach deren Geld, und Kapitalpanzer wie Lockheed, Procter and Gamble oder CitiBank greifen sich, wie die Ethnographin und Informatikerin Lilly Irani in ihrem Buch Chasing Innovation zeigt, auf dem indischen Subkontinent Menschen, denen sie einreden können, aus ihnen würde eine neue »Mittelklasse«, während zur selben Zeit das westlich-nördliche Kleinbürgertum, dem die in Indien Rekrutierten nacheifern sollen, in der nächsten Runde der Monopolisierung nach unten wegnivelliert wird.

Kapital spielt jede Differenz unter Nichtbesitzenden gegen diese Nichtbesitzenden aus, nicht nur den Abstand zwischen einerseits Leuten in Indien, die noch keine Gewerkschaft haben, aber schon programmieren können, und andererseits ihrer Lohnkonkurrenz in Europa und Amerika, sondern auch den Unterschied zwischen Dunkelhäutigen und Hellhäutigen oder Frauen und Männern oder Home-Office-Sekretärinnen und Müllwagenfahrern.

Diese Spalterei verhindert seit Beginn der Neuzeit, dass die verschiedenen Menschenbemühungen, das Grauen der Naturnot in den Griff zu kriegen und die Geistesträgheit der Beherrschten zu überwinden, zu einem breiten Strom der Emanzipation vom Vorgefundenen zusammenfließen.

»Das Abendland« mag Differenzen, wo sie ihm nützen, und verlästert sie, wo sie Kritik freisetzen. »Europa« lässt gern lehren, man sei hier seit jeher fortschrittlicher als die Restwelt. Dabei hätte die Mathematik das europäische Mittelalter nicht überlebt, wenn während der Dunkelheit nicht (zum Beispiel) in der arabischen Welt an ihr gearbeitet worden wäre, im Archiv wie in der Forschung. Was wir heute in Rechner hacken, heißt »Algorithmen« nach einem Herrn al-Chwarizmi, der im achten und neunten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung in Bagdad lebte. Heute morgen, während ich an diesem Text gearbeitet habe, stand eine Kollegin in meiner Bürotür, Journalistin und Wissenschaftlerin. Sie erzählte mir von einer Frau, die auf einem Gebiet Bedeutendes geleistet hatte, das die Kollegin sehr gut kennt, »aber bis man mir das Buch über sie gegeben hat, hab’ ich noch nie von ihr gehört«.

Täglich fallen Figuren, Ereignisse, Einrichtungen aus der Historie von Wissenschaft und Technik, die nicht ins Bild der heroischen Priester europäisch-aufgeklärter, weißer, männlicher Bourgeoisieherrschaft passen. Wer weiß zum Beispiel noch, dass eine sowjetische Institution namens »Techsnabexport« dafür da war, sozialistische Staaten gegen eine Blockade zu vernetzen, mit der »die freie Welt« neue Energietechnik, die sie mit ihrem Zufalls-Startvorteil (die USA fingen nicht im Mittelalter an wie die UdSSR, und ihr Gebiet wurde nicht von zwei Weltkriegen verheert) schneller entwickelt hatte, als Herrschaftswissen vor dem Sozialismus verstecken wollte? Techsnabexport hatte ein Staatsmonopol für die Ein- und Ausfuhr von Beschleunigern zu wissenschaftlichen, medizinischen, industriellen Zwecken inne, kümmerte sich folglich um Massenspektrometer, ohne die sich die Realität nicht in ihre Grundlagen gucken lässt, und um radiologisches Werkzeug, ohne das es keine Gesundheitsversorgung auf dem technisch fortgeschrittensten Stand gibt.

Aus Techsnabexport ist nach dem Tod der Sowjetunion eine banale Firma geworden, die mit Uran ihren Beitrag zur »ungeheuren Warensammlung« leistet. Wer 1965 von Techsnabexport erfuhr, mochte optimistisch denken: »Die sozialistischen Länder lassen sich nicht aufhalten, Nuklearmedizin und Raumfahrt haben sie schon!« Wer aber heute von Technsabexport erfährt, kennt dann bloß ein dummes Unternehmen mehr.

Vom großen Versuch, die Wissenschaft dem Sozialismus dienstbar zu machen, soll nur »Tschernobyl 1986« im Gedächtnis bleiben, während die Erinnerung an die vom Kapital verschuldeten Katastrophen von Three Mile Island (1979), Bhopal (1984) oder Seveso (1976) verblasst. Der sowjetische Sozialismus musste unter den Bedingungen der Weltmarktkonkurrenz wirtschaften, Autarkie hätte Elend und Hunger bedeutet. So bestimmte die Bedingungen der Produktion bis zu einer gewissen Grenze der Gegner, vermittelt über den Weltmarkt. Daher bastelte und verwaltete man in der UdSSR vieles eilig, billig, schlecht, um diesen Gegner einzuholen. Der seinerseits, das zeigen die erwähnten Katastrophen, setzte Profit vor Sicherheit.

Als ich 1982 in Florida das Space-Shuttle-Programm der NASA kennenlernte, dachte ich: »Eine wiederverwendbare Fähre – dann wohnen wir ja bald in Pešeks Weltraumstädten!«

Seit jedoch 1986 die Fähre »Challenger« explodierte, weil die NASA mit dem Pentagon einen Spionagedeal gegen die Sowjetunion geschlossen hatte und (um die ausgemachten Startquoten einzuhalten) einen Start unter Kältebedingungen freigab, die das schäbige Dich- tungsmaterial zwischen den Treibstofftanks nicht aushielt, weiß ich: Man entkommt der Erde nicht mit Technik allein. Ein grauenhaftes ökomomisch-politisch-militärisches Scheißspiel hält alle am Boden fest, selbst die Klügsten.

6: Woran das liegt und was (nicht) dagegen hilft 

Bei Marx, in den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie (geschrieben 1857 und 1858), steht, warum die gegenwärtige Technik schief gewachsen ist: »Nur wo der Überfluss an Arbeitskräften« evident vorhanden ist, »kommt die Maschinerie dazwischen.« Man baute die ersten industriellen Maschinen nicht, um denen beizuspringen, die sich plagen mussten. Eine Arbeiterin mit Maschine ist mehrfach produktiver als eine ohne; wenn man ihr dann dasselbe zahlt wie vorher oder gar weniger, ist das Lohndrückerei. Wo die vorhandene Arbeitskraft komplett gebraucht würde, um Lebensnotwendiges zu produzieren, stünde keine zum Maschinenbau zur Verfügung; Überfluss an Arbeitskraft schafft also zwar Gelegenheit, Arbeit im großen Maßstab zu erleichtern, aber die wird nicht genutzt, wenn das Kapital stattdessen Arbeitskraftverbilligung durchsetzen kann.

Die Entscheidung darüber fällt lange vor dem Triumph der Maschinerie über die Handarbeit. Eine Kapitalismuskritik, die glaubt, das Kapital hätte erst die Welt industrialisiert und dann einen Spekulationsüberbau über seiner Fabrikwelt errichtet, ist für den Arsch. Marx dazu glasklar im Brief an P. W. Annenkow vom 28. Dezember 1846: »Fast das ganze Kreditwesen war in England zu Anfang des 18. Jahrhunderts vor Erfindung der Maschinen entwickelt. Der Staatskredit war bloß eine neue Art, die Steuern zu erhöhen und die durch den Herrschaftsantritt der Bourgeoisklasse geschaffenen neuen Bedürfnisse zu befriedigen.«

Das Verhältnis zwischen menschlichen Bedürfnissen und den Instrumenten ihrer möglichen Befriedigung steht unterm Kapital auf dem Kopf. Das durchdringt als Fluch die gesamte ökonomische Gedankenwelt des Bürgertums, von der Theorie der »schöpferischen Zerstörung«, mit der Joseph Schumpeter, ein keineswegs menschenfeindlicher Ökonom, mitten im Zweiten Weltkrieg den Gang der Industriegeschichte zu erklären versuchte, bis zur Theorie des »endogenous technological change«, die zum Beispiel der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 2018, Paul Romer, von völlig abstrusen Voraussetzungen aus denkt: Technische Veränderungen sollen auf absichtlichen Handlungen von Leuten beruhen, die damit Anreize des Marktes, also zahlungskräftige Nachfrage beantworten«, liest man in Romers einflussreichem Aufsatz Endogenous Technological Change, erschienen 1990 im Journal of Political Economy. In Wirklichkeit wurde etwa die größte technische Veränderung der letzten fünfzig Jahre, das Internet, nicht als Antwort auf Marktnachfrage, sondern staatlich, von Militär und Großforschung geschaffen; erst danach hat das Kapital sich das Netz gekrallt.

Nicht nur das ökonomische Denken, auch das soziale Handeln der Bourgeoisie leidet am falschen Verhältnis zwischen Instrument und Zweck, selbst wenn es mal nicht um Profit, sondern ums Gemeinwohl geht – ob der sozialliberale Theoretiker John Maynard Keynes per Staatsausgaben »die Nachfrage ankurbeln« will, ob die amerikanische Grünen-Politikerin Jill Stein im Wahlkampf gegen Trump vorschlägt, das Finanzinstrument der quantitativen Lockerung (das Aufschwemmen des Geldvorkommens durch die Zentralbank) einzusetzen, um Schulden von Studierenden zu tilgen, oder ob sonst ein Weihnachtsmann beschworen wird. Auch Staatsausgaben oder Zentralbankinterventionen nämlich sind Instrumente, die im Rahmen des kapitalistischen Gesamtsystems entwickelt wurden und nur in ihm funktionieren, das heißt: nicht Bedürfnisse befriedigen, sondern die Profitordnung in Gang halten. Wer sie gebrauchen will, muss die Geltung dieses Systems akzeptieren und aktiv bestätigen.

Wie schlimm ein Griff in die Maschine sich auswirken kann, der nicht weiß, und also nicht dran denkt, dass Manipulationen an den Wirkweisen des Systems nicht beliebig viele Freiheitsgrade in Anspruch nehmen können, sondern sich der Ratio der Ausbeutung beugen müssen, wenn die Machtfrage nicht gegen die herrschende Klasse entschieden wird, hat ein ästhetisch hochavanciertes Gedankenspiel der Gegenwart dargetan: In Sam Esmails Fernsehserie Mr. Robot hackt eine anarchistische IT-Terrorgruppe die Datenbanken eines der größten Finanz- und Industriekonglomerate der Welt, löscht massenhaft Schulden und will so Vermögen umverteilen.

Die erste, 2015 ausgestrahlte Staffel der Serie zeigt den Anlauf zu diesem Anschlag. Als er gelingt, hält die Hackerbande das für eine »Revolution«. Die 2016 gezeigte zweite Staffel bringt dann die Ernüchterung: Weil mit der Finanzmarktbombe nur in den Geldumlauf eingegriffen wurde, also weder in die Produktion noch in die Klassenordnung, sind die Folgen der vermeintlichen Revolution für Klein- und Nichtbesitzende verheerend. Die riesige (Privat-)Kundschaft des angegriffenen Unternehmens, die am Tropf des Kreditwesens hängt, wird auf die Existenznot entmündigter Taschengeldwirtschaft gedrückt. Schattenmärkte entstehen, wo Dienstleistungen und Waren ohne Vorrauszahlungen unzugänglich sind. Die Müllentsorgung bricht zusammen, entwertetes Zeug brennt auf den Straßen. Selbst die radikalste Maßnahme, so enthüllt dieses tiefe Bild, ist nicht besser als eine matt reformistische, wo sie nur mit den Formen der kapitalistischen Wirtschaftspolitik spielt, statt ihren sozialen Inhalt zu zerstören.

7: Aussichten und Kämpfe 

Die Lehre aus der mehrhundertjährigen Verfügung des Kapitals über seine Instrumente, vom Kreditwesen bis zum Computer, lautet: Das Lebenserleichterungspotenzial eines Instruments hängt nicht nur von seiner Beschaffenheit, sondern auch davon ab, welche Klasse es gebraucht – diejenige, die ihre Arbeitskraft verkaufen muss, oder die andere, die profitiert.

Die Sowjetunion gab ihre Klassenperspektive in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts auf – eine Entpolitisierung aus Opportunismus: »Die lassen uns bei uns regieren, wir sie bei sich.«

Ziel war der Machterhalt, aber so ging zunächst die Macht und dann die Existenz flöten. Wie der Historiker Michael Cotey Morgan in seinem Buch The Final Act erläutert, war der letzte Akt des Systemkampfdramas nicht erst Michail Gorbatschows Umbau-, Abbau- und Ausverkaufsregierung, sondern schon die Schlussakte von Helsinki 1975, in der sich West und Ost miteinander auf »Nichteinmischung« verständigten, weil die Sowjetunion mit diesem Vertrag diejenigen, die unterm Kapital gegen die Bourgeoisie kämpften, ganz offiziell im Stich ließ (was immer hintenrum noch so alles gedreht worden sein mag).

Gewarnt durch das klägliche Resultat des abschreckenden Beispiels der spätsowjetischen Politik scheint die Volksrepublik China heute einen Kurs zu fahren, der dieses Land von der »Fabrik der ganzen Welt«, wo wenig Kapital, aber viele Arbeitskraft zu haben ist, zur globalen Innovationsbasis umrüsten soll. Chinesinnen und Chinesen dürfen Großvermögen bilden, aber nicht als Kapitalistenklasse die Politik bestimmen, sonst macht ihnen die Partei Ärger (»Kampf gegen Korruption«). Geht Lenins alte sarkastische Rechnung auf: »Die Kapitalisten werden uns noch den Strick verkaufen, mit dem wir sie aufhängen«? Selbst wenn China auf diesem riskanten Pfad (auf dem heimisches wie importiertes Kapital den Staat auffressen und die Partei überwältigen könnte) eine sozialistische (also von denen, die arbeiten, regierte) oder gar kommunistische (also klassenlose) Zukunft erreichen sollte, gibt es für Menschen, die dem Kapitalismus nicht passiv dabei zugucken wollen, wie er die Welt zugrunderichtet, keinen Grund, es sich auf dem Sofa bequem zu machen und der Volksrepublik zu applaudieren. Wer passiv drauf wartet, ob die Produktion in Zukunft gebrauchswertorientiert und gemeinschaftlich mittels Petahertz-Elektronik, millionenfach schneller als heutige Rechner, geplant und gesteuert wird, ist so doof, wie ich als Kind war, als ich das bloße Vergehenlassen der Zeit für ausreichend hielt, Luděk Pešeks Weltraumkolonien zu erreichen. Ein Kampf zweier Parteien findet statt.

Die eine vertritt den gewohnten Dreck aus Unfreiheit, Ausbeutung, Unterdrückung, Entfremdung und Anomie, die andere will nicht zulassen, dass die Mehrheit der Menschen weiterhin von den »allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätzen aller Produktionsprozesse« und vom »praktischen Gebrauch der elementarischen Instrumente aller Geschäfte« getrennt bleibt.

Die Partei der Aufhebung dieser Trennung braucht die ukrainische Köchin und den venezolanischen Computerprogrammierer, die libysche Astronautin und den chinesischen Wanderarbeiter, die iranische Mathematikerin und den nigerianischen Biolehrer, die japanische Fischerin, den badischen Lebensmittelchemiker im Weinbau, die afghanische Schauspielerin, hoffentlich auch mich und Dich.

Wenn sie keine Chance auf Erfolg hat, dann bring Dich um – welche Zukunft kannst Du als Mensch haben, wenn die Menschheit keine hat?

Hat sie aber doch eine, dann arbeite mit an der größten Neuigkeit, die’s je gab: dem Kampf ums menschenwürdige Leben.

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