19.05.2021

Warum wir doomscrollen

Aus Langeweile und Angst scrollen wir uns stundenlang durch den Abgrund. Das liegt nicht an uns, sondern an dem System, in dem wir leben.

Weit verbreitete Unruhe und Langeweile sind ein politisches Gefühl.

Weit verbreitete Unruhe und Langeweile sind ein politisches Gefühl.

Unsplash / Engin Akyurt.

Von Aron Keller

Übersetzung von Franziska Heinisch

Nach einem Jahr und im dritten Lockdown in der Covid-19-Pandemie verbreitet sich in der Gesellschaft eine spürbare Aufbruchsstimmung. Die Hoffnung, die erdrückende Langeweile des Lockdowns hinter sich zu lassen, ist groß.

Die Langeweile, die wir während des Lockdowns kollektiv erlebt haben, ist eine andere als die früherer Generationen. Wem es an Aktivität mangelte, der spürte damals eine alles verzehrende Leere. Heute dagegen entsteht das Gefühl der Langeweile durch Überreizung und ständige Ablenkung: gedankenloses Scrollen, monotones Swipen, der Impuls, jede potenzielle Pause durch den reflexhaften Griff zum Telefon zu überbrücken.

Diese neuartige Langeweile mag mit der Entwicklung neuer Technologien erst aufgekommen sein, aber die sich verändernden sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen befeuern sie. Ein Artikel des Institute of Precarious Consciousness aus dem Jahr 2014 argumentiert, dass jede kapitalistische Entwicklungsphase ihren eigenen »dominanten reaktiven Affekt« hervorbringt – eine breit geteilte Emotion, die den vorherrschenden Produktionsbedingungen entspricht.

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Während der Keynesianismus der Nachkriegszeit durch Massenkonsum, hohe Beschäftigungsraten und umfangreiche sozialstaatliche Absicherung gekennzeichnet war, erzeugte der relative Wohlstand in dieser Zeit auch eine gewisse gesellschaftliche Erstarrung. Diese bereitete einer neuen oppositionellen Politik den Boden.

In der Nachkriegsära wurde die erdrückende Monotonie der bürgerlichen Häuslichkeit medizinisch als »Hausfrauensyndrom« diagnostiziert. Zur gleichen Zeit wurde die zweite Welle des Feminismus losgetreten, durch Werke wie Betty Friedans Der Weiblichkeitswahn aus dem Jahr 1963 – einem Klassiker, der es wagte, das »Problem, das keinen Namen hat« zu benennen. Wie der Soziologe Michael E. Gardiner argumentiert, waren auch die Aufstände von 1968 ein Aufbegehren gegen die »lähmende, repetitive Arbeit und den oberflächlichen Konsumismus« des staatlich kontrollierten Kapitalismus. Kurzum: Eine Revolte gegen die Langeweile.

Der Kulturwissenschaftler Mark Fisher sah die Ursache für das Scheitern der organisierten Linken in dieser Periode zum Teil in ihrer Unfähigkeit, eine kritische Einordnung der gesellschaftlichen Eintönigkeit vorzunehmen. Das hinterließ ein Vakuum, das sich Marktradikale zunutze machten: die Stabilität der Sozialdemokratie der Nachkriegszeit setzten sie mit erstickender Monotonie und Bürokratie gleich. Als Alternative boten die Neoliberalen Aufregung und Unberechenbarkeit, ausgelöst durch die Deregulierung der Märkte und die Finanzialisierung.

Mittlerweile ist die dominante Stimmung der jungen Generation nicht mehr Langeweile, sondern Angst. Das ist nicht überraschend: Seit Beginn des Neoliberalismus vor vier Jahrzehnten wurden hart erkämpfte soziale Absicherungen zunehmend aufgeweicht. Die generelle Verfügbarkeit und Austauschbarkeit von Arbeitskräften wurde so wieder zur Normalität. Etwa jede zehnte britische erwachsene Person und ein Viertel der amerikanischen Arbeitenden schuften jetzt in der Gig-Economy und halten sich durch unregelmäßige und nicht standardisierte Formen der Beschäftigung über Wasser.  

Um diesen neuen Zustand zu naturalisieren, wurde die Logik der Arbeit auf alle sozialen Bereiche ausgedehnt, einschließlich der menschlichen Individualität. Die Einzelne wird als Unternehmerin dargestellt, die ihr Humankapital durch Selbstvermarktung und Selbstdarstellung erhöht und sich dabei die Freiheit und Flexibilität zunutze macht, die durch die unbeständigen wirtschaftlichen Bedingungen entstehen.

Das hat zu einem allgegenwärtigen Gefühl der Hoffnungslosigkeit geführt, insbesondere unter jungen Menschen, deren Zukunftsaussichten bereits vor der Pandemie düster waren. Unter den 18- bis 24-jährigen britischen Menschen treten Angstzustände heute dreimal so häufig auf wie noch im Jahr 2008 und die Verschreibung entsprechender Medikamente erreichte während der Pandemie ein neues Rekordniveau.

Eine der deutlichsten Ausdrucksformen dieser durch Unsicherheit hervorgerufenen Angstzustände ist das zwanghafte Nutzen sozialer Medien. Mark Fisher prägte den Begriff der »depressiven Hedonie«, um einen scheinbar paradoxen Zustand zu beschreiben, den junge Menschen durchleben, wenn sie sich durch ständige Unterhaltung von der emotionalen Belastung ihres Lebens – sei es ein geringes Selbstwertgefühl, Einsamkeit oder Erschöpfung – abzulenken versuchen. Diese beunruhigende These wird durch aktuelle Studien bestätigt, die zeigen, dass junge Menschen sich zunehmend ihrem Smartphone zuwenden, um Gefühle von Depressivität und Angst zu kompensieren.

Dahinter steht eine zirkuläre Logik, die der Autor Marcus Gilroy-Ware als ein »Füllen der Leere« beschreibt: Plattformen sozialer Medien versuchen Abhilfe zu schaffen für jene Angst und Entfremdung, die sie durch ihr Profitstreben mitverursachen. 

Wenn wir gezwungen wären, mehr Langeweile zu ertragen, ohne dass die Kakophonie digitaler Reize unsere Aufmerksamkeit durchbricht, wäre das sicherlich eine gute Sache. Dies könnte die Art von Kreativität und Selbstreflexion anregen, die für ein gesünderes politisches Engagement notwendig ist – und die Burnout oder unnötige Verbitterung auf Twitter vermeidet. Eine Politik, die lediglich in Nostalgie gegenüber der Langeweile des vordigitalen Zeitalters schwelgt, ist allerdings kein brauchbarer Gegenentwurf zum Status quo. Das Internet ist da, um zu bleiben. Und neben den beträchtlichen Schäden, die es verursacht, bringt es auch Vorteile mit sich, die alle Bereiche unseres Lebens durchdringen, von Freundschaft und Dating bis hin zu Bildung und politischer Organisierung.

Wir müssen Wege finden, um Angst und Ablenkung zu politisieren. Das bedeutet zunächst, der neoliberalen Tendenz zu widerstehen, diese affektiven Störungen als individuelles Übel mit individualisierten Lösungen anzugehen. Aus sozialistischer Perspektive kann die zwanghafte Nutzung sozialer Medien als ein Symptom der allgegenwärtigen Angst identifiziert werden. Soziale Medien sind letztlich ein hoffnungsloses Mittel, um den überbordenden Gefühlen von Einsamkeit und Hilflosigkeit, die der Neoliberalismus erzeugt, zu entfliehen, da sie vor allem dazu verleiten, eine persönliche Marke zu schaffen, die kommerziell attraktiv ist.

Die Politisierung von Angst und Ablenkung würde zudem bedeuten, über die Verhaltensmetapher der Sucht, die heute von reumütigen Silicon-Valley-Managern vorgetragen wird, hinauszudenken. Es würde bedeuten, den »hedonistischen Medienkonsum«, den Gilroy-Ware analysierte, als ein Resultat eines Mangels an kollektiver Handlungsfähigkeit zu begreifen, und nicht als ein Verhalten, dass auf fehlende Selbstdisziplin hindeutet.

Auf kurze Sicht gibt es Anlass zur Hoffnung, dass die erdrückende Langeweile, die während der Lockdowns aufkam, nachlassen wird, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden und wir uns wieder im realen Leben begegnen können. Wenn die Bildschirme ihren Reiz an die Sommersonne verlieren, können wir einen Blick auf eine emanzipierte Zukunft erhaschen – eine, die erfordert, dass wir kollektiv die Strukturen hinter unserem gegenwärtigen Unbehagen niederreißen.

Aron Keller ist freier Journalist und redigiert »Vashti Media«.

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