06.04.2020

Editorial N°1

Coronavirus, Krankenhäuser, Vermummungsgebot, Totalüberwachung, kein Toilettenpapier – eine Gesellschaft im Ausnahmezustand. Wieso wir uns in der ersten Jacobin-Ausgabe dennoch einem Thema widmen, das wie aus der Zeit gefallen wirkt: der Sozialdemokratie.

Linke Zeitschriften eröffnen üblicherweise mit einer Aufzählung der vielen Krisen, die der Menschheit gerade bevorstehen – ökonomisch, ökologisch, jetzt auch virologisch – bevor sie überleiten zur Entschlossenheit der Redaktion, neue Diskurse darüber anzustoßen. Auf große Ankündigungen folgt dann Ausgabe um Ausgabe dieselbe Soße. Normalerweise fällt das niemandem auf – denn wer liest schon Editorials. Du aber bist hartnäckig. Wir auch. Deshalb setzen wir in unserer ersten gedruckten Ausgabe ein Thema, das scheinbar nicht in diese Tage passt.

Als dieses Magazin in den Druck ging, sahen wir zu, wie eine Pandemie große Teile des öffentlichen Lebens lahmlegte und droht, Millionen Menschen in die Armut zu stürzen. Die Reaktionen des Staates – Rettungspakete in Milliardenhöhe, die Aufhebung der Schuldenbremse, und und und – zeigen, wie schnell Krisenlösungen bereit stehen, sobald das Gold der Reichen bedroht wird. Genau so ließe sich vieles, was an unserer Gesellschaft hässlich und ungerecht ist, schnell und entschlossen auflösen, wenn dies gewollt wäre. Ist es aber nicht.

Der Schriftsteller Ronald M. Schernikau schrieb 1984 zum Beginn der HIV/AIDS-Pandemie, sieben Jahre, bevor ihn das Virus tötete: »Wer sich um die Welt kümmern will, kann eben an Politik nicht vorbei.« Meckern und Klagen reicht nicht und woran wir sterben, werden wir nie selbst entscheiden. Allein: »Aussuchen können wir uns, wovon wir leben.« Das Jacobin Magazin ist politisch. Hier wird nach dem Leben gesucht, wie es gerechter und klüger laufen könnte. Gerade in den Trümmern der Gegenwart wird sichtbar, wo statt Konkurrenz demokratische Planung und Kooperation nötig sind, um unser Überleben auf diesem Planeten zu gewährleisten.

Wir machen keinen Hehl daraus, was wir uns darunter vorstellen: demokratischen Sozialismus. Wir sind dabei nicht allein, sondern Teil einer internationalen Magazinfamilie. 2011 in New York geboren, erscheint Jacobin heute auf drei Kontinenten in den Sprachen Englisch, Italienisch, Portugiesisch – und nun auch auf Deutsch. Wir fangen in diesem Heft an mit einer Obduktion der Sozialdemokratie – jener Kraft, die jahrzehntelang in vielen Teilen der Erde für das Versprechen von Gerechtigkeit und sozialem Aufstieg stand. Doch statt in eine neue Zeit zu führen, schafften die Parteiführungen die Sozialdemokratie ab. Ihr letzter gewählter Kanzler, Gerhard Schröder, verkündete 2005 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos stolz: »Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt«. Von diesem Seitenwechsel hat sie sich nicht erholt – und eine Lücke im politischen System gerissen.

Geschichte wiederholt sich nicht. Unsere Generationen werden andere, radikalere politische Wege gehen müssen. Aber wenn wir über die Sozialdemokratie hinaus kommen wollen, lohnt es sich zu verstehen, was sie in der Vergangenheit so erfolgreich machte.


Korrekturhinweis: Ronald M. Schernikau starb 1991, nicht 1985.

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