13.06.2021

Pause

Zugegeben, das Cover dieser Ausgabe ist eine Mogelpackung.

Editorial zu JACOBIN N°5

Editorial zu JACOBIN N°5

Illustration: Isabel Seliger (Sepia) .

Neulich schrieb ein Redakteur einer Wirtschaftszeitung, wir würden in ein paar Jahrzehnten alle rund ein Viertel weniger arbeiten. Er frohlockte: »Auf dass es uns allen möglich sein werde, ›morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden‹, wie Karl Marx so schön träumte.«

Wir erleben gerade eine groteske Zeit, in der ein Großteil der Menschen in Arbeit ersäuft (oder um sie bangen muss oder keine bekommt), während ausgerechnet das Handelsblatt von Arbeitszeitverkürzung und weniger entfremdeter Arbeit träumt. Aber wo soll das beides herkommen?

Der Staat wird zum Rollator der Wirtschaft – und wir alle sollen ihn schieben.

Die Gewerkschaften und die Linke wirken seit Beginn der Pandemie wie erstarrt, oder schlimmer noch – wenn man sich die Linkspartei ansieht –, wie gefangen in einer endlosen Spirale interner Zerwürfnisse. Der Dramatiker Peter Hacks schrieb einmal über die Antideutschtümelei des Publizisten Hermann Gremliza: »Es ist politisch nicht geschickt, in Deutschland als Deutschenhasser aufzutreten. Viele Leser stört, wenn man sie wissen läßt, daß man sie haßt.« Dasselbe gilt, wenn man für eine linke Partei antritt, um linke Politik zu machen, dann aber zu einem Kreuzzug gegen eine alles dominierende »Lifestyle-Linke« antritt, während die SPD brav ihre letzte GroKo absitzt und die Grünen sich auf’s gemeinsame Regieren mit der Union einschunkeln.

Neben jenen, die von der Arbeit anderer leben können, und der gut situierten Mittelklasse gibt es auch in unserer Gesellschaft einen »dritten Stand«, dessen Interessen auf Seiten der Entscheidungsträger selten Beachtung finden. Teile dieser Klasse wurden nach Jahren schlechter Bezahlung und Überarbeitung unlängst als »systemrelevant« gerühmt. Neu ist daran nichts. Der Staat wird, in Kriegen genauso wie in Pandemien, zum Rollator der Wirtschaft – und der Pfleger, die Kindergärtnerin und der IT-Techniker sollen ihn auf eigene Kosten schieben, wenn es kritisch wird.

Das System aber, für dessen Reproduktion Menschen auf einmal relevant sind, soll bleiben. Die Ungleichheitsmaschine läuft weiter: Arbeitgeber geben keine Arbeit, sie nehmen. Arbeitnehmer nehmen keine Arbeit, sie geben. Das wissen alle, die nicht auf den Kopf gefallen sind. Aber diese Einsicht allein ändert noch nichts. Sozialer Fortschritt fällt nicht vom Himmel, sondern wurde, seit die Menschen sesshaft wurden, erkämpft, egal ob gegen Dorfhäuptling, Sklavenhalter, Baronesse, Fabrikant, Managerin, Finanzminister oder Shareholder. Und die sind meist unbeeindruckt von feurigen Leitartikeln, Petitionen oder Aufrufen. Deshalb gilt: nicht auf den Enthusiasmus bauen, sondern auf das Interesse.

Das Interesse, nicht fremdbestimmt und nicht nur arbeiten zu müssen, ist das Thema dieser Ausgabe. Das Wort »Urlaub« stammt aus dem Mittelalter und bedeutete damals die »Erlaubnis, sich zu entfernen«.

Dieses Heft ist für den Urlaub, egal ob im Park, am See oder am Strand, bevor alles wieder wird, wie es vorher war – und es ist eine Denkpause, um zu überlegen, wie es schöner, gerechter und demokratischer zugehen könnte. Gute Reise!

#6
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