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15. Januar 2026

Was ein Elektrostaat China für die westliche Linke bedeutet

Während die USA voll auf fossile Energie setzen, ist China dabei, zum ersten Elektrostaat der Welt zu werden. Die Linke sollte sich ein Beispiel daran nehmen und selbst wieder ein Entwicklungsmodell formulieren, das den Kapitalismus übertreffen will.

Arbeiten an der Elektrizitätsinfrastruktur bei Huai'an, China.

Arbeiten an der Elektrizitätsinfrastruktur bei Huai'an, China.

IMAGO / VCG

»Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes« – so lautet Wladimir Lenins berühmte Formel für das Industrialisierungsprogramm der frühen Sowjetunion aus dem Jahr 1920. Sie verknüpft ein Governance-Modell – die Arbeiter- und Soldatenräte – mit einer energetischen Basistechnologie – der Elektrizität. Beide zusammen bildeten die zwei Pfeiler des Programms fordistischer nachholender Modernisierung durch die Bolschewiki.

Um diese in die Tat umzusetzen, wurde im Februar 1920 die »Staatliche Kommission für die Elektrifizierung Russlands« (GOELRO) ins Leben gerufen. Diese Institution arbeitete einen auf zehn Jahre ausgelegten Plan aus, der den Ausbau der Stromproduktions-Kapazitäten um das Zehnfache vorsah.

Das Modell erwies sich als außerordentlich erfolgreich, die Sowjetunion wurde in Rekordzeit industrialisiert und elektrifiziert. Die Planwirtschaft sorgte mit solchen Erfolgen weltweit für Bewunderung und spätestens nach der Weltwirtschaftskrise 1929 galt das sowjetische System global als ernsthafter Konkurrent zum krisengeschüttelten Monopolkapitalismus im Westen. Diese Rolle konnte die Sowjetunion bis weit in die 1960er Jahre behaupten, beispielsweise in der Raumfahrt war sie bis zuletzt gleichauf mit den USA.

»Auf die Herausforderung durch die Sowjetunion reagierte der Westen mit einer beispiellosen fossilen Offensive, die sich auf die Formel ›Wohlstands-Kapitalismus ist Parlamentarismus plus Öl‹ bringen lässt.«

Heute hat die Linke hingegen kein Entwicklungsmodell im Angebot, das auch nur beansprucht, den Kapitalismus zu übertreffen. Stattdessen ist es China, das Lenins Anspruch aufnimmt und daran arbeitet, zu einem vollwertigen Elektrostaat zu werden, das heißt die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu überwinden. Die Linke sollte sich an dieser Ambition ein Beispiel nehmen und ein eigenes Entwicklungsmodell formulieren – zumal die alte Formel des westlichen Kapitalismus zunehmend verbraucht zu sein scheint.

Die Formel des Westens

Auf die systemische Herausforderung durch die Sowjetunion reagierte der Westen nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer beispiellosen fossilen Offensive, die sich auf die Formel »Wohlstands-Kapitalismus ist Parlamentarismus plus Öl« bringen lässt. Die Systemkonkurrenz entfaltete sich nach dem Zweiten Weltkrieg entlang der Metriken des Fordismus, ein Wettbewerb um die Massenproduktion von Konsumgütern setzte ein, allen voran um das iconic product Verbrennungsmotor-getriebener individueller Mobilität: das Auto.

Mit der fossilen Wohlstands-Formel gelang es dem amerikanischen Modell, die Systemkonkurrenz mit der Sowjetunion letztlich für sich zu entscheiden. Bis heute gehört ein fossil-intensiver Lebensstil zu den »Errungenschaften« des Westens. Die Verschwendung von Kohlenwasserstoffen im privaten Auto, bei der Urlaubsreise und auf dem Holzkohlengrill gehören zu den hartnäckig verteidigten Säulen des »fossilen Klassenkompromisses« im Globalen Norden.

Die USA wurden zum ersten Petrostaat – einer der größten Produzenten von Erdöl und gleichzeitig der zweitgrößte Verbraucher. Mächtige Petrostaaten, wozu neben den USA Saudi-Arabien und Russland gehören, propagieren und fördern die Nutzung fossiler Brennstoffe zum Erreichen von »Energie-Dominanz«, sprich dem »Beherrschen von Energiebeziehungen« als geopolitische Strategie. Die drei genannten machen zusammen rund ein Drittel der weltweiten Rohöl-Produktion aus.

»Wer heute in Shanghai auf den dichten Straßenverkehr blickt, fast ausschließlich E-Autos sieht und statt Motorenlärm beruhigendes Vogelzwitschern hört, der ahnt, was mit Elektrostaat gemeint ist.«

Als Petrostaaten gelten zunächst diejenigen Länder, deren Wirtschaft und Staatseinnahmen sich überwiegend auf die Förderung und den Export von Erdöl und Erdgas stützen. Das gilt für die in der OPEC+ organisierten Erdölexportierenden Länder wie Saudi-Arabien und Venezuela, aber auch Russland. Ihre Staatshaushalte, ihr außenpolitischer Einfluss und oft auch ihre innenpolitische Stabilität hängen vom Preis und der Versorgung mit fossilen Brennstoffen ab.

Doch nahezu alle Länder dieser Erde sind Petrostaaten in dem Sinne, dass sie sich in einer umfassenden Öl-Abhängigkeit befinden. Das gilt dem Politologen Timothy Mitchell zufolge insbesondere für die Industrieländer: »Ohne die Energie, die sie aus dem Öl gewinnen, gäbe es ihre heutigen Formen des politischen und wirtschaftlichen Lebens nicht. Ihre Bürger haben Ernährungs-, Reise-, Wohn- und Konsumgewohnheiten entwickelt, die sehr große Mengen an Energie aus Öl und anderen fossilen Brennstoffen erfordern.«

Chinas neue Alternative

Die geopolitischen Energiebeziehungen zwischen dem Globalen Norden und Süden werden gerade neu geschrieben: Das Schwellenland China versucht, der erste Elektrostaat der Erde zu werden, also seine Energieerzeugung, industriellen Prozesse und Konsumtion vollständig zu elektrifizieren. Obwohl China noch immer der weltweit größte Importeur von Öl und Erdgas und der größte Verbraucher von heimischer Kohle ist, deutet seine langfristige Entwicklung auf eine Abkehr von der Abhängigkeit von fossilen beziehungsweise kohlenstoffbasierten Primärenergiequellen hin. Wer heute in Shanghai auf den dichten Straßenverkehr blickt, fast ausschließlich E-Autos sieht und statt Motorenlärm beruhigendes Vogelzwitschern hört, der ahnt, was mit Elektrostaat gemeint ist.

Auch China verbindet eine spezifische Form der Governance mit einer neuen Basistechnologie. Die chinesische Modernisierungsformel könnte in Anlehnung an Lenin etwa so lauten: »Sozialismus mit chinesischen Charakteristika ist KP-Herrschaft plus Elektrifizierung des ganzen Landes.« Wie einhundert Jahre zuvor, haben wir es auch in China mit einer herrschenden kommunistischen Partei zu tun, die diesmal allerdings einen Markt für sein Elektrifizierungsprogramm schafft.

Analog zu GOELRO in der Sowjetunion ist es aber auch in China eine umfassende staatliche Wirtschaftsplanung, die diese Entwicklung ermöglicht. Denn planwirtschaftliche Instrumente wurden nach der Mao-Ära nicht aufgegeben, sondern zum zentralen politischen Gestaltungsinstrument umstrukturiert, um Zukunftsvisionen mit ausformulierten indikativen Zielen und konkreten Maßnahmen in die Realität umzusetzen.

»Die Effizienz von Chinas staatlich gesteuerter Transformation stellt die vermeintliche Überlegenheit liberaler Marktlogiken des Globalen Nordens infrage.«

Anders als noch zu Lenins Zeiten haben wir es heute mit einer »Zweiten Elektrifizierung« zu tun, also dem Auf- und Ausbau von Solar, Wind und Batteriespeichern sowie elektrifizierten Transport- und Produktionssystemen. Die erste Elektrifizierung begann Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem Siemens 1867 die Dynamomaschine erfunden hatte, die es erstmals erlaubte, unabhängig von Wasser- oder Windkraft aus Bewegung Elektrizität zu erzeugen.

2014 bemängelte Chinas Präsident Xi noch die »technologische Rückständigkeit« des Energiesektors. Seitdem hat sich das Land mit Innovationen hervorgetan. In weniger als 25 Jahren ist Chinas Anteil an der neuen weltweiten Kapazität im Bereich Wind- und Solarenergie von 0,6 Prozent auf satte 63,3 Prozent gestiegen.

Heute ist China mit großem Abstand der wichtigste Hersteller und gleichzeitig der größte Abnehmer für neue grüne Technologien: Über 80 Prozent der weltweiten Solar-PV-Komponenten kommen aus chinesischer Produktion. Das Land ist nicht nur der größte Hersteller von Elektroautos, sondern mit 61 Prozent des weltweiten Absatzes auch der größte Markt. Weltweit gehen kontinuierlich 60 Prozent des Wachstums an installierten erneuerbaren Energiekapazitäten auf das Land zurück.

Während Europas politische Elite noch darüber diskutiert, Klimamaßnahmen aufzuschieben, um fossile Industrien und ihre Arbeitsplätze zu schützen, hat Chinas Sektor der erneuerbaren Energien 2023 mit 7,4 Millionen Beschäftigten mehr als doppelt so viele Arbeitsplätze geschaffen, wie im Kohlesektor in den letzten Jahren verloren gingen. 2024 steuerte die ökologische Transformation bereits rund 10 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und ist damit – wie geplant – zum wichtigsten Motor von Chinas Wirtschaftswachstum geworden.

In die Petro-Abhängigkeit und wieder heraus

Um diese Entwicklung zu verstehen, müssen wir bis in die 1970er Jahre zurückgehen: Gleichzeitig mit Chinas Öffnung für internationale Märkte stieß das fordistische Wachstumsmodell des globalen Nordens an Grenzen, hatte mit Überkapazitäten, Marktübersättigung und hohen Energiepreisen zu kämpfen. China war damals eines der ärmsten Länder der Welt und lockte mit Niedriglöhnen, geringen Umweltauflagen und laxen Arbeitsrechten sowie einer disziplinierten industriellen Armee an Arbeitskräften.

Die darauffolgende Produktionsverlagerung insbesondere der USA und der heutigen Mitgliedsländer der EU nach China machte dieses zur Fabrik für Billigprodukte des Globalen Nordens. Die Produktionskosten sanken, die Profite in den Industrieländern stiegen, die chinesische Arbeiterschaft entkam der Armut und erreichte einen »bescheidenen Wohlstand«. China wurde zur vielzitierten »Werkbank der Welt«.

Kaum in den globalen Handel integriert, wurden die geopolitischen Energiebeziehungen für das Land der Mitte bereits zum Problem. Mit Chinas exportorientiertem Entwicklungsmodell stieg auch der industrielle Energieverbrauch massiv. 1985 wurde das Land zu einem Netto-Importeur von Öl, das heißt einem energieabhängigen Petrostaat. Die globale Wettbewerbsfähigkeit von Chinas Industrie wurde dadurch abhängig von niedrigen Ölpreisen. Und so geriet die politische und wirtschaftliche Souveränität Chinas durch drohende Ölknappheit infolge der beiden Golfkriege in Gefahr.

Zudem zeitigte die lokale industrielle Expansion und die für sie notwendige Produktion von Energie vordergründig auf Kohlebasis massive negative Auswirkungen auf Chinas Umwelt und seine Bevölkerung. Etwa 2 Millionen Menschen sterben in China noch heute jährlich an den Folgen von Luftverschmutzung, verursacht durch Abgase aus Industrie und Verkehr sowie durch das Heizen und Kochen mit fossilen und festen Brennstoffen im Haushalt. Die Gefährdung der öffentlichen Gesundheit und mit den 2000er Jahren zunehmende, auch gewaltsame Proteste setzen die politische Stabilität des Einparteienstaates unter Druck.

In den 1990ern beginnt die politische Führung, über Alternativen nachzudenken. Das mündet 1996 in den ersten Entwicklungsplan für neue und erneuerbare Energien der chinesischen Regierung. Darin will China nicht nur den Umweltschutz stärken, sondern definiert ein grünes Entwicklungsmodell: »Grüne Technologien« sollen zum Motor des Wirtschaftswachstums werden. Energieabhängigkeiten sollen reduziert und Chinas wirtschaftliche und damit geopolitische Souveränität gestärkt werden. Auch zielt der Entwicklungsplan auf ein technologisches Aufholen mit dem Globalen Norden.

»Die alten Industrie- und Kolonialmächte kommen nicht vom Verbrenner los, während China und der Globale Süden die Elektrifizierung der Welt selber machen müssen.«

Dabei wartet China nicht auf den Zufall eines grünen Marktes, sondern nimmt dessen Herausbildung selbst in die Hand. Chinas Wirtschaftsplaner arbeiten seit knapp drei Jahrzehnten daran, durch Elektrifizierung ökonomische und ökologische Entwicklung miteinander zu verbinden. Die Dekarbonisierungs-Ziele werden verknüpft mit einer Entwicklungsperspektive.

Das lässt sich am Ausbau in Chinas Westen ablesen, der wirtschaftlich zurückgeblieben, aber reich an Sonnenstunden und Wind ist. Seit Anfang der 2000er Jahre wird dort eine Politik verfolgt, die neben dem Ausbau der erneuerbaren Kapazitäten und dem Bau von Ultrahochspannungsleitungen in den industrialisierten Südosten die Verbesserung der Lebensumstände der lokalen Bevölkerung zum Ziel hat: Millionen Haushalte erhielten erstmals Anschluss ans Stromnetz.

Was als staatliches Programm zur Elektrifizierung des abgelegenen Westens von China begann, wurde zum Vorbild für das elektrische Entwicklungsmodell des ganzen Landes. Die Regierung setzt strategische Ziele und steuert zu deren Erreichung Großprojekte zentral. Sie koppelt Baugenehmigungen für Unternehmen an Lokalisierungsraten und fördert anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung direkt in den Projekten. Die Öffentliche Beschaffung schafft verlässliche Nachfrage für lokale Innovationen und finanziert zugleich den Ausbau der Infrastruktur, die für ihre Anwendung nötig ist. Ist der Markteintritt für eine neue Technologie geschafft, zieht sich der Staat sukzessive zurück und überlässt die Steuerung Wettbewerbsmechanismen: Harte Konkurrenzkämpfe sollen zu technologischen Fortschritten anreizen und ineffiziente Unternehmen vom Markt drängen. So entsteht ein geschlossener Entwicklungszyklus aus staatlichen Zielvorgaben und Anreizen, technologischer Umsetzung und Marktdynamik.

Die Effizienz dieser staatlich gesteuerten Transformation stellt die vermeintliche Überlegenheit liberaler Marktlogiken des Globalen Nordens infrage. Während nach dem Ende des Kalten Krieges jede Alternativgeschichte zum Zusammenhang von Kapitalismus, Demokratie und technologischem Fortschritt als beendet galt, zeigt China, dass sich industrielle Modernisierung und ökologischer Wandel hocheffizient mittels Wirtschaftsplanung unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei vollziehen kann.

Drill, baby, drill

Chinas systemische Herausforderung durch seine Entwicklung zum Elektrostaat beantwortet der US-Hegemon mit einer Neuauflage der alten fossil-imperialen Formel: »Drill, baby, drill« lautet die Parole. Im vergangenen Jahrzehnt haben sich die USA auch zum weltgrößten Öl- und Erdgasproduzenten und zum größten Exporteur von Flüssigerdgas (LNG) entwickelt. Die Trump-Regierung konzentriert sich darauf, die Nutzung fossiler Brennstoffe zu maximieren und die Rolle Amerikas als globaler Lieferant von Kohlenwasserstoffen zu stärken. Die USA formulieren ein Energieprogramm, das Wind und Sonne explizit ausschließt, nicht aber Kernenergie.

In einer Executive Order von Präsident Trump liest sich das Programm imperialer Energie-Dominanz so: »Durch die Nutzung unserer erstaunlichen nationalen Ressourcen, darunter Rohöl, Erdgas, Erdgaskondensate, Flüssiggas, raffinierte Erdölprodukte, Uran, Kohle, Biokraftstoffe, Erdwärme, die kinetische Bewegung fließenden Wassers und wichtige Mineralien, werden wir unsere schönsten Orte bewahren und schützen, unsere Abhängigkeit von ausländischen Importen verringern und unsere Wirtschaft ausbauen – und so die Reduzierung unserer Defizite und unserer Schulden ermöglichen.« Diese Politik radikalisiert allerdings nur diejenige der Vorgängerregierung – der Energieberater der Biden-Administration John Podesta erklärte nämlich im Juni 2024: »Die Vereinigten Staaten sind heute der größte Öl- und Gasproduzent der Welt und der größte Erdgasexporteur, und das ist eine gute Sache.«

Doch die Attraktivität des US-Angebots für die Welt ist diesmal noch zweifelhafter als beim ersten Mal, als freedom and democracy für die Hinterhöfe dieser Welt keine sehr rosige Aussicht waren. Diesmal hat der Globale Süden Gaza und den dort exerzierten Genozid als das Schicksal vor Augen, das die USA und ihre Verbündeten für marginalisierbare Bevölkerungen dieser Erde im Extremfall bereithalten.

Auch die US-Intervention in Venezuela Anfang Januar wird nicht nur die Staaten des Globalen Südens noch mehr auf Distanz gehen lassen. Die US-Intervention und die Entführung des venezolanischen Machthabers Maduro überfordern selbst amerikanische Ölkonzerne, die angesichts eines globalen Überangebots und fallender Ölpreise kaum wissen, wie zusätzliche kostenintensive Förderprojekte ihre Gewinne steigern sollen. China als der Hauptabnehmer venezolanischen Öls macht aus dem Deal auch nicht gerade ein sicheres Investment.

»Die USA bieten heute kein universelles Entwicklungsmodell mehr an. Das günstige Auto, dessen Besitz auch im Globalen Süden angestrebt wird, ist diesmal elektrisch und kommt aus China.«

Dadurch wird sichtbar, wie eng Energiebeziehungen und Machtpolitik miteinander verknüpft sind. Das Vorgehen in Venezuela folgt dem erklärten Ziel, ein politisches Warnsignal zu setzen – für den amerikanischen Kontinent und, mit Blick auf Grönland, auch für die EU. Wer sich dem Machtanspruch eines amerikanischen »Hinterhofs« im Wiederbeleben der Monroe-Doktrin nicht unterwirft, läuft Gefahr, in einen militärischen Konflikt mit der weltweit mächtigsten Armee gezogen zu werden.

Dabei bieten die USA auch kein universelles Entwicklungsmodell mehr an. Das günstige Auto, dessen Besitz auch im Globalen Süden angestrebt wird, ist diesmal elektrisch und kommt ebenfalls aus China. Auch in der EU ist der Flirt mit dem Green Deal vorbei, es heißt: »Der Verbrenner wird noch gebraucht«, amerikanisches Gas soll russisches ersetzen. Laut dem neuen Handelsabkommen zwischen Ursula von der Leyen und Donald Trump verpflichtet sich die EU, bis 2028 Öl und Gas im Wert von bis zu 750 Milliarden US-Dollar aus den USA zu beziehen. 600 Milliarden Euro sollen europäische Unternehmen bis 2028 in die USA investieren.

Währenddessen fehlt das Kapital für Europas Zukunft: Laut dem Draghi-Bericht wären jährlich 750 bis 800 Milliarden Euro dringend nötig, um die grüne und digitale Transformation zu stemmen und Innovationskraft zurückzugewinnen. Stattdessen wird die grüne Transformation hintangestellt und die Abhängigkeit in den Energiebeziehungen aufrechterhalten. Damit scheitert die EU an ihrem eigenen Anspruch. Noch vor ein paar Jahren ging man davon aus, dass die westlichen »entwickelten Industrieländer« der primäre Treiber hinter einer globalen Dekarbonisierung seien – so zum Beispiel Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.

Wie reagiert die Linke?

In der Linken werden die Elektrifizierungserfolge der Volksrepublik jedoch kaum wahrgenommen, historische Entwicklungen sowie die spezifischen sozioökonomischen Institutionen Chinas stoßen ebenfalls auf wenig Interesse. Stimmen wie die von UNO-Generalsekretär Guterrez auf der China-Afrika-Konferenz werden ignoriert. Dort hatte er erklärt: »Die Allianz zwischen China und Afrika kann die Revolution der erneuerbaren Energien vorantreiben.« Die Linke hält fest an der These einer »verhinderten Transformation« angesichts des Scheiterns etwa des European Green Deals. Sie geht trotz der Elektrifizierung in China von einer Vorreiterrolle der Industriestaaten bei der Dekarbonisierung aus, von der längst keine Rede mehr sein kann.

Dazu kommt eine in der Linken verbreitete Skepsis gegenüber technologischen Lösungen für die Klimakrise, seien es Elektroautos oder der Ausbau der Erneuerbaren. Mit dem Hinweis auf grünen Extraktivismus und Rohstoffbedarf werden diese ignoriert. Stattdessen wird eine diffuse Perspektive auf Degrowth aufgemacht. Dabei wäre die Dekarbonisierung erste Pflicht der ehemaligen Kolonial- und Imperialstaaten, argumentiert der Historiker David von Reybrook: »Der Ersatz fossiler Brennstoffe ist wirksamer gegen den Kolonialismus als die Entfernung von Statuen.« Die alten Industrie- und Kolonialmächte kommen nicht vom Verbrenner los, während China und der Globale Süden die Elektrifizierung der Welt selber machen müssen.

Und was für eine Entwicklungsformel bietet die Linke an? Am ehesten so etwas wie »Ökosozialismus ist gleich mehr Demokratie und weniger Konsum«. Das ist für die überwiegende Mehrheit der Welt keine attraktive oder überzeugende Option, von Beijing bis Gaza, von Sao Paolo bis Kapstadt, von Berlin-Neukölln bis Wien-Floridsdorf.

»Die Entwicklungsformel ›Ökosozialismus ist gleich mehr Demokratie und weniger Konsum‹ ist für die überwiegende Mehrheit der Welt keine attraktive oder überzeugende Option.«

Für immer mehr Menschen ist geringerer Konsum ohnehin keine freiwillige Entscheidung, sondern ein unausweichlicher Zwang, der ihre gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigt. Die zunehmende Ungleichheit und die bereits bei der Geburt vorgezeichneten Lebenschancen sind inzwischen selbst in Ländern des Globalen Nordens so ausgeprägt, dass der Soziologe Mike Savage von einer Rückkehr der Ständegesellschaft spricht.

Zwar ist die Kritik der Degrowth-Bewegung an der Konsumgesellschaft durchaus berechtigt, doch liefert sie selbst keine tragfähige Zukunftsperspektive. Die Wirtschaftsplanungs-Fürsprecher Jan Groos und Christoph Sorg schreiben: »Die Menschen werden nicht mobilisiert und radikalisiert, da sie im linken Diskurs keine attraktive und überzeugende Alternative zum Kapitalismus finden.« Der Linken fehlt ein Plan für die Zukunft.

Wir brauchen ein attraktives Modell, das über Degrowth und mehr Demokratie hinausgeht – eine Entwicklungsperspektive innerhalb planetarer Grenzen. Wir denken, die Linke täte gut daran, ein Modell anzubieten, das beides kann: eine politische Planungsperspektive, die kybernetische Feedbackstrukuren und Vergesellschaftung kombiniert mit dekolonialer Dekarbonisierung; eine Perspektive, die in der Tradition von Lenin eine Aussicht auf Fortschritt bietet, eine spezifische Governance mit Schlüsseltechnologien kombiniert und trotzdem die Grenzen des Planeten berücksichtigt.

Der kanadische Marxist Nick Dyer-Witheford beschreibt dieses notwendige Navigieren als eines in einem Korridor »zwischen einer Obergrenze der ökologischen Nachhaltigkeit und einer Untergrenze der gleichberechtigten sozialen Entwicklung«. Der Ökosozialist David Schwartzman nennt das Programm eines solchen Korridors »Solarisierung der Weltwirtschaft sowie die Anwendung der Eindämmungs- und Vorsorgeprinzipien« und betont, »diese Anforderungen sollten in eine tragfähige sozialistische Strategie einfließen«. In diesem Sinne schlagen wir eine Formel vor, die etwa lauten könnte: »Öffentliche Planung plus Zweite Elektrifizierung«.

Timo Daum ist Sachbuchautor und Unilektor. Er ist Gastwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und promoviert an der TU Berlin. 

Lia Musitz ist Sinologin und freie Studienautorin. Sie schreibt u. a. für die Hans-Böckler-Stiftung, die Arbeiterkammer Wien und das Europäische Parlament zu Chinas politischer Ökonomie und grüner Transformation.