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17. Juni 2026

Was Elon Musks Aufstieg zum Billionär bedeutet

Als erster Billionär der Welt verfügt Elon Musk über einen Reichtum, den der menschliche Verstand kaum noch fassen kann. Eine funktionierende Gesellschaft würde niemals Ungleichheit dieser Größenordnung hervorbringen.

Der Börsengang von Elon Musks SpaceX wurde auf die Fassade der Nasdaq MarketSite Exchange auf dem New Yorker Times Square liveübertragen.

Der Börsengang von Elon Musks SpaceX wurde auf die Fassade der Nasdaq MarketSite Exchange auf dem New Yorker Times Square liveübertragen.

IMAGO / UPI Photo

In seinen Gesetzen schrieb der Philosoph Platon einst, in einer gut regierten Stadt sollte kein Bürger mehr als das vierfache Vermögen eines anderen Bürgers besitzen. Denn wenn man solch extreme Ungleichheit zulasse, würde dies dem gemeinschaftlichen Zusammenhalt schaden. Letztendlich würde das Gefühl entstehen, es gäbe zwei Städte – eine für Reiche und eine für Arme.

An diese Warnung musste ich in der vergangenen Woche denken, als die Nachricht eintrudelte, dass Elon Musk mit dem Börsengang seines Unternehmens SpaceX nun offiziell der erste Billionär der Welt ist.

Man stelle sich einen Vampir vor, der 1492 mit Christoph Kolumbus in die Neue Welt kam. Jeden Tag, vom Moment der Anlandung bis heute, gelang es dem Vampir irgendwie, den Gegenwert von einer Million US-Dollar des Jahres 2026 zu verdienen oder zu stehlen. Der Vampir stapelt das Geld einfach in seinen Särgen, sodass er keine Zinsen bekommt und nichts davon ausgibt. In diesem Beispiel wäre der Vampir bereits 1495 – also nach nur drei Jahren – Milliardär. Allerdings würde es fast 2.740 Jahre dauern, bis er Billionär wäre, also irgendwann im 43. Jahrhundert. Im aktuellen Jahr 2026 hätte er noch nicht einmal ein Fünftel dieses Weges zurückgelegt.

Es ist schwer vorstell- und kaum vermittelbar, warum ein einziger Mann die Kontrolle über einen derart großen Teil der Ressourcen einer Gesellschaft haben sollte. Will irgendjemand ernsthaft behaupten, dass Elon Musk viele Millionen Mal fleißiger ist als Menschen, die auf dem Bau oder in der Fleischverarbeitung arbeiten? Oder dass sein einzigartiges Genie so viele Millionen Mal wertvoller ist als das Gehirn einer durchschnittlichen Physikerin oder eines Mathematikers?

Das klingt nicht besonders plausibel. Und das wäre es auch dann nicht, wenn Musk tatsächlich persönlich für alle Innovationen in seinen Firmen verantwortlich wäre (was seine Fans natürlich so sehen). Doch nicht alle, die im weiteren Sinne politisch links stehen, zeigen sich von Musks Aufstieg zum Billionär beunruhigt. Das sagt viel über die Unterschiede zwischen den Werten des Liberalismus und des demokratischen Sozialismus aus.

Ungleichheit und Lebensstandard

Die liberale Kommentatorin Jerusalem Demsas vertritt beispielsweise im Magazin The Argument in einem Artikel über Musk die Ansicht, Ungleichheit spiele im Grunde kaum eine Rolle, solange alle Menschen einen angemessenen Lebensstandard haben. Dass Musk nun Billionär ist, ist demnach also kein großes Ding. »Ich glaube einfach nicht, dass Ungleichheit in nennenswertem Zusammenhang mit den zentralen Problemen steht, denen die Gesellschaft sich gegenübersieht«, schreibt Demsas und mahnt uns, den Blick auf die Untergrenze zu richten statt auf die immer höheren Vermögen irgendwelcher Superreicher.

Sie behauptet kategorisch, »Unterschiede zwischen Menschen, sofern keine materielle Not vorliegt«, seien »schlichtweg kein moralisches Problem«. Eine solche Haltung wird in der Philosophie als »Suffizientarismus« bezeichnet. Die Idee dahinter: Solange jeder genug hat, spielt es keine Rolle, wie viel mehr andere besitzen. Wenn »jeder auf der Welt Zugang zu einem angemessenen Lebensstandard, aber manche Menschen Fantastillionen zur Verfügung hätten«, schreibt Demsas, gehe das schon in Ordnung. Im Gegensatz dazu wäre »eine Welt ohne große Ungleichheit, aber mit großen Entbehrungen« ziemlich schlimm – und genau so habe es »während des größten Teils der Menschheitsgeschichte ausgesehen, als die meisten Menschen noch in agrarischen Subsistenzwirtschaften lebten«.

Demsas geht von einer moralischen Nullsummenentscheidung aus: Entweder man kümmert sich um die Höhe der Vermögensuntergrenze oder aber um die Kluft zwischen Unten und Oben. Tatsächlich sollten wir aber beides angehen.

»Je mehr Reichtum und Macht wir den Menschen am oberen Ende der Skala zugestehen, desto weniger Hoffnung gibt es auf eine Politik, die Menschen an der Untergrenze zugutekommt.«

Zunächst einmal mögen die beiden Themen abstrakt betrachtet als voneinander getrennt erscheinen, doch im realen Leben sind sie eng miteinander verflochten. Reiche Oligarchen wie Musk haben eindeutig politischen Einfluss darauf, dass der Sozialstaat in den USA notorisch unterentwickelt bleibt. Letzterer wird so vernachlässigt, dass wir es selbst im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts immer noch nicht geschafft haben, eine staatliche Krankenversicherung für alle Menschen im Land einzuführen. Man kann zusammenfassen: Je mehr Reichtum und Macht wir den Menschen am oberen Ende der Skala zugestehen, desto weniger Hoffnung gibt es auf eine Politik, die Menschen an der Untergrenze zugutekommt.

Zweitens: Selbst wenn wir diese beiden Aspekte voneinander trennen könnten, sollten wir die Annahme hinterfragen, dass letztlich nur die Frage nach Entbehrungen und Elend zählt – und eine größere »Fairness« zwischen den Vermögen irrelevant ist. Man stelle sich eine Welt vor, in der jede Person das hätte, was sie persönlich als »genug« betrachtet. Man stelle sich nun vor, dass alle Schwarzen in dieser Welt bei diesem »Genug« bleiben, während alle Weißen auf einem weitaus höheren Niveau starten. Vermutlich würden Liberale dies (zu Recht) als unerträglich ungerecht empfinden. Sie würden kritisieren, dass ein willkürlicher Faktor wie die Hautfarbe keinen Einfluss auf den Lebensverlauf eines Menschen haben dürfe.

Genau diese Argumentation muss auch für finanzielle Ungleichheit gelten: Es sollten keine Unterschiede dadurch entstehen, dass manche Menschen in die Arbeiterklasse hineingeboren werden und andere als Erben in reiche Familien.

Es ist eine Sache, zu argumentieren, wir müssten ein gewisses Maß an Ungleichheit als Preis für eine florierende Wirtschaft in Kauf nehmen (obwohl dabei die Beweislast bei denjenigen liegen sollte, die nach wie vor glauben, wir könnten keine massiven Fortschritte bei der Gleichheit erzielen und gleichzeitig die Untergrenze auf einem akzeptablen Niveau halten). Es ist aber etwas ganz anderes, zu behaupten, diese extreme Ungleichheit, die uns Billionäre beschert, spiele überhaupt keine Rolle.

Wenn die besagte Untergrenze, die soziale Grundsicherung, so niedrig angesetzt ist, dass es manchen Menschen an medizinischer Versorgung oder sauberem Trinkwasser mangelt, erkennen auch Liberale diese Ungerechtigkeit und denken darüber nach, mit welchen technokratischen Maßnahmen sie behoben werden könnte. Sozialistinnen und Sozialisten sehen eine extrem ungleiche Verteilung von Reichtum (und damit auch von wirtschaftlicher Macht) als ebenso ungerecht und empörend an. Die ideologischen Scheuklappen prokapitalistischer Liberaler wie Demsas machen es ihnen hingegen schwer, in dieser zweiten Ungerechtigkeit ein Problem zu erkennen.

Der sozialistische Kompass

Zu betonen, dass beide Aspekte wichtig sind, ist kein neuartiger Versuch, es allen recht zu machen. Es ist vielmehr die klassische sozialistische Position. Es gibt einen Grund, dass Karl Marx und Friedrich Engels auf den ersten Seiten des Kommunistischen Manifests von der Leistungsfähigkeit des Kapitalismus beim Aufbau von Strukturen für eine fortschrittliche Weltwirtschaft schwärmen: Sie wollten nicht zurück in eine Welt der Subsistenzwirtschaft, aber sie waren auch nicht der Meinung, dass wir lernen müssten, mit kapitalistischer Ungleichheit zu leben.

Stattdessen habe die Art und Weise, wie der Kapitalismus die globale wirtschaftliche Entwicklung angekurbelt hat, erstmalig in der Geschichte die Möglichkeit geschaffen, auf eine postkapitalistische Welt hinzuarbeiten, die besser wäre als alle ihre Vorgängerversionen. Diese Vision bleibt der Leitgedanke des Sozialismus und sein Kompass.

Wenn Arbeiterinnen und Arbeiter sowie die breiteren Gemeinschaften, denen sie angehören, ihre eigenen Arbeitsstätten kollektiv und demokratisch leiten und darüber entscheiden würden, wie die Erträge ihrer gemeinsamen Arbeit verteilt werden, hätten am Ende möglicherweise nicht alle das genau gleiche Einkommen. Manche Menschen müssten beispielsweise mit höheren Gehältern gelockt werden, um Führungspositionen mit viel Stress und Verantwortung zu übernehmen oder besonders schmutzige und gefährliche Arbeiten auszuüben, die niemand sonst machen will.

Was wir jedoch nicht hätten, wäre Ungleichheit, die auf reinem Glück bei der Geburt beruht und inzwischen so sehr außer Kontrolle geraten ist, dass wir unseren aktiven Wortschatz um Begriffe wie »Billionär« erweitern müssen.

Ben Burgis ist Kolumnist bei Jacobin, Autor des Buches Give Them an Argument: Logic for the Left und Host des gleichnamigen Podcasts Give Them an Argument.