27.04.2020

Nicht alles ist emotionale Arbeit

Neuerdings wird das Konzept der »emotionalen Arbeit« benutzt, um das Verhalten von Freundinnen und der Familie zu bewerten. Das bringt uns der Befreiung keinen Schritt näher. Stattdessen muss es wieder um die Bedingungen von Arbeiterinnen gehen.

Das zentrale Beispiel in Hochschilds Buch ist das einer Flugbegleiterin, ein extrem feminisierter Beruf, in dem von den Angestellten stets erwartet wird, ruhig, zugewandt und freundlich zu bleiben.

Das zentrale Beispiel in Hochschilds Buch ist das einer Flugbegleiterin, ein extrem feminisierter Beruf, in dem von den Angestellten stets erwartet wird, ruhig, zugewandt und freundlich zu bleiben.

Flickr/SuckTheButton.

Von Erica West

Übersetzung von Elena Stingl

Emotionale Arbeit ist ein verwirrender Begriff. Es gibt ihn seit über dreißig Jahren. In letzter Zeit taucht er überall auf, wird jedoch oft falsch verwendet. Heute wird das Konzept meist auf Frauen bezogen, die sich um anderer Leute Emotionen kümmern – vor allem die ihrer Ehemänner oder Partner –, die den Haushalt erledigen oder die Männern und weißen Menschen das Patriarchat oder Rassismus erklären.

In einem Blogeintrag auf The Toast nennt Jess Zimmermann sarkastisch Beispiele für emotionale Arbeit und führt entsprechend Kosten auf: »So tun, als fände man dich faszinierend: 100$. Dein Ego streicheln, damit Du Dich nicht aufregst: 150$. Doof grinsen, während Du eine schlechtere Version meiner Witze erzählst: 200$. Dir die simpelsten Grundlagen des Feminismus erklären als wärst Du fünf Jahre alt: 300$.«

Tatsächlich zirkulierte in den sozialen Medien kürzlich eine richtige »Rechnung für emotionale Arbeit«, auf der ähnliches aufgelistet wird wie in Zimmermanns Artikel: Sich um die Gefühle anderer Leute kümmern (gemeint sind meist heterosexuelle, weiße Männer) und Rassismus und systematische Unterdrückung erklären.

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Das gekaufte Herz

Unter dem ursprünglichen Begriff der »Emotionsarbeit« wurde jedoch etwas anderes verstanden. Geprägt hat ihn 1983 die Soziologin Arlie Hochschild, die ihn verwendete, um zu beschreiben, wie Arbeiterinnen während der Arbeit ihre Emotionen kontrollieren müssen, und in welchen Berufen ein solches Verhalten von Arbeiterinnen erwartet wird. Zentrales Beispiel in Hochschilds Buch Das gekaufte Herz von 1979 ist das einer Flugbegleiterin, ein extrem feminisierter Beruf, in dem von den Angestellten stets erwartet wird, ruhig, zugewandt und freundlich zu bleiben.

In einem Interview von 2018 definiert Hochschild emotionale Arbeit als »Lohnarbeit, bei der es zentral darum geht, bei der Arbeit das richtige Gefühl zu verspüren. Dies beinhaltet das Hervorrufen und Unterdrücken von Gefühlen. Manche Berufe erfordern dies mehr als andere. Von der Flugbegleiterin, die für ihren Beruf besonders freundlich, bis zum Rechnungseintreiber, der für seine Arbeit, wenn nötig, besonders ruppig sein muss, wird emotionale Arbeit in einer Menge von Berufen erwartet.«

Ziemlich weit weg also von den Interaktionskosten, die Zimmermann oben aufzählt. Wie kam es zu dieser Begriffsverschiebung? Und warum ist das wichtig?

Die Erklärung hängt damit zusammen, wie sich individualisierte Vorstellungen von sozialem Wandel seit dem Ende des Aufschwungs der 1960er und 70er Jahre durchgesetzt haben. Viele Linke meinten damals, die Revolution sei um die Ecke. Doch die Chancen auf radikale Veränderungen schrumpfte im Laufe der Jahre. Soziale Bewegungen wurden zerschlagen, ihre Anführerinnen ermordet oder ins Exil getrieben. Ökonomische Krisen trugen ihr Übriges zum reaktionären Backlash bei.

David Harvey, Professor und Autor der Kleinen Geschichte des Neoliberalismus erklärt, dass in dieser Zeit die Klasse der Kapitalistinnen »verzweifelt versuchte, einen wirtschaftlichen Reichtum zurückzuerlangen, der Ende der 1960er, Anfang der 70er ernsthaft bedroht war, weshalb sie ihre Macht neu ordnete«. Margaret Thatcher und Ronald Reagan waren die Protagonistinnen und Protagonisten dieser Phase und läuteten die neue globale Ära des Neoliberalismus ein. Gewerkschaften wurden zerschlagen und die Ausgaben für das Sozialwesen gedrosselt. Thatcher sagte uns: »Es gibt keine Gesellschaft.« Die neue Ideologie der besitzenden Klasse verband sich mit der Erschöpfung und dem Pessimismus über die Rückschläge der 1960er und 70er Jahre. Dies führte zu einer bestimmten Logik: Lösungen für gesellschaftliche Probleme wurden nicht mehr in kollektiven, sondern in atomisierten, individuellen Beziehungen und Handlungen gesucht.

Verständlich wird insofern, warum ein Konzept, das eigentlich dazu diente Arbeitsbedingungen von Arbeiterinnen zu untersuchen, im Jahr 2019 einen Mann dazu veranlasste, einer Freundin 50 Dollar für ihre Unterstützung bei der Verarbeitung seiner Trennung zu zahlen.

Der Begriff »emotionale Arbeit« bezieht sich zwar nicht auf die Pflichten im Haushalt, die oft Frauen aufgehalst werden, dennoch sind diese Arbeit und ihre geschlechtsspezifischen Dynamiken nach wie vor wichtige Orte der Analyse und des Kampfes. In den 1970er Jahren haben sich sozialistische Feministinnen ausführlich mit der Forderung beschäftigt, einen »Lohn für Hausarbeit« einzuführen, also mit der Idee, dass Kochen, Putzen und überhaupt, den Haushalt zu regeln, Arbeit ist, und dass Arbeit entlohnt werden soll. Die italienische, marxistische Feministin Silvia Federici schreibt in ihrem Grundlagentext »Lohn gegen Hausarbeit«:

»Das Kapital musste uns überzeugen, dass Hausarbeit eine natürliche, unvermeidbare und sogar erfüllende Tätigkeit ist, damit wir unsere unbezahlte Arbeit hinnahmen. Umgekehrt wurde das Unbezahltsein der Hausarbeit die mächtigste Waffe, um die gängige Annahme zu bestärken, dass Hausarbeit keine Arbeit sei. So wurden Frauen davon abgehalten, gegen Hausarbeit zu kämpfen, abgesehen von den privatisierten Küchen- und Schlafzimmer-Streitereien, die die ganze Gesellschaft übereinstimmend belächelte und damit die Akteurinnen eines sozialen Kampfes missachtete. Wir werden als nörgelnde Furien gesehen, nicht als kämpfende Arbeiterinnen.«

Ein wichtiger Unterschied

Federici erkannte die Arbeit im Haushalt als Ort des Klassenkampfes für Frauen der arbeitenden Klasse an. Während es also nicht emotionale Arbeit ist, deinem Freund die Wäsche zu waschen, handelt es sich doch um eine geschlechtsspezifische Aufgabe, die Sozialistinnen seit langem analysieren.

Warum ist dieser Unterschied wichtig? Weil wir eine genaue Analyse unserer Arbeitsbedingungen brauchen und wissen müssen, wer unsere Feinde sind und worin unsere Macht besteht.

In den 1970er und 80er Jahren diskutierten marxistische Feministinnen wie Federici und Angela Davis, was der beste Weg sei, gegen geschlechtsspezifische Arbeit zu kämpfen: mit der Forderung nach Entlohnung oder durch die Vergesellschaftung von Hausarbeit als gemeinschaftlicher Arbeit. In ihrem Klassiker Rassismus und Sexismus: Schwarze Frauen und Klassenkampf in den USA argumentiert Davis, dass schwarze Frauen und Migrantinnen für ihre Arbeit als Zimmermädchen, Babysitterinnen und Haushaltshilfen zwar bezahlt würden, ihrer Befreiung dadurch aber kein bisschen näher kamen. Was statt Lohn für Hausarbeit gebraucht werde, schreibt sie, »das sind natürlich neue soziale Einrichtungen, die einen guten Teil der alten Pflichten von Hausfrauen übernehmen.«

In jüngerer Zeit haben sozialistische Feministinnen wie Tithi Bhattacharya nun eine Theorie der sozialen Reproduktion entwickelt. Soziale Reproduktion beinhaltet solche Dinge, die Arbeiterinnen brauchen, um ihren Alltag bestreiten zu können – um sich zu »reproduzieren«. Wir brauchen saubere Kleidung, Essen und letztlich neue Arbeiterinnen und Arbeiter.

Die mit sozialer Reproduktion assoziierte Arbeit – vom Haushalt über die Schwangerschaft zur Kindererziehung bis zum Unterricht derjenigen, die eines Tages Arbeiterinnen werden – ist extrem geschlechtsspezifisch und weiblich. Oft wird sie entwertet, ganz wörtlich etwa, durch geringe Bezahlung, was Davis beschreibt, oder indem sie unsichtbar gemacht wird, wie Federici meint.

»Ideen rund um die Arbeit im Haushalt, geschlechtsspezifische Erwartungen an Arbeit und den Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen sind für Sozialistinnen allesamt die Analyse wert. Entscheidend ist, dass nichts davon emotionale Arbeit ist.

Warum ist dieser Unterschied wichtig? Weil wir eine genaue Analyse unserer Arbeitsbedingungen brauchen und wissen müssen, wer unsere Feinde sind und worin unsere Macht besteht.«

Der Begriff der emotionalen Arbeit könnte hilfreich für den Kampf von Sozialarbeiterinnen und Therapeutinnen sein: Ihre Berufe sind emotional auslaugend, sie brauchen eine faire Entlohnung und weniger Patientinnen und Klientinnen, um sich von intensiven Arbeitstagen zu erholen. Hilfreich wäre der Begriff auch für den Kampf der Arbeiterinnen in der Gastronomie. Wenn sie nicht so stark vom Trinkgeld abhängig wären, sondern einen regulären Stundenlohn hätten, würde das Maß der emotionalen Arbeit schrumpfen, die sie während der Arbeit leisten müssen.

Emotionale Arbeit ist ein reiches und wirkungsvolles Konzept. Doch wird es genutzt, um unsere Fürsorge für Freundinnen und Familie aufzurechnen, und nicht um zu untersuchen, in welchem Verhältnis wir als Arbeiterinnen zu den Bedingungen unserer Unterdrückung stehen, bringt es uns der Befreiung keinen Schritt näher.

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