26. Mai 2026
Der vorherrschende Finanzjournalismus widmet sich fast ausschließlich den Geldfragen der Reichen. Dass die Geldsorgen der Mehrheit nur am Rande vorkommen, ist kein Zufall, sondern hat System.

Die Frage, man eine sechsstellige Summe besser in eine Immobilie oder am Aktienmarkt investiert, stellt sich nur für die Oberschicht.
Wohnst du noch zur Miete oder schon normal? Wenn man die »finanzbildenden« Artikel der großen Medienhäuser liest, fühlt man sich schnell wie ein armer Loser. In den Finanz-Ressorts geht es um Themen wie Vermögensaufbau, Immobilienkauf und andere Probleme tendenziell vermögender Menschen. Damit ist die Themengewichtung sozial stark verzerrt. Denn ein Großteil der Gesellschaft, also diejenigen mit durchschnittlichem oder niedrigem Einkommen, interessieren sich eher für steigende Lebensmittel- und Mietkosten, Schuldenabbau oder fehlende Rücklagen – nicht aus Lifestyle-, sondern aus sachzwänglichen Gründen.
2026 gab es im Ressort Geld des Spiegel von bisher zwanzig wöchentlichen Ausgaben bereits fünf Artikel zum Thema Immobilienkauf. Dabei geht es oft um die Frage, ob nun Kaufen oder Mieten besser sei oder ob man eine sechsstellige Summe besser in eine Immobilie oder am Aktienmarkt investiert. Auch im Finanzteil der Süddeutschen werden die Themen auf höhere Einkommensgruppen ausgerichtet: »Bankzinsen, Fonds, Versicherungstarife und Steuern« heißt es da als Ankündigung. Hier ist sogar direkt eine aufeinander aufbauende Wohlstandsoptimierung erkennbar: erst sparen, danach investieren, dann das angehäufte Vermögen absichern und schließlich Steuerabgaben optimieren (Fachjargon für vermeiden). In der Zeit wird die Frage »Was tun mit dem Geld?« ebenfalls mit Aktien- und Immobilientipps beantwortet. Dass Geld an irgendeiner Stelle fehlen könnte, kommt kaum vor.
Der Finanzjournalismus richtet sich oft an Akademiker der Mittel- und Oberschicht, also Menschen mit finanziellen Spielräumen. Das sind Gutverdienende, die bereits ein großes Vermögen besitzen: sei es als Cash, im Aktiendepot oder in Form von Immobilien. Die dominierenden Themen sind dementsprechend Vermögensaufbau, Investmentstrategie und die Frage, wie man aus vorhandenem Geld mehr Geld macht.
Was fehlt, sind die Themen von rund 16 Millionen Lohnabhängigen mit niedrigem und mittlerem Einkommen: bezahlbare Miete, ein fairer Lohn oder eine Rente über dem Existenzminimum. Der alltägliche Kampf um steigende Kosten für Basics wie Lebensmittel treibt die Leute trotz Vollzeitjobs um. Steigende Lebenshaltungskosten setzen untere Einkommensschichten, Familien, Studentinnen, Rentner und viele andere unter Druck. Laut Finanztip legt jede vierte Person in Deutschland kein Geld für die Altersvorsorge zurück. Die lebenslange Rentenlücke von Durchschnittsverdienern kann sich bis ins hohe Alter auf rund 1 Million Euro summieren und liegt oft bei über 500.000 Euro.
»Ein Großteil der deutschen Bevölkerung kämpft eher mit alltäglicher monetärer Schadensbegrenzung und gegen den Abstieg in die Armut. Themen wie ›How to Schuldenabtrag‹, ›So finden Sie heraus, ob Ihnen Wohngeld zusteht‹ oder ›Low Budget Altersvorsorge‹ oder würden hier wohl eher nützen.«
Eine andere Studie zeigt, dass bei einem Nettoeinkommen von über 4.000 Euro jede zweite Person am Kapitalmarkt investiert, bei einem Nettoeinkommen von unter 2.000 Euro nur jede achte Person. Das liegt nicht an fehlender finanzieller Bildung, sondern an der tendenziell risikoreichen Geldanlage, die man sich mit entsprechendem Kapital und zusätzlichen liquiden Rücklagen leisten können muss.
Je geringer das Einkommen, desto geringer ist also auch die Sparquote. Wer weniger finanzielle Mittel hat, muss einen höheren Anteil davon für alltäglichen Konsum und Miete ausgeben. Ein Großteil der deutschen Bevölkerung kämpft eher mit alltäglicher monetärer Schadensbegrenzung und gegen den Abstieg in die Armut. Themen wie »How to Schuldenabtrag«, »So finden Sie heraus, ob Ihnen Wohngeld zusteht« oder »Low Budget Altersvorsorge« oder würden hier wohl eher nützen.
Warum also wird in Geldressorts nur für Menschen mit stabilem Einkommen, Sparquote und Zukunftsplanung geschrieben, wenn ein Großteil der Bevölkerung eher über Dispo als Dividenden nachdenkt? Gründe für die Fokussierung auf einkommensstarke Lesergruppen setzen sich aus Zielgruppenlogik, Milieublindheit und Journalismusroutinen zusammen. Große Medienhäuser orientieren sich an kaufkräftigen Lesergruppen und Anzeigenkundinnen. Die entsprechenden Artikel sind in der Regel mit einer Paywall versehen und dort platziert, wo man sich das entsprechende finanzielle Potenzial erhofft – diejenigen Leserinnen und Leser, die sich ein Abonnement überhaupt leisten können und ein entsprechendes Konsum- und Anlageverhalten haben.
Viele Journalistinnen und Journalisten kommen außerdem selbst aus dem akademischen Milieu. Für eine Karriere im Bereich Medien braucht es in der Regel unbezahlte Praktika und Volontariate, Deutsch als Muttersprache und kulturelles Kapital in Form von Bildung oder Netzwerken. Auch das Sicherheitsnetz von Eltern, die den Verlauf einer Kreativ-Karriere oder ihr Scheitern finanziell auffangen können, haben eher Menschen aus ökonomisch abgesicherten Verhältnissen. Dadurch fehlt es an Erfahrung und Verständnis für alltägliche Geldsorgen wie zum Beispiel ein kaputtes Auto ohne Rücklagen, kein Monatsende ohne Dispokredit oder die finanzielle Belastung durch Kinder oder häusliche Pflege.
Ein weiterer Grund sind journalistische Routinen, die nicht kritisch hinterfragt werden. Sie betreffen natürlich Medien im Allgemeinen, aber eben auch Wirtschaftsjournalismus im Speziellen, also genau den Bereich, in dem über die ökonomischen Verhältnisse, in denen wir leben, ganzheitlich berichtet werden könnte. Stattdessen liegt der Fokus traditionell auf Themen wie Unternehmenszahlen, Konjunktur oder Zinspolitik. Die arbeitende Bevölkerung findet sich dann in Statistiken zur Arbeitslosenquote, Konjunktur oder Konsumverhalten wieder. So wird selbst in den »Volksnachrichten«, der Tagesschau, seit Jahrzehnten unermüdlich der Börsenwert des Deutschen Aktienindex verkündet. Immerhin auch die Lottozahlen – ein Entgegenkommen an diejenigen, für die derart Glücksspiel die einzige, aber verschwindend geringe Chance ist, an viel Geld zu kommen.
»Konkrete finanzielle Situationen der Allgemeinheit tauchen dagegen nur als statistische Randnotiz auf – als Inflationsrate oder Konsumindex – und ohne denselben analytischen Tiefgang.«
In Finanzartikeln werden zudem oft Fachbegriffe benutzt, ohne diese zu erklären. Ein Vorwissen an finanzieller Bildung wird vorausgesetzt und der inhaltliche Fokus liegt ganz im neoliberalen Sinne auf Selbst- beziehungsweise Vermögensoptimierung. Neben den fehlenden finanziellen Voraussetzungen vieler Leserinnen und Leser verstehen auch nicht alle, was es bedeutet, ein Portfolio zu diversifizieren, Hebeleffekte zu nutzen oder passives Einkommen zu generieren. Konkrete finanzielle Situationen der Allgemeinheit tauchen dagegen nur als statistische Randnotiz auf – als Inflationsrate oder Konsumindex – und ohne denselben analytischen Tiefgang.
Die verbreitete Forderung nach mehr Finanzbildung bezieht sich in der Regel auf dieselben neoliberalen Optimierungsfragen: Wie toll wäre es, wenn schon Schulkinder lernen würden, wie man mit Aktien fürs Alter vorsorgt? Die ökonomische Kritik daran, warum das Rentensystem nicht der Absicherung der Lohnabhängigen dient, Lohndrückung ein wichtiger Teil von Wirtschaftswachstum ist oder überhaupt, wie unser kapitalistisches System funktioniert, fehlt bei diesen Forderungen konsequent. Doch selbst wenn man von diesen Grundfragen absieht, könnte ein Finanzjournalismus, der alle mitdenkt, andere Fragen stellen: Wie vermeide ich eine Schuldenfalle oder komme aus einer heraus? Wie kann ich meine finanzielle Situation verbessern, um mich aus einer toxischen Beziehung, einem miesen Mietvertrag oder einem schlechten Job zu lösen?
Das jüngere oder moderne Publikum bezieht sein Wissen mittlerweile lieber aus den sozialen Medien. Instagram, Tiktok und andere schaffen es sprachlich unverschwurbelt, anhand realistischerer Lebensbeispiele und vor allem kostenlos Finanzwissen zu vermitteln. Dort wird nicht von erfolgreichen Anlegerinnen gesprochen, sondern von nicht-linearen Erwerbswegen, Armutsängsten oder einem feministischen Blick auf finanzielle Diskriminierung. Ja, es kommt hier und da sogar der Begriff »Kapitalismus« vor. Bevor Finanzjournalismus angeblich unabhängiger Medien neu und lebensnaher gedacht wird, übernehmen andere.
Finanzjournalismus prägt, was als »normale« ökonomische Erfahrung gilt. Wenn Medien fast nur über Vermögensaufbau und Immobilienbesitz schreiben, verstärkt sich das Narrativ, finanzielle Probleme seien individuelles Versagen und Wohlstand nur eine Frage der richtigen Strategie. Gesellschaftlich relevanter Finanzjournalismus würde Menschen nicht nur erklären, wie man Geld vermehrt – sondern auch, wie und warum man unter schwierigen Bedingungen ökonomisch bestehen muss.
Leo Lührs ist Sozialarbeiterin und Autorin. Zuletzt erschien ihr Buch Feministische Finanzen beim Rowohlt Verlag.