13.06.2021

Fiverr-Träume

Wenn Du zu lange in den Freelancing Abgrund blickst, blickt er irgendwann in Dich hinein.

»Schlafentzug ist Deine Lieblingsdroge. Vielleicht bist Du eine Macherin.«

»Schlafentzug ist Deine Lieblingsdroge. Vielleicht bist Du eine Macherin.«

ILLUSTRATION Marie Schwab.

Von Andy King

Übersetzung von Thomas Zimmermann

Vor ein paar Jahren war ich auf einer Dinnerparty außerhalb meines gewohnten sozialen Habitats. Wäscheleinen, gespickt mit bunter Unterwäsche und Happy Socks® überspannten einen langen Korridor, der mit Türen zu Schlafzimmern von Erwachsenen gesäumt war – Lebensumstände, für die der Sozialismus einst kritisiert wurde, machen im Spätkapitalismus ihr gefeiertes Comeback. Rauch und Unternehmergeist hingen in der Luft. In der Küche unterhielt man sich aufgeregt über weltverändernde Apps, die den Klimawandel rückgängig machen, die Märkte und die Menschen befreien, die Flüchtlingskrise lösen oder irgendeinen Aspekt des täglichen Lebens automatisieren und so kostbare Zeit freisetzen könnten. »Noch mehr Zeit zum Arbeiten«, dachte ich mürrisch bei mir. Auch E-Mails hatten uns das einst versprochen. Doch nicht mehr zur Post gehen zu müssen, um einen Brief zu verschicken, bedeutete am Ende nur, immer mehr Mails beantworten zu müssen. Der neoliberale Arbeitskult, der die Erwartung weckt, man müsse bloß mehr arbeiten, um hinterher weniger arbeiten zu müssen, ist nichts als eine Lüge zur Maximierung der Motivation.

Mir gegenüber saß ein breitschultriger, blonder Mann mit einem breiten, warmen Lächeln. Um mich in die Abendgesellschaft zu integrieren, fing ich ein Gespräch mit ihm an. Er war Mitte bis Ende zwanzig, arbeitete bei einem Berliner Start-up und hatte die Go-Getter-Aura von jemandem, der morgens ganz unironisch zu »Eye of the Tiger« aufsteht. Wie viele andere am Tisch verbrachte er seine Wochenenden und seltenen freien Abende damit, an seiner eigenen technologischen Revolution zu tüfteln. Er war »Strategic Design Resident«. Wie ich später herausfand, heißt das so viel wie »ein unbefristet unbezahlter Praktikant, finanziert von der mvb« – der Mutti-und-Vati-Bank. Ich nahm es ihm und seinen Eltern nicht übel. Was die Gesellschaft heute vor dem Kollaps bewahrt, ist folgende unausgesprochene Wahrheit: Um über die Runden zu kommen, sind die meisten Millennials auf finanzielle Unterstützung angewiesen – in der Regel von ihren Eltern. Für jedes unterbezahlte Praktikum geht irgendwo einem Elternteil ein Lebensunterhalt vom Konto ab.

Weniger privilegierte Uniabsolventinnen haben keine andere Wahl, als ihre Sommerferien durchzuarbeiten, um sich die Teilnahme an der Praktikumslotterie leisten zu können und vielleicht einen Job zu ergattern. Das habe ich selbst auch hinter mir: Ich habe bis tief in die Nacht geschuftet und an den Wochenenden freiberuflich gearbeitet, um mir ein Vollzeitpraktikum zu finanzieren, das mich letztlich nicht weitergebracht hat. Der klägliche Rest der heimlichen Libertären in mir befeuerte mein ausgebranntes Selbst mit erschöpften Slogans: Du musst nicht die Beste sein, Du musst nur besser sein als der Rest; höre nicht auf, wenn es weh tut, höre erst auf, wenn Du fertig bist; schlafen kann man noch, wenn man tot ist.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Nach einer Runde Mexikaner, serviert in einer Vielzahl verschiedener Behältnisse von fleckigen Schnapsgläsern bis hin zu leeren Einmachgläsern, war ich an der Reihe, meinen Beruf zu verraten: Grafikdesignerin. Aber wie es sich für Millennials gehört, war ich außerdem auch Autorin, Erzieherin, Sozialarbeiterin, Retuscheurin, Studio-Fotografin, Video-Editorin, Illustratorin und gerade in einem kostenlosen html-Kurs eingeschrieben. Wie es der Zufall wollte, war mein Gegenüber auf der Suche nach jemandem, der ihm ein Logo designen würde. »Der Job ist bezahlt«, grinste er stolz. In der Kreativbranche ist es nicht selbstverständlich, für hochqualifizierte Arbeit Geld zu bekommen – ein Angebot wie dieses heftet man sich daher wie ein Ehrenabzeichen an die Brust.

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#5
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