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Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

03. April 2026

»Die Proteste in Deutschland haben Unglaubliches geleistet«

Francesca Albanese ist aufgrund ihrer Arbeit als UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete Ziel einer ständigen Hetzkampagne. Im Interview spricht sie über Palästina-Protest in Deutschland und die Israelisierung der liberalen Demokratien.

Ende März war Francesca Albanese für eine Diskussionsveranstaltung in Berlin.

Ende März war Francesca Albanese für eine Diskussionsveranstaltung in Berlin.

Foto: Bafta Sarbo

Die Lage im besetzten Palästina ist nicht erst seit Oktober 2023 besorgniserregend. Seit der Staatsgründung Israels sind Palästinenserinnen und Palästinenser von gewaltsamen Vertreibungen und Apartheitsgesetzgebungen betroffen. Als Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete ist es die Aufgabe von Francesca Albanese, diese Lage zu begutachten. Für diese Arbeit wurde sie wiederholt Ziel einer medialen und politischen Hetzkampagne.

Für ein Gespräch im Anschluss an die Vorführung des Dokumentarfilms Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten im Babylon Kino kam Albanese nach Berlin. Unter anderem der Berliner Landesverband der FDP und die Deutsch-Israelische Gesellschaft forderten eine Absage der Veranstaltung. Zuletzt hat ein falsch zusammengeschnittenes Video es so klingen lassen, als hätte Albanese Israel als »Feind der Menschheit« bezeichnet. Das führte zu einer Reihe von Rücktrittsforderungen von offiziellen Stellen aus Frankreich und Deutschland, darunter auch von Bundesaußenminister Johann Wadephul von der CDU. Obwohl mittlerweile bestätigt ist, dass das Video irreführend geschnitten wurde, hat keiner der Politiker die Rücktrittsforderungen zurückgenommen.

Während Albaneses politische Gegner ihren Charakter anzugreifen versuchen, bemüht sie sich darum, an die Menschlichkeit der Palästinenser zu erinnern. Im April erscheint ihr Buch When the World Sleeps (»Während die Welt schläft«), das bereits in achtzehn Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt wird. Darin erzählen zehn Palästinenserinnen und Palästinenser ihre Geschichten. Im Interview mit Jacobin sprach Albanese darüber, wie sie mit Kritik und Verleumdungen umgeht, und was sie trotz allem nicht verzweifeln lässt.

Sie sind seit Mai 2022 Sonderberichterstatterin der UN für die besetzten palästinensischen Gebiete. Das heißt, Sie haben die Situation in Palästina auch schon vor dem 7. Oktober beobachtet. Wie war die Lage damals und wie hat sie sich seitdem verändert?

Das ist eine sehr wichtige Frage und ich bin froh, dass Sie sie stellen. Man muss nichtmal auf die Enteignung und Vertreibung von über zwei Dritteln der ursprünglichen Bewohner Palästinas zurückgehen, die mit der Gründung des Staates Israel einherging. Es scheint sich bereits niemand wirklich daran zu erinnern, dass Israel seit 1967 auch Teile des historischen Palästinas militärisch besetzt hat, die 1948 nicht zu Israel wurden. Auf diesem Stück Land hat Israel ein Apartheidsregime errichtet, mit Zivilrecht für die Siedler, die dort geblieben sind, das heißt israelische Bürger, die illegal in die besetzten palästinensischen Gebiete gezogen waren.

Heute sind es über 800.000, die sich im Westjordanland, im Gazastreifen, in Ostjerusalem oder in der Umgebung auf bis zu 300 Siedlungen ausgebreitet haben. Dies bedeutete gewaltsame Vertreibung, Massenverhaftungen und Inhaftierungen, Massenmorde an Palästinenserinnen und Palästinensern, sowie endlose Demütigungen und Erniedrigungen, die ihnen auferlegt wurden. Die Palästinenser standen unter Militärherrschaft, während die Israelis unter ziviler Gerichtsbarkeit standen. Das ist der Kern der Apartheid: ein Regime für die einen, ein anderes Regime für die anderen. Israel hat die militärische Besatzung dafür genutzt. Die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen haben die Verstöße, die Expansion und die Tötung von Palästinensern verurteilt.

Israel hatte als Besatzungsmacht keine Befugnis, 2008, 2012, 2014, 2018, 2021 und 2023 Kriege gegen Gaza zu beginnen; es hat über 2.000 Menschen verstümmelt und 280 Menschen getötet, die jeden Freitag an der Grenze zu Gaza protestieren. Also scheinen die Menschen nicht sehen zu wollen, was mit den Palästinensern geschieht. Aber die Realität ist, wie ich dokumentiert habe, dass Israel zwischen 1967 und 2023 etwa 800.000 Menschen mindestens einmal festgenommen und inhaftiert hat. Ganz zu schweigen von den Leichen, die nicht an die Palästinenser zurückgegeben wurden. Das Ausmaß des Infernos, das Israel für die Palästinenser geschaffen hat, ist es wirklich wert, näher untersucht zu werden, zumal es toleriert und ermöglicht wurde.

»Ich verstehe natürlich, dass sie diese Wahrnehmung haben, weil sie das, was ich sage, an dem messen, was sie wissen. Aber sie wissen sehr wenig.«

Als ich Sonderberichterstatterin wurde, hatten bereits meine Vorgänger die kolonialen Apartheidspraktiken der Siedler angeprangert, die ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen und gestoppt werden müssen. Es ist eine absolute Verletzung des Selbstbestimmungsrechts. Das war bereits dokumentiert, und ich habe mich eingehender damit befasst. Ich habe seit Beginn meines Mandats die Brutalität des israelischen Regimes beobachtet. Schon am zweiten Tag meiner Tätigkeit als Sonderberichterstatterin im Mai 2022 schloss der Oberste Gerichtshof Israels ein zwanzigjähriges Gerichtsverfahren ab, bei dem die Bewohner von Yatta, einem Gebiet in den südlichen Hebrona-Hügeln, ihr Land zu schützen versuchten. Sie wurden von diesem Land vertrieben, weil es als Trainingsgelände für die israelische Armee gebraucht wurde. Alles wurde so gedreht, dass es den Interessen der israelischen Besatzung dient. Es gab siebzehn Angriffe gewalttätiger Siedler gegen palästinensische Dörfer. Während der Amtszeit des vorherrigen Sonderberichterstatters wurden allein im Westjordanland 460 Palästinenser getötet. Es war extrem gewalttätig.

Deshalb frage ich mich: Wie kommt es, dass der 7. Oktober alle überrascht hat? Natürlich rechtfertigt das keine Gewalt gegen israelische Zivilisten, denn Zivilisten sollten immer verschont bleiben. Aber was blieb den Palästinensern denn noch übrig, außer ihrer unglaublichen Wut und ihrer Demütigung durch die Israelis?

Kritische Stimmen unterstellen Ihnen, Sie würden sich die Perspektive der Palästinenser zu sehr aneignen. Wie reagieren Sie auf solche Vorwürfe?

Ich verstehe, warum die Deutschen das so sehen, denn hier herrscht viel Unwissenheit über Palästina und die Palästinenser. Ich meine, viele Menschen hier wissen nicht einmal, was die Nakba ist. Viele Menschen in Deutschland wissen nicht einmal, dass die Verbrechen der Europäer gegen das jüdische Volk auf das palästinensische Volk abgewälzt wurden. Das wissen sie nicht. Aber das ist Instrumentalisierung von Unwissenheit. Ich mache ihnen keine Vorwürfe, aber ich möchte auch keine Vorwürfe bekommen. Ich verstehe natürlich, dass sie diese Wahrnehmung haben, weil sie das, was ich sage, an dem messen, was sie wissen. Aber sie wissen sehr wenig. Ich bin auch hier in der Hoffnung, ihnen zu helfen, diese Lücke zu schließen.

Die Sache ist die: Ich habe den Auftrag, über die von Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten begangenen Verstöße zu berichten und genau das tue ich. Dennoch habe ich die Hamas für ihre Verbrechen gegen Israelis am 7. Oktober kritisiert. Ich habe begangene Verbrechen wie die Geiselnahme oder andere Verstöße gegen das Völkerrecht, die von den palästinensischen Behörden begangen wurden, kritisiert und verurteilt.

Aber der Punkt ist nun, was nach dem 7. Oktober geschehen ist: Fast 940 Tage andauernde Verbrechen, die darauf abzielen, die Palästinenser als solche zu vernichten. Das müssen wir aufhalten. Ich habe eine sehr genaue Vorstellung davon, was geschehen ist, und ich bringe das zur Sprache. Die Tatsache, dass es die Deutschen und ihre Empfindlichkeiten stört, tut mir leid, aber noch einmal: Das ist Instrumentalisierung von Unwissenheit, dagegen habe ich kein Mittel.

Nach dem Filmscreening zu Disunited Nations vor ein paar Tagen sind Sie nach draußen, um mit den Gegendemonstranten zu diskutieren. Handhaben Sie das grundsätzlich so, dass Sie mit Kritikern ins Gespräch gehen?

Nun, die Sache ist die, dass es nicht einmal kritische Stimmen waren. Sie haben mich einfach nur beleidigt. Die Frage ist also: Geht man auf Beleidigungen ein? Es kommt darauf an. Ich verließ gerade das Kino, in dem der Dokumentarfilm gezeigt worden war, und da waren Leute, die mir alle möglichen Beleidigungen an den Kopf warfen. Es war sehr brutal. Irgendwann habe ich einem von ihnen in die Augen gesehen und gesagt: »Warum sagst du diese schrecklichen Dinge über mich? Was weißt du denn?« Es wurde sehr persönlich. Ich war einfach neugierig. Es ist nicht so, dass ich mich darauf einlassen wollte, aber es war interessant, was dann folgte, weil ich sie bei ihrem Standpunkt getroffen habe.

»Sie sagten: ›Wir können denen nicht verzeihen, was sie am 7. Oktober getan haben.‹ Und ich sagte: ›Aber das ist sehr gefährlich, denn die Palästinenser könnten dasselbe Argument anführen, dass sie ihnen nicht verzeihen können, dass sie ihnen ihr Land genommen haben.‹«

Das hat sie entlarvt, weil sie sagten: »Danke, dass Sie mit uns gesprochen haben. Es ist nur so, dass wir denen nicht verzeihen können, was sie am 7. Oktober getan haben.« Und ich sagte: »Aber das ist sehr gefährlich, denn die Palästinenser könnten dasselbe Argument anführen, dass sie ihnen nicht verzeihen können, dass sie ihnen ihr Land genommen haben, dass sie ihnen nicht verzeihen können, dass sie über Generationen hinweg ihre Mütter und Väter getötet haben.« Das ist ein Kreislauf der Gewalt. Und noch einmal: Er muss gestoppt werden. Dann sagte ich: »22.000 Kinder wurden getötet. Können wir uns darauf einigen, dass es falsch ist, Kinder zu töten?« Und in diesem Punkt sind wir grundlegend unterschiedlicher Meinung. Für sie ist es gerechtfertigt. Für mich ist es das nicht.

Wie bewerten Sie kritische Stimmen, die sagen, dass mit rechten Agitatoren wie Tucker Carlson ins Gespräch zu gehen, tatsächlichen Antisemitismus fördert?

Die Sache ist einfach die, dass ich dazu neige, auf Journalisten zu reagieren. Ich meine, ein Interview zu geben bedeutet nicht, Partei zu ergreifen. Und ich möchte, dass die Botschaft das Publikum in den USA erreicht. Es gibt dort nicht viele Medien, die mich interviewen. Wenn Sie mich fragen: Ich habe überhaupt keine persönliche Sympathie für den weißen Suprematismus, den Tucker Carslon verkörpert. Andererseits, weil er zu einem Publikum christlicher Zionisten spricht, dachte ich, dass er ein guter Vermittler für meine Botschaft sei. Und ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, dass sich da gerade einiges verändert. Und wer bin ich, dass ich urteilen könnte? Fehler zu machen ist menschlich. Beharren ist es nicht. Und vielleicht ist das der Anfang davon, dass er aufhört, zu beharren.

Zuletzt hat ein falsch zusammengeschnittenes Video es so klingen lassen, als hätten Sie Israel als »Feind der Menschheit« bezeichnet. Das führte zu einer Reihe von Rücktrittsforderungen. Gab es bereits Entschuldigungen dafür, dass Sie auf Basis eines falsch geschnittenen Videos angegriffen wurden?

Nein, aber das Patriarchat entschuldigt sich nie.

Länder wie Deutschland halten am EU-Handelsabkommen mit Israel fest. In Ihrem Bericht From Economy of Occupation to Economy of Genocide vom Juli 2025 sprechen Sie über die Rolle von Unternehmen in der Besatzung. Darunter sind auch deutsche Unternehmen. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Oh ja. Natürlich. Es gibt zwei deutsche Akteure, die ich nenne. Der eine ist das Unternehmen HeidelbergCement, das eindeutig am Verbrechen der Plünderung beteiligt ist, indem es palästinensischen Zement abbaut, um die Siedlungen zu errichten. Das ist sehr schwerwiegend, deshalb verstehe ich nicht, warum keine rechtlichen Schritte gegen es unternommen werden. Der zweite ist die Technische Universität München, die intensive Partnerschaften mit dem israelischen Militär, der Industrie und dem Verteidigungssystem unterhält.

»Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass prinzipientreue Bürgerinnen und Bürger dem ein Ende setzen müssen. So war es in der Geschichte schon immer der Fall.«

Natürlich sind sie allein schon dadurch, dass sie die israelische Wirtschaft oder das israelische Forschungssystem unterstützen, das mit der Besatzung verbunden ist, ein Teil davon. Es gibt eine Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs, ein Gutachten, das verbindlich ist, da es auf zwingenden Normen des Völkerrechts basiert. Es mahnt die Staaten und privaten Akteure, diejenigen, die solche Verstöße begehen, nicht zu unterstützen. Und trotzdem machen sowohl Staaten als auch private Akteure weiter. Deshalb sage ich, es läuft letztendlich darauf hinaus, dass einzelne Personen, prinzipientreue Bürgerinnen und Bürger dem ein Ende setzen müssen. So war es in der Geschichte schon immer der Fall.

Deutschland hat kürzlich angekündigt, Israel im Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof nicht mehr zu unterstützen. Glauben Sie, dies deutet darauf hin, dass selbst Deutschland den Vorwurf des Völkermords nicht mehr für abwegig hält? Und wie beurteilen Sie das ursprünglich abgewiesene Gerichtsverfahren gegen Deutschland?

Ich halte es für absolut notwendig, gegen Länder vorzugehen, die den Völkermord unterstützt, begünstigt und mitgetragen und sogar zu einigen der abscheulichsten Verbrechen beigetragen haben. Deutschland ist der zweitgrößte Waffenlieferant Israels und verdient es daher, dort zu stehen, wo es gerade steht. Es tut mir leid für die Deutschen, aber noch einmal: Sie haben es in der Hand. Sie haben die Möglichkeit, sich aus dieser Situation herauszuziehen.

Und sicherlich ist es wichtig, dass sie ihre Haltung im Verfahren Südafrika gegen Israel geändert haben. Aber sie haben Waffen geliefert, obwohl sie wussten, dass die Gefahr eines Völkermords bestand, und sie hätten sich damals zurückziehen sollen. Stattdessen hat die Regierung die Waffenlieferungen zwischen August und November 2025 ausgesetzt und sie dann wieder aufgenommen. Die Verantwortlichen sollten zur Rechenschaft gezogen werden.

Sie wurden im Februar 2025 an die Freie Universität zu einem Vortrag eingeladen, der abgesagt werden musste. Sie haben gefordert, dass eine Delegation des Europarats nach Deutschland kommt, um die Menschenrechtsverletzungen durch Polizeibeamte auf propalästinensischen Protesten zu untersuchen. Wie bewerten Sie aktuell die Rolle Deutschlands im Umgang mit (pro-)palästinenischen Stimmen, besonders im europäischen Vergleich?

Ich denke, im Vergleich zu anderen Ländern haben die Proteste in Deutschland Unglaubliches geleistet. In Frankreich zum Beispiel gibt es trotz der sehr starken und aktiven Zivilgesellschaft diese Kultur der Angst. Ich möchte den Menschen in Deutschland wirklich meine Anerkennung zollen. Es ist erstaunlich, dass sie trotz all der Gewalt Widerstand leisten.

Ich glaube, dass Deutschland zunehmend genauer unter die Lupe genommen wird. Die Repression ist offensichtlich Teil einer Tendenz zur Israelisierung der sogenannten liberalen Demokratien. Was Israel tut, ist zunehmend keine Ausnahme mehr, es wird hier nachgemacht.

Francesca Albanese ist Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen zur Menschenrechtssituation in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten.