08.03.2021

Gestern Gallus, heute verdrängt

Die Altbauwohnung in der Großstadt ist heute der Sehnsuchtsort der oberen Mittelschicht. In den 1960er Jahren wollte noch niemand in den baufälligen Altbauquartieren wohnen – also wurden Gastarbeiterfamilien dort untergebracht. Die Geschichte einer ausgrenzenden Wohnpolitik.

Viele Vermieter weigerten sich, an Gastarbeiter zu vermieten — also bot man ihnen das an, was man auf dem Markt nicht mehr loswurde:
baufälligen Wohnraum in den abbruchreifen Sanierungsgebieten der Stadt.

Viele Vermieter weigerten sich, an Gastarbeiter zu vermieten — also bot man ihnen das an, was man auf dem Markt nicht mehr loswurde: baufälligen Wohnraum in den abbruchreifen Sanierungsgebieten der Stadt.

Foto: Deutsches Bundesarchiv / Lothar Schaack.

Im Fokus der deutschen Migrationsdebatte steht immer wieder die räumliche Ballung migrantischer Bevölkerungsgruppen in den urbanen Zentren der Republik – im Ruhrpott, in Berlin, in der Gegend um Frankfurt am Main. Diese stehe der Integration im Wege, sei »sozialer Sprengstoff«. Schließlich verdichten sich in diesen migrantisch geprägten Vierteln eine Reihe von Problemlagen: ein großer Anteil des Sozialhilfebezugs, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Armut.

Dass in der Beschreibung von Problemvierteln ausgerechnet der hohe Migrationsanteil immer wieder betont wird, ist extrem suggestiv, wird so doch gewollt oder ungewollt nahegelegt, wer für die »Probleme« in diesen Bezirken verantwortlich sei. Die Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen ist die Folge – und mündet schließlich in die rechte Rhetorik einer vermeintlichen »Überfremdung«. Migrantische Bevölkerungsgruppen – so will es diese Erzählung, die sich vom rechten Rand bis ins konservative Lager zieht – verweigern sich der Integration, wollen unter sich bleiben und »Parallelgesellschaften« fernab der »westlichen Wertegemeinschaft« aufbauen. Urbane Segregation lässt sich tatsächlich beobachten, allerdings hat diese weniger mit einem vermeintlichen Abschottungsbedürfnis der Anwohnerschaft zu tun. Die Entstehung dieser »Ballungszentren« beruht vielmehr auf ökonomischen Entscheidungsprozessen, einer auf Profit ausgerichteten Immobilienwirtschaft und einer verfehlten Integrationspolitik, die diese Ausgrenzung aktiv forciert hat.

Die Geschichte reicht zurück in die Ära der Gastarbeiter, als Westdeutschland mit dem Anwerbeabkommen von 1955 gezielt migrantische Arbeiter für prekäre Beschäftigungsfelder in der Bau- und Schwerindustrie rekrutierte. Das Land musste wiederaufgebaut werden, die Nachkriegswirtschaft boomte und an Arbeitsplätzen mangelte es nicht. Im Westdeutschland der 1960er Jahre herrschte Vollbeschäftigung. Auch aufgrund des relativen Überangebots an attraktiveren Anstellungsverhältnissen ließ sich die körperlich belastende Arbeit im industriellen Niedriglohnsektor immer schlechter an die deutsche Arbeiterschaft vermitteln. Also warb man Arbeiter aus dem Ausland an. Durch die gezielte Rekrutierung der Gastarbeiter für die untersten Lohngruppen konnten weitere Lohnanstiege vermieden werden, wovon vor allem die Unternehmen profitierten. Das Abkommen sah eine Zuwanderung auf Zeit vor. Nach Vertragsende sollten die Arbeiter wieder in ihre Heimat zurückkehren. Wie Produktionsmaterial sollten sie »in Rotation« gehalten werden – eine mobile Reservearmee, die sich als flexibler Konjunkturpuffer einsetzen ließ. Diese ökonomische Ausgrenzung sollte sich auch in den Stadtbildern niederschlagen.

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Baracken und Besetzungen

Nach der Anwerbung brachte man die Gastarbeiter zunächst in beengten, dürftig ausgestatteten, teils mit Stacheldraht umzäunten werkseigenen Wohnheimen in unmittelbarer Nähe der Industrieanlagen unter. Wer aus den Arbeiterbaracken ausziehen wollte, etwa weil die eigene Familie nachkam, hatte es auf dem privaten Wohnungsmarkt schwer. Viele Vermieter weigerten sich, an Gastarbeiter zu vermieten – also bot man ihnen das an, was man auf dem Markt nicht mehr loswurde: baufälligen Wohnraum in den abbruchreifen Sanierungsgebieten der Stadt, etwa in den Berliner Bezirken Kreuzberg und Neukölln.

Die Altbauwohnung in der Großstadt ist heute der Sehnsuchtsort der oberen Mittelschicht. In den 1960er Jahren wollte noch niemand in den baufälligen Altbauquartieren wohnen – also wurden Gastarbeiterfamilien dort untergebracht. Die Geschichte einer ausgrenzenden Wohnpolitik.

Diese Strategie war unter anderem auch an ein 1963 durch Bürgermeister Willy Brandt verkündetes Stadterneuerungsprogramm gekoppelt. Um die Stadt zu modernisieren, sollten die veralteten Altbauquartiere Neubauten weichen. Die aufgrund ausbleibender Investitionen verwohnten und verfallenen Wohnungen sollten nun noch bis zum Abriss möglichst profitabel an die Gastarbeiter vermittelt werden. Vermieter veranschlagten für Gastarbeiter bis zu 30 Prozent höhere Mieten als für Deutsche.

Angesichts dieser widrigen Umstände überrascht es kaum, dass Kämpfe um Wohnraum im Zentrum migrantischen Widerstands der 1960er und 70er Jahren standen. Ein Beispiel dafür ist der Frankfurter Häuserkampf, der die Keimzelle der deutschen Hausbesetzerszene werden sollte. Als Hauptakteure der Bewegung sind vor allem Politiker wie Joschka Fischer und die studentisch geprägte Spontiszene in die Geschichte eingegangen. Die zentrale Rolle der Gastarbeiterfamilien in diesem Konflikt wird hingegen nur selten beleuchtet.

Ausgangspunkt der Kämpfe war das Frankfurter Westend – das Herzstück eines groß angelegten, stadtplanerischen Modernisierungsvorhabens, dem sogenannten Fünffingerplan des damaligen SPD-Baudezernenten Hans Kampffmeyer, dem »Vater der Bankenstadt«. Denn auch das zentral gelegene Frankfurter Westend – heute Prime Real Estate – war einmal Sanierungsgebiet, was es zur idealen Entwicklungszone für das aufstrebende Frankfurt machte. Ähnlich wie auch in Kreuzberg und Neukölln wohnten in den baufälligen, teils bereits entmieteten Wohnungen, die auf dem freien Markt nicht mehr loszuwerden waren, vor allem Gastarbeiter und ihre Familien. Genau hierhin, so Kampffmeyers Plan, sollte jetzt das Bankenviertel expandieren.

Die zunehmende Wohnungsnot spielte beim Modernisierungsprojekt der SPD keine Rolle, und so überließ man die Anwohnerschaft der spekulativen Willkür der Investoren, die nicht lange auf sich warten ließen. Bau- und Abrissgenehmigungen wurden verhandelt, der Startschuss für die Grundstückspekulation war erfolgt.

Doch es regte sich Widerstand: Angesichts der rapide zunehmenden Wohnungsknappheit bei gleichzeitigem Leerstand erfolgte im Jahr 1970 im Westend die erste Hausbesetzung der Bundesrepublik, maßgeblich initiiert durch Gastarbeiter. Als die Frankfurter Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen (ABG), ein städtischer Wohnungsbaukonzern, die Verdrängung im Westend wenig später mit Mieterhöhungen von 20 bis 60 Prozent für ihren baufälligen Wohnungsbestand weiter befeuerte, traten viele Gastarbeiterfamilien in den Mietstreik.

Divestment und Strukturwandel

Der Umstand, dass durch das Zusammenspiel eines profitgetriebenen Wohnungsmarkts und einer rassistischen Wohnungspolitik vorwiegend Migrantinnen und Migranten in die heruntergekommenen Sanierungsgebiete gedrängt wurden, fungierte zudem als Projektionsfläche für eine xenophobe Wahnvorstellung, die Migration in den Großstädten als düsteres Verwahrlosungsszenario konstruiert.

Besonders in den 1980er und 90er Jahren wurde das Bild problembehafteter »Ausländerghettos« in Politik und Medien befeuert und ein direkter Zusammenhang zwischen Migrationsbiografie und Kriminalität suggeriert. Berlins damaliger CDU-Innensenator Eckart Werthebach erklärte etwa, dass die räumliche Verdichtung einer »unzureichend integrierten ausländischen Bevölkerung« eine Gefahr für die Innere Sicherheit darstelle. Noch hetzerischere Worte fand der CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus-Rüdiger Landowsky: »Es ist auch viel Abschaum an Kriminalität in die Stadt gekommen, von China, über Russland, Rumänien und so weiter ... Es ist nun mal so: Wo Müll ist, sind Ratten, und wo Verwahrlosung ist, ist Gesindel, meine Damen und Herren, und das muß beseitigt werden in der Stadt.« Zur selben Zeit radikalisierten sich auf den Straßen gewaltbereite Rechtsextreme. Die soziale Lage in den ehemaligen Gastarbeitervierteln verschärfte sich zusätzlich, als im Zuge der Deindustrialisierung in den 1980ern und Anfang der 1990er Jahre eine Welle der Arbeitslosigkeit einsetzte. Von dieser waren migrantische Arbeiter überdurchschnittlich stark betroffen: Unter ihnen schnellte die Arbeitslosigkeit zwischen 1980 und 1996 von 5 auf 18 Prozent hoch, unter deutschen Arbeitern nur von 4 auf 10 Prozent.

Viele Vermieter weigerten sich, an Gastarbeiter zu vermieten – also bot man ihnen das an, was man auf dem Markt nicht mehr loswurde: baufälligen Wohnraum in den abbruchreifen Sanierungsgebieten der Stadt.

Diese Spaltung ist eine direkte Konsequenz der Anwerbepolitik der Bundesrepublik. Denn der Einsatz von Gastarbeitern gestaltete sich vor allem deswegen so lukrativ, weil er der deutschen Industrie erlaubte, mit veralteter Maschinerie hohe Profite zu erzielen. Die Löhne der Gastarbeiter waren so niedrig, dass sich Investitionen in modernere, effizientere Industrieanlagen nicht gerechnet hätten, was Helmut Schmidt einmal zu der Aussage veranlasste, die Gastarbeiter-Ära hätte die Modernisierung der deutschen Industrie »verlangsamt«. Etwa 70 Prozent der Gastarbeiter waren im unteren Lohnsegment der angelernten oder »ungelernten« Tätigkeiten angestellt – jenem Sektor, der am schlechtesten vor technologischen Modernisierungsschüben abgesichert ist. Als der Strukturwandel dann kam, waren die Arbeiter mit »niedrigem Qualifikationsniveau« die ersten, die man vor die Tore setzte.

Gastarbeiterviertel wie Berlin-Neukölln, Berlin-Kreuzberg oder Duisburg-Marxloh – jene Bezirke, die heute am häufigsten als Beispiele für eine vermeintlich »mangelnde Integrationsbereitschaft« herangezogen werden – traf dieser Strukturwandel besonders hart. Und mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit in den Bezirken kam der soziale Abstieg ihrer Anwohnerschaft.

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