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24. Februar 2026

»Es gibt keine Garantie, dass die Zeit Klarheit oder moralische Rechenschaft bringt«

Seit über zwei Jahren sammelt der israelische Historiker Lee Mordechai Beweise für Kriegsverbrechen in Gaza. Im Interview erklärt er, warum die wenigsten israelischen Akademiker sich kritisch zur Zerstörung Gazas äußern und weshalb Dokumentation für künftige Aufklärung entscheidend ist.

Rauch steigt auf, als israelische Streitkräfte einen Angriff starten einen Tag vor Inkrafttreten des Waffenstillstands, Deir al-Balah, Gaza, 9. Oktober 2025.

Rauch steigt auf, als israelische Streitkräfte einen Angriff starten einen Tag vor Inkrafttreten des Waffenstillstands, Deir al-Balah, Gaza, 9. Oktober 2025.

IMAGO / Anadolu Agency

Die Zerstörung des Gazastreifens, die sich seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 vollzogen hat, ist in der Geschichte der israelischen Besetzung Palästinas beispiellos. Schätzungen zufolge sind über 80 Prozent der Infrastruktur zerstört, und selbst israelische Streitkräfte gehen von über 70.000 Todesopfern aus. Es ist klar, dass das Verhalten Israels zumindest schwere Kriegsverbrechen darstellt, wenn nicht sogar, wie aktuell vor dem IGH angeklagt,Völkermord. Im Oktober 2025 wurde zwar ein Waffenstillstand verhandelt, aber das Sterben in Gaza wurde damit nicht beendet. Israels Armee demoliert weiterhin ganze Stadtteile. Menschenrechtsorganisationen werfen ihr vor, mit diesem Vorgehen systematisch Beweise zu vernichten.

Ein Israeli, der sich weigert, die Augen vor den Verbrechen zu verschließen, die jenseits der Grenze begangen werden, ist Lee Mordechai, Historiker des Oströmischen Reiches und Dozent am Fachbereich Geschichte der Hebräischen Universität Jerusalem. Er hat die vergangenen zwei Jahre damit verbracht, den Krieg in Gaza durch sein Projekt »Bearing Witness« zu dokumentieren. Die Initiative sammelt systematisch Zeugenaussagen, Medienberichte und andere Belege für die Gewalt gegen Zivilisten mit dem Ziel, eine sachliche Aufzeichnung dessen zu bewahren, was Mordechai als einen »andauernden Völkermord« beschreibt. Im Gespräch mit Jacobin benennt Mordechai die Mechanismen hinter den anhaltenden Gräueltaten Israels und betont: Nur die konsequente Dokumentation dieser Verbrechen kann historische Rechenschaft sichern.

Professor Mordechai, Sie waren eine der ersten öffentlichen Stimmen in Israel, die Israels Vorgehen in Gaza als Völkermord bezeichneten, und Sie sind der Gründer von »Bearing Witness«, einem Projekt, das Israels Kriegsverbrechen in Gaza dokumentiert. Da Israel-Palästina nicht Ihr eigentliches Fachgebiet ist und Sie als Historiker des Oströmischen Reiches ausgebildet sind: Was hat Sie dazu bewegt, diese Arbeit aufzunehmen?

Ja, ich bin nicht in der Geschichte Israel–Palästinas ausgebildet. Als der 7. Oktober geschah, war ich im Sabbatical in den Vereinigten Staaten. Die Ereignisse von außen zu beobachten – insbesondere durch den Konsum nicht-israelischer Medien und vor allem alternativer, nicht-mainstream Quellen – war für mich äußerst prägend. Es ließ mich das Ausmaß des Horrors der Ereignisse erkennen, die ich mitverfolgte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, ich müsse andere Menschen auf das aufmerksam machen, was ich sah – insbesondere ein breiteres israelisches Publikum. Ich versuchte verschiedene Wege, das zu tun. Ich sprach mit Freunden und Familie und versuchte, Gastbeiträge und Meinungsartikel in Haaretz zu veröffentlichen. Nichts davon schien eine große Wirkung zu haben.

»Ich glaube nicht, dass der Völkermord beendet ist. Was wir sehen, ist die Fortsetzung desselben Prozesses in einer anderen Form.« 

Dann, im Dezember 2023, reichte Südafrika seine Klage ein. Ich las das vollständige Dokument – das mehr als achtzig Seiten umfasste – und erinnere mich, dass ich dachte, das sei etwas, das ich tatsächlich selbst tun könnte. Die Quellen und Methoden unterschieden sich nicht grundlegend von den Materialien, mit denen ich in meiner akademischen Arbeit als Historiker arbeite.

Schon vor dem 7. Oktober hatte ich über meine Verpflichtungen als Akademiker gegenüber der Gesellschaft nachgedacht, die mein Gehalt bezahlt. Nach dem 7. Oktober versuchte ich zu verstehen, welche Rolle ich in dieser Realität spielen sollte. Ich wurde auch von dem Politikwissenschaftler John Mearsheimer beeinflusst, der darauf hinwies, dass man selbst dann die Verpflichtung hat zu sprechen und das Argument öffentlich vorzubringen – für die historische Aufzeichnung und um auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen –, auch wenn niemand zuhört. Ich begann, Belege zusammenzustellen und sie in meinen sozialen Medien zu veröffentlichen, die zu diesem Zeitpunkt praktisch nicht existent waren. Anfangs schenkte dem kaum jemand Aufmerksamkeit, aber ich machte trotzdem weiter. Mit der Zeit begannen sich die Menschen dafür zu interessieren. Ich begann Anfang Januar 2024 mit den Veröffentlichungen.

Ihr Projekt ging ein paar Wochen später viral.

Genau. Die erste größere Welle kam etwa Mitte März 2024. Es begann als ein Einzelprojekt. Nachdem ich im Sommer 2024 nach Israel zurückgekehrt war, führte ein ausführliches Profil in Haaretz dazu, dass dutzende Israelis – überwiegend jüdisch, einige palästinensisch – mich kontaktierten und sich als Freiwillige melden wollten. Heute haben wir etwa 100 Freiwillige mit israelischer Staatsbürgerschaft, davon etwa zwei Drittel in Israel und der Rest vor allem in Europa und den USA. Seit über einem Jahr arbeiten wir daran, Beweise zu dokumentieren, zu katalogisieren und zu sichern.

Wir veröffentlichen unsere Arbeit auf Hebräisch, Englisch und, hoffentlich, auch auf Arabisch. Obwohl wir eine kleine Minderheit darstellen, habe ich gelernt, dass selbst eine vergleichsweise kleine, gut koordinierte Gruppe einen bedeutenden Einfluss haben kann – besonders, wenn digitale Werkzeuge verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Wie hat Ihre Erfahrung in den Vereinigten Staaten Sie beeinflusst? War es für Sie notwendig, außerhalb Israels zu sein, um zu diesen Schlussfolgerungen zu gelangen?

Ich glaube nicht, dass ich dieses Projekt hätte starten können, wenn ich damals in Israel gewesen wäre. Sowohl die Realität vor Ort als auch der öffentliche Diskurs hier neigen dazu, einen in kurzfristige Themen hineinzuziehen, sodass es extrem schwierig wird, sich über längere Zeit auf eine einzelne Aufgabe zu konzentrieren.

»Mein Gefühl ist, dass die Leute mich eher wie einen Dorftrottel sehen – jemanden, der unbequeme oder unangenehme Dinge sagt. Es ist einfacher, mich zu ignorieren, als sich ernsthaft mit dem auseinanderzusetzen, was ich sage.«

Wäre ich in Israel gewesen, hätte ich wahrscheinlich an Demonstrationen teilgenommen, bei einer NGO gearbeitet oder auf irgendeine praktische Weise vertriebenen Israelis geholfen. Da ich in den Vereinigten Staaten war, standen mir keine dieser Möglichkeiten zur Verfügung, also musste ich einen anderen Weg finden, zu reagieren. Ich bin Historiker, und Schreiben ist das, was ich kann. In diesem Sinne war Schreiben der natürlichste Ausweg. Zunächst war es nicht für ein spezifisches Publikum gedacht. Ich schrieb für mich selbst, hoffte aber auch, dass diese Arbeit irgendwann ein breiteres Publikum ansprechen könnte.

Welche persönlichen Konsequenzen, falls überhaupt, haben Sie in Israel wegen Ihres Projekts oder Ihrer allgemeinen Aktivitäten erfahren?

Die Reaktionen waren minimal. Niemand von der Polizei, den Sicherheitsdiensten oder staatlichen Behörden hat mich kontaktiert. Praktisch gesehen kann ich sagen, was ich will. Es gab etwas akademischen Gegenwind, aber nichts Ernsthafteres als gelegentliche Hass-Mails. Ich wurde aber weder bedroht noch auf irgendeine bedeutende Weise belästigt, was mich ehrlich gesagt überrascht hat. Ich hatte mit einer ganz anderen Reaktion gerechnet. Mein Gefühl ist, dass die Leute mich eher wie einen Dorftrottel sehen – jemanden, der unbequeme oder unangenehme Dinge sagt. Es ist einfacher, mich zu ignorieren, als sich ernsthaft mit dem auseinanderzusetzen, was ich sage.

Wie reagieren Ihre Studierenden, wenn Sie über Gaza sprechen?

Ich habe zwei Kurse direkt zu diesem Thema unterrichtet. Der eine war ein Kurs über die Geschichte Gazas, von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart, den ich Anfang 2025 gab. Kürzlich habe ich ein Seminar speziell über den Krieg selbst unterrichtet. Beide Kurse waren sehr gut besucht – weit über die übliche Größe hinaus. Natürlich gab es Spannungen, aber das war zu erwarten. Insgesamt setzten sich die Studierenden ernsthaft mit den Inhalten der Kurse auseinander, und ich glaube, dass sie für sie wichtig waren. Niemand stellte mein Recht infrage, diese Kurse zu unterrichten, und niemand bat mich, damit aufzuhören.

Der erste Kurs wurde ausschließlich von jüdischen israelischen Studierenden besucht. Der zweite Kurs umfasste eine kleine Anzahl palästinensischer Staatsbürger oder Bewohner Israels [Anmerkung: Palästinensische Bewohner Jerusalems haben meist keine israelische Staatsbürgerschaft, sondern einen israelischen Ausweis, der ihren ständigen Wohnsitz in Jerusalem bestätigt]. In beiden Fällen blieben die Diskussionen weitgehend innerhalb eines innerisraelischen Rahmens, was verständlich ist. Insgesamt war die Erfahrung positiv, und ich plane, diese Kurse in den kommenden Jahren weiterhin anzubieten.

Wie präsent ist die Lage in Gaza heute innerhalb des israelischen akademischen Diskurses, insbesondere an der Hebräischen Universität, an der Sie lehren?

Die Lage ist weitgehend abwesend. Sowohl in der akademischen Welt als auch in der breiteren israelischen Gesellschaft ist es relativ einfach, das, was in Gaza passiert, zu ignorieren und wieder zur Normalität zurückzukehren. Das tägliche Leben in Israel läuft mehr oder weniger wie gewohnt weiter. Gaza taucht selten in Alltagsgesprächen auf und fehlt oft in den Medien. Ein Freund von mir, der als Journalist arbeitet, erzählte mir kürzlich, dass er eine ganze Ausgabe von Haaretz durchgegangen sei, ohne auch nur einen einzigen Artikel über Gaza zu finden. Dasselbe gilt oft für Ynet, die meistgelesene Nachrichten-Website in Israel.

»Sowohl in der akademischen Welt als auch in der breiteren israelischen Gesellschaft ist es relativ einfach, das, was in Gaza passiert, zu ignorieren und wieder zur Normalität zurückzukehren.«

Infolgedessen denken die meisten Menschen hier weder über Gaza nach noch beschäftigen sich damit. Die Medien spielen eine aktive Rolle dabei, dieses Bewusstseinsdefizit aufrechtzuerhalten. Wenn niemand gezielt nach Informationen sucht, gibt es immer andere, unmittelbarere Anliegen, die Vorrang haben.

Wenn es um Gaza geht, sind die Regierung und der akademische Bereich auf einer Linie?

Im Großen und Ganzen, ja. Viele Akademiker fühlen sich möglicherweise unwohl mit dem, was in Gaza geschieht, rechtfertigen ihr Schweigen jedoch, indem sie dies als eine Art Notfallzeit darstellen. Kritik an Israels Politik gegenüber Gaza wird von der Rechten leicht als Unterstützung der Hamas dargestellt. Diese Bedrohung schreckt Politiker, Richter und Akademiker gleichermaßen ab.

Seit Israel und die Hamas einem sogenannten Waffenstillstand zugestimmt haben, wurden trotzdem Hunderte Palästinenser getötet. Wie würden Sie das aktuelle Ausmaß des palästinensischen Leids beschreiben?

Ich glaube nicht, dass der Völkermord beendet ist. Was wir sehen, ist die Fortsetzung desselben Prozesses in einer anderen Form. Die meisten Israelis sind sich weitgehend nicht bewusst, dass die Gewalt andauert. Anhaltende Luftangriffe, die Zerstörung von Schulen und zivile Todesfälle – oft einschließlich Frauen und Kinder – werden entweder gar nicht berichtet oder sie werden fast ausschließlich als »Terroristen« dargestellt.

Diese Dynamik ist nicht neu. Schon vor dem 7. Oktober wurde Gaza als etwas Fernes behandelt – ein Thema, das man am besten ignoriert, das von anderen behandelt werden soll, ohne dass es von der israelischen Gesellschaft anhaltende Aufmerksamkeit oder moralisches Engagement verlangt.

Was müsste Ihrer Ansicht nach geschehen, damit der Völkermord als beendet gilt? Gibt es konkrete Anzeichen, auf die Sie achten würden?

Eine tatsächlich vereinbarte politische Lösung, verbunden mit einem klaren und anhaltenden Ende der Feindseligkeiten, wäre entscheidend. Theoretisch gibt es verschiedene mögliche Ausgänge. Eine wäre eine offen gewaltsame Lösung, wie etwa eine Massenvertreibung, also ethnische Säuberung. Das würde diese spezifische Phase beenden, wenn auch offensichtlich nicht in einem positiven Sinn. Eine andere Alternative wäre eine politische Vereinbarung, die das Leben in Gaza stabilisiert und die grundlegenden Lebensbedingungen der Palästinenser dort regelt, möglicherweise durch einen eigenen Staat.

»Schon vor dem 7. Oktober wurde Gaza als etwas Fernes behandelt – ein Thema, das man am besten ignoriert, das von anderen behandelt werden soll, ohne dass es von der israelischen Gesellschaft anhaltende Aufmerksamkeit oder moralisches Engagement verlangt.«

Kurz nach dem Waffenstillstand im Herbst schrieben Sie über »Israels kollektive Amnesie« und das schnelle Vergessen des palästinensischen Leids in der öffentlichen Wahrnehmung. Hat sich dieser Prozess nun beschleunigt, da die letzten israelischen Geiseln zurückgekehrt sind?

Es ist schwer, eine Beschleunigung in dieser Hinsicht zu messen. Wichtiger ist der Prozess selbst. Etwa eine Stunde von meinem Wohnort entfernt leben rund zwei Millionen Menschen mitten in einer humanitären Katastrophe. Die meisten haben ihre Häuser und Lebensgrundlagen verloren. Hunger und Not sind weit verbreitet. Dennoch fühlt sich der Alltag in Israel normal an.

Sogar noch näher an Gaza kann das Leben ebenfalls normal wirken, gelegentlich unterbrochen von Explosionen – Luftangriffen, Zerstörungen oder Detonationen, deren Natur oft unklar ist. Wenn man sich nicht aktiv dafür entscheidet, darauf zu achten, ist es erstaunlich leicht zu vergessen, dass all dies überhaupt geschieht. Als Historiker finde ich das zutiefst aufschlussreich. Es ähnelt Situationen, über die ich seit Jahren gelesen habe: Menschen, die in unmittelbarer Nähe zu massivem Leid leben und später behaupten, sie hätten nichts gewusst. Die Realität ist, dass Nichtwissen – oder die bewusste Entscheidung, nichts wissen zu wollen – leichter fällt, als wir zugeben möchten.

Siedlerterror im Westjordanland – von Angriffen auf palästinensische Zivilisten bis hin zu Hauszerstörungen – erhält oft nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Wie passt dieses Ausblenden in das größere Muster des kollektiven Vergessens, das Sie in der israelischen Gesellschaft beschreiben?

Die Situation im Westjordanland ist etwas anders. Dort gibt es weniger Vergessen, zum Teil weil das Westjordanland für Israelis relativ zugänglich bleibt. Zahlreiche NGOs arbeiten vor Ort, dokumentieren Missstände und versuchen, sie in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen. Das bedeutet nicht, dass die Lage gut ist – das ist sie nicht – aber einzelne Vorfälle im Westjordanland erhalten mediale Aufmerksamkeit. Bei Gaza ist das nicht der Fall. Das galt schon vor dem 7. Oktober und gilt auch heute noch.

Organisationen wie B’Tselem können im Westjordanland tätig sein. Aktivisten und Journalistinnen können dorthin reisen, Zeugenaussagen sammeln, Kameras verteilen und langfristige Netzwerke aufbauen. Gaza ist weitaus stärker isoliert. Von meinem Wohnort aus erreiche ich viele Teile des Westjordanlands in einer halben Stunde. Gaza ist völlig anders – es ist für Israelis komplett geschlossen. Es gibt auch eine politische Dimension. Bestimmte politisch-zentristisch-linke Akteure sind gelegentlich bereit, Siedlungen und Gewalt durch Siedler zu kritisieren, zumindest wenn es ihren politischen Interessen entspricht.

Einen solchen Raum für Kritik gibt es in Bezug auf Gaza nicht. Es gibt nahezu keine bedeutungsvolle Kritik an der Gaza-Politik, selbst innerhalb der jüdischen liberal-zionistischen Opposition.

In den letzten Monaten hat Israel Dutzende Hilfsorganisationen von ihrer Arbeit in den besetzten palästinensischen Gebieten suspendiert – ein Schritt, den UN-Experten als klaren Verstoß gegen das Völkerrecht bezeichnen – und den UNRWA-Hauptsitz in Jerusalem zerstört. Welche Auswirkungen, glauben Sie, wird das auf Gaza und auf die Zukunft der palästinensischen Zivilgesellschaft haben?

Ich sollte die Grenzen meiner Expertise klar benennen. Ich bin weder Experte für Völkerrecht noch für die Governance von NGOs. Was ich anbieten kann, ist eine breitere Interpretation.

Was wir erleben, ist der Zerfall der internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere des Rahmens, der nach dem Kalten Krieg entstanden ist. Staaten sind zunehmend in der Lage, Dinge zu tun, die einst als inakzeptabel galten.

»Die Realität ist, dass Nichtwissen – oder die bewusste Entscheidung, nichts wissen zu wollen – leichter fällt, als wir zugeben möchten.«

Die Zerstörung von UNRWA-Einrichtungen ist ein klares Beispiel. Ein Staat sollte kein UN-Eigentum beschlagnahmen und zerstören. Dass dies geschehen kann, spiegelt die Schwäche internationaler Institutionen wider. Macht setzt sich inzwischen routinemäßig über frühere Normen hinweg.

Die Länder, die diese internationale Ordnung eigentlich aufrechterhalten sollten – insbesondere die Vereinigten Staaten, aber auch westeuropäische Staaten – haben ihren Zusammenbruch weitgehend zugelassen. Marco Rubio erklärte kürzlich in München, dass die Interessen der USA und des Westens über die globale Ordnung gestellt werden sollten. Einige westliche Regierungen haben Beschränkungen für Waffenlieferungen an Israel angekündigt, nur um sie stillschweigend wieder rückgängig zu machen. Deutschland ist ein jüngstes Beispiel. Die fortgesetzte militärische, wirtschaftliche und diplomatische Zusammenarbeit mit Israel signalisiert, dass diese Handlungen letztlich tolerierbar sind.

Innerhalb Israels entsteht dadurch ein Gefühl der Normalität. Wenn die internationalen Beziehungen wie gewohnt weitergehen, kommen die Menschen zu dem Schluss, dass nichts Außergewöhnliches passiert. Und wenn nichts Außergewöhnliches passiert, gibt es keinen Grund, den Kurs zu ändern. Beschränkungen sind nur dann relevant, wenn deren Verletzung mit Kosten verbunden ist.

Vor allem im deutschsprachigen Raum stößt die BDS-Strategie – insbesondere der Aufruf zum Boykott israelischer Universitäten – auch innerhalb der Linken auf Kritik. Es wird argumentiert, solche Boykotte würden den progressiven Teil der israelischen Intelligenzia isolieren und ihn in die Arme der Nationalisten treiben. Würden Sie als israelischer Akademiker, der sich dem Völkermord in Gaza widersetzt, dieser Einschätzung zustimmen?

Ich finde dieses Argument nicht überzeugend. Die progressive akademische Gemeinschaft in Israel ist sehr klein. Auf sie zu verweisen dient oft dazu, Maßnahmen zu vermeiden. Ein akademischer Boykott wäre für mich unbequem, aber ich würde ihn verstehen. Ich glaube, dass wirklich progressive Akademiker auch die Begründung für solche Maßnahmen nachvollziehen würden.

Die liberale akademische Gemeinschaft in Israel ist deutlich größer als die progressive. Viele Liberale würden einen Boykott entschieden ablehnen, aber ich sehe keine Hinweise darauf, dass ein solcher Druck sie in Richtung Nationalismus treiben würde. Allgemeiner gesagt wird akademische Isolation innerhalb der israelischen Wissenschaft sehr ernst genommen. Internationale akademische Anerkennung verleiht Legitimität, und viele Wissenschaftler sind stark daran interessiert, diese Verbindungen aufrechtzuerhalten. Die Regierung ist weniger besorgt über akademisches BDS und betrachtet das akademische Segment in Israel oft sogar als politischen Gegner. Das bedeutet jedoch nicht, dass akademischer Druck für die Regierung bedeutungslos ist. Er richtet sich gegen einen Sektor, der internationale Normen und internationalen Status weiterhin schätzt.

»Ein akademischer Boykott wäre für mich unbequem, aber ich würde ihn verstehen.« 

Sie reisen häufig in die Vereinigten Staaten. Sind Sie persönlich mit Boykottaufrufen oder beruflicher Isolation konfrontiert worden?

Nicht direkt, soweit ich weiß. Aber inzwischen ist mir das nicht besonders wichtig. Ich werde weiterhin das tun, was ich für notwendig halte. Ob das zu Boykotten führt oder nicht, müssen andere entscheiden.

Als Historiker des Byzantinischen Reiches: Was sehen Sie als den Wert des Studiums und Lehrens von Geschichte im Allgemeinen? Ist es nicht frustrierend, die Gegenwart – insbesondere die Zerstörung in Gaza – mitzuerleben und zu sehen, dass die Lehren der Geschichte wiederkehrende Tragödien offenbar nicht verhindern?

Ich glaube nicht, dass Geschichte einfache oder direkte Lehren bietet. Sie ist kein Handbuch zur Verhinderung von Katastrophen. Das heißt jedoch, dass historisches Studium in mindestens zweierlei Hinsicht einen Wert hat. Erstens hat Wissen einen Eigenwert. Die Vergangenheit zu verstehen ist an sich bedeutsam. Zweitens schult Geschichte Fähigkeiten, die für die Gegenwart wesentlich sind: kritisches Denken, unabhängiges Urteilen und die Fähigkeit, unterschiedliche Quellen zu einer kohärenten Interpretation von Ereignissen zusammenzuführen.

Geschichte macht einen auch sehr sensibel dafür, wie die Vergangenheit ständig für gegenwärtige politische Zwecke manipuliert wird. Das sehen wir zum Beispiel bei Versuchen, die Geschichte Gazas als inhärent jüdisch darzustellen. Es gibt zahlreiche Bücher, die behaupten, Gaza sei immer jüdisch gewesen, dort habe es stets eine jüdische Gemeinschaft gegeben. Das ist eine Weise, historische Ansprüche zu konstruieren. Das sind keine neutralen Darstellungen der Vergangenheit, sondern politische Instrumente.

»Es ist durchaus möglich, dass wir uns auf eine gewalttätigere internationale Ordnung zubewegen, die weniger durch Völkerrecht und gemeinsame Normen eingeschränkt ist.« 

Ich befinde mich letztlich in einer Position – geografisch, beruflich und historisch –, die es mir erlaubt, diese Ereignisse genau zu beobachten und sie systematisch zu dokumentieren. Meine Verantwortung, wie ich sie sehe, ist es, dieses Material so klar wie möglich aufzuzeichnen, zu analysieren und zu ordnen für diejenigen, die später damit arbeiten könnten.

Wenn wir frühere Gewaltrunden in Gaza betrachten, haben damals nur sehr wenige Menschen sie genau verfolgt oder später darauf zurückgeblickt. Das könnte sich wiederholen. Aber diese Möglichkeit ändert nichts an der Notwendigkeit, die Arbeit jetzt zu tun.

Wie glauben Sie, werden zukünftige Historikerinnen und Historiker auf das, was seit dem 7. Oktober in Gaza geschehen ist, zurückblicken?

Es gibt zwei mögliche Antworten. Die eine ist optimistisch: Dass zukünftige Historiker mit Schock zurückblicken, sich fragen werden, wie so viele Menschen dies geschehen lassen konnten, und dieses Urteil vielleicht nutzen, um ihre eigenen Gesellschaften künftig moralisch zur Verantwortung zu ziehen.

Aber diese Antwort könnte naiv sein. Betrachtet man die globalen Trends insgesamt, sind viele Normen, die einst stabil wirkten, es längst nicht mehr. Handlungen, die früher als inakzeptabel galten, werden heute mit wenig Widerstand durchgeführt. Internationale Institutionen, ob national oder global, haben sich als schwach erwiesen oder lassen sich zumindest leicht umgehen.

Es gibt keine Garantie, dass die Zeit Klarheit oder moralische Rechenschaft bringt. Es ist durchaus möglich, dass wir uns auf eine gewalttätigere internationale Ordnung zubewegen, die weniger durch Völkerrecht und gemeinsame Normen eingeschränkt ist. In einem solchen Szenario könnte es niemals einen Moment kollektiver Einsicht oder Rechenschaft geben.

Lee Mordechai ist Dozent an der Hebräischen Universität Jerusalem. Er ist Ko-Autor des Buches Diseased Cinema: Plagues, Pandemics, and Zombies in American Movies.