03. April 2025
Der taz-Journalist Nicholas Potter weist in einem Beitrag den Völkermord-Vorwurf gegen Israel zurück – mit selektiven Zahlen und fragwürdigen Quellen. Potters Beitrag steht exemplarisch für die Haltung vieler deutscher Medien, die sich der Verantwortung entziehen, Gewalt nicht zu legitimieren.
Um die Opfer zu erfassen, wurde für den Gaza-Krieg die Kategorie »Wounded Child, No Surviving Family« geschaffen.
Am 9. März 2025, als die täglich von Israel gebrochene Waffenruhe in Gaza noch formal bestand, veröffentlichte das Gesundheitsministerium in Gaza auf Telegram eine aktualisierte Opferbilanz: Demnach stieg die Zahl der identifizierten Toten »israelischer Aggressionen seit dem 7. Oktober 2023« auf »48.458 Märtyrer«, die der Verletzten auf 111.897. Allein in den vorangegangenen 24 Stunden seien »5 weitere Märtyrer und 37 Verletzte in die Krankenhäuser des Gazastreifens eingeliefert« worden. Am gleichen Tag wurde von dem mittlerweile ermordeten Al-Jazeera-Journalisten Hossam Shabat auf X ein Video gepostet, das Angriffe auf Zivilisten im östlichen Gazastreifen dokumentieren soll. Die Aufnahmen zeigen schwerverletzte und tote Jugendliche, die am Straßenrand liegen.
Ebenfalls am 9. März erschien auf der Website der taz ein Artikel mit dem Titel »Definitionsmacht eines Genozids« – verfasst von Nicholas Potter, seit Juli 2024 Redakteur für Gesellschaft und Medien bei dem Blatt. Im sogenannten Kommentar, der es nicht in die Printausgabe schaffte, wird argumentiert, die Vorwürfe eines israelischen Genozids in Gaza seien »haltlos« und dienten lediglich einem »antiisraelischen Bauchgefühl« sowie der Rechtfertigung von Hass. Wer in diesem Konflikt genozidale Absichten verfolge, sei allein die Hamas. Sogar die hohe Todeszahl palästinensischer Zivilisten sei von der Organisation gewollt, um »Israel unter Druck zu setzen«.
Um den Genozid-Vorwurf zu entkräften, verfolgt der Autor vor allem eine Argumentationslinie. Kriege seien wirklich erschreckend, eine »Tragödie« sogar –, dennoch sei das Verhältnis an der palästinensischen Seite zwischen getöteten Kämpfern und Zivilisten, die im Artikel nicht als Menschen sondern nur als Zahlen auftreten, ausgewogen oder »fast eins zu eins«. Deshalb ähnele »der Krieg in Gaza nicht anderen Genoziden, sondern anderen Kriegen, vor allem im urbanen Raum«. »Warum dann die ganze Aufregung?«, scheint der Artikel zu fragen. Man fühlt sich als Leser stark an Herrn Peachum in der Dreigroschenoper erinnert, der mit der Bibel in den Händen predigt: »Wer möchte nicht in Fried’n und Eintracht leben? Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!«.
Tatsächlich ist das von Potter propagierte Verhältnis durchweg unzutreffend, aber leider üblich für den Gaza-Diskurs im deutschsprachigen Raum. Denn die Zahlen und Quellen, die der um Fakten besorgte Journalist benutzt, sind mehr als fragwürdig. Nach sorgfältiger Recherche drängt sich der Eindruck auf, hier hat jemand entweder seine Quellen gar nicht verstanden oder sie bewusst manipulierend eingesetzt. Am Ende entsteht ein Zahlensalat mit klarem Ziel: Das Unrechtfertigbare soll als Normalfall in einem nicht optimalen Weltzustand erscheinen. Gegner dieser Logik sind demnach überreagierende Spinner, sogar hasserfüllte Antisemiten.
Beginnen wir mit den Zahlen zum Verhältnis zwischen Zivilisten und Kämpfern in Kriegssituationen. Um seine These einer angeblich normalen 1:1-Ratio zu untermauern, beruft sich Potter auf die Recherche des längst verstorbenen Friedensforschers William Eckhardt aus St. Louis, Missouri, der ein ausgebildeter Psychologe gewesen ist. Die Ironie: Diese nicht sehr seriöse Quelle, die Potter heranzieht, um einen möglichen Genozid in Gaza zu negieren, schließt ausgerechnet Opfer historischer Genozide wie die des Holocaust, des Völkermords an den Armeniern oder der Nama und Herero in seine Rechnung ein. Denn Krieg und Genozid schließen sich nicht gegenseitig aus, ganz im Gegenteil.
Zudem beruft sich Potter auf Daten der Organisation Action on Armed Violence (AOAV), die für Opfer (Tote wie Verletzte) von Sprengstoffwaffen in urbanen Gebieten global eine Zivilistenquote von 90 Prozent ermittelt hat – laut Potter »deutlich mehr als in Gaza«. Doch damit verdreht er die Aussagen der Organisation komplett. Denn die Methodik von AOAV, die nur auf englischsprachigen Medienberichten basiert und nur einen »nutzbaren Indikator« abbildet, kommt bei Anwendung auf Gaza im Zeitraum von 2014 bis Ende 2023 zum Ergebnis, dass dort 97 Prozent der gemeldeten Sprengstoffopfer Zivilisten waren. Eine Recherche der Forschungsgruppe Airwars zu Bombardierungen in den ersten Monaten des Gaza-Krieges kommt zu ähnlichen Ergebnissen.
»Das Gesundheitsministerium in Gaza veröffentlicht regelmäßig Angaben zu den Toten, die identifiziert werden können. Diese Zahl ist mittlerweile auf 50.022 gestiegen, die Hälfte davon Kinder und Frauen. Entgegen Potters Behauptung, gelten diese Zahlenangaben als belastbar und werden selbst vom israelischen Militär als verlässlich eingestuft.«
Die Zahlen aus Gaza verdienen eine nähere Betrachtung. Das dortige Gesundheitsministerium veröffentlicht regelmäßig aktualisierte Angaben zu den Toten, die von seinem Personal unter dem ständigen Bombenhagel identifiziert werden können. Diese Zahlen sollen ausschließlich die direkten Kriegsopfer erfassen. In der letzten Liste finden sich die Namen der Toten, die deren Eltern, wie auch die Geburtsdaten, das Geschlecht und die von Israel vergebene Ausweisnummer. Diese Zahl ist mittlerweile auf 50.022 gestiegen, die Hälfte davon Kinder und Frauen. Entgegen Potters Behauptung, gelten diese Zahlenangaben als belastbar und werden selbst vom israelischen Militär als »insgesamt verlässlich« eingestuft.
Was Potter in seinem Artikel gar nicht erwähnt, ist die weitere Zahl von mehr als 10.000 Menschen, die als vermisst gelten und von denen die meisten für tot gehalten werden. Verschwiegen wird auch eine dem Peer-Review-Verfahren unterzogene Studie, die im Januar dieses Jahres in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurde. Demnach schätzen Forscher der London School of Hygiene and Tropical Medicine und der Yale University, dass die Anzahl der direkten Kriegsopfer in Gaza die vom Gesundheitsministerium gemeldeten Todeszahlen um etwa 40 Prozent übersteigen könnte – und bereits im Juni 2024 auf etwa 64.260 geschätzt wurde. Diese Auslassung ist brisant, weil Potter eine andere Veröffentlichung desselben Journals erwähnt, nur um sie als bloßen Leserbrief, ohne Peer-Review-Verfahren, zu diskreditieren.
Diese höchst selektive Auswahl von Details geht weiter mit der Einschätzung zur Zahl der getöteten Kämpfer. Potter übernimmt für seine Rechnung die Aussage des israelischen Militärs, das – um sich als Sieger zu präsentieren – zu Beginn der letzten Waffenruhe behauptete, es hätte 20.000 Mitglieder bewaffneter Gruppen in Gaza getötet. Diese unbelegte Feststellung wird auch von der israelischen Presse angezweifelt. Laut der Nachrichtenagentur Reuters schätzen US-Behörden die tatsächliche Zahl auf 10.000 bis 15.000.
Um diese Zahlen zu stützen, greift Potter dennoch auf zwei Quellen zurück, die noch weniger vertrauenswürdig sind als die IDF und deren deutliche politische Ausrichtung er zudem verschweigt. Zunächst ist da die Einschätzung des neokonservativen Institute for the Study of War (ISW) zum Kriegsgeschehen, die keine konkreten Angaben zur Zahl getöteter Kämpfer liefert. Die zweite Quelle ist ein Bericht der britischen Henry Jackson Society, die als rechts bis rechtsextrem gilt, über die Gaza-Todeszahlen. Doch die Kernaussagen dieses propagandistischen Berichts wurden als falsch entlarvt – ausgerechnet auf der Webseite des renommierten Think-Tanks Action on Armed Violence, die Potter im selben Artikel als Quelle (fehlerhaft) zitiert.
Selbst wenn man Potters Zahlen zugrunde legt, wonach 20.000 der 48.000 Toten in Gaza bewaffnete Kämpfer sein sollen, ergibt sich daraus kein Verhältnis von »fast eins zu eins«. Doch diese Zahlen sind unrealistisch, selbst wenn alle erwachsene Männer in kampffähigem Alter auf der identifizierten Totenliste tatsächlich Kämpfer wären. Berücksichtigt man zusätzlich die Zahl der Vermissten, kommt man auf eine Ratio von 1:2. Wenn man den geleakten Analysen des US-Nachrichtendienstes zu getöteten Kämpfern mehr Vertrauen schenkt als den Angaben des IDF-Sprechers, dann kommt man auf eine Ratio von 1:3. Geht man schließlich von den wissenschaftlich fundierten Recherchen aus, die eine starke Unterschätzung der offiziellen Zahlen belegen, kommt man derzeit auf etwa 70.000 direkte Todesopfer von Kriegshandlungen oder 3 Prozent der Bevölkerung im Gaza-Streifen. Damit würde sich ein Verhältnis von 4 bis 6 getöteten Zivilisten pro getötetem Kämpfer ergeben.
»Dieser höchst selektive Umgang mit Meldungen aus und zu Israel-Palästina ist für große Teile der deutschen Berichterstattung repräsentativ. Dazu gehört die unkritische Übernahme von Aussagen der israelischen Regierung oder ihr nahestehender Organisationen – mit Ausnahme eindeutiger Aufrufe zu ethnischer Säuberung und Massenvernichtung.«
Doch selbst diese Zahl bildet nur einen Teil der höllischen Realität ab. Denn Gaza liegt in Schutt und Asche. Die nahezu vollständige Zerstörung der medizinischen Infrastruktur, der weitverbreitete Hunger und die mangelnde Versorgung der zahlreichen Binnenvertriebenen haben zweifellos zu einer erhöhten Sterblichkeit beigetragen. Laut einem Bericht des UN-Sekretariats der Genfer Erklärung aus dem Jahr 2008 variiert die Zahl der indirekten Todesopfer infolge von Kriegshandlungen je nach Ort zwischen dem 3- bis 15-Fachen der direkten Opfer. Ein Beitrag vom Sommer 2024 in The Lancet schätzte auf Basis dieser Befunde, dass etwa 186.000 Menschen in Gaza ihr Leben verloren haben oder in Kürze verlieren werden. Alternative Schätzungen zur Gesamtzahl stehen bisher noch aus. Und der Krieg ist noch nicht einmal vorbei.
Daneben werden noch weitere fragwürdige Informationen im Artikel verbreitet. So behauptet Potter, eine Recherche der New York Times habe aufgedeckt, dass Israel seine Regeln für Luftangriffe nach dem 7. Oktober 2023 gelockert habe und inzwischen bereit sei, »bis zu 20 Zivilisten pro Angriff« zu gefährden. Das ist falsch. Vielmehr zeigte der Artikel, dass für die Tötung von bis zu 20 zivilen Opfern nicht mal eine Genehmigung höherer Stellen erforderlich war und dass die erlaubte Anzahl von zivilen Kollateralschäden pro Angriff auf Hamas-Kommandanten bei 100 Nicht-Kämpfern lag. Frühere Recherchen des +972 Mag zeigten, dass auch diese hohe Zahl in einigen Fällen bewusst überschritten wurde.
Solche eher subtilen Verdrehungen ermöglichen es Potter, später im Artikel die Argumente von Amnesty Internationale ins Lächerliche zu ziehen. Denn die Organisation hatte genau diese Praxis – die bewusst in Kauf genommene extrem hohe Zahl ziviler Opfer pro Angriff – als Beispiel angeführt, um das Nebeneinander von militärischen und genozidalen Praktiken zu demonstrieren. Wenn tägliche Angriffe auf mutmaßliche Hamas-Mitglieder – inklusive Kämpfer von niederem Rang – regelmäßig Dutzende Zivilisten töten, handelt es sich nicht mehr um bloße »Unverhältnismäßigkeit«. Vielmehr liegt der Verdacht einer Kriegsführung mit Vernichtungsabsicht nahe. Auch aus diesem Grund kommen neben Amnesty auch Human Rights Watch, Ärzte ohne Grenze, Oxfam, medico international, ECCHR, mehrere UN-Körperschaften und zahlreiche renommierte Experten zur Annahme, der Genozid-Vorwurf sei nachvollziehbar.
Am 18. März brach Israel die Waffenruhe und tötete in einer einzigen Nacht 436 Menschen durch Bomben – darunter 183 Kinder, 94 Frauen und 34 Menschen im Rentenalter. Kein einziger ihrer Namen tauchte in deutschen Großmedien auf, keine Bilder von ihnen (vor oder nach ihrem gewaltsamen Tod) wurden gezeigt, kein Botschafter zeigte Mitleid mit ihren Familien, falls diese die Bombennacht überhaupt überlebten. Palästinenser aus Gaza existieren meist nur als bloße Zahlen, nicht als Menschen. Ganz anders als israelische Opfer.
»In den zunehmend autoritären Zeiten, in denen wir leben, steht die Pressefreiheit weltweit unter Beschuss – wortwörtlich. Laut Reporter ohne Grenzen wurden im Gazastreifen seit Kriegsbeginn fast 170 Medienschaffende getötet, viele davon durch gezielte israelische Angriffe.«
Diese Ungleichbehandlung spiegelt sich auch in Potters Artikel wider. Selbst in einem Text über Gaza werden die Folgen des Krieges auf Einzelpersonen nicht thematisiert. Keine Geschichte über ein Baby, das – wie 274 andere – während des Krieges geboren und getötet wurde. Kein Porträt eines Kindes, das wie Tausende andere von der im Gaza-Krieg neu geschaffenen Kategorie »WCNSF« (»Wounded Child, No Surviving Family«) erfasst wird. Im Artikel werden nur jüdische Opfer namentlich erwähnt und ihr vermeintliches Todesschicksal als Tatsache präsentiert, obwohl es bisher nicht unabhängig verifiziert werden konnte.
Dieser höchst selektive Umgang mit Meldungen aus und zu Israel-Palästina ist für große Teile der deutschen Berichterstattung repräsentativ, die nach dem Motto »Es kann nicht sein, was nicht sein darf« über die Situation in Gaza schreiben. Dazu gehört zunächst die unkritische Übernahme von Aussagen der israelischen Regierung oder ihr nahestehender Organisationen – mit Ausnahme eindeutiger Aufrufe zu ethnischer Säuberung und Massenvernichtung aus den höchsten Rängen, inklusive Netanjahu und Trump. Denn diese werden zumeist ignoriert oder, wie von Potter, als »teils menschenverachtende Aussagen diverser Politiker« kleingeredet.
Zu diesem unjournalistischen Vorgehen gehört aber auch die systematische Anzweiflung palästinensischer und internationaler Quellen. Sicherlich ist es wichtig, Quellen zu überprüfen – aber es ist mehr als unseriös, die Berichte aller relevanten Menschenrechtsorganisationen, UN-Behörden, internationalen Gerichte und Journalistinnen und Journalisten, die vor Ort unter Lebensgefahr arbeiten, als bloße Meinungen oder, schlimmer noch, als Teil einer antisemitischen Verschwörung gegen den sogenannten jüdischen Staat darzustellen. Es legitimiert staatliche Repression gegen alle, die es wagen, aus Solidarität mit Palästina auf die Straße zu gehen, ebenso wie weitere deutsche Waffenlieferungen, mit denen täglich Zivilisten getötet werden.
In den zunehmend autoritären Zeiten, in denen wir leben, steht die Pressefreiheit weltweit unter Beschuss – wortwörtlich. Laut Reporter ohne Grenzen (RSF) wurden im Gazastreifen seit Kriegsbeginn fast 170 Medienschaffende getötet, viele davon durch gezielte israelische Angriffe. Unvergleichbar, aber dennoch besorgniserregend ist das »angespannte und feindselige Arbeitsklima«, von dem laut RSF Journalisten in Deutschland berichten, die entweder »das Leid der Palästinenser zeigen« oder »über jüdisches Leben in Deutschland berichten«. Die eigene Verantwortung von Journalisten und Redaktionen, Gewalt nicht zu legitimieren, gerät in diesen Diskussionen oft in den Hintergrund.
Nach sechszehn Monaten unvorstellbarer Zerstörung im Gazastreifen ist es jedoch längst überfällig, dass sich Journalisten und Redaktionen in Deutschland ernsthaft damit auseinandersetzen, welche Verantwortung sie gegenüber den Palästinensern in Gaza tragen, die derzeit Opfer eines mit deutschen Waffen verübten Menschheitsverbrechens sind. Dass Potters Artikel immer noch unkorrigiert online steht, wirft in dieser Hinsicht viele Fragen auf.
Yossi Bartal lebt in Berlin-Neukölln und ist freiberuflicher Journalist.