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20. März 2026

Die Propaganda, die wir nicht Propaganda nennen

Seit Beginn des Gaza-Krieges dominiert eine Sichtweise die deutsche Debatte: die israelische. Wer diese Einseitigkeit verstehen will, muss sich mit dem israelischen Propaganda-Apparat beschäftigen. Und der reicht weit über Youtube-Kampagnen hinaus.

»Die israelische Propagandastrategie umfasst den Aufbau internationaler Netzwerke, die gezielte Beeinflussung von Journalistinnen und politischen Entscheidungsträgern und langfristige Diskursarbeit.«

»Die israelische Propagandastrategie umfasst den Aufbau internationaler Netzwerke, die gezielte Beeinflussung von Journalistinnen und politischen Entscheidungsträgern und langfristige Diskursarbeit.«

Collage: Johanna Goldmann

Der deutsche Diskurs um Gaza hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Doch bis heute gilt: Pro-Israelische Erzählungen dominieren die mediale und politische Debatte. Palästinensische Perspektiven finden zwar vermehrt statt, doch sie bleiben marginalisiert.

Der israelische Staat betreibt nämlich massiv Propaganda. Vor zwei Jahren wurde dieser Fakt zumindest in Deutschland routinemäßig als antisemitische Verschwörungstheorie abgetan. Heute dürfte er den meisten Menschen bekannt sein, die sich mit der Situation im Gazastreifen beschäftigt haben. Die Youtube-Werbekampagnen der IDF, Instagram-Reels, die israelische Truppen als Helden inszenieren – das sieht aus wie Propaganda, es riecht wie Propaganda und es ist Propaganda.

Allerdings handelt es sich bei all diesen Beispielen nur um die Spitze des israelischen Propaganda-Eisberges. Wer verstehen will, warum der deutsche Gaza-Diskurs so ist, wie er ist, muss sich mit dem Rest dieses Eisberges auseinandersetzen.

»Israelische Propaganda wird häufig nicht als solche eingeordnet, weil selbst Journalisten der falschen Annahme anhängen, nur ›autokratische Andere‹ bedienten sich dieses Machtmittels.«

Zunächst ist festzuhalten: Israel ist natürlich nicht der einzige Akteur, der zum Thema Gaza Propaganda betreibt. Das tun auch die Hamas, die Palästinensische Autonomiebehörde, Katar, die Türkei, der Iran – alle, denen daran gelegen ist, die öffentliche Meinung zu diesem Thema in ihrem Sinne zu beeinflussen. Nichts anderes ist nämlich Propaganda per Definition: Der Versuch von staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren, über das strategische Verbreiten von Informationen die öffentlichen Diskurse zu beeinflussen.

Nur kann sich israelische Propaganda im deutschen Mainstream-Diskurs viel besser entfalten als die strategische Kommunikation seiner Gegner. Und das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen wird israelische Propaganda häufig nicht als solche eingeordnet, weil selbst Journalistinnen und Journalisten der falschen Annahme anhängen, nur »autokratische Andere« bedienten sich dieses Machtmittels. Und zum anderen wird israelische Meinungsbeeinflussung mindestens politisch toleriert, wenn nicht sogar aktiv durch einflussreiche politische Akteure in Deutschland mitbetrieben.

Keine Verschwörung

Während die Erzählung der Hamas (richtigerweise) nur spärlich in den deutschen Medien reproduziert wird, werden israelische Regierungsnarrative oft ohne angemessene Einordnung übernommen. Und während Vertreter von Akteuren wie der Hamas oder der iranischen Regierung der Zugang zu deutschen medialen Bühnen weitestgehend verwehrt bleibt, erhalten Vertreter israelischer Regierungspositionen beste Sendezeiten in Talkshows und Nachrichtensendungen.

Denken wir etwa an Melody Sucharewicz, die regelmäßig in deutschen Polit-Talkshows sitzt, um den Nahostkonflikt zu diskutieren. Angekündigt wird sie von der Lanz-Redaktion als »Soziologin« oder als »in Tel Aviv lebende Deutsch-Israelin«. Was den Zuschauern vorenthalten wird: Hauptberuflich ist sie Propagandistin. Auf ihrer eigenen Website nennt sich Sucharewicz »Beraterin für politische Kommunikation und Strategie«. Sie arbeitete in der Vergangenheit für den israelischen Verteidigungsminister Benny Gantz, das israelische Außenministerium und verschiedene israelische Lobbyorganisationen. Zu ihrer »Toolbox« gehören nach eigenen Angaben: »Strategische Kommunikation, Öffentliche Meinungsbildung, Public Diplomacy, Politische und Kommunikationspsychologie.«

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Pauline Jäckels ist teils freie Journalistin, teils Redakteurin bei der Taz. Sie studierte Politik-, Wirtschaftswissenschaften und Internationale Beziehungen in Berlin und London.