26. Februar 2026
Jacobin wurde mit dem German Design Award ausgezeichnet. Im Interview spricht Creative Director Andy King über rechtsextreme Online-Kultur, sozialistische Design-Vorreiter – und darüber, wie Print im Digitalzeitalter überleben kann.

Brumaire-Verlagsleiterin Carmen Giovanazzi (l.), Creative Director Andy King (m.) und Art Director Marie Schwab (r.) auf der Preisverleihung des German Design Awards in Frankfurt.
Nüchterne Analyse und sozialistische Polemik müssen weder langweilig noch unansehnlich sein – dieses Credo leitet unsere Arbeit bei Jacobin schon seit dem ersten Tag an. Dafür erhält Jacobin zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren einen Preis: Unsere neunzehnte Ausgabe »Im Kaufhaus der Religionen« wurde mit dem German Design Award (Gold) für »Excellent Communications Design« ausgezeichnet. Laut der Jury »überzeugt das Projekt durch seine authentische, ästhetisch prägnante Umsetzung und setzt einen kraftvollen Akzent in der aktuellen Debatte«.
Seit 2024 leitet Andy King als Creative Director das Designteam von Jacobin. Nach ihrer Rückkehr von der Preisverleihung in Frankfurt sprach sie mit Ady Zymberi, Operations Manager beim Brumaire Verlag, darüber, was diese Zeitschrift für sie so besonders macht und ob es sowas wie »linkes Design« überhaupt gibt.
Glückwunsch zur Auszeichnung! Ich bin ab und zu dabei, wenn jemand zum ersten Mal eine Jacobin-Ausgabe in der Hand hält, und das, was ich mit Abstand am häufigsten höre, ist Lob für das Design.
Vielen Dank! Das haben das Designteam, die Redaktion und unsere Freiberufler gemeinsam erreicht.
»In einem lustigen Jahr, als ich sechzehn war, begann ich, orthodoxe Ikonen zu malen, obwohl ich nicht mehr an Gott glaubte – und schrieb mich für einen Kurs bei einem Mönch ein.«
Kannst Du uns etwas über Deinen eigenen künstlerischen Werdegang erzählen? Wie bist Du zu Jacobin gekommen?
Mein Weg war riskant – nichts, was ich jemandem empfehlen würde, der Wert auf persönliche Zeit oder Stabilität legt –, da ich mich dafür entschieden habe, eine »Allrounderin« zu sein. Wenn etwas mein Interesse weckt, habe ich das Gefühl, dass ich keine andere Wahl habe, als es durchzuziehen. Es ist weniger ein kreativer Ausdruck als vielmehr ein kreativer Zwang. In einem lustigen Jahr, als ich sechzehn war, begann ich, orthodoxe Ikonen zu malen, obwohl ich nicht mehr an Gott glaubte – und schrieb mich für einen Kurs bei einem Mönch ein.
Überraschenderweise hat sich diese chaotische Sammlung von Fähigkeiten bei Jacobin als nützlich erwiesen. In einer Woche erstelle ich Collagen für einen Text, der das Budget der Bundeswehr kritisiert, in der nächsten Woche layoute ich die Printausgabe. Dann fotografiere ich das gedruckte Magazin in meinem Fotostudio und verwandle diese Bilder dann in digitale Mock-ups.
Mein erster Auftrag für Jacobin war eigentlich eine Titelillustration für die Ausgabe »Ost New Deal«, eine psychedelische Interpretation der Ostalgie. Danach lud mich der damalige Creative Director Andreas Faust ein, als Teilzeit-Freelancerin mitzuarbeiten. Mit der Zeit nahmen die Aufgaben zu, und jetzt bin ich hier.

Mich würde interessieren: Siehst Du Deine Arbeit für das Magazin in erster Linie als ästhetische, kreative Aufgabe oder als politischer Auftrag?
Leider ist man, wenn man einmal vom Politikvirus befallen ist, ein Leben lang infiziert – eine Tragödie! Ich wurde schon früh im Leben infiziert, was bedeutet, dass Kreativität und Politik für mich immer miteinander verflochten waren.
Zwischen 2014 und 2020 habe ich viel Zeit damit verbracht, als eine Art amateurhafte digitale Ethnografin rechtsextreme Online-Communities zu erforschen. Ich tat dies, indem ich mich als teilweise geläuterter, selbstkritischer, aber letztlich immer noch weiß-suprematistischer Incel ausgab. Einer meiner Lieblingsavatare war eine Fotomontage von Hitler, der romantisch ein Anime-Mädchen umarmt. Später schrieb ich für Jacobin über diese Erfahrung.
»Linkes Design gibt es durchaus – auch wenn diese Bezeichnung leider kein Kompliment ist.«
Diese Forschung hat auch meine New-Media-Kunstpraxis direkt geprägt, der ich außerhalb meiner Arbeitszeit bei Jacobin nachgehe. Ich habe zwei Künstlerbücher mit experimenteller Fotografie produziert, die Themen wie Einsamkeit, Agoraphobie, Zölibat und Eskapismus behandeln – ein drittes Künstlerbuch ist in Arbeit. Zusammen zielen sie darauf ab, eine Überzeugung emotional einzufangen, die ich in diesen Online-Communities beobachtet habe: dass die reale Welt nicht mehr zu retten ist und die Flucht die einzige Zuflucht ist. Einige dieser Fotos wurden schließlich zur Illustration von Jacobin-Artikeln verwendet, sodass alles miteinander verbunden ist.
Gibt es in diesem Sinne so etwas wie »linkes« Design? Kann Design politisch sein?
Linkes Design gibt es durchaus – auch wenn diese Bezeichnung leider kein Kompliment ist. Historisch gesehen war das nicht immer so! Früher war sozialistisches Design topaktuell. Konstruktivisten wie Alexander Rodtschenko und El Lissitzky gestalteten nicht nur politische Plakate – sie waren Revolutionäre, die ihre eigenen Manifeste schrieben, während sie gemeinsam mit anderen Revolutionären arbeiteten, tranken, protestierten und theoretisierten. Ähnlich wurden im Bauhaus Kunst, Design, industrielle Produktion sowie politische und soziale Theorie als ein Ganzes betrachtet. Designer und Intellektuelle arbeiteten eng zusammen, in der festen Überzeugung, dass Form Reformen bewirken könne.
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war diese Synthese aufgrund der politischen Desillusionierung im Westen, des staatlich verordneten »sozialistischen Realismus« im Ostblock und der Professionalisierung des Designs als eigenständige Disziplin, die sich von den Künsten abgrenzte, weitgehend zerfallen. Die liberale, kreative Linke wandte sich stattdessen der subkulturellen Ästhetik zu – Flower Power, Punk, Grunge – und begrüßte den Stil, oft jedoch ohne materialistische Kritik.
Die intellektuelle Linke neigte unterdessen zu visueller Strenge und betrachtete »gutes Design« mit Argwohn: Auffällige typografische Layouts und satte Farben wurden mit Corporate Branding in Verbindung gebracht und daher als ideologisch kontaminiert angesehen.
Wenn man sich heute viele linke Verlage ansieht, findet man immer noch wichtige, analytisch scharfsinnige Texte, die in gedeckten Farben, dichter Typografie und seltsamen Schriftarten aus den 1990er Jahren präsentiert werden. Illustrationen, wenn vorhanden, sind entweder Archivbilder aus einem vergangenen Jahrhundert oder bekannte Protestikonen – erhobene Fäuste, die in den Himmel boxen. Die implizite Botschaft lautet, dass Sozialismus eine ernste Angelegenheit ist und nicht durch »Stil« abgewertet werden sollte.
Sind Marktradikale also die besseren Designer?
Ironischerweise entstand die Art von modernistischem Corporate Design, die von linken Kreisen mit Argwohn betrachtet wird, aus dem Konstruktivismus und dem Bauhaus. Die Bildsprache selbst war nie von Natur aus kapitalistisch, sie war einfach nur effektiv. Das ist wahrscheinlich eine kontroverse Sichtweise, aber Design ist nicht von Natur aus politisch, auch wenn die Konstruktivisten das anders sahen. Es ist ein visueller Rahmen, der für verschiedene Ideologien verwendet werden und zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Designer entscheiden, wie diese Rahmen umgesetzt werden und zu welchem Zweck. Wenn das gelingt, entsteht eine Assoziation.
»Für mich ist gutes Design eine Form des Respekts: Ich möchte, dass der Leser sich ausdrücklich bewusst ist, dass ich für ihn arbeite und nicht umgekehrt.«
Bei Jacobin vermeiden wir beispielsweise bewusst eine isolierte »Szene«-Ästhetik. Wir möchten Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund willkommen heißen, anstatt einen Stil zu verwenden, der stark mit einer bestimmten politischen Bewegung wie beispielsweise Punk assoziiert ist. Jacobin richtet sich nicht nur an Akademiker, die dafür bezahlt werden, tagsüber zu lesen, sondern auch an Menschen mit anspruchsvollen Jobs, die es vielleicht nach einer langen Schicht zur Hand nehmen. Für mich ist gutes Design eine Form des Respekts: Ich möchte, dass der Leser sich ausdrücklich bewusst ist, dass ich für ihn arbeite und nicht umgekehrt.
Inwieweit hast Du Dich bei der Gestaltung der deutschen Ausgabe von Jacobin an den Originaldesigns von Remeike Forbes orientiert und wie viel hast Du verändert? Was ist das Besondere an der deutschen Ausgabe?
Das Cover-Design bleibt unverändert, aber das Innere unterscheidet sich stark. Die US-Ausgabe enthält mehr Mini-Rubriken, abwechslungsreiche Raster, mehr Fotos und einen stärkeren Fokus auf Infografiken. Das vierspaltige Layout funktioniert auf Englisch, lässt sich aber kaum ins Deutsche übertragen. Unser Innenlayout hingegen ist komplett unser eigenes System, obwohl wir wichtige Elemente aus dem US-amerikanischen Jacobin beibehalten haben: das Logo, die Guillotine-Trennlinie, die Schriftart Lateral von Schick Toikka und die unverwechselbaren Illustrationen von Remeike Forbes sowie sein Black-Jacobin-Logo.
Bei unserem Redesign haben wir den illustrationsorientierten Ansatz beibehalten. Jede Ausgabe enthält mehrere visuell markante Doppelseiten, deren Produktion einen erheblichen Aufwand erfordert – einige davon könnten eigenständige Poster sein. In dieser Hinsicht ist die deutsche Ausgabe von Jacobin deutlich plakativer. Ein Grund dafür ist meine Überzeugung, dass das Design eines Magazins den Ort widerspiegeln sollte, an dem es produziert wird – und in unserem Fall ist dieser Ort Berlin. Meine Begeisterung für deutsches und schweizerisches Plakatdesign war einer der Gründe, warum ich hier studieren wollte.
Es ist aber auch wichtig, gelegentlich die Kohärenz des Magazins zu durchbrechen. Je größer und professioneller die meisten Publikationen werden, desto einheitlicher sehen sie aus – und verlieren dadurch an visueller Eindringlichkeit. Ich versuche, ein gewisses Maß an Spontaneität beizubehalten. Plakative Heftseiten können dazu beitragen, die Leserin aufzurütteln.
Jacobin hat den Design-Award für die Ausgabe #19 »Im Kaufhaus der Religionen« erhalten. Hat das Thema der Ausgabe die Ausrichtung der Designs beeinflusst?
Vor ein paar Jahren hatte ich ein Buch über illuminierte Handschriften gekauft, in der übertriebenen Überzeugung, dass ich eines Tages die Illustration des »Homo signorum« – des Tierkreis-Menschen (eine mittelalterliche medizinische Illustration, in der der menschliche Körper kosmologisch abgebildet ist) – aus den Très Riches Heures du Duc de Berry irgendwo verwenden würde. Ich wusste nur noch nicht, wofür ich sie verwenden würde.
»Ein E-Book als Geburtstagsgeschenk zu erhalten, fühlt sich kaum wie etwas besonderes an. Physische Objekte sind in einer Weise gemeinschaftlich, wie es digitale Dateien nicht sind.«
Als ich erfuhr, dass sich die neunzehnte Jacobin-Ausgabe mit Religion befassen würde, wusste ich: Der Moment des »Homo signorum« war gekommen. Wir überarbeiteten das Motiv, um zu zeigen, wie Religiosität durch Konsumismus ersetzt wurde: Der Körper ist nicht mehr ein Gefäß für die Erlösung, sondern ein Körper, der konsumiert wird. Oleg Buyevsky, der schon mehrere unserer Cover illustriert hat, war ein No-Brainer. Normalerweise erfordert ein Cover wochenlange iterative Abstimmungen zwischen Redaktion, Design und Illustrator; in diesem Fall wurde das Konzept ohne große Diskussion sofort abgesegnet.

Was waren einige der größten Herausforderungen?
Eines der zentralen Stücke in der Ausgabe war ein fesselndes Interview mit dem Philosophen Martin Hägglund über Leben, Tod, säkularen Glauben und Marxismus – leichte Kost also. Eine direkte Illustration hätte seine Argumente verflacht; es brauchte einen eher literarischen Ansatz. Nachdem ich mir zwei Wochen lang den Kopf zerbrochen hatte und der Drucktermin näher rückte, erinnerte ich mich an einen Maler, den ich bei einer Ausstellung in einem dunklen, labyrinthartigen Bunker in Berlin kennengelernt hatte – Ferdinand Dölberg. Seine Gemälde, die zerfallende kapitalistische Strukturen und spirituelle Trostlosigkeit darstellen, waren perfekt für die Ausgabe.
Was ist die besondere Aufgabe von Printmedien in der heutigen Medienlandschaft?
Da gedruckte Bücher mit digitalen Ausgaben konkurrieren, müssen sie das hervorheben, was sie auszeichnet: ihre Materialität. Die Zukunft des Buches liegt womöglich in seiner Präsenz als Objekt – haptisch, sammelbar, dekorativ.
Ein physisches Buch fesselt die Aufmerksamkeit auf eine Weise, wie es eine digitale Datei selten tut. Ein E-Book als Geburtstagsgeschenk zu erhalten, fühlt sich kaum wie etwas besonderes an. Physische Objekte sind in einer Weise gemeinschaftlich, wie es digitale Dateien nicht sind – man kann eine digitale Datei unendlich oft teilen, aber wenn man ein Buch an einen Freund verleiht, geht man eine kleine soziale Verpflichtung ein – man muss sich wieder sehen, um es zurückzubekommen.
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Jacobin erscheint seit 1. Mai 2020 im Brumaire Verlag und ist mittlerweile das auflagenstärkste sozialistische Magazin im deutschsprachigen Raum. Bis heute sind 23 gedruckte Ausgaben erschienen und über 2.300 Online-Artikel auf Jacobin.de veröffentlicht worden. Rund 350.000 Menschen lesen die Texte im Monat auf der Webseite.
Die gedruckte Auflage liegt bei 11.500 Exemplaren (Stand Q1 2026) mit einem Anteil von 9.500 Abos (Print & Digital). Die nächste Ausgabe »Palästina« erscheint im März 2026.
Herausgeber & Verleger: Ole Rauch
Chefredakteur: Loren Balhorn
Verlagsleitung: Carmen Giovanazzi
Chef vom Dienst: Thomas Zimmermann
Redaktion: Magdalena Berger, Bafta Sarbo, Martin Haller
Kolumnen: Ole Nymoen, Judith Scheytt
Freie Redakteure: Linus Westheuser, Astrid Zimmermann, Matthias Ubl, Ilker Eğilmez, Jonas Thiel
Korrektorat: Marlen van den Ecker
Übersetzung: Tim Steins
Ops & Socialmedia: Ady Zymberi
Events: Laura Stoppkotte
Vertrieb: Richard Götz
Creative Director: Andy King
Art Directors: Johanna Goldmann, Marie Schwab, Markus Stumpf, Zane Zlemeša