13.06.2021

Geld arbeitet nicht

Vom Grundeinkommen über Klimaschutz bis zur Staatsverschuldung – unsere ökonomischen Debatten laufen oft ins Leere, weil wir diesen einen Punkt nicht verstehen.

ILLUSTRATION Anton Ohlow

ILLUSTRATION Anton Ohlow

Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten« – so lautet das Glücksversprechen aller Finanzberater, seien sie seriös oder dubios, online oder offline. Die finanzielle Unabhängigkeit von Lohnarbeit ist für Normalsterbliche eine fast paradiesische Vorstellung. Nicht bis zur Rente warten zu müssen, um mit der täglichen Plackerei aufhören zu können, ist verlockend. Aber die Sache ist die: Geld arbeitet nicht. Nie. Auch dann nicht, wenn man es »sinnvoll investiert«.

Dennoch ist diese Vorstellung weit verbreitet und wirkungsmächtig. Das zeigte sich zuletzt an den beipflichtenden Reaktionen, als das Bundesverfassungsgericht den Berliner Mietendeckel für nichtig erklärte: Den Vermieterinnen und Vermietern stünden ihre hohen Profite zu, schließlich würden sie in nobler Selbstaufgabe darauf verzichten, ihre Einkommen einfach zu verkonsumieren, und es stattdessen in gesellschaftlich nützlicher Weise im Wohnungswesen einsetzen. Ähnliches gelte für den Aktienmarkt: Wer sein Geld dort investiere, helfe Unternehmen dabei, durch Innovation die nächste Pandemie zu verhindern oder den Klimawandel zu besiegen. Hinter solchen Argumenten verbergen sich gleich mehrere ökonomische Fehlannahmen. Es lohnt sich, sie Stück für Stück auseinanderzunehmen.

Woher kommt das Kapital?

Wer sich heute an der Börse Aktien eines Unternehmens kauft – zum Beispiel die eines Solarzellenherstellers – stellt der Firma damit keineswegs neues Kapital zur Verfügung, das sie in effizientere Produktionsstraßen oder in ihr Forschungslabor investieren könnte. Beim Aktienkauf handelt es sich typischerweise um einen Transfer zwischen der Vorbesitzerin der Aktie – einer Privatperson, einer Bank, eines Investment- oder Pensionsfonds – und dem Käufer. Das betreffende Unternehmen erhält vom Kaufpreis der Aktie typischerweise gar nichts. Dies ist nur dann der Fall, wenn die Aktie zum ersten Mal emittiert wird – dies kann aber schon Jahrzehnte zurückliegen – oder das Unternehmen selbst seine Aktien veräußert. Zwar ist es möglich, dass eine erhöhte Nachfrage den Aktienkurs steigen lässt, was das Unternehmen unter Umständen befähigt, mehr Kredite aufzunehmen, und so Spielräume für Investitionen schafft. Garantiert ist das jedoch nicht.

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