20.07.2020

Generationenkrieg ist Klassenkampf für Dumme

Es sind die Reichen, nicht die Alten, die uns die Zukunft stehlen.

Keine Generation sollte auf die andere hinabblicken - Oma mit ihrem Enkel in Leningrad 1990.

Keine Generation sollte auf die andere hinabblicken - Oma mit ihrem Enkel in Leningrad 1990.

© Brian Kelley / Flickr.

Deutschland bekommt nun also eine Grundrente – trotz Corona-Krise. Die übliche demografische Panikmache der Neoliberalen wird nicht lange auf sich warten lassen.

In Deutschland herrscht »Generationenkrieg«, so sieht es zumindest Michael Sauga im Spiegel. Weil durch die geplante Rentenaufstockung jetzt einige Menschen im Alter mehr Geld erhalten, müssten sich jüngere vor einer nicht beherrschbaren wirtschaftlichen Last fürchten: In einem vergreisten Land schufteten bald wenige Junge für viele Alte, am Ende bliebe für beide zu wenig für ein gutes Leben. Die Angst vor der »Rentnerrepublik« geht schon seit vielen Jahren um und ist seit der Schröder-Ära regelmäßig Thema in Talkshows und Tagespresse.

Ja, Deutschland verändert sich demografisch: Die Lebenserwartung steigt weiter leicht, die Geburtenrate liegt schon seit vielen Jahrzehnten unter der Ersatzrate, die – Zuwanderung ausgenommen – theoretisch für eine konstante Bevölkerung notwendig wäre. Soweit die Fakten, ihre apokalyptische Interpretation ist jedoch alles andere als vorgegeben.

Es ist genug für alle da

Schaut man sich die tatsächlichen Daten etwas genauer an, wird schnell klar, dass der wirtschaftliche Verteilungskonflikt in Deutschland nicht zwischen den Generationen verläuft, sondern zwischen Vermögenden und allen anderen. Um sich das Problem zu verdeutlichen, sind im wesentlichen drei Werte relevant: Wie viele Waren und Dienstleistungen produziert die Wirtschaft, wie viele Menschen konsumieren sie, und wie viele Arbeitsstunden müssen Arbeiterinnen und Arbeiter dafür aufwenden?

Das Verhältnis von aktiven arbeitenden Menschen zu denen in Rente ist zwar theoretisch wichtig, spielt für die aktuelle Situation in Deutschland aber eine untergeordnete Rollte: Es hat sich wegen gestiegener Geburtenraten und Zuwanderung viel positiver entwickelt als ursprünglich vorausgesagt. Seit 2015 ist das Medianalter der Bevölkerung sogar leicht gesunken, weil die Zahl der Geburten merklich anstieg und viele junge Zuwanderinnen und Zuwanderer ins Land kamen. Von einer demografischen Krise kann derzeit keine Rede sein.

Das Verhältnis von produzierten Waren und Dienstleistungen zur Bevölkerung wird durch das Bruttoinlandsprodukt gemessen. Inflationsbereinigt (das heißt nachdem Preissteigerungen herausgerechnet wurden) stieg es von 36,800 US-Dollar pro Kopf im Jahr 2000 auf 45,500 US-Dollar pro Kopf im Jahr 2018, ein Anstieg von 23,6 Prozent. Gleichzeitig gab es im Jahr 2000 in Deutschland 23,1 Millionen Rentnerinnen und Rentner, im Jahr 2018 waren es 25,7 Millionen, also 11,3 Prozent mehr – bei einer praktisch konstanten Gesamtbevölkerung.

Die deutsche Wirtschaft ist also mehr als doppelt so schnell gewachsen wie die Zahl derjenigen, die Renten beziehen, was nichts anderes bedeutet, als dass mehr als genug für alle Generationen da ist und der Lebensstandard für alle steigen sollte. Wenn ein Mensch, egal in welchem Alter, in Deutschland nicht genug zum Leben hat, so ist dies ein Problem der Verteilungs- und nicht der Generationengerechtigkeit.

Übrigens: Die aktive Erwerbsbevölkerung in Deutschland war noch nie so groß wie kurz vor Ausbruch der Corona-Krise, und sie wird sich aller Voraussicht nach schnell wieder erholen, da Tourismus und Gastronomie nach der Pandemie ja wieder nachgefragt sein werden.

Nicht alle Alten

Noch deutlicher wird das Bild, wenn man Produktivität und Lohnniveau miteinbezieht. Im Zeitraum von 1999 bis 2017 ist die Arbeitsproduktivität in Deutschland inflationsbereinigt um über 20 Prozent gestiegen. Mit derselben Anzahl von Arbeitsstunden wurden 2017 also über 20 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen erwirtschaftet (oder die Erzeugnisse waren von entsprechend höherer Qualität). Gleichzeitig stiegen die realen Löhne jedoch nur um acht bis neun Prozent, und mit ihnen auch die Renten, denn das Rentenniveau ist an das Lohnniveau gekoppelt. Das darüber hinaus erwirtschaftete Plus verblieb bei Unternehmen, Aktionären, Hedgefonds und Vermieterinnen und Vermietern. Sowohl arbeitende Menschen als auch alle in Rente hätten deutlich mehr verdient gehabt.

Richtig ist, dass viele Vermögende eher älter sind. Schuld daran sind vier statistische Effekte: Erstens sind die Mitglieder die ältesten lebenden Generation am häufigsten im Besitz von dynastisch vererbtem Vermögen. Zweitens hatten westdeutsche Mitglieder der Babyboomer-Generation durch den sozialdemokratischen Konsens der 1970er Jahre besonders gute Bildungs- und berufliche Aufstiegschancen und konnten bei hohen Lebenseinkommen selbst größere Vermögen ansparen. Drittens haben Reiche eine gravierend höhere Lebenserwartung als Arme und viertens macht zusätzliche private Altersvorsorge (zum Beispiel Pensionsfonds) auch ältere Arbeitende zum Teil de facto zu Kapitalbesitzerinnen und -besitzern.

Diese vier statistischen Zusammenhänge bedeuten zwar, dass, wer reich ist, sehr wahrscheinlich älter ist, nicht aber im Umkehrschluss, dass, wer alt ist, automatisch mit großer Wahrscheinlichkeit reich ist. Kapitalhäufung am Lebensende und gravierende Altersarmut existieren in Deutschland – wie in dem meisten westlichen Industrieländern – nebeneinander.

»Es gibt rechte Omas, es gibt Omas gegen Rechts, und es gibt Millionen von Omas und Opas irgendwo dazwischen.«

In diesem Punkt zeigen sich einmal mehr die Vorteile eines umlagefinanzierten Rentensystems, wie es in Deutschland existiert. Es kann in wirtschaftlich schwachen Zeiten durch günstige Kredite des Staates gestützt werden, während privates Vermögen von Kleinsparern im schlimmsten Fall durch eine Wirtschaftskrise vernichtet werden kann. Damit agiert ein öffentliches, solidarisches Rentensystem als wirtschaftlicher Stabilisator und verringert das Risiko für Altersarmut.

Sicherlich wird in den nächsten Jahren darüber nachzudenken sein, ob durch zunehmende Automatisierung das System in Ungleichgewicht geraten könnte und die Finanzierungsbasis der Rentenbeiträge durch allgemeine Einkommensbesteuerung ergänzt oder ersetzt werden muss. Das Grundprinzip, dass die Gesellschaft die Mittel für Renten gemeinschaftlich und solidarisch erwirtschaftet, ist jedoch goldrichtig.

Zusätzlich hat ein solches System den Vorteil, dass Vermögen am Lebensende nicht an die nächste Generation vererbt wird, womit generationenübergreifende Ungleichheit und gesellschaftliche Spaltung vermieden werden. Denn man darf nicht erwarten, dass sich junge Reiche eher mit der Gesamtgesellschaft solidarisch zeigen, als ihre Eltern und Großeltern. Die Anzahl der Fälle, in denen sozial bewegte Erben die Mieten für ihre Elternhäuser gesenkt haben, dürfte wohl sehr überschaubar sein.

Richtig ist auch, dass der Anteil der Rentnerinnen und Rentner weiter steigen und irgendwann ein deutlich höheres Niveau erreichen wird als heute. Manche Prognosen, wie etwa die der OECD, gehen von mehr als 70 Menschen in Rente pro 100 Menschen in Arbeit im Jahr 2050 aus. Das klingt nach viel, aber man sollte nicht vergessen, dass dies lediglich Vorhersagen sind. Niemand weiß genau, welche Einwanderungs- und Familienpolitik mit welchen demografischen Auswirkungen in den nächsten drei Jahrzehnten genau verfolgt werden wird. Und hören wir nicht andauernd davon, wie viele Arbeitsplätze die Automatisierung bis dahin vernichten wird?

Vermutlich wird es durch technologischen Fortschritt ein leichtes sein, die zusätzlichen Verbraucherinnen im Rentenalter mitzuversorgen, und trotzdem weniger und besser zu arbeiten. Vorausgesetzt natürlich, wir nehmen dem Kapital die Macht, darüber zu bestimmen, wie die Früchte der zusätzlichen Produktivität verteilt werden.

Falls tatsächlich eine Automatisierungswelle bevorsteht, sind zusätzliche »unproduktive« Konsumentinnen und Konsumenten im Rentenalter wahrscheinlich das Beste, was den westlichen Volkswirtschaften in den nächsten Jahrzehnten passieren könnte. Die Arbeitsmarktsituation für junge Menschen mit hohem Bildungsniveau ist in Deutschland nicht zuletzt deshalb auch relativ gut, weil viele Boomer den Arbeitsmarkt verlassen und Positionen am oberen Ende der Karriereleiter freimachen. Es ist zu erwarten, dass sich diese Dynamik noch verstärken wird.

Intergenerationelle Solidarität ist die Antwort

In diesem Zusammenhang sollte noch eine weiteres demografisches Horrorszenario angesprochen werden, das leider gerne von Linken heraufbeschworen wird: Die Linke sorgt sich generell zu Recht weniger um die ökonomische, dafür jedoch zu Unrecht zu sehr um die kulturelle und politische Überalterung. Mehr alte Wählerinnen bedeuteten mehr Stimmen für rechte und konservative Parteien, linke Projekte würden damit chancenlos.

Man sollte diese Argumente als das bezeichnen, was sie sind: Vorurteile. Wie die Landtagswahl in Thüringen gezeigt hat, sind ältere Wählerinnen und Wähler durchaus für linke Politik zu haben: Bei den über 70-Jährigen kamen Linke, SPD und Grüne zusammen auf etwa 56 Prozent, bei den 18-24-jährigen nur auf 40 Prozent. Eine große Mehrheit Älterer wünscht sich eine faire, solidarische Gesellschaft und einen starken Staat, auf den Verlass ist. Auch sie fühlen sich und ihre Familien durch den Neoliberalismus bedroht. Sie sind natürliche Verbündete für eine neues linkes Projekt in Deutschland. Für rechte Hetze sind sie nicht mehr empfänglich als andere Altersgruppen, eher etwas weniger.

Es ist auch nicht anzunehmen, dass viele von ihnen die unrealistische Vorstellung haben, junge Menschen dürften sich kulturell auf keine Art und Weise von ihnen unterscheiden, die meisten von ihnen haben schließlich Kinder oder Enkel und durch jahrzehntelange Lebenserfahrung ein nuancierteres Verständnis von Generationsidentitäten. Von linken Parteien erwarten sie in der Masse glaubhafte Angebote, die geeignet sind, ihre materielle Sicherheit und Teilhabe im Alltag zu verbessern, keine kulturelle Hommage an die Vergangenheit.

Die meisten von ihnen sind keine eingefleischten Sexisten oder Rassistinnen, auch wenn sie die entsprechenden kulturellen Codes der urbanen Mittelschicht nicht fließend beherrschen und wie alle anderen Altersgruppen auch in der Mehrzahl einen bunten persönlichen Mix aus progressiven und regressiven Einstellungen vertreten, manche davon eher verfestigt als andere. Es gibt rechte Omas, es gibt Omas gegen Rechts, und es gibt Millionen von Omas und Opas irgendwo dazwischen, die sich potentiell für linke Politik begeistern lassen könnten und viel Zeit und Lebenserfahrung mitbringen, wenn das richtige politische Angebot sie erreicht.

Die Alten sind nicht Treiber der Entsolidarisierung in Deutschland. Diese geht von der vermögenden Elite aus. Alte Menschen als solche darzustellen, bedeutet sie als politische Subjekte nicht ernst zu nehmen und die Arbeiterinnenklasse zu spalten. Die Linke – besonders die junge Linke – sollte von solchen vorurteilsgeprägten Argumentationslinien absehen.

Natürlich ist es ein ganz normales menschliches Bedürfnis, dass sich jüngere Generationen von den Alten kulturell abgrenzen. Wer möchte schon zur exakten Replik seiner Eltern heranwachsen? Dass wir versuchen, zumindest die gröbsten Fehler der vorherigen Generationen zu vermeiden, ist ein wichtiger Motor des gesellschaftlichen Fortschritts. In manchen kulturellen Fragen werden wir mit unseren Eltern und Großeltern immer aneinandergeraten, und das ist auch gut so. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wahre gesellschaftliche Konfliktlinie in Deutschland zwischen Kapital und Arbeit verläuft.

Nehmt eure Oma und euren Opa also in den Arm und versprecht ihnen intergenerationelle Solidarität. Sie haben euch nichts gestohlen.

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