12.02.2021

Gewerkschaften sind gut – aber nicht gut genug

Damit die arbeitende Klasse das Kapital herausfordern kann, muss sie organisiert sein – und dafür sind Gewerkschaften unentbehrlich. Doch um den Kapitalismus zu überwinden, reicht das nicht.

Der spontane, wilde Streik bei Felten & Guilleaume  am 29.5.1973 in Köln.

Der spontane, wilde Streik bei Felten & Guilleaume am 29.5.1973 in Köln.

Imago / Klaus Rose.

Gewerkschaften nehmen seit Langem eine widersprüchliche Stellung in der marxistischen Theorie ein. Als Ausdrucksmittel der arbeitenden Klasse sind sie unerlässlich, damit man als handlungsfähiges Kollektiv auftreten kann. Und sie sind zudem ein essenzielles Instrument im Arbeitskampf. Wenn wir über die »arbeitende Klasse« oder eine »Aktion der Arbeiterklasse« sprechen, betrachten wir üblicherweise entweder Aktionen von Arbeitenden, die bereits in Gewerkschaften organisiert sind oder genau das erkämpfen wollen. Gleichzeitig offenbaren sich Gewerkschaften als mangelhaftes und unzureichendes Vehikel für die arbeitende Klasse, um eine der zentralen Ziele der marxistischen Theorie zu erringen: den Umsturz des Kapitalismus. Als Organisationen, die hauptsächlich mit Arbeitgebern über Löhne, Sozialleistungen und Arbeitsbedingungen verhandeln, existieren Gewerkschaften nur in Relation zu den Kapitalisten. Dadurch entwickelten sie sich fast zwangsläufig zu reformerischen Institutionen, die Arbeitsverhältnisse entschärfen und verwalten, aber nicht transformieren.

Viele Gewerkschaften haben sich an diese konservative, administrative Funktion angepasst. Andere wurden zu entscheidenden Akteuren in der Konfrontation mit der Macht des Kapitals. Manche haben kurzzeitig eine aufrührerische Rolle eingenommen, nur um im nächsten Moment wieder verwaltend zu agieren. Wenn Gewerkschaften in der Vergangenheit Aufstände an Arbeitsplätzen organisierten, entwickelte sich daraus nicht selten politischer Druck, der die Demokratie voranbrachte und zu Reformen führte. In den wenigen historischen Momenten, die wir als revolutionär bezeichnen können, waren Organisationen der Arbeitenden stets von entscheidender Bedeutung, ob sie nun Gewerkschaften hießen oder anders.

Verbände und Bewegungen der arbeitenden Klasse stehen konsequenterweise seit jeher im Zentrum der marxistischen Debatte. Die Streitfragen drehen sich dabei um die Rolle der Gewerkschaften in der Klassenbildung und dem Aufbau einer revolutionären Vertretung der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Die Debatte entspinnt sich entlang von vier Schlüsselfragen. Erstens, in welchem Maße spiegeln Gewerkschaften vorhandene Produktionsverhältnisse nur wider oder gestalten diese Verhältnisse aktiv mit? Zweitens, wenn Gewerkschaften den Klassenkampf aktiv prägen, warum und unter welchen Bedingungen verschärfen oder verhindern sie ihn? Drittens, inwieweit werden Klassenidentitäten von Gewerkschaften geprägt und wie sehr wirkt sich dies auf ihren Handlungsspielraum aus? Viertens, in welchem Verhältnis stehen Gewerkschaften und Politik zueinander?

Die letzte Frage besteht aus zwei Teilfragen: In welchem Umfang fördern oder verhindern Gewerkschaften, dass sich Kämpfe am Arbeitsplatz zu politischen Auseinandersetzungen entwickeln, die darüber hinausreichen? Und wie sollten sich Gewerkschaften gegenüber politischen Parteien – den konventionelleren Plattformen für die Durchsetzung politischer Forderungen – verhalten?

Was folgt, ist ein Kapitel aus The Oxford Handbook of Karl Marx. Darin wird anhand der vier oben erwähnten Fragen eine Analyse der marxistischen Debatte um Gewerkschaften unternommen. Im historischen Verlauf wird zuerst betrachtet, wie Marx und Engels anfangs die Zuständigkeiten und Beschränkungen von Gewerkschaften einschätzten. Danach wird skizziert, wie andere Stimmen des späteren Marxismus diese Diskussionen im zeitlichen Wandel der Klassenverhältnisse und Politik fortführten. Das Kapitel zeichnet zwar auch die Geschichte der Arbeitervertretungen und -bewegungen nach, vor allem zeigt es aber, wie marxistische Theoretiker über diese Strömungen dachten.


Marx und Engels schrieben ausführlich über die Gewerkschaften ihrer Zeit, jedoch nicht in systematischer Weise. Die Mehrzahl ihrer Ausführungen bezogen sich auf zeitgenössische Arbeitskämpfe. Schon in ihren frühesten Werken begriffen sie die Notwendigkeit und auch die Begrenztheit von Gewerkschaften, wenn es um die Erschaffung einer Vertretung der arbeitenden Klasse ging, über die sich der Klassenkampf gegen die Bourgeoisie vorantreiben ließ. Dieser Gedanke führte über frühere Varianten des Sozialismus hinaus, in denen man oft von idealisierten Vorstellungen des Wiederaufbaus einer zusehends zersetzten Gemeinschaft von Handwerkern ausging, wobei die Organisation und der Kampf der Klassen nicht im Vordergrund standen.

In Die Lage der arbeitenden Klasse in England schrieb Engels über aufstrebende Formen des Gewerkschaftswesens und beobachtete, dass es in den zeitgenössischen Kämpfen der Arbeitenden zwar vorrangig um materielle Fragen wie Gehälter ging, dabei aber auf tieferliegende soziale und politische Konflikte verwiesen wurde:

»Was aber diesen Assoziationen und den aus ihnen hervorgehenden Turnouts die eigentliche Wichtigkeit gibt, ist das, daß sie der erste Versuch der Arbeiter sind, die Konkurrenz aufzuheben. Sie setzen die Einsicht voraus, daß die Herrschaft der Bourgeoisie nur auf der Konkurrenz der Arbeiter unter sich beruht, d.h. auf der Zersplitterung des Proletariats, aus der Entgegensetzung der einzelnen Arbeiter gegeneinander. Und gerade weil sie sich, wenn auch nur einseitig, nur auf beschränkte Weise gegen die Konkurrenz, gegen den Lebensnerv der jetzigen sozialen Ordnung richten, gerade deshalb sind sie dieser sozialen Ordnung so gefährlich.«

Im selben Zug wies Engels darauf hin, dass der Kampf der Gewerkschaften zwar »die Opposition der Arbeiter gegen die … Allmacht der besitzenden Klasse [lebendig hält]«, solche Zusammenschlüsse »allerdings auch das Geständnis [abzwingen], daß etwas mehr als Arbeiterverbindungen und Turnouts nötig ist, um die Herrschaft der Bourgeoisie zu brechen.«

Damit hatte Engels das grundsätzliche Problem benannt. Erstens sind Gewerkschaften durchaus unerlässlich, damit sich die arbeitende Klasse formieren und als handlungsfähiges Kollektiv auftreten kann, um sich der Bourgeoisie entgegenzustemmen und deren Machtstellung zu bekämpfen. Zweitens jedoch reichen sie als Mittel nicht aus, um dieses Kollektiv aufzubauen und zu mobilisieren. Marx und Engels verstanden, wie wichtig die Gewerkschaften für die Formierung der arbeitenden Klasse waren: Im Kapitalismus, dem System der »freien Arbeit«, in dem die einzelnen Beschäftigten ihre Arbeitskraft für einen Lohn an Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber verkaufen, würden die Arbeitenden in einen Wettbewerb gegeneinander gesetzt und ihre Beziehungen untereinander zersplittern. Wie im Kommunistischen Manifest beschrieben, habe die Bourgeoisie »kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ›bare Zahlung‹«, die Arbeitenden blieben »allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.«

Während sich Arbeiterinnen und Arbeiter auf Grundlage anderer kollektiver Identitäten organisierten, wie Ethnie, Herkunft oder Religion, konnten sie sich nur in den Gewerkschaften als Arbeitende gegen die Quelle ihrer Ausbeutung zusammenschließen – gegen die Bourgeoisie. »Die Gewerksgenossenschaften … [dienen] als organisierte Kraft zur Beseitigung des Systems der Lohnarbeit und Kapitalherrschaft selbst.« So sehr Gewerkschaften es dem Proletariat auch ermöglichten, sich zu manifestieren und die Macht der Bourgeoisie anzufechten, sahen Marx und Engels sie doch als einseitiges und unvollkommenes Instrument. Das hatte zwei Gründe. Einerseits war die Rolle der Gewerkschaften eine grundsätzlich defensive, mit deren Hilfe die Arbeitenden beschützt werden sollten, wenn ihre Bosse einen Unterbietungswettbewerb anzettelten, womit sich die Verbände aber auch »darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern«.

In der Folge sahen sich sogar militante Gewerkschaften gezwungen, um »faire Arbeit gegen faire Bezahlung« zu ringen, ohne dabei die prinzipielle Macht der Bourgeoisie, und insbesondere das System der Lohnarbeit, anzugreifen. Und auf der Ebene einzelner Gewerkschaftsapparate gab man sich bereits mit dem Kampf um Privilegien zufrieden, den man für den eigenen kleinen Teil der arbeitenden Klasse ausfocht, und darüber die Mehrzahl der Arbeitenden vergaß.

Zudem befeuerten die Gewerkschaften noch das Auseinanderstreben des ökonomischen und politischen Kampfes, weil sie ihren Schwerpunkt auf Löhne und Fragen der Arbeitsstätte verengten. Diese Trennung fiel besonders stark bei den konservativeren »alten« Gewerkschaften der Briten aus, die »sogar prinzipiell und statutenmäßig jede politische Aktion aus[schlossen]«.

Doch mussten Marx und Engels feststellen, dass selbst in fortschrittlicheren Verbänden, wie den Chartisten des frühen und den »New Unions« des späten 19. Jahrhunderts, der Übergang vom Kampf am Arbeitsplatz zur Politik nicht automatisch gelang.

Zum einen, war die Lage je nach nationalem Kontexte sehr unterschiedlich. Engels beobachtete, dass französische Arbeitende vergleichsweise bereitwillig waren, politisch zu mobilisieren, während englische Arbeitende »statt gegen die Regierung direkt gegen die Bourgeoisie« kämpften. Und auch jenseits nationaler Abweichungen zeigte sich ein stets wiederholendes Muster der Spaltung, in dem die ökonomischen von den politischen Kämpfen durch unterschiedliche Organisationen voneinander getrennt waren.

In seiner Betrachtung der Arbeiterbewegungen des frühen bis mittleren 19. Jahrhunderts beleuchtete Engels eine Dreiteilung zwischen den »sozialen« Chartisten, »politischen« Sozialisten und konservativen Gewerkschaften des Handwerks. Während die Chartisten »eine reine, von allen Bourgeoisie-Elementen befreite ... Arbeitersache« seien, blieben sie theoretisch »am weitesten zurück, am wenigsten entwickelt.« Die Sozialisten hielt er auf dem Papier für fortschrittlicher, doch ihr Ursprung in der Bourgeoisie mache es schwer, »sich mit der Arbeiterklasse zu amalgamieren.«

Obwohl der junge Engels ein Bündnis zwischen Chartismus und Sozialismus nahen sah, erwies sich die Allianz als trügerisch. In den 1870er Jahren war Marx zu der Ansicht gekommen, die englische Arbeiterklasse bilde politisch »nur noch den Schwanz der großen liberalen Partei, d. h. ihrer Knechter, der Capitalisten.«

Auch Engels war von der englischen Arbeiterklasse enttäuscht. Beide zogen zur selben Zeit zwar Hoffnung aus den Protesten militanter Arbeiter in den USA und wollten darin die Basis einer entstehenden Arbeiterpartei erkennen. Doch auch diese Chance wurde verpasst. Und so scheiterten die Gewerkschaften dort, wo Marx und Engels deren zentrale Aufgabe sahen: bei der Bildung einer »politische[n] Organisation der Arbeiterklasse als Ganzes.«

Marx und Engels’ Analyse warf ein nüchternes Licht auf die konkreten Schwierigkeiten, mit denen Gewerkschaften auf ihrem Weg von ökonomischen zu politischen Auseinandersetzungen zu ringen hatten. Die zwei Denker standen damit im Widerspruch zu vielen anderen ihrer theoretischen Erklärungen, in denen ein solcher Wandel als unausweichlich gegolten hatte. So schrieben sie zwar im Manifest, dass die »Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, … jeden Augenblick wieder gesprengt [wird] durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst«, aber beteuerten gleichzeitig, »sie ersteh[e] immer wieder, stärker, fester, mächtiger.«

In Das Elend der Philosophie versicherte Marx: »In dem Kampf findet sich diese Masse [der Bevölkerung, die durch die ökonomischen Verhältnisse in Arbeiter verwandelt wurde] zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst.« Insofern sich die beiden auf die Herausforderungen der Klassenbildung eingestellt hatten und die widersprüchliche Stellung erkannten, die den Gewerkschaften dabei zufiel, so zogen sie aus ihren konkreten Analysen dennoch nie dazu passende theoretische Implikationen.

Wie dem auch sei können wir aus Marx und Engels’ Werk viele der Kernfragen ziehen, an denen sich spätere marxistische Debatten um die Rolle der Gewerkschaften in der Klassenbildung und dem Klassenkampf entfachten.

Marx und Engels betrachteten Gewerkschaften grundsätzlich als Produkte ihrer Zeit, begrenzt durch die bestehenden Produktionsverhältnisse. Als organisatorische Mittel der arbeitenden Klasse konnten Gewerkschaften zudem eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Produktionsverhältnisse zu verwandeln.

In Bezug auf die Ausweitung oder Eindämmung des Klassenkampfes beobachteten sie, wie sich Gewerkschaften vor allem mit konkreten, praktischen Fragen des Arbeitsalltags beschäftigten, mit den Gehältern und Dienstzeiten. Sie waren ein wichtiger Schritt in Richtung eines kämpferischen Proletariats, aber gleichzeitig zwang diese Linie die Arbeitenden dennoch in ein kapitalistisches Gefüge und beschränkte ihre Fähigkeit, umfassendere Forderungen durchzusetzen, wie etwa die Abschaffung des Lohnsystem.

In ähnlicher Weise konnten durch verschiedene Gewerkschaftsorganisationen auch verschiedene Klassenidentitäten erschaffen werden, von den engen Ausschlusskriterien der handwerklichen Gewerkschaften bis zur breiteren Inklusivität der »New Unions«. Im Verhältnis zur Politik verstanden Marx und Engels, dass die Funktion der Gewerkschaften eingeschränkt und doch erforderlich war, um die arbeitende Klasse für politische Forderungen zu mobilisieren.

Doch diese entscheidenden Erkenntnisse blieben fragmentarisch und wurden erst in späteren Theorien konkretisiert.

Gewerkschaften nach Marx und Engels: Aristokratie oder Mittel zur Revolution?

Die Probleme der Gewerkschaften, die Marx und Engels in ihren späteren Schriften identifizierten, verschärften sich nach ihrem Tod nur noch weiter. Gruppierungen, die sie noch als vielversprechend beschrieben hatten, darunter die Knights of Labor in den USA und die britischen »New Unions«, brachen entweder auseinander oder ähnelten schon bald den »Old Unions«, gegen die sie sich gestellt hatten. Die Internationale Arbeiterassoziation oder Erste Internationale, für die Marx und Engels viel Zeit und Energie aufgewendet hatten, löste sich 1876 auf.

Auf dem europäischen Kontinent war Bismarcks Anti-Sozialistengesetz von 1878 bis 1890 in Kraft und trieb die meisten Gewerkschaften in den Untergrund. Mit Ausnahme einer elitären Schicht qualifizierter Arbeitender hatte man die Mehrheit der industriellen arbeitenden Klasse ohne Organisation zurückgelassen. In Frankreich waren Gewerkschaften politisch radikaler als in England oder Deutschland, doch zahlenmäßig kleiner und schwächer. Zur gleichen Zeit war die kapitalistische Klasse Europas und Nordamerikas weit davon entfernt, in eine Krise zu stürzen, vielmehr konnte sie ihre Macht weiter festigen und erwies sich als widerstandsfähig und wuchs weiter an.

Die Marxisten fragten sich, warum der Kapitalismus so beständig und die arbeitende Klasse so schwach war, und Debatten entzündeten sich darüber, wie es zu diesen Problemen gekommen war und womit man sie lösen könnte. Manche wie Eduard Bernstein machten den Vorschlag, die marxsche Idee vom Sturz der Bourgeoisie zu überarbeiten. In seiner Vorstellung eines »evolutionären Sozialismus« verbanden sich Gewerkschaften mit Parlamentsfraktionen und Genossenschaften, um nach und nach ihre demokratische Kontrolle über die Wirtschaft auszubauen und die Kapitalisten zu verdrängen.

Karl Kautsky widersprach und warnte, »je mehr der Kapitalismus von freier Konkurrenz zum Monopol übergehe . . . desto wichtiger wird es sein, dass sich die Gewerkschafter von sozialistischem Urteilsvermögen und sozialistischer Begeisterung inspirieren lassen«. Zwar war er optimistisch, dass »die Gewerkschaften die dynamischsten Faktoren zur Überwindung« des Kapitalismus darstellen würden, doch legte die zeitgenössische Realität der Arbeiterorganisationen dies nicht nahe.

Im Versuch, den Konservatismus in der arbeitenden Klasse zu erklären, beriefen sich einige auf die Beobachtungen von Marx und Engels und argumentierte, dass es Arbeitgebern in Schlüsselindustrien gelungen war, eine Schicht qualifizierter Arbeiter mit Superprofiten zu »bestechen«. Dies hätte eine konservative »Arbeiteraristokratie« hervorgebracht, die sich zum Schutze ihrer Privilegien lieber mit ihrer Industrie in eine Linie brachte, als eine breite Bewegung von gelernten und »ungelernten« Arbeitenden aufzubauen.

Lenin weitete diese Idee auf die globale Bühne aus und folgerte, dass die Imperialisten erst durch ihre kolonialen Besitztümer die Superprofite erzielen konnten, mit denen sie ihre jeweiligen Arbeiteraristokratien bestachen. Lenin sah darin nicht nur einen Grund für den allgemeinen Konservatismus in der arbeitenden Klasse. Er erklärte sich so auch die Weigerung der europäischen Arbeiterbewegung, sich international zu solidarisieren, und ihre Tendenz, im Vorfeld des Ersten Weltkriegs eher den Schulterschluss mit den nationalen Bourgeoisien zu suchen.

Es ist richtig, dass einige gelernte Arbeitende konservative Organisationen gründeten, um ihre Privilegien zu schützen. Doch die Annahme, dass der Ursprung dafür in einer »Bestechung« dieser Schichten durch ihre nationalen Bourgeoisien lag, hält einer genauen Prüfung nicht stand. Am wenigsten lässt sich mit der Theorie der Arbeiteraristokratien die Frage klären, warum es in vielen Fällen gerade die qualifiziertesten Arbeitenden waren, die den Mittelpunkt von breiter angelegten linken Bewegungen bildeten und dabei klassenübergreifende Forderungen formulierten. Die Kritik wendet hier weiter ein, dass radikale oder konservative Umschwünge in Gewerkschaften eher durch die Art und Weise zu erklären seien, wie die Arbeitenden für den Kampf gegen ihre nationalen Bourgeoisien organisiert wurden, als am schieren Vorhandensein eines Lohngefälles auf Basis ihrer Qualifikation.

Andere Theorien suchten die Schuld am Konservatismus der arbeitenden Klasse bei der Organisation der Arbeitenden selbst. Für Syndikalisten wie Georges Sorel wurde durch formale Organisation die Fähigkeit der Arbeitenden gehemmt, ihr revolutionäres Potenzial zu entfachen. In ähnlicher Weise kam Robert Michels nach seinen operativen und observierenden Erfahrungen in der SPD zu dem Schluss: »Wer Organisation sagt, sagt Tendenz zur Oligarchie.« Beide argumentierten, dass Arbeiterorganisationen – Parteien und Gewerkschaften gleichermaßen – mit der Zeit vor Aktivitäten zurückscheuten, die zwar die Interessen der Arbeitenden vorantreiben könnten, dabei jedoch das Überleben der Organisation gefährden könnten. Sorel sah eine Rettung in der mythischen Idee des Generalstreiks, während Michels pessimistisch blieb, ob man dem »eisernen Gesetz der Oligarchie« überhaupt würde entrinnen können.

Ihre Erlebnisse in der SPD waren es, die auch Rosa Luxemburg gegenüber Organisationen und ihrer konservativen Wirkung misstrauisch werden ließ. Sie betonte, wie notwendig es war, dass die Arbeitenden eigenständig tätig wurden, gerade durch Massenstreiks. Doch entgegen Sorel war in ihrem Verständnis der Erfolg scheinbar »spontaner« Massenaktionen davon abhängig, dass sich zuvor Führungsschichten organisierten.

In dieser ihrer Theorie eines Aufbaus von Organisationen, die die Arbeitenden gegen das Kapital vereinigten, ähnelte sie Lenin, doch wird ihre Position eines »Spontaneismus« oft seinem »Elitismus« entgegengestellt. Vielfach wird betont, dass nach Lenins Auffassung Gewerkschaften als Vehikel nicht ausreichen würden, um eine revolutionäre Zugkraft zu entwickeln, mit der die Bourgeoisie gestürzt werden konnte. Dafür sei es vielmehr nötig, dass die Gewerkschaften sich mit politischen Parteien zusammentäten, deren intellektuelle Anhängerschaft zu selten aus der arbeitenden Klasse stammte.

Solch ein Fokus auf den »Zentralismus« Lenins ignoriert die grundlegende Bedeutung, die er den Massenaktionen von Arbeitern beimaß, wenn es um die Herausbildung von revolutionärem Bewusstsein und einer revolutionären Organisation geht. Lenin und Luxemburg sahen das zentrale Problem der Arbeitenden in der Überwindung des »Ökonomismus«. Dafür musste der Kampf gegen das Kapital in jeweils eigene ökonomische und politische Bestandteile aufgetrennt werden, wobei Gewerkschaften die wirtschaftlichen Fragen aushandelten und Parlamentsfraktionen sich mit den politischen beschäftigten. So wurde die Arbeiterschaft untergraben, da man die herrschenden Gesetze der Wirtschaft als unveränderlich begriff und vernebelte, dass diese Gesetze Teil eines politischen Systems waren, das die Herrschaft des Kapitals begünstigte.

Indem sie sich auf Forderungen am Arbeitsplatz konzentrierten, liefen Gewerkschaften Gefahr, die politisch-ökonomische Kluft zu weiten. Luxemburg bestand auf der Bedeutung der Massenaktion, weil dadurch wirtschaftliche Kämpfe gegen einzelne Arbeitgeber in die politische Sphäre gehoben wurden, indem Staaten und organisierte Kapitalistinnen und Kapitalisten gezwungen waren, auf die Forderungen der Arbeitenden einzugehen. Lenin betonte, wie wichtig es war, dass Parteiintellektuelle sich nicht untereinander zur Machtergreifung verschworen, sondern als Ergänzung zu einer Massenaktion auftraten und so dabei halfen, die ökonomische und politische Seite des Klassenkampfes zusammenzuführen.

Lenin wusste – und Luxemburg ebenso – dass der Übergang von einem ökonomischen zu einem politischen Unterfangen nicht von selbst gelang. Allerdings konnten ökonomische Kämpfe am Arbeitsplatz neue Möglichkeiten offenbaren, um gegen die politische Herrschaft des Kapitals vorzugehen, obgleich das Ergebnis abhängig war von Aufbau und Beschaffenheit der Arbeiterorganisation.

Ausgehend von den Einsichten Lenins und Luxemburgs, richtete Gramsci sein Augenmerk nicht nur auf die politischen und ökonomischen, sondern auch auf die ideologischen Aspekte des Klassenkampfes. Obwohl er den bürokratischen Gewerkschaften seiner Zeit kritisch gegenüberstand, sah er in ihnen doch ein wichtiges Forum für den Kampf um Einfluss in der Industrie.

Er stützte sich auf die Lehren des Turiner Generalstreiks von 1920 und befürwortete eine Verschmelzung von Gewerkschaften und Fabrikräten. So sollte die Souveränität der Arbeiter gewährleistet werden und eine »neue Führungsschicht der Arbeiterklasse« hervorgebracht werden. Für Gramsci fiel den Parteien dabei eine Schlüsselrolle zu. Hier sollte die Verbindung zwischen »organischen« Intellektuellen aus der arbeitenden Klasse und parteigebundenen »traditionellen« Intellektuellen etabliert werden – Lenins »professionelle Revolutionäre«.

Ein revolutionäres Bewusstsein der Arbeitenden konnte weder gänzlich von außen herangetragen werden noch ohne Weiteres aus den Massenaktionen hervorgehen. Es war vielmehr das Produkt einer organisatorischen Infrastruktur, bestehend aus Parteien, Gewerkschaften und Fabrikräten, innerhalb derer ein solches Bewusstsein entstehen und seinen politischen Ausdruck finden konnte.

Wie Gramsci sah Trotzki die zentrale Aufgabe der Gewerkschaften darin, Arbeitende bereits am Arbeitsplatz für ein Aufbegehren gegen das Kapital zu organisieren. Er beobachtete: »Die Gefahr der Trade Unions [für das Kapital] besteht gerade darin, dass sie, vorläufig tastend, unentschieden, mit halben Maßnahmen das Prinzip einer Arbeiterregierung aufstellen«. Dieses Prinzip würde durch eine »klassenbewusste Minderheit« an der Arbeitsstätte befördert, die den organischen Intellektuellen bei Gramsci ähnelte. Trotzki unternahm eine Analyse der organisatorischen Hindernisse, die dazu führten, dass das Prinzip einer Arbeiterregierung derart unentschlossen verfolgt wurde. Dafür sah er die Bürokratie der Gewerkschaften verantwortlich und unterstellte ihnen »die Annäherung an die Staatsgewalt und das Verschmelzen mit ihr«. Für ihn konnte der Aufbau einer Arbeiterregierung erst dann gelingen, wenn diese bürokratische Schicht innerhalb der Arbeiterbewegung bekämpft und besiegt worden war.

Die Debatten um die Organisation der arbeitenden Klasse in den Jahrzehnten nach Marx und Engels kreisten um ein grundsätzliches Problem. Gewerkschaften und sozialistische Parteien hatten organisatorische Interessen ausgebildet und damit ihre Fähigkeit gehemmt, für den Kampf um die Interessen der Arbeitenden einzustehen.

Trotz der Massenaktionen, die dazu beitrugen, den ein oder anderen Wandel herbeizuführen, erwies sich die syndikalistische Idee der »ständigen Klassenaktivität« in der Praxis schwer aufrechtzuerhalten. So lag die Annahme nahe, dass es eine Form der Organisation brauchte, über die sich die erkämpften Fortschritte bewahren ließen. Auch konnte das schiere Zustandekommen von Massenaktionen allein nicht reichen, um eine Identität der arbeitenden Klasse zu entwickeln und die Interessen der Arbeitenden zu fördern. Der Wandel vom wirtschaftlichen zum politischen Kampf erforderte Führung und Organisation. Doch der Aufbau von Verbänden, die nicht dem Konservatismus und der Bürokratisierung anheim fielen, sollte auch in der Folge eine große Herausforderung bleiben.

Die Nachkriegszeit: Die arbeitende Klasse wird in Frage gestellt 

Durch die Massenaufstände von Arbeitenden im frühen zwanzigsten Jahrhundert hatte man die Gewerkschaften als legitime, rechtlich anerkannte Präsenz in den meisten industrialisierten Ländern des Westens etabliert. Zur gleichen Zeit waren die radikal linken Bewegungen entscheidend geschlagen worden und mit ihnen die Frage des revolutionären Potenzials der Gewerkschaften vom Tisch.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatten diese Länder bürokratische Apparate industrieller Beziehungen geschaffen und die Gewerkschaften waren als Teil eines Systems formalisierter kollektiver Tarifverhandlung integriert worden. Untermauert wurden diese Abläufe von den sozialdemokratischen Parteien und dem Wohlfahrtsstaat. Im Ostblock hatte man Gewerkschaften entweder zerschlagen oder in den Partei- und Staatsapparat aufgenommen.

Überall auf der Welt waren es die Restriktionen des kalten Kriegs, die die Beziehungen zwischen Parteien, Gewerkschaften und Staaten prägten und den Bereich des zulässigen politischen Diskurses absteckten. Strömungen, die für eine Entkolonialisierung eintraten, verbreiteten sich quer über die Dritte Welt. Oft waren sie ausdrücklich an den Klassengrenzen ausgerichtet und fußten auf einem marxistischen Verständnis der Ausbeutung.

Diese Bewegungen waren gefangen im geopolitischen Ringen zwischen den USA und der UDSSR um »Einflusssphären«. Jede Mobilisierung auf Basis der Klasse war im »Westen« untrennbar mit dem Schreckgespenst des Kommunismus verbunden. So kam es zu inneren Konflikten, die zwischen Sozialistinnen und Kommunisten sowie den ihnen nahestehenden Parteien und Gewerkschaften um Fragen der Loyalität und Militanz entbrannten. Im »Osten« wurde die Idee einer Klassenmobilisierung in die Staatsideologie eingeschrieben, um daraufhin jede echte Regung an der Basis wirkungsvoll zu ersticken. Diese Zwistigkeiten zwangen Gewerkschaften dazu, ihre eigene Militanz zu zügeln und »verantwortungsvolle« gesellschaftliche Verhandlungspartner zu werden – auch wenn sich einige unter ihnen dagegen wehrten.

Eine verbreitete Sichtweise von Gelehrten im Feld der industriellen Beziehungen begreift diese Domestizierung der Nachkriegsjahre, wie sie den Gewerkschaften und sozialistischen Parteien beiderseits unterlief, als einen Teil eines natürlichen »Reifeprozesses«. In dessen Verlauf würde die Spaltung der Klassen durch ein System des »industriellen Pluralismus« an der Arbeitsstätte bewältigt und politische Forderungen in einen »demokratischen Klassenkampf« zwischen konkurrierenden Parteien münden. Doch jenseits der begrüßenswerten realen Zugewinne durch industrielle Legitimität und wohlfahrtsstaatliche Reformen, blickten Marxistinnen und Marxisten mit Unbehagen auf diesen Wandel.

Die Verbesserungen der Nachkriegsverhältnisse waren auf der Niederlage der Arbeiterrevolten vor dem Krieg errichtet. Man hatte ihnen eine breiter aufgestellte Vorstellung des Sozialismus geopfert. Die entscheidende Frage für die Organisation der Arbeitenden war nicht mehr »Reform oder Revolution?«, sondern nurmehr, wie diese Niederlage einzuordnen sei und inwieweit es Gewerkschaften noch gelingen konnte, sich in einer derart beengten Situation dem Kapital entgegenzustellen. Die Anpassung wurde zur vorherrschenden Strategie. In Westeuropa und Nordamerika bewahrten sich sozialistische Parteien und die ihnen nahestehenden Gewerkschaften zwar ihre Rhetorik des Klassenkampfs, der Arbeiterkontrolle und des Umsturzes des Kapitalismus. Doch in der Praxis kämpften sie lediglich für Reformen innerhalb des existierenden kapitalistischen Systems.

Die 1970er Jahre brachten die reformerische Ausrichtung des »Eurokommunismus« hervor. Andere verabschiedeten sich von der Idee, dass Gewerkschaften oder die arbeitende Klasse als revolutionäre Kräfte wirken könnten. Auf organisatorischer Ebene fanden Robert Michels’ Befunde ihre Entsprechung, als den Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien vorgeworfen wurde, sie wären zu bürokratisch und allzu sehr mit ihrem institutionellen Selbsterhalt befasst, als dass sie den gesellschaftlichen Wandel vorantreiben könnten.

In seiner detaillierten Studie »New Men of Power« zeigte C. Wright Mills auf, wie die zeitgenössischen Arbeiterführer sich immer mehr den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten anglichen und in ihnen aufgingen. In diesem Sinne folgerte Herbert Marcuse, der Theoretiker der Frankfurter Schule, dass die Bürokratisierung der Nachkriegszeit und die Ausweitung des Wohlfahrtsstaates eine »neue Gesellschaft« produziert hätten, die sich durch eine »Vereinigung der Gegensätze« auszeichnete – einschließlich Arbeitende und Kapital.

Wieder andere erneuerten die Theorie der Arbeiteraristokratie und erklärten, dass Gewerkschaften und die von ihnen vertretene industrielle Arbeiterklasse von den einschlägigen Nationalbourgeoisien »gekauft« worden waren und seitdem gemeinsam mit ihren Bossen von imperialistischem Raubgut randständiger Ländern profitierten. Einige gingen noch weiter und argumentierten, dass selbst die organisierte arbeitende Klasse an der Peripherie eine »privilegierte« Schicht darstellte, der mehr an der Bewahrung des Status quo denn an seinem Umsturz lag.

In den Augen dieser Theoretiker war das Problem nicht allein ein organisatorisches. Arbeitende selbst wären konservativ geworden und hätten darüber ihr revolutionäres Potenzial verloren. Mills behauptete, dass die marxistische Idee der arbeitenden Klasse als »der historischen Handlungsmacht« nicht länger anwendbar war, »eine historisch spezifische Idee, die man zu einer ahistorischen und unspezifischen Hoffnung verwandelt hat«, die er als »Arbeiter-Metaphysik« belächelte.

Daran anknüpfend bekräftigte Marcuse, dass die arbeitende Klasse durch »Änderungen im Charakter der Arbeit und den Instrumenten der Produktion« sozial und kulturell in die kapitalistische Gesellschaft integriert worden war. Die Bürokratisierung der Nachkriegsjahre, technologische Innovation und Automatisierung sowie die wachsende Entfremdung der »Massengesellschaft« hatten die arbeitende Klasse nicht nur weniger revolutionär, sondern auch weniger relevant werden lassen.

Es stellte sich die Frage: Welcher gesellschaftliche Akteur könnte die arbeitende Klasse als entscheidende revolutionäre Kraft ablösen?

Die zwei aussichtsreichsten Kandidaten, die dafür vorgebracht wurden, waren Studierende und Intellektuelle; oder die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern der Welt, möglichst bewaffnet. Der Streit über die Mächte des sozialen Wandels prägte die Neue Linke, die sich von früheren Bewegungen des linken Flügels in ihrer Distanz zu Gewerkschaften und der arbeitenden Klasse unterschied. Einen beträchtlichen Teil machten Studierende aus, die sich von romantisierten Vorstellungen der Guerilla-Bauernaufstände in Asien, Afrika und Lateinamerika hatten fesseln lassen. Entbunden von ihrer Basis in der arbeitenden Klasse, zerfiel die Bewegung größtenteils in isolierte Gruppe, von denen sich manche zu abenteuerlichen Terrorzellen entwickelten.

Jedoch waren nicht alle Glieder der Nachkriegslinken bereit, weder auf die bestehende kapitalistische Ordnung zuzugehen, noch die arbeitende Klasse als revolutionäre Schlüsselfigur aufzugeben.

Jenseits aller Kritik am Weg, den die existierenden Gewerkschaften eingeschlagen hatten, bestand eine kleine Minderheit weiterhin auf deren Bedeutung als Medium für die Organisation der arbeitenden Klasse. Die meisten in diesem heterogenen Lager waren von Trotzki beeinflusst und teilten seinen Fokus auf die Kontrolle der Arbeitsstätte und Analyse der Gewerkschaftsbürokratie. Die Kernfrage, die sich ihnen stellte, war: Wie konnte der Wiederaufbau einer dynamischen Bewegung der arbeitenden Klasse gelingen, wenn man umgeben war von dramatischen Veränderungen am Arbeitsplatz und einem lähmenden Nachkriegs-»Konsens« zwischen den offiziellen Vertretungen von Arbeiterschaft und Kapital?

In ihrer Analyse ging es vor allem um ein Verständnis (1) des Wandels von Arbeitsgefügen und -bedingungen; (2) der Organisationsstruktur und Funktionsweise von Gewerkschaften; und (3) der Umstände, die für die Bewusstwerdung und Aktionsbereitschaft von Arbeitenden maßgeblich sind.

In den unmittelbaren Folgejahren des Zweiten Weltkriegs brachte eine Gruppe namens »Johnson-Forest Tendency« eine Reihe von Pamphleten in Umlauf, in denen die aktuelle Lebenssituation in den Belegschaften und das tägliche Kräftespiel des Klassenkonflikts untersucht wurden. Die Verfasser hatten selbst Erfahrungen in Betriebsstätten gesammelt und zeigten, wie die Produktion in Fabriken nicht etwa auf größtmögliche Effizienz ausgelegt war, sondern auf die Bewahrung der Kontrolle und des Wissens der Geschäftsführung über den Produktionsprozess. Den Vorgesetzten war es wichtiger, die Disziplin im Betrieb aufrechtzuerhalten, als die Erfindungsgabe der Arbeitenden zugunsten eines besseren Produktionsergebnisses zu fördern.

In gewerkschaftlich organisierten Betrieben, so die Autoren, träten die Gewerkschaftsbürokraten als Juniorpartner des Managements auf und tauschten Verbesserungen für die Belegschaft bei Löhnen, Boni und Vertretung gegen die Zementierung des Kontrollanspruchs der Firma ein. Dies war nicht das Ergebnis der Korruption einzelner Beteiligter oder moralischer Mängel, sondern ein strukturelles Merkmal der Bürokratie.

Die Arbeitsverhältnisse der Nachkriegszeit brachten Vollzeitdelegierte von Gewerkschaften hervor, die damit beauftragt waren, komplexe und technische Vertragswerke mit Abgesandten der Geschäftsführung auszuhandeln. Die bürokratische Schicht innerhalb der Gewerkschaften hatte dadurch eine tägliche Praxis, die eher den Erfahrungen ihrer Amtskollegen auf der Management-Seite ähnelte, als denen der Arbeitenden, die sie vertraten. Im Gegenzug verstanden sie die Teilnahmslosigkeit und den Konservatismus in ihren Rängen nicht als Ergebnis von Ignoranz, sondern eher als rationale Reaktion auf die Macht der Bosse und die Unfähigkeit der Gewerkschaften, ihnen etwas entgegenzusetzen.

Die Johnson-Forest-Perspektive fand ein Publikum in Frankreich, wo die Gruppe »Socialisme ou Barbarie?« viele ihrer Pamphlete übersetzte, und auch in Italien, wo Partisaninnen und Partisanen die Ideen zum Denkmodell des Operaismo ausführten. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon weit von ihren trotzkistischen Wurzeln abgekommen und die in ihr ausgedrückte lautstarke Skepsis gegenüber der Bürokratie verlieh ihr bereits die äußere Gestalt des von Trotzki kritisierten Syndikalismus.

Andere Tendenzen entwickelten eine »Arbeiter-zentrierte« Analyse der Arbeitsstätten, Gewerkschaften und des Arbeiterbewusstseins, doch ohne dabei die Rolle von Führungspersonen oder Parteien abzulehnen, die unweigerlich auf eine bürokratische Vorherrschaft zustreben. In den USA war die Strömung der »Cochranisten« ein früher Vertreter dieser Perspektive.

Einer ihrer Anführer, der Metallarbeiter Harry Braverman, verfasste mit Die Arbeit im modernen Produktionsprozeß eine der eindringlichsten Ursachenforschungen darüber, wie und weshalb sich Arbeit im Kapitalismus des 20. Jahrhunderts verändert hat. Darin beobachtete er, dass eine entscheidende Quelle der Macht von Arbeitenden in ihrem praktischen Verständnis des Produktionsablaufs lag. Die Geschäftsleitung aber eignete sich dieses Verständnis durch einen Prozess des »Deskillings« an, in dem die Vorgänge der Produktion, Konzeption und Ausführung jeweils auf »Blue-Collar«-Fabriken, »White-Collar«-Büros und Dienstleistungsbereiche aufgeteilt wurden.

Anders als Marcuse und Mills, die im wachsenden Dienstleistungssektor einen Grund für Klassenatomisierung und -entfremdung sahen, argumentierte Braverman, dass durch ihn die Differenzen innerhalb der Klasse abgebaut würden und neue Möglichkeiten einer Klasseneinheit entstünden.

Da die Gewerkschaftsführer ihren Einfluss in den Produktionshallen an das Management abgetreten hatten, waren sie denkbar schlecht gerüstet, um dem nagenden Machtverlust der Arbeitenden entgegenzutreten – vom Fernziel gar nicht zu reden, worin eine Bewegung zu schaffen wäre, die dem Kapital die Stirn böte. Cochranisten und ihre Sympathisierenden verstanden jedoch, wie wichtig es war, die vorhandene Organisationsstruktur der Gewerkschaften zu schützen und zu verbessern, sei sie noch so konservativ. Damit die Bürokratie der Gewerkschaften abgeschüttelt und die »rationale Apathie« der Arbeitenden überwunden werden konnte, mussten in einem notwendigen ersten Schritt die Arbeitenden als eine kollektive Kraft vorangehen. Gewerkschaften boten eine Struktur, durch die das möglich schien.

Einmal in Gang gesetzt, stellte sich weiterhin die Frage, wie sich eine solche Bewegung in Forderungen und überdauernde Verbesserungen ummünzen ließ. Entscheidend dafür war der Kampf um die Demokratisierung der Gewerkschaften. Dies würde den Arbeitenden einen Mechanismus an die Hand geben, mit dem sie sowohl neue Ideen und neue Führungspersonen einbringen als auch Erfahrungen damit sammeln konnten, wie sich Kontrolle über die Organisationen ausüben ließ, die ihr Leben prägten.

Der führende belgische Trotzkist Ernest Mandel notierte, wie unerlässlich die Gewerkschaftsdemokratie für eine »Einheit in der Aktion« unter Arbeitenden sei. Nur durch demokratische Debatten und Entscheidungsfindungen würde es Arbeitenden ermöglicht, gemeinsame Ziele zu schmieden und die vielen Differenzen auszuräumen, die sie noch spalteten. Er betonte die zentrale Bedeutung, die von der demokratischen Organisation ausging, um das Bewusstsein der Arbeitenden zu wandeln und sie »vom lang gepflegten Habitus der Passivität zu befreien, der Unterwerfung und Gehorsamkeit im wirtschaftlichen Leben.«

Für Marxistinnen und Marxisten, die in dieser Zeit wirkten – eine Zeit, in der die Linke von der Arbeiterschaft gespalten worden war – bestand die entscheidende Aufgabe nicht mehr im Anprangern des bürokratischen und konservativen Charakters der bestehenden Gewerkschaften. Sie drehte sich vielmehr – wie es der Gründers des Independent Socialist Club Hal Draper formulierte – um die Frage, »wie sich ein Verhältnis zu der realen Bewegung des Proletariats aufbauen lässt, die selbst noch nicht sozialistisch ist«.

Bereits im Kontext einer bürokratischen, obschon immer noch starken Arbeiterbewegung war dies eine Herausforderung gewesen. Es sollte nur noch schwieriger werden, als die Nachkriegsordnung in den 1970er Jahren unter Beschuss geriet.

Neoliberale Krise und der »Tod der Klasse«

In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich ein Kompromiss eingestellt: Die Chance auf eine Arbeiterrevolution im Westen war verspielt worden, doch die Kombination aus der historischen Mobilisierung der Vorkriegszeit und dem wirtschaftlichen Wachstum der Nachkriegszeit hatte den Arbeitenden reale materielle Verbesserungen beschert. Als der ökonomische Aufschwung in den 1970ern zum Erliegen kam, nahm man diese Errungenschaften ins Visier.

Im Mittelpunkt dieses Angriffs stand der Sturmlauf auf die Gewerkschaften der industrialisierten Welt, angeführt von Seiten des Staats und der Arbeitgebenden. Nicht nur erodierten in der Folge die Löhne und der Schutz der Sozialpolitik, auch wurde dadurch die Arbeiterschaft und die Politik des linken Flügels insgesamt desorientiert. Derart belagert, wurde das institutionelle Überleben zur Priorität der Gewerkschaften. In der Folge willigten sie Zugeständnisse ein und handelten dezentralisierende Maßnahmen aus, um sich über Wasser zu halten. 

Unterdessen brachen die traditionellen linken Parteien zusammen. Kommunistische Parteien verkümmerten und kollabierten, besonders nach dem Fall der Sowjetunion 1991. Sozialdemokratische Parteien ließen schließlich sogar in ihrer Rhetorik jede Verbindlichkeit fallen, den Kampf für die arbeitende Klasse ausfechten zu wollen; waren sie an der Macht, griffen sie Gewerkschaften an, strichen im Namen fiskalischer Disziplin die Budgets zusammen und drifteten dabei auf einen Liberalismus des »Dritten Wegs« zu, beispielhaft verkörpert durch den Vorsitzenden der britischen Labour-Partei Tony Blair.

In dieser neuen Gemengelage mussten Marxistinnen und Marxisten einmal mehr lernen, wie sich der Kapitalismus veränderte, wie sich Gewerkschaften (nicht) veränderten und welche Rolle – wenn überhaupt – sie in der Anstrengung spielen konnten, dem Kapital ein handlungsfähiges Kollektiv entgegenzustellen.

Wie in den Nachkriegsjahren zuvor, bezweifelte man, ob Gewerkschaften immer noch fähig waren, ihrer historischen Aufgabe nachgehen und die arbeitende Klasse organisieren zu können. Doch wo die Kritik zuvor auf die bürokratische Wesensart der Gewerkschaften und den Konservatismus der arbeitenden Klasse abzielte, wurde nun die Idee einer solchen Klasse per se in Frage gestellt. Manche folgten einer populären Meinung über die Ausweitung der »postindustriellen« oder »postmaterialistischen« Gesellschaft, wenn sie behaupteten, dass der Niedergang der Industrie und die Zunahme technischer und professioneller Jobs zu fundamentalen Veränderungen bei der Klassenstruktur geführt hätten. Der Verschleiß der »Blue-Collar-Arbeit« hatte bewirkt, dass die Arbeiterklasse keine zahlenmäßige Mehrheit mehr stellte, während der Anstieg der »Wissensarbeit« zur Erschaffung eines »neuen Kleinbürgertums« geführt habe, deren Interessen sich von denen der arbeitenden Klasse unterschieden.

Die Klasse konnte also nicht mehr vereinen wie einstmals. Breitere, weiter gefasste politische Koalitionen waren nötig und Gewerkschaften, insoweit sie noch Bedeutung hatten, konnten nicht mehr als einen Anteil einer solcher Koalition ausmachen. Als darüber hinaus die Krise der 1970er in die Reagan- und Thatcher-Ära der 1980er mündete, und diese schließlich in die 1990er unter Clinton und Blair überging, hatte sich die Ansicht verbreitet, dass mit dem Niedergang der Gewerkschaften auch deren politische Relevanz und die der Klasse zu hinterfragen sei. Festgefahren in der Defensive, war es den Gewerkschaften unmöglich geworden, der Linken als ordnendem Fixpunkt zu dienen. Sofern es in dieser Zeit zu sozialen Bewegungen kam, entwickelten sie sich außerhalb der Gewerkschaften. Es wurden Stimmen laut, die bekräftigten, dass sich eine dem Kapital entgegentretende sozialistische Strategie von Bündnissen frei machen müsse, die auf »ökonomistischen« Begriffen von gemeinsamer Klassenstellung basierten. Stattdesse solle sie ihren Zusammenhalt in subjektiven, politisch determinierten Identitäten finden. Entscheidend war, dass dabei erneut die »arbeitende Klasse« als zentrale politische Agentin verdrängt werden sollte, diesmal zugunsten der allgemeineren Idee eines »Volkes«. Das Projekt des Sozialismus war ersetzt worden durch das vage Ziel einer »radikalen Demokratie«.

Andere wollten die Gewerkschaften und die arbeitende Klasse nicht so willfährig fallenlassen. Sie erkannten zwar, dass sowohl die Zahl der Beschäftigten als auch das Ausmaß der gewerkschaftlichen Organisation in der Industrie rückläufig waren, doch drängten darauf, Restrukturierungen und Niederlagen einer Klasse nicht mit ihrem Tod zu verwechseln. Zwar wurde die industrielle arbeitende Klasse des mittleren 20. Jahrhunderts zusehends von einer neuen Klasse des Dienstleistungssektors abgelöst, die etwa im Einzelhandel, der Bildung und der Pflege verortet war. Doch deshalb war die arbeitende Klasse nicht einfach verschwunden, genauso wie die bloße Schwächung der Gewerkschaften nicht ihrer Bedeutungslosigkeit gleichkam. Ein großer Teil der »neuen« sozialen und außergewerkschaftlichen Mobilisierung stellte sich sehr wohl Fragen der Klasse und war eng verknüpft mit neuen Spielarten des Klassenkampfs. Auch hier wurde argumentiert, dass sich die Interessen der »neuen Klasse« der spezialisierten und technischen Berufe nicht notwendigerweise von denen der arbeitenden Klasse unterscheiden mussten. Sofern sie nicht selbst proletarisiert wurden, nahmen sie zueinander »widersprüchliche Klassenlagen« ein, wobei ihr Zugehörigkeitsgefühl von den Ergebnissen politischer und ideologischer Kämpfe abhing. Arbeitende und Gewerkschaften hätten diese Kämpfe zwar vorübergehend verloren, doch dies bedinge keinen generellen »Rückzug aus der Klasse«.

Für Marxistinnen und Marxisten aber, die sich der arbeitenden Klasse als der entscheidenden Akteurin des sozialen Wandels weiter verpflichtet sahen, blieb die Frage, wie es dieser Klasse gelingen könnte, ihre Macht zu einem Zeitpunkt wieder aufzubauen, als ihre traditionellen organisatorischen Zugpferde – sozialistische Parteien und Gewerkschaften – strauchelten. Die Krux des Problems lag weiterhin im Paradox der Organisation: Auch in ihrem geschwächten Zustand boten vorhandene Partei- und Gewerkschaftsorganisationen eine unentbehrliche Infrastruktur und brachten Arbeitende in einem Ausmaß zusammen, das anderswo unmöglich schien. Doch als Infrastruktur für ein politisches Projekt, das dem Kapitel die Stirn bieten wollte, waren sie nur bedingt geeignet.

Teil der Lösung lag darin, die Organisation an der Basis zu fördern, um die Selbsttätigkeit der arbeitenden Klasse voranzutreiben und die konservative Gewerkschaftsführung zu hinterfragen. Doch die Idee von akkuraten Gegenpositionen einer sich reibenden, kämpferischen Basis unter strengen bürokratischen Auflagen missachtete die Realitäten des Arbeiterbewusstseins und des Lebens in den Fabrikhallen. Ein gewisses Maß an Führung war notwendig, um die individuellen Missstände der einzelnen Arbeitenden zu verallgemeinern und ein breiteres Klassenbewusstsein zu artikulieren. Nur konnte solch eine Führung auch ein Gefühl der Entmachtung mit sich bringen, wenn sie Informationen monopolisierte und die Entschlusskraft der Arbeitenden lähmte. Am Ende also war die Frage entscheidend, wie eine Führung und ihr Verhältnis zur Mitgliederschaft aussehen könnte.

Manche widmeten sich der Aufgabe, eine »militante Minderheit« heranzuzüchten und wieder aufzubauen, eine Schicht von Arbeitenden in formellen und informellen Führungsrollen, gewöhnlich überzeugte Linke, die »bestrebt waren, ihre Kolleginnen und Freunde zu einer selbstkritischen und zielgerichteten arbeitenden Klasse zu verschweißen«. Solch eine Schicht war einst bei den Erfolgen der Vergangenheit entscheidend gewesen und in den Nachkriegsjahrzehnten entweder auseinandergefallen oder ausgestoßen worden. Potenzial sah man in den aufkommenden Netzwerken der Vertrauensleute, besonders in Großbritannien, aber auch in anderen europäischen Ländern und Australien.

Die einzigartige Stellung der Vertrauensleute als physische Präsenz einer Gewerkschaft in der Fabrikhalle verlieh ihnen die nötige Freiheit gegenüber der direkten Autorität der Geschäftsleitung, um als Organisierende am Arbeitsplatz wirken zu können. Darüber hinaus blieben sie dem täglichen Leben in der Werkstätte nah genug verbunden und konnten so einen Grad an Unabhängigkeit von der Gewerkschaftsführung beibehalten. In der Folge fanden sie sich bei Auseinandersetzungen in den Fabriken nicht selten an vorderster Front, doch war es die Hoffnung der Marxistinnen und Marxisten, dass durch die Netzwerke von Vertrauensleuten solche lokalen Konflikte generalisiert werden könnten, mit Blick auf die Herausbildung der schwer fassbaren kollektiven Akteurin der arbeitenden Klasse.

In den USA kam es zu einer weiteren verheißungsvollen Entwicklung, als sich bei mehreren Schlüsselgewerkschaften, darunter die für Bergbau, Stahl, Automobil und Transport, aus der Basis heraus Reformfraktionen entwickelten. Diese Allianzen zwischen früheren radikalen Studierenden der Neuen Linken, die Jobs in der Industrie angetreten hatten, und gewachsenen Vertretern der arbeitenden Klasse mit militanter Prägung war ein Versuch der Umsetzung von Drapers Aufruf: Er hatte gefordert, Beziehungen mit der proletarischen Bewegung aufzubauen, die selbst noch nicht sozialistisch war. Diese Reformer richteten ihre Aufmerksamkeit nicht auf das Ausbilden eines revolutionären Bewusstseins, sondern stattdessen auf konkrete Auseinandersetzungen in den Arbeitsstätten und Gewerkschaften, besonders wo es um demokratische Forderungen ging. Das Ziel war, die Kampfkraft der Gewerkschaften zu erneuern und damit auf die Offensive der Eigner zu reagieren, welche beabsichtigt hatten, einen Raum für unabhängige Aktivitäten an der Basis zu eröffnen.

Ungeachtet ihrer ambitionierten Zielsetzung hatten diese Bemühungen geringen Erfolg. Das Netzwerk der Vertrauensleute und die aufrührerischen Bewegungen verkümmerten entweder oder wurden in die Gewerkschaftsführung integriert, derweil die meisten an der Basis organisierten Fraktionen bis zu den 1980ern verschwunden waren. In manchen Fällen zählten sie ganz einfach zu den Opfern von auseinanderfallenden Wirtschaftszweigen, da Werksschließungen und Entlassungen genau die Gewerkschaften vernichteten, die sie zu reformieren versuchten. Die Bemühungen um eine Neubelebung in den 1970ern verfügten schlicht nicht über den nötigen Umfang. Im frühen 20. Jahrhundert waren Bewegungen an der Basis noch von kommunistischen Parteien angeführt worden, deren Mitgliederzahlen in die Zehn- oder Hunderttausende gingen. In den 1970ern waren diese Parteien entweder abgestürzt oder hatten sich dem parlamentarischen Reformismus ausgeliefert und sahen sich daher nicht in der Lage, solche neuen Anstrengungen anzuführen. Die Parteien, die an den Bewegungen der 1970er beteiligt waren, wie die International Socialists (IS) in den USA und die britische Socialist Workers Party (SWP), zählten bestenfalls ein paar tausend Mitglieder. So engagiert sie auch waren, gelang es ihnen nicht, die Lücke zwischen der Arbeiterschaft und der Linken zu schließen. Doch war es ihnen zumindest gelungen, für die zentrale marxistische Erkenntnis einzustehen, nach der die arbeitende Klasse die Schlüsselakteurin des sozialen Wandels ist. So schafften sie es, eine überzeugende Strategie zu identifizieren, um die kollektive Kraft dieser Akteurin wieder aufzubauen und eine Führungsschicht und Infrastruktur zu errichten, die die Vorarbeit für zukünftige Formen der Organisation leisten könnte.

Marxismus und Gewerkschaften Heute

Nach vier Jahrzehnten der Niederlagen ist der Ausblick für die Gewerkschaften düster. Ihr politischer und wirtschaftlicher Blick hat sich verengt und die von Marx und Engels vorgeschlagenen Ziele, das Lohnarbeitssystem und die Herrschaft des Kapitals zu verdrängen, sind in weite Ferne gerückt. Gleichwohl haben einzelne Ereignisse in den letzten Jahren Anlass zur Hoffnung gegeben und den Eindruck erweckt, dass der Tod der Klasse voreilig proklamiert worden war.

Erstens gelang es der Occupy-Bewegung und den Protesten gegen die Austeritätspolitik nicht nur, wirtschaftliche Ungleichheit zurück auf die Tagesordnung zu setzen, sie zeigten zudem einhellig auf die kapitalistische Klasse als Urheberin der Krise. Während sich die Proteste als flüchtig und ihre Beziehung zu den Gewerkschaften als fragil und holprig erwies, schufen sie doch einen Raum für die Formulierung einer neuen Klassenpolitik.

Zweitens die Proteste die Grenzen der sogenannten horizontalistischen oder führungslosen Organisation, die sich bei den Linken als hegemoniale Idee mindestens seit dem »Battle of Seattle« gegen die Welthandelsorganisation gehalten hatte. Dadurch öffnete sich auch eine jüngere Generation von Aktivistinnen und Aktivisten wieder mehr der Beschäftigung mit institutioneller Politik – einschließlich der Welt der Parteien und Gewerkschaften. Und so wurden wir Zeuge einer Wiederkehr von unmissverständlich linksgerichteten Kandidaten, die großen Zuspruch in ganz Europa und Nordamerika ernteten, namentlich Bernie Sanders in den USA, Jeremy Corbyn in Großbritannien und Jean-Luc Mélenchon in Frankreich, neben Parteien und Fraktionen wie Podemos in Spanien, Syriza in Griechenland (vor deren Kapitulation), Momentum innerhalb der britischen Labour-Partei und, in kleinerem Maßstab, dem explosiven Wachstum der Democratic Socialists of America (DSA).

Drittens gibt es Anzeichen, dass sich die arbeitende Klasse doch wieder regt. 2018 sorgte die Welle von Streiks der Lehrenden in vielen konservativen »Red States« in den USA international für Schlagzeilen. Zur selben Zeit legten Streiks von Zehntausenden Beschäftigten im öffentlichen Dienst Städte und Flughäfen in Deutschland lahm, während französische Studierende und Arbeitende versuchten, die convergence des luttes vom Mai 1968 neu aufleben zu lassen. Und in Großbritannien trat ein unkonventioneller Verbund, darunter IT-Fachkräfte, Universitätsprofessoren und gewerkschaftsfreie Mitarbeiter von Ryan Air, geschlossen in den Streik. Vorläufige Analysen legen nahe, dass diese Ereignisse Teil eines Aufwärtstrends seit 2011 sind, der eine Zunahme von Protesten Arbeitender attestiert. Obwohl traditionelle Gewerkschaften an diesen Streiks beteiligt waren, unterschied sich die jüngste Welle durch ihren organischen Bottom-up-Charakter. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Gewerkschaften an die aufkommenden Bewegungen anpassen werden, um die Stärke der Arbeitenden wieder gegen Kapital und Staat geltend zu machen.

Doch auch in dieser grundlegend veränderten politischen und ökonomischen Landschaft sehen Gewerkschaften ähnlichen Herausforderungen entgegen, wie sie schon zu Zeiten von Marx und Engels existierten. Diese wurzeln im inhärenten Widerspruch der Gewerkschaften: Sie sind ein notwendiges aber mangelhaftes Mittel für Arbeitende, um ihre Ziele zu erreichen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie irgendwo zwischen Militanz und Bürokratie gefangen sind. Wenn der Selbsterhalt sie in den letzten Jahrzehnten dazu trieb, der Bewahrung ihres Bürokratieapparats die Priorität zu geben, so ist diese Reaktion angesichts ausufernder Offensiven seitens des Staates und der Arbeitgebenden immer weniger haltbar geworden.

Der Schlüssel zur Zukunft der Arbeiterschaft liegt einzig im Wiederaufflammen ihrer Militanz. Ein wahrnehmbarer Anstieg der Proteste der Arbeitenden stimmt optimistisch, doch lehrt uns die Geschichte, dass ein weitaus größerer Maßstab nötig wäre, um das Blatt der Arbeiterschaft zu wenden. Wir können unmöglich wissen, ob und wann eine Welle des Aufbegehrens uns erreicht, die stark genug ist. Doch die Geschichte zeigt uns auch, dass sowohl die Richtung solch einer Welle, wie auch die möglichen Gewinne und Verluste vom geduldigen, tagtäglichen Streben der Gewerkschaften abhängen, die Schlüsselagentin des sozialen Wandels aufzubauen – die arbeitende Klasse.

Barry Eidlin ist Assistenzprofessor für Soziologie an der McGill University und vormals leitender Gewerkschaftsvertreter der UAW im Ortsverband 2865.

#4
Enteignet!

Die Wohnungspolitik ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit. In der neuen JACOBIN-Ausgabe versammeln wir Entwürfe einer anderen Stadt. Jetzt abonnieren!

JACOBIN Tragetasche
JACOBIN Tragetasche

Als Dank für ein Soli-Abo schenken wir Dir einen JACOBIN Beutel.

Druck

Digital