01.05.2020

Sich mit den Banken anlegen

Grace Blakeley ist Ökonomin und kommentiert das politische Tagesgeschehen in Großbritannien. Wir sprechen mit ihr über Margaret Thatchers eisernen Willen, die neue klimafreundliche Rhetorik von Blackrock und darüber, wie wir die Welt vor der Finanzialisierung retten können.

Die 26-jährige Ökonomin bezeichnet sich selbst als demokratische Sozialistin
Die 26-jährige Ökonomin bezeichnet sich selbst als demokratische Sozialistin

Interview mit Grace Blakeley geführt von Thomas Zimmermann

Übersetzung von Thomas Zimmermann

In Deinem Buch Stolen erklärst Du, was Finanzialisierung eigentlich bedeutet. Was gab es dazu mehr als ein Jahrzehnt nach dem Crash noch Neues zu sagen?

Die öffentliche Debatte war vor allem von der Vorstellung beherrscht, dass es sich bei der Finanzkrise um ein völlig abwegiges Ereignis gehandelt habe, zu dem es gekommen sei, weil ein paar Leute da oben zu gierig gewesen wären und die Regulierungsbehörden ihre Arbeit nicht richtig gemacht hätten. Sie wurde beinahe so dargestellt, als sei sie dem Kapitalismus völlig äußerlich, als sei sie eine Perversion dessen, wie er eigentlich funktionieren sollte. Und man fragte sich, wie das System repariert werden könnte, um sowas in Zukunft zu verhindern. Auf der anderen Seite wurden Finanzialisierung und Finanzkrise von marxistischen und postkeynesianischen Theorien immer als Wesenszüge des Kapitalismus verstanden. Daran knüpfe ich in meinem Buch an, indem ich zeige, wie diese inneren Dynamiken ab den 1980ern unter anderem in Großbritannien und den USA zum Aufstieg eines neuen Wirtschaftsmodells geführt haben, das ich als finanzgetriebenes Wachstum bezeichne.  

Doch Finanzialisierung bedeutet weit mehr als nur ein Wachstum der großen Banken und internationalen Finanzmärkte. Vor allem geht es darum, dass die Logik des Finanzwesens immer größeren Einfluss auf alle Arten wirtschaftlicher Aktivität ausübt. Dadurch gewinnt das Management von Geld, Vermögenswerten und Schulden in allen Bereichen der Wirtschaft – von den Konsumausgaben von Einzelpersonen über die Investitionen von Unternehmen bis hin zu den Staatsausgaben – immer mehr an Bedeutung.

Der Kapitalismus ist immer schon auf solche Perioden der Überakkumulation zugesteuert, in denen zu viel Geld an der Spitze der Gesellschaft festsitzt. Die Erzeugung riesiger Schuldenmengen war ein Versuch, mit dieser Situation fertig zu werden – im Endeffekt war es aber genau das, was die Krise verursacht hat.

In Zahlen betrachtet scheint die deutsche Wirtschaft im Vergleich zu Großbritannien oder den USA weniger finanzialisiert zu sein. Ist die Finanzialisierung hier bloß noch nicht so weit fortgeschritten oder spielt Deutschland für das globale Finanzsystem einfach eine ganz andere Rolle?

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