08.03.2021

Sollen sie doch Häuser essen

Margaret Thatcher ist dafür bekannt, die Gewerkschaften zerschlagen und den Bankensektor dereguliert zu haben. Der Schlüssel ihrer Macht war aber das Eigenheim.

Fotografie

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Andy King.

Von Grace Blakeley

Übersetzung von Thomas Zimmermann

Im Oktober 2018 wurde der Rekord für das teuerste Haus in Großbritannien gebrochen: Ein Penthouse im Londoner Luxuswohnkomplex One Hyde Park wurde für 160 Millionen Pfund verkauft. Zunächst war die Identität der Käuferin oder des Käufers ungeklärt. Die Immobilie war über eine Mantelgesellschaft in der Steueroase Guernsey erworben worden, wo Unternehmen nicht verpflichtet sind, offenzulegen, wem sie gehören.

Aber einige Tage später wurde das Geheimnis gelüftet. Wie sich herausstellte, verkaufte der millionenschwere Immobilien-Tycoon Nick Candy das Penthouse – über ein Joint Venture zwischen seinem Bruder Christian Candy und dem ehemaligen Premierminister von Katar – an keinen anderen als sich selbst, nur um sein Eigenkapital daraufhin wieder freizusetzen, indem er bei der Credit Suisse eine Hypothek im Umfang von 80 Millionen Pfund aufnahm.

Zusammen verfügen Nick und Christian Candy über ein Vermögen von 1,5 Milliarden Pfund. Mitte der 1990er Jahre hatten sie ihren ersten Durchbruch, als ihnen ein Familienmitglied ein Darlehen in Höhe von 6.000 Pfund gewährte, mit dem sie eine Wohnung in London kauften, renovierten, weiterverkauften und dabei einen Gewinn von 50.000 Pfund machten. Wie viele Immobilienentwickler zu dieser Zeit, nutzten sie diese Gewinne, um eine Reihe von Wohnungen in London zu kaufen und weiterzuverkaufen. So ritten sie auf der Welle des Immobilienbooms mit und verdienten sich dabei dumm und dämlich. Heute sind die beiden Brüder berühmt für ihren sagenhaften Reichtum, ihre aggressive Steuervermeidungstaktik und ihre lange Liste prominenter Kundinnen und Kunden, darunter Kylie Minogue und Katy Perry.

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Grace Blakeley auf Deutsch.

Wie war es möglich, dass die Candy-Brüder in einem Zeitraum von nur zwanzig Jahren allein durch Investitionen in britisches Wohneigentum 6.000 Pfund in 1,5 Milliarden Pfund (das sind ausgeschrieben 1.500.000.000) verwandelten konnten?

Die Immobilienblase

Die Candys sind nicht die einzigen, die ihr Vermögen mit den explodierenden Londoner Immobilienpreisen gemacht haben. Tatsächlich belegen sie auf der Liste der wohlhabendsten Bauträger Großbritanniens nur Platz 52. Ganze 163 der 1.000 reichsten Menschen des Landes haben ihr Geld mit Immobilien verdient, was sie zur größten Vermögensquelle auf der Reichenliste der Sunday Times macht. Aber nicht nur die Wohlhabenden haben von den steigenden Hauspreisen profitiert: Alle, die vor dem Boom der 1980er Jahre ein Haus gekauft hatten, erlebten einen Mitnahmeeffekt.

Dieser Anstieg der Immobilienpreise begann in den 1980er Jahren im Rahmen des Bestrebens der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, eine »Property-Owning Democracy« – also eine auf Privateigentum gegründete Demokratie – zu errichten. Im Jahr 1980 verabschiedete ihre Regierung die sogenannte »Right to Buy«-Gesetzgebung, die es den Mieterinnen und Mietern von Sozialwohnungen erlaubte, dem Staat ihr Haus zu einem Preis zwischen einem und zwei Dritteln seines Marktwertes abzukaufen.

In den ersten sieben Jahren der 1980er wurden auf diese Weise 6 Prozent der britischen Sozialwohnungen verkauft. Aber die Privatisierung der Sozialwohnungen Großbritanniens allein hätte nicht ausgereicht, um Thatchers Vision einer Nation von Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern zu realisieren. Die Menschen benötigten Hypotheken – und das erforderte eine Veränderung des britischen Finanzsystems. Also deregulierte Thatcher den Bankensektor.

Wenn Banken Kredite vergeben, dann erzeugen sie neues Geld. Dieses einzigartige, vom Staat gewährte Privileg macht eine Bank zu einer Bank und unterscheidet sie von anderen Finanzinstitutionen wie etwa Bausparkassen. Wenn ich zum Beispiel 100 Pfund in eine Bausparkasse einzahle, dann wird sie vielleicht 10 Pfund dieses Geldes für sich behalten und 90 Pfund an eine andere Person verleihen. Dabei wird kein neues Geld geschaffen, sondern nur existierendes Geld von A nach B bewegt.

Banken hingegen können Geld verleihen, ohne zuvor eine entsprechende Einlage entgegengenommen zu haben. Die Staaten haben ihnen nämlich das Recht eingeräumt, unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen Kredite in der Landeswährung zu vergeben. Eine Bank kann also 90 Pfund verleihen, ohne tatsächlich über Einlagen von 90 Pfund zu verfügen. Wie viel die Banken verleihen können, wird durch die Zentralbanken reguliert: Einige Zentralbanken verlangen, dass die Banken Mindestreserven bei ihnen halten. Außerdem müssen alle Banken sicherstellen, dass sie bestimmte Kapitalanforderungen erfüllen.

Bis zu den 1980er Jahren galten für diese Form der Geldschöpfung noch viele weitere Restriktionen. Vor 1981 waren die britischen Banken darauf angewiesen, eine bestimmte Summe bei der Bank of England zu halten, um Kredite in einer bestimmten Höhe vergeben zu dürfen, was die Kreditvergabe und damit die Geldmenge einschränkte – diese Regelung wurde daher auch »Korsett« genannt.

Als die Beschränkungen auf die Kapitalmobilität aufgehoben wurden, wurde es für die Banken viel einfacher, diese Regelungen zu umgehen, indem sie ihre Aktivitäten ins Ausland verlagerten. Des »Korsetts« hatte man sich so entledigt. Es fiel ihnen leichter, Kredite aufzunehmen, sei es bei institutionellen Investoren oder bei anderen Banken. Und sie nutzten die erleichterte Kreditaufnahme, um ihre eigene Kreditvergabe zu erhöhen. Die Banken begannen, eine viel größere Rolle bei der Vergabe von Hypothekenkrediten zu spielen: Im Jahr 1980 waren sie für nur 5 Prozent der Hypotheken verantwortlich – zwei Jahre später waren es bereits 35 Prozent.

»Mit dem Kauf eines Hauses erwarb man nicht mehr nur ein Dach über dem Kopf, sondern eine Zukunft: eine Rente, eine Erbschaft für seine Kinder – aber auch dreißig Jahre ununterbrochene Hypotheken-rückzahlungen.«

Eine weitere bedeutende Reform des Finanzsystems waren die Veränderungen, die an den britischen Bausparkassen vorgenommen wurden. Diese entstanden im 18. Jahrhundert in den neuen Industriestädten Großbritanniens, um diejenigen beim Hausbau zu unterstützten, die es sich leisten konnten. Ältere Menschen, die bereits Wohneigentum besaßen, legten ihre Ersparnisse in die Bausparkassen ein, die sie dann in Form von Hypotheken an die jüngeren Mitglieder verliehen. Die Bausparkassen wuchsen weiter, bis sie 1980 für 90 Prozent der britischen Hypothekenkredite verantwortlich waren, was ihnen – in den Worten der Bank of England – ein »virtuelles Monopol« auf dem Hypothekenmarkt verschaffte.

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